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Der Turnerkamp – eine echt steile Zillertaler Felspyramide

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Müllermeister Hans Gfaller (rechts) aus Traunstein und sein Schwager Fritz Riegel, ein Bergführer und Zimmerermeister aus Bayrisch Gmain, standen Ende August am Ziel ihrer Träume: am Gipfel des Turnerkamps. (Fotos: Gfaller)
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Über ein Steilwandl ging's auf einen Gratgendarm hinauf.
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Der Südgrat des Turnerkamps im Morgenlicht: Der Gipfel war das Ziel von Fritz Riegel und Müllermeister Hans Gfaller.
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Die Seilschaft musste sich bei ihrer Tour auch in den Höllenrachen am Gletscher abseilen.

Wir sind ihm schon lange nachgelaufen, dem Turnerkamp (3418 Meter), einer imposanten Felspyramide im Hauptkamm der Zillertaler Alpen. Getragen von drei schneidigen Graten und einer düsteren Nordwand. Vor über 20 Jahren haben wir es schon einmal probiert, der Derwart Marzell, der Fritz Riegel und ich – von der Nordseite aus. Damals sind wir mit dem Bergradl zum Gasthaus Alpenrose hinauf, knapp unterhalb der Berliner Hütte, was uns drei Stunden Fußmarsch erspart hat, aber damals noch verpönt war. Zum Glück versteckten wir unsere Drahteseln rechtzeitig in den Latschen, bevor uns der Wirt gesehen hat, der sich ausgiebig über den aufkommenden Radl-unfug ausgelassen hat.


Am nächsten Tag ging es über den seinerzeit noch recht mächtigen Horngletscher vorbei an Wrackteilen eines vor langem abgestürzten Flugzeugs zum Trattenjoch hinauf. Auf 3000 Meter fing der Ostgrat an. Aber wie es richtig steil wurde, hüllte uns der Nebel ein und versperrte uns die Sicht auf den Weiterweg. Regnerisch schaute es auch aus.

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Die brüchige Südflanke zum Trattenkees erschien uns für den Rückzug geeignet, aber jetzt mussten wir um den Berg herumlaufen. Die Karte zeigte uns den Weg, erst ging's nach Süden, dann weiter über eine Grateinschartung, wo der Südgrat beginnt, dann hinauf zur Rossruggscharte. Da erhellte auf einmal gleißendes Sonnenlicht unsere Mienen.

Unwetter: Die Gruppe muss die Tour abbrechen

Die Südwestflanke des Turnerkamps (Engländer-Route) tauchte vor unseren Augen über der Randkluft auf. »Die 200 Höhenmeter packen wir«, dachten wir uns. Schnell ging's im zweiten und dritten Schwierigkeitsgrad die Granitplatten hinauf, der Gipfel war zum Greifen nah. Aber so schnell, wie die Sonne da war, war sie auch schon wieder weg.

Das nachfolgende Unwetter überstanden wir dann unter einem Felsdach. Wo laut – offenbar veralteter – Karte ein Gletscher hätte sein sollen, half uns ein rostiges Drahtseil über eine übelbrüchige Steilflanke auf den Horngletscher hinunter. Hundemüde und pudelnass waren wir den spaltigen Gletscher hinunter geschlichen und nach 13 Stunden über den hoch über dem Zemmbach kühn angelegten Fahrweg ins Tal gerollt. »Wir kommen wieder«, schworen wir uns damals und haben uns die Tour Jahr für Jahr neu vorgenommen.

Dann hat mich vor ein paar Wochen mein Schwager Fritz Riegel angerufen, seines Zeichens Zimmerermeister und Bergführer aus Bayrisch Gmain. »Hans, wos moanst, zwengstn Turnerkamp?« Meine Antwort: »Guat, i schau, dass i weg kimm. Desmoi pack’ m’an.« Und zwar von Süden. Fritz Riegel schlug den Südgrat vor, den schwierigsten von den drei Graten. Am 28. August fuhren wir los. Unser Ziel war das Südtiroler Ahrntal, hinauf zum Nöfes-Stausee auf 1800 Meter. Die erste Wegstunde zur Nöfesjoch-Hütte (»Alte Chemnitzer« auf 2420 Meter) sind wir hinauf geradelt, weil es abwärts mit den schweren Rucksäcken knieschonender ist. Ganz so jung sind wir auch nicht mehr. Von der schön gelegenen Alm war es noch eine halbe Stunde zu Fuß. Die Wirtsleute sind gastfreundlich. Wir wurden per Handschlag begrüßt und nach unseren Zielen befragt, Essen und Weinkeller tiptop.

Am Samstag ging's um 6.30 Uhr los. Im Gepäck hatten wir 60 Meter Seil, etliche lange Schlingen, Expressen, Friends, Pickel, Steigeisen, ein Liter Apfelschorle und ein paar Bissen zum Essen. Das musste den ganzen Tag reichen. Zum Einstieg auf gut 3000 Meter Seehöhe führten uns zwei Stunden lang über weitläufiges Blockwerk nur Steinmandln – bei Nebel unmöglich zu finden. Aber es war einfach ein perfekter Tag: ein herrlicher Sonnenaufgang, azurblauer Himmel und angenehme Temperatur.

Bis auf knapp 3200 Meter ging es am Grat über einigermaßen gangbares, aber wackliges Blockwerk aus Gneis dahin, dann wurde es ernster. Auch wenn es ab da netto nur gut 200 Höhenmeter waren, so zog sich die Kletterei über den schweren Teil doch an die fünf Stunden hin – immer abwechslungsreich und interessant. Über weite Strecken im dritten Schwierigkeitsgrad, aber auch einige 4er-Seillängen waren dabei. Immer wieder tauchten unvermittelt schneidige Gratgendarmen auf, von denen wir uns zwar kurz, aber überhängend und exponiert abseilen mussten.

In der Regel turnten wir am luftigen Grat über feste, kompakte Blöcke dahin, mit Leg- und Knotenschlingen gesichert. Einmal mussten wir aber in die Westflanke ausweichen, ziemlich weit oben wegen eines ungangbar erscheinenden Wandls in die brüchige Ostflanke. Dazwischen türmte sich unvermittelt eine 25 Meter hohe, senkrechte, arschglatte Platte mit abschließendem Dachblock auf. Zum Glück steckten hier in reichlichem Abstand fünf alte Eisenstifte.

Fritz warf eine Seilschlinge hinauf, dann ging's mit Zug von oben weiter. Vorsichtig tasteten wir uns über eine abenteuerlich anmutende, absturzbereite Felsplatte zur nächsten Wandstelle. Auch ein daumenbreites Gratstück kam vor. Fritz balancierte wie ein Hochseilartist aufrecht darüber hinweg, ich bewältigte ihn lieber rittlings. Der Gipfel mit dem Edelstahl-Designer-Kreuz ist so winzig, dass wir zu zweit gerade sitzen konnten.

Die zweite Seilschaft an diesem Tag wartete ein paar Meter unterhalb. Viele kommen nicht hier herauf: Zehn bis zwölf Seilschaften im Jahr stehen im Gipfelbuch, heuer waren es wegen des schönen Wetters ein paar mehr. Wir schauten uns um. Das Gipfelpanorama war grenzenlos. Die Nachbarn Hoher Weißzint und Großer Möseler grüßten herüber. Ost- und Westgrat dagegen schauten nicht gerade vertrauenserweckend aus.

Der Gletscher ist dünn und klein geworden

Unser Südgrat-Anstieg war großartig. Hinunter geht’s mit 8 mal 30 Meter Abseilen an eingerichteten Zackenschlingen über die Platten der EngländerRoute nach Westen. Der Normalweg über die SO-Rinne ist wohl einfacher, aber vermutlich recht brüchig. Die Gletscher sehen arg mitgenommen aus. Die vormals mit einem großen Schritt zu übersteigende Randkluft gibt es nicht mehr. Zuletzt seilten wir uns mit den Steigeisen an den Schuhen überhängend in den höllenartig anmutenden Bergschrund hinein, gelangten dann aber über eine Schneebrücke ohne Probleme auf den blanken Gletscher. Er ist dünn und klein geworden. Wir hatten ihn weit mächtiger in Erinnerung.

Nach 13,5 Stunden sitzen wir wieder in der Hütte – voller toller Erlebnisse und Eindrücke. Wir fahren tags darauf wieder gemütlich heim. Es war auf jeden Fall ein Höhepunkt – und nach über 20 Jahren haben wir damit auch diesen Gipfel im zweiten Anlauf erfolgreich gemeistert. Hans Gfaller