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»Ihr wollt's jetzt nicht ernsthaft noch Text machen«, neckte Maximilian Brückner seine beiden Schauspielkolleginnen Verena Altenberger und Anna Brüggemann (r.) in einer Drehpause auf der Hausbank vom Schnitzhofbauern. (Fotos: Jander)

»Riesending«-Unglück wird verfilmt: ARD dreht Millionen-Produktion über Höhlen-Drama

Marktschellenberg – Die Rettung von Johann Westhauser sorgte im Juni 2014 zwölf Tage lang weit über die Grenzen von Deutschland hinaus für Aufsehen. Der Forscher war in der »Riesending«-Schachthöhle im Untersberg durch einen Steinschlag in etwa 1 000 Meter Tiefe und rund sechs Kilometer vom Einstieg entfernt verunglückt. Über 700 Helfer waren im Einsatz, bis der Forscher schließlich lebend geborgen werden konnte. Die ARD hat die dramatischen Ereignisse nun als Grundlage für einen Zweiteiler im Rahmen der Reihe »FilmMittwoch im Ersten« genommen. 


Mit Oscar-Preisträger Jochen Alexander Freydank als Regisseur sowie den Hauptdarstellern Maximilian Brückner, Anna Brüggemann und Verena Altenberger ist das Personaltableau hochklassig besetzt. Gedreht wird seit 4. April und noch bis Ende Juni in Kroatien, Salzburg und dem Berchtesgadener Land. In Marktschellenberg versammelte sich das Filmteam an einem der Originalschauplätze von damals: Viele Hubschrauberflüge nahmen ihren Ausgangspunkt auf der Schnitzhofwiese an der B 305. Unsere Redaktion durfte die Dreharbeiten in Marktschellenberg einen halben Tag lang begleiten.

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Der Regisseur von »Riesending« ist Oscar-Preisträger Jochen Alexander Freydank (2.v. r., mit Sonnenbrille), hier bei der Besprechung einer Szene mit Helikopter-Einsatz.

Das Erste, das beim Empfang am Schnitzhofheim und auch am Schauplatz der Dreharbeiten beim nebenan gelegenen Bauernhof auffällt: keine Hektik. Überraschend für einen Neuling am Film-Set, möglicherweise auch nicht die Regel, aber durchaus angenehm ist die entspannte Stimmung, die bei Crew und Darstellern herrscht. Es dauert auch nicht lange, bis die Protagonisten auftauchen: Maximilian Brückner, Verena Altenberger und Anna Brüggemann. Alle drei locker, bester Laune und sehr auskunftsfreudig gegenüber den anwesenden Journalisten. In das höfliche Siezen schleicht sich bei den Schauspielern immer mal ein »Du« ein – so zum Beispiel, als Brückner vom Vertreter der Heimatzeitung nach seiner extravaganten Rolle als Bürgermeister von »Hindafing« gefragt wird. Alle drei Hauptdarsteller der ARD-Produktion geben gut gelaunt allerlei Wissenswertes rund um die Dreharbeiten, aber auch die Herangehensweise an ihre Rollen preis.

Maximilian Brückner hat das Geschehen um die Riesending-Höhle seinerzeit in den Medien verfolgt; Einfluss auf sein Spiel hat es indes nicht, dass dem Film eine wahre Begebenheit zugrunde liegt: »Es sind ja fiktive Figuren, da bin ich frei in der Interpretation. Es geht darum, die Figur glaubwürdig darzustellen. Ich lerne hauptsächlich meinen Text so gut wie möglich. Der ist aber ein bisschen verhandelbar, da ändert sich vor Ort oft noch was. Das kommt auch darauf an, was vom Drehpartner kommt.«

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Heimatidyll mit Helikopter: Für eine Szene, in der Retter auf der Wiese neben der B 305 abgeholt werden, holte sich das Filmteam für eine Einstellung eine Kuh des Schnitzhofbauern – die beäugte den Trubel allerdings eher skeptisch.

Wie Brückner hat auch Anna Brüggemann vor den Dreharbeiten nicht den Kontakt zu damals eingesetzten Rettungskräften gesucht. Sie spürt beim Drehen ebenfalls dem emotionalen Kern ihrer Rolle nach: »Es wäre etwas anderes bei einer historischen Figur der Zeitgeschichte, da geht es auch um die dramaturgische Aufarbeitung und die möglichst genaue Darstellung dieser Persönlichkeit.« Für die beiden sind die Dreharbeiten – trotz der dramatischen Handlung – körperlich nicht übermäßig fordernd; das liegt aber an den jeweiligen Rollen.

»Ich spiele den Einsatzleiter, der seit Jahren nicht mehr draußen war. Ich hab mir sogar extra einen künstlichen Bauch geben lassen«, verrät Brückner augenzwinkernd und klopft auf die »Prothese«. Anna Brüggemann hat zur Vorbereitung ihrer Rolle – ebenfalls eine koordinierende Funktion – ein Klettertraining in Berlin absolviert: »Das hat riesig Spaß gemacht, war aber auch irre anstrengend.«

Angst vor der Enge

Bei der Frage, ob sie sich selbst vorstellen könnten, in solche Höhlen zu steigen, sind sich beide einig. »So eine enge Höhle, mit Kriechpassagen, das ist schon krass«, winkt die in Berlin lebende Schauspielerin ab. Bei Brückner fällt das noch deutlicher aus: »Ganz ehrlich, für kein Geld der Welt würde ich da reingehen.«

Ein wenig anders sieht das bei der Dritten im Bunde aus. Die gebürtige Gasteinerin Verena Altenberger, die nicht weit weg in Hallein zur Schule gegangen ist, hat in ihrer Rolle als Höhlenforscherin den körperlich forderndsten Part. Nach vier Wochen Höhlenszenen in Kroatien hat sie in Marktschellenberg ihren ersten Drehtag seit Langem unter freiem Himmel.

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Maximilian Brückner spielt die Rolle des Bergwacht-Einsatzleiters Bertram Ehrhardt. Zumindest ein kleiner Teil des Untersbergs war bei Dreharbeiten zu sehen.

Auch sie kann sich noch an die Bergungsaktion 2014 erinnern, »vieles ist beim Lesen des Drehbuchs zurückgekommen«. Vor allem ein emotionaler Aspekt steht für sie im Fokus: »Am meisten hängen geblieben ist die damalige Diskussion, ob Johann Westhauser überhaupt rausgeholt werden soll – die Frage, was ein Menschenleben wert ist, bzw. kosten darf.« Als sie angefragt wird für die Rolle, ist sie sofort fasziniert: »Gerade bei Projekten, die sehr viel Vorbereitung brauchen, und wenn die Anforderungen hoch sind, sage ich gern zu. Als ich das Drehbuch gelesen habe, dachte ich mir: Das klingt so anstrengend, da sagen bestimmt nur coole Leute zu. Besonders finde ich, dass der Dreh so ausgewogen ist zwischen Action einerseits, aber auch der Auseinandersetzung auf der emotional-psychologischen Ebene andererseits. Das hat man nicht so oft.«

So hat sich Verena Altenberger auch mit einigen Kletterinnen und Höhlenforschern getroffen, um herauszufinden, warum sich Menschen in solche Extremsituationen begeben und »um zu verstehen, wo der Reiz, wo die Magie liegt«. Körperlich bringen sie die Dreharbeiten an Grenzen. »Ich hatte wochenlang einen Mörder-Muskelkater, der überhaupt nicht mehr aufgehört hat und überall blaue Flecken«, lacht sie. Und freut sich über das »fantastische Stunt-Team«, das dafür gesorgt hat, dass nicht mehr passiert ist: »In der Vorbereitung musste ich zum Teil mit verbundenen Augen klettern, weil es in einer Höhle ja auch dunkel ist und alle Handgriffe sicher sitzen müssen. Unser Stunt-Koordinator hat auch bei der Serie ›Game Of Thrones‹ mitgearbeitet, der ist echt super. Ihm vertraue ich in diesen Dingen sozusagen blind.«

Sie selbst hat durch den Film das Klettern für sich entdeckt: »Beim Training hab ich gemerkt, dabei bleib ich.« Und zwar sowohl im Freien als auch in Höhlen, wie Altenberger betont: »Eine Höhle hat etwas Heiliges, da wird man ganz leise.« Fasziniert ist sie auch vom Watzmann, obwohl sie in ihrer Kindheit nie viel in Berchtesgaden war. Aber bei ihren Eltern hörte sie oft das Ambros-Werk »Der Watzmann ruft« auf CD. Und sie selbst war im Teenager-Alter als Tänzerin beim »Salzsaga«-Musical am Königssee dabei, wie sie schmunzelnd verrät.

Begeistert von Berchtesgaden

Sehr angetan von Berchtesgaden zeigen sich ebenso ihre Schauspiel-Kollegen. Anna Brüggemann hat ihre Familie mitgebracht und genießt die Landschaft auch abseits der Drehtage: »Ich finde es superschön hier.« Für Maximilian Brückner ist es nicht der erste Ausflug ins Berchtesgadener Land: »Es ist wunderschön, ich hab mit meiner Familie erst hier Urlaub gemacht. Und ich hab einige Spezln in Bad Reichenhall und Berchtesgaden.«

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»Die Kamera sieht alles«, sagt Verena Altenberger, deswegen muss die Vorbereitung perfekt sein.

Dann wird es Zeit für die drei, sich auf den anstehenden Dreh vorzubereiten. Währenddessen wird unter den wachsamen Augen von Regisseur Freydank auf der Wiese eine Hubschrauber-Szene gedreht. Der erste Versuch geht daneben, der Oscar-Preisträger versammelt Schauspieler, Piloten und Crew-Mitglieder um sich, damit die Szene so in den Kasten kommt, wie er sich das vorstellt. Und mit einer Kuh des Schnitzhofbauern als Blickfang vor dem landenden Hubschrauber.

Man darf gespannt sein, was im kommenden Winter dann über die Bildschirme flimmern wird. Die originalen Ereignisse hatten ein Happy End. Ob das auch im Film so ist, haben die Hauptdarsteller nicht verraten. »Gespoilert« wird nicht.

Thomas Jander

»Riesending« im Überblick

Der ARD-Zweiteiler »Riesending« beruht auf den Ereignissen des Jahres 2014, Handlung und Charaktere sind aber fiktiv. Das Budget beträgt für eine Produktion aus der Reihe »FilmMittwoch im Ersten« etwa 18 500 Euro pro Minute, also rund 1,7 Millionen Euro für einen 90 minütigen Film. Beim »Riesending« handelt es sich laut Sender um eine »herausragende Eventproduktion«, für die kein allgemeingültiger Durchschnittswert angegeben werden kann. Da es ein Zweiteiler wird, darf getrost von einem deutlich siebenstelligen Betrag ausgegangen werden. Die Ausstrahlung ist für kommenden Winter geplant.

Parallel entsteht für die ARD-Mediathek eine Dokumentation mit dem Arbeitstitel »Unterswelt« über den Mythos Untersberg.