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Friedlich und geduldig präsentierten sich die Greifvögel, auch als die Ausmaße der Flügel gezeigt wurden.

Entscheidung gefallen: Greifvögel hören auf die Namen Recka und Dagmar – Festakt am Klausbachhaus

Ramsau – Ein klein bisschen hat sich der Schock über den Tod von Bartgeier Wally gelegt. Dennoch war das Thema natürlich präsent, als nun im Nationalpark im Rahmen eines Festakts ein zweites Bartgeier-Pärchen ausgewildert wurde. Dieses auf zehn Jahre ausgelegte internationale Artenschutzprojekt erfreut sich seit seiner Premiere 2021 riesiger Aufmerksamkeit, weit über die Grenzen des Landkreises hinaus.



Unter folgendem Link können Sie sich Interviews sowie Videomaterial zur Auswilderung ansehen: Zum Video auf Dropbox


Da verwundert es nicht, dass nun auch die zweite Auswilderung in großem Rahmen stattfand. Wieder werden zwei weibliche, noch nicht flugfähige Bartgeier aus dem spanischen Zuchtzentrum Guadelentín in eine eingezäunte Nische in einer Felswand gesetzt.

Und so freuten sich am Klausbachhaus unter anderem Nationalpark-Leiter Dr. Roland Baier, Dr. Norbert Schäffer als Vorsitzender des Landesbunds für Vogelschutz (LBV), Landrat Bernhard Kern sowie der Bayerische Umweltminister Thorsten Glauber über den Zuwachs.

Moderiert wurde die Veranstaltung von BR-Mann Dr. Georg Bayerle, vielen bekannt aus der Sendung »Rucksackradio«. Der hatte selbst schon mal eine beeindruckende Begegnung mit einem der beiden »alten« Geier, als er beim Klettern am Untersberg war, bis auf zehn Meter näherte sich das Tier: »Wenn der mit seinen fast drei Metern Spannweite an dir vorbeizieht, fällst du fast aus der Wand.«

Trotz des strömenden Regens herrschte natürlich gute Laune vor dem Klausbachhaus, eventuell nicht so sehr bei den »zwei Damen aus dem sonnigen Südostspanien, die jetzt in der bayerischen Realität aufgeschlagen sind«, wie der Moderator launig anmerkte.

Hausherr Dr. Roland Baier dankte dem Projektpartner LBV und auch Umweltminister Thorsten Glauber für dessen persönliche Unterstützung sowie die großzügige Förderung durch das Ministerium. Glauber ließ es sich nicht nehmen, persönlich in die Ramsau zu kommen, um die beiden jungen Greifvögel zu »taufen«. Dr. Baier dankte auch allen, die an den »enormen und arbeitsintensiven Vorbereitungen für die Auswilderung« beteiligt waren. Große Freude herrschte auch bei Landrat Bernhard Kern über diese »besondere Auszeichnung für das Berchtesgadener Land«, für ihn unterstreicht das Bartgeier-Projekt die »Einzigartigkeit unserer Region« und ist ein »gewaltiger Beitrag zur Etablierung dieser Art in Mitteleuropa«.

Noch deutlicher wurde LBV-Vorsitzender Dr. Norbert Schäffer, für den der Bartgeier »eine der faszinierendsten Vogelarten überhaupt« ist, wie er der anwesenden »lieben Bartgeiergemeinde« mit einem Schmunzeln erklärte. Ebenso hob er das enorme öffentliche Interesse hervor, seit fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurden Wally und Bavaria ausgewildert wurden. Im Internet verzeichnete der LBV seitdem über eine Million Zugriffe nur auf die Bartgeier-Seite www.lbv.de/bartgeier-webcam.

Allerdings passieren bei solchen Projekten auch Rückschritte, wie zuletzt der Tod von Wally, die an der Zugspitze gefunden wurde. 60 Meter musste sich der Suchtrupp senkrecht abseilen, um zur Fundstelle zu gelangen. Die genaue Todesursache steht noch nicht fest, vermutet wird entweder ein Steinschlag oder der Angriff eines Steinadlers. In den nächsten Tagen sollte Gewissheit herrschen, der LBV wird dann die Öffentlichkeit informieren. Natürlich war auch Schäffer traurig über den Verlust, doch er hielt fest: »Das ist Natur.«

Einige fachliche Informationen zu den beiden gerade in Körperbau und Gewicht durchaus unterschiedlichen Greifvögeln gab es von LBV-Kreisvorsitzendem und Projektleiter Toni Wegscheider und Jörg Beckmann, dem zoologischen Leiter des Tiergartens Nürnberg, wo die Tiere in Quarantäne waren. Unter anderem war zu erfahren, dass in etwa einem Monat mit den ersten Flugversuchen zu rechnen ist, in wenigen Wochen werden die beiden dann bis in 3 000 Meter Höhe aufsteigen.

Schließlich stand natürlich noch die Namensverkündung auf dem Programm. Die Leser des »Berchtesgadener Anzeigers« waren aufgerufen, Vorschläge für einen der beiden Geier zu machen, die dann von einer eigens gebildeten Jury ausgewertet wurden. Über 200 Einsendungen erreichten die Redaktion. Die Entscheidung war nicht einfach, denn es kamen die unterschiedlichsten Vorschläge. Doch schließlich kristallisierte sich ein Favorit heraus: Einer der beiden Bartgeier hört künftig auf den Namen Recka, wie Minister Glauber bei der Veranstaltung im Klausbachteil verkündete.

Tochter von König Watzmann

Recka war die einzige Tochter von König Watzmann und auch das einzige Kind, das sich an den Untaten von Vater und Brüdern nicht beteiligte. Vorgeschlagen hatten den Namen zwei Leserinnen des »Berchtesgadener Anzeigers«, Liane Gruber aus Bischofswiesen und Gundi Lenz aus Schönau am Königssee; beide waren als Ehrengäste eingeladen, allerdings konnte nur Liane Gruber den Termin wahrnehmen.

Den zweiten Namen steuerte der LBV bei; hier fiel die Entscheidung auf Dagmar, wie der Staatsminister ebenfalls bekannt gab. Beim LBV wurde der Name durch einen langjährigen großzügigen Spender vergeben, der anonym bleiben möchte.

Die frisch »Getauften« wurden dann noch auf eine Ehrenrunde zu den Zuschauern getragen, damit sich alle auch aus der Nähe einen Eindruck von den neuen Nationalpark-Bewohnern verschaffen konnten.Schließlich war dann der Moment des Aufbruchs für die beiden Geiermädchen gekommen. In Transportkraxen ging es für Recka und Dagmar in Richtung Halsgrube und von da ab ohne weitere Zuschauer und Zaungäste in die Auswilderungsnische in ausgesetztem Gelände. Hier bekamen sie die GPS-Sender und ein erstes Mal Futter aus Wildknochen. Da Bartgeier als sehr verträglich im Umgang miteinander gelten, ist Ärger mit Artgenossin Bavaria übrigens nicht zu erwarten, sagen die Experten.

Thomas Jander