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Stolz zeigt Amaya Alvarez den coolen Speichenschutz ihres Rollstuhls. Ihre Mama Steffi Alvarez hat das Fledermaus-Motiv entworfen. (Foto: Lisa Schuhegger)

Der Rolli so einzigartig wie die Fahrerin selbst – Steffi Alvarez entwirft Motive für den Rollstuhl

Saaldorf-Surheim – Der Speichenschutz an Amaya Alvarez' Rollstuhl ist so einzigartig wie sie selbst. Eine Fledermaus ist auf dem Speichenschutz des Rollstuhls der Viertklässlerin abgedruckt. Das Motiv hat ihre Mama Steffi Alvarez designt. Sie ist Mediengestalterin und entwirft für Kinder, die im Rollstuhl sitzen, Motive für den Speichenschutz und das Rückteil des Gefährts.


Die jungen Rollstuhlfahrer haben konkrete Vorstellungen davon, wie ihre Rollis aussehen sollen. Mal muss der Superheld auf dem Speichenschutz und dem Rückenteil abgebildet sein, mal muss das Motiv zur Schultasche passen, mal muss auf dem Speichenschutz der Name des jungen Rolli-Fahrers stehen. Gewiss ist: Ein Motiv von der Stange trifft den Geschmack der jungen Mädchen und Buben meist nicht. Daher entwirft die Mediengestalterin »Haute Couture« für Kinderrollstühle.

Auf Amaya Alvarez' Speichenschutz ist eine Fledermaus abgebildet. »Ich liebe Fledermäuse und Vampire«, erklärt die Schülerin, warum ihre Mama genau diese ein bisschen gruselig aussehende, lila Fledermaus für den Speichenschutz ihres Rollstuhls entwerfen hat müssen. Etwa zwei bis drei Jahre fahre ein Kind einen Rollstuhl, ehe er zu klein wird und es einen neuen braucht, erklärt Steffi Alvarez. Dann gibt es freilich ein neues Design für den Speichenschutz – ganz nach dem Wunsch der jungen Kunden. Wie Amaya Alvarez' nächster Rollstuhl aussehen soll? »Wieder genauso«, antwortet das aufgeweckte Mädchen knapp und grinst. Ihre Mama hat mit dem Fledermaus-Design den Geschmack ihrer Tochter genau getroffen – wie schon bei so vielen ihrer jungen Kunden.

Sie erzählt von einem elf-jährigen Buben, der unbedingt einen KTM-Speichenschutz haben wollte und darauf mächtig stolz sei, von einem Kind, für das es ein ganz bestimmter Dinosaurier und ein Regenbogen sein musste, und von einem Mädchen, das sich die Zeichentrickfigur Heidi eingebildet hat. Sie berichtet von Amaya Alvarez' erstem Speichenschutz zur Einschulung, der zur Eiskönigin-Schultasche passen musste.

Damit Steffi Alvarez genau weiß, wie das Wunschmotiv der Kinder aussehen soll, füllen die jungen Kunden mit ihren Eltern einen Fragebogen aus. Bevor sich die Mediengestalterin ans Werk macht, trifft sie sich mit den Mädchen und Buben zum Briefing – von Angesicht zu Angesicht oder virtuell im Web (Facebook, WhatsApp).

Prinzipiell erfüllt Steffi Alvarez den Wunsch eines jeden Kindes. Allerdings erklärt sie, dass für Motive, die urheberrechtlich geschützt sind – wie die Eiskönigin von Walt Disney – eine Lizenz für private Nutzung eingeholt werden muss. Am einfachsten sei es, dem Lizenzinhaber eine E-Mail zu schreiben und das Anliegen zu schildern.

Nun, warum brauchen junge Rollstuhlfahrer einen hübschen fahrbaren Untersatz? »Ganz einfach«, sagt Steffi Alvarez. »Ein Rollstuhl ist für die Kleinen mehr als ein medizinisches Hilfsmittel, er soll auch ihre Persönlichkeit widerspiegeln.« Die Kinder sollten stolz durchs Leben rollen.

Und das Motiv auf dem Speichenschutz habe zumindest ihrer Tochter schon etliche Male dazu verholfen, mit anderen Kindern ins Gespräch zu kommen. Zwar hätten Kinder meist ohnehin keine Barriere, auf Kinder im Rollstuhl zuzugehen, erklärt Steffi Alvarez, doch biete ein gemeinsames Interesse – etwa die Vorliebe für Vampire und Fledermäuse – ein gutes Gesprächsthema. Amaya Alvarez flitzt mit ihrem Rolli durch die Erdgeschosswohnung der Familie. Sie ist aktiv, lustig, offen.

Die Viertklässlerin besucht die Grundschule in Saaldorf. Vor der Einschulung ist sie im Ort in den Kindergarten gegangen. Amaya Alvarez hat viele Freude. Sie schreibt mit den Mitschülern in der Deutschstunde Diktate, löst in der Mathematikstunde Textaufgaben und turnt – wenn möglich – beim Sportunterricht mit. Sie rollt mit den Dorfkindern mit, wenn sie durch den Ort sausen, hängt sie auch einmal ab, ist inkludiert. »Die Kinder im Dorf haben Amaya kennen und mögen gelernt, wie sie ist«, sagt Steffi Alvarez. Sie lächelt ein erleichtertes, frohes Lächeln. »Amaya wird akzeptiert«, sagt sie.

Die Mutter lobt die Kommunalverwaltung und den Gemeinderat Saaldorf-Surheim, der mit Amayas Einschulung das Schulhaus barrierefrei umgebaut hat.

Die weitestgehend gelebte Inklusion im Dorf erleichtere es Amaya Alvarez gewiss, ihre Einschränkung (Spina bifida) besser annehmen zu können. Bislang nämlich komme sie gut damit zurecht. Steffi Alvarez hofft, dass das in der Pubertät so bleibt. Wenn manchmal Fragen auftauchten wie »Warum bin ich anders?«, zeigt die junge Mutter Verständnis. »Ich entgegne, klar ist das blöd.« Im gleichen Atemzug schiebe sie aber nach: »Jeder hat etwas: eine Brille, eine krumme Nase, eine Leserechtschreibschwäche.« Und weil ein jeder etwas »hat«, ist ein jeder einzigartig, liebenswert und wertvoll. Am heutigen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung macht der »Berchtesgadener Anzeiger« genau darauf aufmerksam.

Mehr Infos zum Projekt von Steffi Alvarez im Internet unter speichenschutz.steffi-alvarez.de.

Lisa Schuhegger