Das Problem mit der Inzidenz: Mathestudent aus Bayerisch Gmain mit neuer Berechnungsgrundlage

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Patrick Schönherr stellt die Frage, ob bei den Corona-Tests die Zahl der positiven Ergebnisse in Relation zur Zahl der Testungen gesetzt werden müsste, und erntet viel Lob für seine neue Berechnungsgrundlage der Inzidenz. (Foto: Corinna Anton)

Bayerisch Gmain/BGL – Schule daheim oder im Klassenzimmer, einkaufen im Geschäft oder vor der Ladentüre: Über vieles entscheidet in Deutschland allein der Inzidenzwert, die Zahl der Corona-positiv Getesteten pro 100.000 Einwohner. Doch dabei wird eines außer Acht gelassen: Nicht überall in Deutschland wird gleich viel getestet. Auf das Problem wird im Berchtesgadener Land immer wieder hingewiesen, auch von Landrat Bernhard Kern in einem Brief an die Bundeskanzlerin. Ein Mathematikstudent aus Bayerisch Gmain hat jetzt nachgerechnet, wie sich die Inzidenz verändert, wenn man sie ins Verhältnis zur Zahl der Tests setzt.


Der Unterschied ist gravierend. Allerdings ist die Berechnungsgrundlage auch problematisch, weil wichtige Daten fehlen. Ein Video, in dem der Bayerisch Gmainer seine Berechnung erklärt, geht gerade viral – auch in Berchtesgaden haben es schon Hunderte Menschen gesehen und geteilt.

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Patrick Schönherr studiert im achten Semester Lehramt Mathematik und Physik, derzeit hat er Semesterferien und hilft in der Notbetreuung am Karlsgymnasium aus. Seine Rechnung sei auch »für Nicht-Mathematiker leicht nachvollziehbar«, sagt er. Die mathematischen Grundlagen seien Stoff der siebten Klasse. Entscheidend sei, nicht auf die absoluten Zahlen der positiv Getesteten pro 100.000 Einwohner zu schauen, wenn man die Inzidenz des Berchtesgadener Lands mit anderen vergleicht. Das sei ein »sehr simpler mathematischer Fehler«. Es müssten auch die negativen Tests beziehungsweise die Gesamtzahl der gemachten Tests berücksichtigt werden. Der Mathematiker nennt das »normieren« – man müsste berechnen, wie hoch die Inzidenz wäre, wenn alle immer gleich viel testen würden.

In Schönherrs Rechenbeispiel hätte der Inzidenzwert im Berchtesgadener Land vergangene Woche nicht 89 betragen, sondern 29. Sein Rechenweg geht so: Zuerst hat er sich die Testzahlen im Berchtesgadener Land und bundesweit angeschaut und die Testquote berechnet. Rein rechnerisch wurden deutschlandweit seit dem Jahreswechsel 1,52 Prozent der Bevölkerung pro Woche getestet, im Berchtesgadener Land fast doppelt so viele: 2,85 Prozent. In der letzten Februarwoche war der Unterschied noch größer: 1,4 Prozent in Deutschland und 5,8 Prozent im Berchtesgadener Land.

Dann hat er sich die Positivenquote angesehen, also wie viel Prozent der Tests pro Woche positiv ausgefallen sind. Anhand dieser Daten hat er hochgerechnet, wie viele positive Fälle es jeweils geben würde, wenn gleich viele Personen – zum Beispiel einheitlich 1,5 Prozent der Einwohner – getestet würden. Die Inzidenz für ganz Deutschland sähe nicht viel anders aus als mit der bisherigen Berechnung. Für das Berchtesgadener Land gäbe es aber große Unterschiede – deutlich weniger positive Fälle und damit eine Inzidenz weit unter 50. Sein Fazit: »Aufgrund der hohen Testzahlen stellt die aktuelle Inzidenzwertberechnung die Lage im Berchtesgadener Land stark verzerrt dar.« Die Lage sei »deutlich besser als im deutschen Durchschnitt, nächste Öffnungsschritte wären die logische Konsequenz«. Ändert sich dagegen nichts an der Berechnung der Inzidenz und an der Testquote, dann »ist nicht zu erwarten, dass das Berchtesgadener Land den Inzidenzwert 50 in naher Zukunft unterschreitet«.

Der 23-Jährige weiß selbst, dass es in seiner Berechnung ein Problem mit der Datengrundlage gibt. Für den bundesweiten Wert nimmt er die Testzahlen, die Zahl der positiv Getesteten und die Positivenquote, die das Robert-Koch-Institut wöchentlich veröffentlicht. Das RKI schreibt selbst dazu: »Die Erfassung basiert auf einer freiwilligen Mitteilung der Labore (...) Die Erfassung liefert Hinweise zur aktuellen Situation in den Laboren, erlaubt aber keine detaillierten Auswertungen und Vergleiche mit den gemeldeten Fallzahlen.« Auch sei die Zahl der Tests nicht die Zahl der getesteten Personen, weil Mehrfachtestungen von Patienten in den Testzahlen enthalten sein können. Wenn ein Infizierter während oder nach seiner Quarantäne mehrfach positiv getestet wird, werden diese Folgetests aber laut Bayerischem Gesundheitsministerium nicht mehr als Neuinfektionen und damit nicht zur Inzidenz gezählt. Für das Berchtesgadener Land nimmt Schönherr die Testzahl, die das Landratsamt wöchentlich bekannt gibt. Dabei handelt es sich um die Zahl der Abstriche im kommunalen Testzentrum samt Außenstellen. Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter über einen Betriebsarzt selbst testen, fließen diese nicht in die Testzahlen ein, ebenso wenig Tests bei Hausärzten. Erst wenn jemand ein positives Ergebnis bekommt und im Landkreis wohnt, taucht er in den Berchtesgadener Land-Fallzahlen auf.

Andersrum können sich im Testzentrum aber außer den Landkreisbürgern auch alle Arbeitnehmer mit einer Stelle im Landkreis testen lassen – also etwa Pendler aus Salzburg oder Traunstein. Sie sind in der Gesamtzahl der Tests eingeschlossen. Aber wenn sie ein positives Ergebnis bekommen, schlägt sich das nicht auf die Berchtesgadener Land-Fallzahlen nieder. Wie viele Menschen aus dem Landkreis tatsächlich pro Woche getestet werden, wird also nicht erhoben, damit ist auch die tatsächliche Positivenquote nicht genau zu berechnen.

Es gebe Fehler, räumt Schönherr ein, aber: »Wir müssen mit den Zahlen arbeiten, die wir haben.« Der Fehler gehe in zwei Richtungen. Es werden Tests gezählt, die man nicht zählen sollte – etwa von österreichischen Pendlern – und es fehlen negative Tests aus Betrieben. Schönherr glaubt, dass die Positivrate eher noch geringer ausfällt, weil es auch durch Schnelltests immer mehr negative Ergebnisse gibt, die nicht berücksichtigt werden.

Auf ein anderes Problem machen Mitglieder der Facebookgruppe »Du kommst aus Bad Reichenhall« aufmerksam, von denen Schönherr insgesamt viel Lob für seine Berechnung bekommt: Man müsste auch die jeweilige Teststrategie berücksichtigen, also schauen, welche Personen getestet werden. Sind es Menschen mit Symptomen, wird die Positivenquote sehr viel höher ausfallen, ist es eine repräsentative Gruppe, eher geringer.

Auch wenn sie sich der fehlenden Datengrundlage und damit der Ungewissheit der Berechnung bewusst sind, so sind sich viele im Berchtesgadener Land in einem Punkt einig: Die Zahl der Tests beziehungsweise der getesteten Personen müsste berücksichtigt werden, wenn es um Lockerungen und Einschränkungen geht.

Auch die Bayerisch Gmainer Ministerin Michaela Kaniber, die Schönherrs Berechnung ebenfalls bekommen hat, findet, dass dieses Thema »im Landkreis Berchtesgadener Land immer wieder zu Recht diskutiert wird«. Sie habe Schönherrs Unterlagen an das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege »mit der Bitte um Bewertung« weitergeleitet. Die Frage, ob bei den Corona-Tests die Zahl der positiven Ergebnisse in Relation zur Zahl der Testungen gesetzt werden müsste, ist in Kanibers Augen keine politische Frage. Es gehe um »Zusammenhänge, die nur Virologen und Statistiker wirklich fundiert aufklären können«.

Der angehende Mathelehrer aus Bayerisch Gmain hofft, dass »die Problematik in Politik und Medien stärker thematisiert wird«. Er hat seine Berechnung daher auch den Oppositionsfraktionen im Bayerischen Landtag geschickt, mit Ausnahme der AfD, weil er nicht möchte, dass seine Rechnung »missbräuchlich verwendet« wird. Wie Schönherr betont, geht es ihm nicht um Kritik an den Corona-Maßnahmen, sondern ausschließlich um eine korrekte und für alle Landkreise vergleichbare Berechnung der Inzidenzwerte.

Corinna Anton


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