Im Interview mit Musiker Alex Diehl: »Die Songs, die ich nie schreiben wollte«

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Der Waginger Alex Diehl (33) veröffentlich heute sein neues Album »Die Songs, die ich nie schreiben wollte«. (Foto: Nico Campanella)

Waging am See – Nach über acht Jahren Beziehung trennt sich seine Lebensgefährtin von ihm. Quasi über Nacht. Musiker Alex Diehl verliert seine große Liebe. Doch nicht nur das. Er steht auch existenziell vor dem Nichts. Aufgrund der Corona-Pandemie wurden die meisten seiner Auftritte abgesagt – und er musste das gemeinsame und mit viel Liebe renovierte Häuschen aufgeben. Diesen Schmerz hat er in einem neuen Album verarbeitet, das heute erscheint. Der Titel: »Die Songs, die ich nie schreiben wollte«.


Warum dieser Album-Titel: Weil Sie diesen Schmerz gerne nicht erlebt hätten? Oder weil Sie die Lieder zunächst nur für sich selbst geschrieben und gesungen haben?

Eigentlich beides. Bevor ich mit meiner Lebensgefährtin zusammen kam, hatte ich nur Beziehungen, wo etwas nicht gepasst hat. Diese Gefühle habe ich in Liedern verarbeitet – traurigen Liebesliedern. »Bitte werde nie ein Song« habe ich aus der Hoffnung heraus geschrieben, dass mir das mit ihr nicht passiert. Ich habe ihr das Lied gewidmet in einer glücklichen Zeit. Doch unsere Beziehung hat die acht Jahre nicht überstanden. Nachts am Klavier habe ich dann für mich die Songs geschrieben – und dabei viel geweint. Für mich kam die Trennung völlig überraschend. Aus dem Nichts.

 

Doch nun werden die Lieder veröffentlich. Wie kam es dazu?

Meine Produzenten haben irgendwann angerufen und gefragt, ob ich nicht mal wieder einen Song aufnehmen möchte. Und ob ich vielleicht schon etwas geschrieben hätte. Da habe ich ihnen meine Lieder vorgestellt. Meine Songs haben sie sehr berührt.

Aber Sie selbst waren skeptisch?

Irgendwie schon. Ich dachte, das wäre zu wenig poetisch. Und ich lasse natürlich sehr tief blicken. Ich habe mich gefragt: Fühle ich mich nackt? Das ist ja mein persönlicher Herzschmerz. Aber das Feedback der Fans ist unglaublich. Das übertrifft all meine Erwartungen. Es gibt wohl viele Menschen, die meine Gefühle nachempfinden können. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe.

 

Auf großen Schmerz folgt oft Hoffnung. Ist es das, was Sie ihren Fans mitgeben möchten?

Auf alle Fälle. Mir geht es wieder gut. Ich kann jetzt sogar sagen: Ich fühle mich wieder glücklich.

 

Es fällt auf: Sie spielen in Hamburg, Berlin, Rostock und Dresden, aber nicht in Ihrer Heimat, dem Chiemgau. Wieso?

Es ist seltsam. Ich habe das Gefühl, dass es in Bayern nicht gut ankommt, seine Gefühle zu zeigen, melancholisch zu sein. Da wollen die Menschen Party machen, ins Bierzelt gehen. Zu einem Konzert in München kommen 200 Leute, in Hamburg ist es ausverkauft.

 

Einem Millionenpublikum bekannt wurden Sie durch Ihren Song »Nur ein Lied«, mit dem Sie 2016 am Vorentscheid für den Euro-vision Song Contest teilnahmen – und den zweiten Platz belegten. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?

Das war unfassbar crazy. Der Song war ja mehr oder weniger ein Zufallsprodukt. Nach dem Anschlag in Paris habe ich das Lied mit dem Handy aufgenommen und ins Netz gestellt. Über Nacht ist das dann abgegangen mit Millionen von Klicks. Acht Millionen, um genau zu sein. Das war sicher ein Höhepunkt meiner musikalischen Karriere.

 

Sie hatten danach aber auch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen...

Das stimmt. 2018 hatte ich massive Probleme. Ich hatte unerklärliche Stimmbandschmerzen. Das war, als würde mir einer mit dem Feuerzeug die Stimmbänder anbrennen. Beim Einkaufen hatte ich Stift und Zettel dabei, weil ich nicht sprechen konnte. Ich war 100 Mal bei verschiedenen Ärzten, aber eine Diagnose wurde nicht gestellt. Die Erklärung der Mediziner: Entweder eine neurologische oder eine psychische Ursache. Ich war auch in Therapie. Gefunden wurde letztlich nichts, aber seit einem Jahr ist es weg.

 

Ein Song auf dem neuen Album heißt »Alt, Kaputt und Grau«. Sie sind erst 33 Jahre alt…

Das beschreibt nicht meinen Gemütszustand, sondern den Wunsch, dass ich mit meiner Lebensgefährtin gerne alt geworden wäre. »Alt, kaputt und grau wäre ich gerne mit Dir geworden, doch Du bist einfach weggegangen und hast die Liebe mitgenommen« – so lautet der ganze Text des Lieds.

 

Sie leben seit zwei Monaten in Hamburg. Warum gerade diese Stadt?

Ich habe im November 2011 hier ein Konzert gespielt und war total begeistert von der Stadt. Seitdem liebe ich Hamburg. Ich will hier bleiben. Der Chiemgau ist unfassbar schön, die Lebensqualität höher. Aber es gibt keine Musikszene. Zumindest nicht für die, die nicht Bayerisch singen. Hier gibt es viele Musiker und Songwriter. Da gibt es für mich mehr zu tun, denn ich schreibe ja auch Songs für andere Musiker.

 

Also keine Rückkehr nach Otting, wo Sie mit ihrer Lebensgefährtin ein Haus hatten?

Natürlich werde ich immer wieder nach Waging kommen. Ich habe hier ja meine Familie. Eine Ferienwohnung wäre eine tolle Sache, wenn ich mir das irgendwann leisten kann. Das wäre tatsächlich ein Träumchen.

Klara Reiter

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