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Ärger um Gasthof zur Post spitzt sich zu – Staatsschutz ermittelt nach Nazi-Schriftzug

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Unterwössen: Staatsschutz ermittelt nach Schriftzug "Oberwössen Nazidorf" an Gasthof zur Post
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Der Schriftzug »Oberwössen Nazidorf« prangte am Wochenende am ehemaligen Gasthof zur Post in Oberwössen. Inzwischen ist die Schmiererei überstrichen, das Kommissariat Staatsschutz ermittelt. Bürgermeister Ludwig Entfellner ruft nun beide Seiten – den Verursacher der Schmiererei wie auch die Oberwössner Dorfgemeinschaft zur Besonnenheit auf. (Foto: Flug)

Unterwössen – »Oberwössen Nazidorf« las ein auswärtiger Autofahrer auf der Wand des ehemaligen Gasthofs zur Post, als er nach Oberwössen fuhr. Er rief die Polizei. Auch Einheimische bemerkten den Schriftzug. Darauf brach eine Welle der Empörung über den Ort, als erste Handyfotos geteilt wurden.


Inzwischen, so bestätigte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd auf Nachfrage, ermittelt das Kommissariat Staatsschutz gegen den Vertreter der Eigentümerin, den Geschäftsführer einer österreichischen Immobilienfirma. Beamte der Polizeiinspektion Grassau forderten mit Unterstützung der Kriminalpolizei, das Wort Nazi und die »SS«-Runen mit Farbe zu überdecken.

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Zwischen 1850 und 1855 entstand das Gebäude im Anschluss an den Oberwössner Festplatz, die Frei. Nach Modernisierungen und Erweiterungen noch in den 80-iger Jahren fand der Gasthof zur Post seine endgültige Form mit über 2000 Quadratmeter Fläche, einem Restaurant für 120 Gäste, Saal, Konferenzraum, Biergarten und 22 Übernachtungszimmern.

Alles nicht mehr zeitgemäß, so ein Sachverständiger im Wertermittlungsgutachen zur Zwangsversteigerung 2017. Der letzte Wirt hatte bereits 2013 aufgehört. Die Nutzung als Asylbewerberunterkunft endete nach zwei Jahren wegen Bedenken des Landratsamts. Ein unveröffentlichtes Gutachten, von der Gemeinde Unterwössen in Auftrag gegeben, sah wenig Potenzial in dem Objekt.

Im Zwangsversteigerungsverfahren wechselte der Gasthof mit Umgriff 2017 für 330 000 Euro plus Nebenkosten den Eigentümer. Eine Münchner Steuerberaterin erwarb das Objekt. Sie betraute ein eigenes Unternehmen, die österreichische Firma, das Projekt zu entwickeln. Deren Pläne – sieben bis acht Wohnungen und sechs bis acht Ferienwohnungen sollten entstehen – scheiterten aber am Bebauungsplan. Demzufolge sollen mehr als drei Wohnungen in einem Projekt nur in Ausnahmefällen entstehen.

Als der Gemeinderat den Umbau ablehnte, erschien zum ersten Mal ein Schriftzug an der Wand: »BGM Entfellner verhindert Fertigstellung – Willkür ohne Gesetzesgrundlage« leuchtete im Juni 2018 in roter Schrift von der Hauswand, während vom Obergeschoss am Seil eine Duschwanne vor dem Eingang wehte. Toiletten lagen vor dem Haus. Zerbrochene Blumenkästen auf dem Boden. Im Obergeschoß wehten aus zerbrochenen Fenstern die Gardinen.

Seitdem wird das Objekt immer mehr zum Schandfleck. Alte Toiletten stehen am Straßenrand, ein Kühlschrank mit offener Tür daneben. Ein kleiner Christbaum liegt am Boden. Auf dem Grundstück verteilt stehen abgemeldete Fahrzeuge, teilweise mit Unfallschäden. Kein Aushängeschild am südlichen Ortseingang, sind sich alle Oberwössner einig.

Bürgermeister Ludwig Entfellner, zweiter Bürgermeister Johannes Weber und Gemeinderat Barthl Irlinger sahen im Vorfeld wenig Handhabe, gegen das Aussehen des Objektes vorzugehen. Der neue Anwurf »Nazidorf« habe aber eine Grenze überschritten. Das machte vor allem die Polizei deutlich, als sie den Verwalter bewegte, die Schmiererei zu überdecken. Ein Ermittlungsverfahren läuft.

Doch das scheint nur die eine Seite einer Spirale zu sein. Auf die Seitenscheibe eines abgemeldeten Fahrzeugs ist ein Brief aufgeklebt, in dem ein unbekannter Autor – nach seinen Angaben namens der Oberwössner Dorfgemeinschaft – wüste Beschimpfungen und Bedrohungen absondert.

Bürgermeister Ludwig Entfellner ruft alle Seiten zur Besonnenheit auf: »Gegenseitige Schuldzuweisungen, Drohungen und Beleidigungen sind einer guten Dorfgemeinschaft nicht zuträglich. Ich appelliere zu mehr Besonnenheit und respektvollem Umgang. Alles Weitere sollte man den zuständigen und damit bereits befassten öffentlichen Stellen überlassen.« lukk