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In einer eindringlichen Performance aus Sprechgesängen, orthodoxen Melodien, Tanzchoreografien, Wasserspritzorgien und Videoprojektionen sezierten die vier Polit-Aktivistinnen von »Pussy Riot« aus Russland im Bergener Festsaal das »System Putin«. (Foto: Effner)

»Pussy Riot« im Bergener Festsaal: Eine Bühnenshow als elementare Naturgewalt

Sie sind wie eine Art Naturgewalt, die sich wie eine Welle aus Energie, Wut und Lautstärke von der Bühne aus über die Zuschauer ergießt: Der Auftritt der vier kremlkritischen Punk-Aktivistinnen »Pussy Riot« im Bergener Festsaal am Mittwochabend ließ nur die wenigsten der rund 350 Besucher unbeeindruckt zurück.


Man merkte den energiegeladenen jungen Feministinnen aus Russland, die alle Anfang 20 sind, an, was sie in den letzten Jahren durchgemacht haben: öffentlichkeitswirksame Auftritte, Festnahme, Verhandlungen unter erschwerten Bedingungen, Lagerhaft, Hungerstreik und Flucht unter zum Teil abenteuerlichen Bedingungen. Dazu die Aussicht, nie wieder oder zumindest vorerst nicht in ihr Heimatland und zu den Familien zurückkehren zu können und die latente Bedrohung durch Putins Schergen. Die fackeln bekanntlich mit Kritikern auch im Ausland nicht lange.

Umso eindrucksvoller waren die Kreativität, der Mut, der bissige Humor und die Energie bis zur völligen Verausgabung, mit der die vier jungen Aktivistinnen die Verbrechen des »System Putin« quasi von innen heraus auf der Bühne sezieren, aufdecken und anprangern. Die Performance zeigte die Brutalität, die Menschenverachtung, Einschüchterung, Gewalt, Manipulation und Rechtsbeugung, mit der jegliche Form von abweichender Kritik, Meinungsfreiheit und Lebensorientierung unterdrückt wird. Umso wichtiger sei es, in der Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland nicht nachzulassen.

In einem atemlosen Stakkato und Wechselspiel aus monotonem Sprechgesang, Tanz, szenischem Spiel, ruhigen orthodoxen Gesängen und dann wieder berserkerhaften Tobsuchtsanfällen und Wasserspritzorgien schleuderten die vier Performancekünstlerinnen auf Russisch ihre Botschaft ins Publikum: »Jeder kann 'Pussy Riot' sein.« Auf der Videoleinwand wurde derweil in szenischen Einblendungen mit deutschen Übertiteln die Veränderung der Verhältnisse in Russland und die Geschichte von »Pussy Riot« erzählt. Die aktuelle Europatour basiert ja auf dem Buch »Pussy Riot – Tage des Aufstands« von Maria Aljochina.

Man hat den Eindruck, die zum Teil ungewohnt heftige Brutalität der Bühnenshow lässt die ungeheure Brutalität erahnen, mit der die jungen Aktivistinnen in ihrem Kampf um Meinungsfreiheit konfrontiert waren. In einer Passage machte Maria Aljochina als Frontfrau, zentrale Erzählerin und Sängerin auch den inneren Kampf deutlich, mit dem sie in isolierender Lagerhaft ihre innere Freiheit gegen die Angst vor Gewalt, Schmerz und Einsamkeit verteidigt hat.

Begleitet wurde Aljochina dabei von Sängerin Olga Borisowa. Sie hat mit 18 Jahren voller Ideale im Polizeidienst angefangen, um nach der Ermordung des Kremlkritikers Boris Nemzow an Demonstrationen teilzunehmen und schließlich bei »Pussy Riot« Flagge zu zeigen. Weitere Mitstreiterinnen waren Diana Burkat an Synthesizer und Schlagzeug sowie Taso Pletner an der Querflöte.

Allein optisch wurde bei der Show am Bühnenrand auch der Unterschied der politischen Systeme deutlich, in denen die vier Aktivistinnen und die gleichaltrigen jungen Konzertbesucher und -besucherinnen aufgewachsen sind. Generell fiel auf, dass die Botschaft und der Auftritt der vier vom Teenager bis zum Senioren alle Altersstufen angesprochen hat. Maria aus Palling war sogar mit der bei ihr einquartierten jungen Familie mit drei Kindern aus der Ukraine gekommen, um sich den Auftritt anzusehen.

Mit kürzeren Konzerteinlagen brachte auch die Bergener Band »Rabula Tasa« sowie Techno-DJ Hell am Mischpult das Auditorium vor dem »Pussy Riot«-Auftritt beim Tanzen auf Betriebstemperatur.

Jens Steinigen machte als Gründer der »Athletes for Ukraine« im Gespräch mit Lisa Loch und Moderator Stefan Schimmel auf die Anliegen des Unterstützungsvereins aufmerksam. Der Biathlon-Olympiasieger von 1992 erinnerte auch an die schwierigen Bedingungen der DDR-Diktatur, in der er groß geworden ist.

Axel Effner