»Das Geschichtliche geht nicht spurlos an einem vorbei«

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Anspruchsvoller Weg: Florian Reiterberger und seine Mitstreiter mussten über die Platten ihre Räder oft auch schieben.
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Immer wieder ging es für Florian Reiterberger auch vorbei an den alten Grenzanlagen.

Elf harte Tage liegen hinter Florian Reiterberger. Der Extremsportler aus Eggstätt hat 1280 Kilometer mit knapp 20 000 Höhenmeter entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, bekannt auch als »Grünes Band«, zurückgelegt. Gut 600 Kilometer davon gingen über den alten Karrenweg, der einst von der Nationalen Volksarmee (NVA) errichtet wurde. Reiterberger startete dabei bei der sogenannten Grenzsteintrophy (GST) und sammelte bei diesem Bikepacking-Event wieder Spenden für den guten Zweck. Er unterstützt mit dem Geld das Heilpädagogische Zentrum Ruhpolding.

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»Dass es ein hartes Stück Arbeit wird, diesen Weg mit dem Bike im Self-Support zu machen, war von Anfang an klar«, blickt er zurück. »Oft ist der Karrenweg zugewachsen gewesen – Brennnessel, Dornen, Schilf, meterhohes Gras«, schildert er seine Erlebnisse. »Aber selbst das Fahren auf der Platte war alles andere als einfach. Die 'Löcher' sind genau so breit wie ein normaler MTB-Reifen. Man wird also immer ordentlich durchgeschüttelt.«

»Das ganze Bike vibriert, die Ausrüstung wackelt«

Der Startschuss für die Grenzsteintrophy fiel – wie jedes Jahr – am 17. Juni. 1953 gab es an diesem Tag in der ehemaligen DDR einen Aufstand. Im Gedenken daran erklärte die damalige Bundesrepublik Deutschland den 17. Juni als »Tag der deutschen Einheiten« zum gesetzlichen Feiertag. Diesen gab es dann von 1954 bis 1990.

Los ging es wieder am ehemaligen Dreiländereck (Bundesrepublik Deutschland, CSSR und DDR) im Vogtland. Gut 33 Bikepacker machten sich in diesem Jahr auf den Weg zur Ostsee – bei 35 Grad im Schatten. Das Besondere dabei: Außer einem gemeinsamen Startpunkt, GPS-Track und einem Fahrer-Kodex gibt es keinen organisatorischen Rahmen – also keine Zeitmessung, keine Kontrollen, keine Startgebühr und keine Siegprämien. Alle benötigte Ausrüstung und auch die Verpflegung müssen die Fahrer auf dem Rad mitführen oder unterwegs kaufen.

Bereits nach wenigen Kilometern gab's für sie den ersten Kontakt mit der berüchtigten Platte. »Das ganze Bike vibriert, die Ausrüstung wackelt und scheppert«, erzählt Reiterberger und ergänzt: »Schon nach wenigen Metern wird dir klar, die 600 Kilometer Platte werden hart werden.«

Nach einen halben Tag hatte sich Reiterberger zunächst mit drei anderen Teilnehmern zusammengeschlossen. »Achim, Phillip, Daniel und ich schlugen uns durch die oftmals zugewucherte Strecke. Leider musste Phillip den Tag eher beenden. Die Erschöpfung war zu groß.« Die anderen drei machten noch einige Kilometer und fuhren weiter bis zu einem Unterstand, um dort zu biwakieren.

Nach einer kurzen Nacht ging es bereits weiter. »Der Weg wurde nach und nach steiler«, berichtet der Extremsportler. »Hatten wir am ersten Tag noch wenige Schiebepassagen, mussten wir ab dem zweiten Tag fast jede Rampe schieben.« Teilweise betrug die Steigung 35 Prozent. »Da fragt man sich schon, wie man damals mit den Fahrzeugen auf dem Karrenweg gefahren ist.« Aber auch die Abfahrt erforderte vollste Konzentration. »Ein Fahrfehler und ein Sturz ist unvermeidlich. Und Stürze enden auf der Platte meist schwer.«

Immer wieder führte der Weg die Abenteurer ins Dickicht. »Einerseits war es schön zu sehen, dass es noch so viel Wildnis in Deutschland gibt, andererseits waren diese Passagen oft nervenaufreibend. Brennnesseln und Dornen machten uns das Leben schwer!« Was beeindruckend und bedrückend zugleich auf der langen Reise gewesen ist: »Während wir auf der Platte unterwegs waren, kamen wir auch immer wieder an alten Wachtürmen und Grenzanlagen vorbei.«

Am vierten Tag erreichte das Team dann endlich »Point Alpha«. Dieser Punkt ist das erste Zwischenziel, wenn man die GST fährt. »Dort sind die Grenzanlagen sehr gut erhalten und man bekommt einen ersten Eindruck, wie das ganze früher ausgesehen hat.« Es ist kein schönes Gefühl – ganz im Gegenteil: »Es ist eine Anlage, die dazu gebaut wurde, um die eigenen Leute an der Flucht zu hindern – notfalls durch Erschießung.« Und Reiterberger spricht von »einem bedrückenden Gefühl, denn ich habe ja schon an den ersten Tagen viele Gedenktafeln passiert mit der Aufschrift ,Hingerichtet am...'.«

Für die Ausdauersportler ging die Reise dennoch weiter zum zweiten Zwischenziel – und das hieß Brocken. »Leider musste sich auch Achim wegen technischen Problemen von uns trennen. Sein Rahmen hat der ganzen Belastung der Platte nicht mehr standgehalten«, berichtet Reiterberger. »Also ging es für Daniel und mich zu zweit weiter.«

Nach vielen unzähligen Stunden auf der Platte kam er dann langsam in Sicht: der Brocken. Der höchste Berg im Mittelgebirge Harz ist das wichtigste Zwischenziel der GST. »Dort hat man gut 95 Prozent aller Höhenmeter hinter sich«, sagt der Eggstätter. »Wer glaubt, dass es ab dann einfacher wird, der soll sich noch nie so getäuscht haben«, lacht Reiterberger im Nachhinein. »Zwar wird der Karrenweg weniger, dafür kommt als neuer Untergrund Sand dazu – und der zehrt an den Kräften. Man tritt und tritt und kommt nicht vorwärts.« Was zudem bleibt: »Dornen und Brennnessel.« Dazu machten den Sportlern auch die Temperaturen zu schaffen: Es hatte an diesen Tagen schwüle 32 Grad Celsius. Aber das dritte wichtige Ziel rückte dennoch unaufhaltsam näher: Gorleben. Jeder kennt diesen Ort in Niedersachsen, in der Nähe befindet sich das Atommülllager. »Wir haben unser Nachtlager direkt hinter der Beluga aufgeschlagen, einem Schiff, das von Greenpeace dort als Mahnmal aufgestellt wurde.«

Früh am Morgen setzte das Duo seinen Weg fort – wieder bei 32 Grad Celsius. »Zum morgendlichen Ritual gehört neben dem technischen Check von Rad und Ausrüstung auch das Absuchen vom Körper auf Zecken – und davon gibt's in dieser Region genügend«, erzählt Reiterberger.

Am elften Tag auf dem Karrenweg war das Ziel, die Ostsee, zum Greifen nah. Nur noch 79 Kilometer. »Und die waren natürlich nochmals hart. Wir mussten über Sand und durch viel Gestrüpp.« Aber das Duo gab noch einmal alles – und gegen 13 Uhr war es dann soweit. »Die Ostsee lag vor uns.« Doch noch einige große Überraschungen sollten auf die Abenteurer warten.

»Normalerweise kommt man an der Ostsee an und Ende. Kein Empfang, kein Zielbogen, nichts«, erzählt Florian Reiterberger. »Zu unserer Überraschung aber waren für den letzten Kilometer einige Freunde gekommen. Extremsportler Wolfgang Kulow und Extremsportler Jörn Theissig, welche ich beim Yukon-Arctic-Ultra kennengelernt habe, waren samt der besseren Hälfte gekommen, um uns zum Strand zu begleiten.« Und in der letzten Kurve gab's dann die nächste Überraschung. »Achim wartete ebenfalls mit seiner Frau auf uns. Was für ein Hallo!« Und dann kamen die letzten Meter zum Strand. Das Ziel: »Bis die Reifen die Ostsee berühren«, betont Reiterberger.

Sein Fazit: »Als wir angekommen sind, machte sich erst einmal Erleichterung breit. Schließlich waren wir vom Start weg doch angespannt.« Und: »Mich hat die Tour persönlich nachdenklich gemacht. Das Geschichtliche geht nicht spurlos an einem vorbei.«

Neue Gartenanlage für das HPZ Ruhpolding

Was ihn am Ende besonders freut, sind die eingegangenen Spenden. »An die 10 000 Euro sind bereits zusammengekommen«, sagt Florian Reiterberger. Und die sind bereits gut verplant, denn das HPZ in Ruhpolding wird auf Wunsch der Kinder eine neue Gartenanlage errichten.

Für den Herbst plant Florian Reiterberger übrigens auch einen Vortrag über seine Erlebnisse bei der Grenzsteintrophy. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. Man müsse jetzt erst einmal die Corona-Lage abwarten, sagt er. Derweil bereitet er schon sein nächstes sportliches Projekt vor: Florian Reiterberger bleibt dafür erneut in Deutschland und wird ab 31. Juli beim »Race around Germany« starten. Dabei muss er 3300 km und 23 000 Höhenmeter zurücklegen – und auch bei diesem Projekt ist er wieder für den guten Zweck unterwegs. SB