Jahrgang 2005 Nummer 52

Am 1. Januar 1806 erhielt Bayern die Königswürde

Aus dem Kurfürstentum wurde das Königreich Bayern mit König Maximilian I. Joseph – Teil I

Am Neujahrstag 1806 gegen 10 Uhr morgens durfte der Landesherold Stürzer in einer Abordnung der Bürgermiliz durch München reiten und den vormaligen Kurfürsten Maximilian IV. Joseph zum König von Bayern ausrufen. Die Proklamation, die der Herold den Bürgern durch Vorlesen bekannt gab, hatte folgenden Wortlaut:

»Da durch die Vorsehung Gottes es dahin gediehen ist, dass das Ansehen und die Würde des Herrschers in Baiern seinen alten Glanz und seine vorige Höhe zur Wohlfahrt des Volkes, und zum Flor des Landes wieder erreicht, so wird der Allerdurchlauchtigste und Großmächtigste Fürst und Herr, Herr Maximilian Joseph, als König von Baiern, und allen dazu gehörigen Ländern hiermit feyerlich ausgerufen, und dieses seinen Völkern allenthalben kund und zu wissen gemacht.

Lange und glücklich lebe Maximilian Joseph, unser allergnädigster König! Lange und glücklich lebe Karoline, unsere allergnädigste Königin!«

Bayern war zum Königreich und Maximilian Joseph zum ersten König erhoben worden. Die Preußenkönige bezeichneten Maximilian I. Joseph als »König von Napoleons Gnaden« und auch der spätere deutsche Kaiser Wilhelm II. sprach stets von Bayern als dem »Königreich von Napoleons Gnaden«. Nicht ganz zu Unrecht, wie die Geschichte zeigt.

Am 12. Februar 1799 traf den damaligen Kurfürst Karl IV. Theodor mitten im Kartenspiel der Schlag und er lag einige Tage zwischen Leben und Tod. Der bayerische Geschichtsschreiber Lorenz von Westenrieder schrieb hierzu: »Das Volk könne aus Angst, dass es (ihm) wieder besser gehen könnte, nicht essen, nicht schlafen und nicht denken.« Als dann am 16. Februar 1799 die Todesglocken läuteten, jubelten die Münchner.

Maximilian Joseph wurde nach dem Tod des Kurfürsten Karl Theodor, seines Onkels, neuer Kurfürst von Pfalz-Bayern. Er hatte ein schwieriges Erbe angetreten. Außenpolitisch war damals die Selbstständigkeit des Staates gefährdet und zwar durch das revolutionäre Frankreich ebenso wie durch das verbündete Österreich. Innenpolitisch drohte der finanzielle Bankrott. Das Heer war nur bedingt einsatzfähig und die Beamtenschaft im Lande war korrupt und schlecht ausgebildet. Aber der neue Kurfürst hatte im Vergleich mit seinem tyrannischen Vorgänger einen herausragenden Vorteil: Er war bei der Bevölkerung besonders beliebt. Als er am 12. März 1799 mit seiner Familie in München Einzug hielt, wurde ihm durch die Bevölkerung ein feierlicher Empfang bereitet. Und beliebt blieb er während seiner gesamten Regentschaft als Kurfürst und später als König von Bayern.

Bereits 1799 begann Max Joseph durch eine systematische Toleranzpolitik Bayern zu reformieren. Ihm zur Seite stand der bayerische hochbegabte Staatsmann Maximilian Joseph Freiherr von Montgelas. Der 1759 in München geborene Montgelas trat 1785 in die Dienste des späteren bayerischen Königs Maximilian I. Joseph ein und schon 1796 entwickelte er ein umfassendes, vom Gedankengut der Aufklärung geprägtes Reformprogramm für Bayern. Als Maximilian Joseph in München einzog, war Montgelas zunächst Geheimer Staats- und Konferenzminister, dann war er für die bayerische Innen- und Außenpolitik und später auch noch zeitweise für die Finanz- und Kulturpolitik zuständig; er war ein nahezu allmächtiger Minister geworden und bestimmte bis 1817 die bayerische Politik.

Es würde natürlich hier zu weit führen, alle vom früheren Kurfürsten und späteren König Maximilian Joseph eingeleiteten und durchgeführten Reformmaßnahmen erschöpfend darzustellen, der Verfasser will aber im Rahmen eines Zeitfensters, das die Regierungszeit von Maximilian Joseph umfasst, die wirklich einschneidenden Ereignisse darstellen.

Eines der Hauptprobleme war die Beamtenschaft. Durch die Feudalherrschaft hatte der Adel das Monopol auf nahezu alle hohen und höchsten Ämter im Staate. Deshalb entwarf Montgelas schon im ersten Regierungsjahr ein Berufsmuster für Beamte und ein Ausbildungsprofil; er schuf das Berufsbeamtentum. Alle durch den Stand bedingten Vorrechte auf ein Amt wurden beseitigt und nur wer seine Befähigung durch Prüfungen nachweisen konnte, bekam ein Amt. Seit 1805 hatte Bayern dann ein modernes Staatsbeamtengesetz, die »Staatsdienerpragmatik«. Eine Verwaltungsreform schaffte eine wirkungsvolle Staatsverwaltung. Es gab nun eine Zentralregierung mit Fachministern. Mittelbehörden verwalteten die 13 bayerischen Kreise und die Kommunen wurden fest an den Staat gebunden.

Ein wichtiger Schritt im Rahmen der Reformen war die so genannte »Bauernbefreiung«. 1802 wurden die Bauern auf den landesherrlichen Domänengütern freie Grundeigentümer und nach diesem Beispiel erlangten auch die anderen Bauerngruppen bald dieselben Rechte. Die Verfassung des Königreichs Bayern vom 1. Mai 1808 hob dann durch § 3 die Leibeigenschaft vollständig auf. An Weihnachten 1802 war es für die Kinder in Bayern Gewissheit, sie mussten alle in die Schule. Die Schulpflichtverordnung vom 23. Dezember 1802 legte fest, dass die Kinder vom sechsten bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr das ganze Jahr hindurch die Schule besuchen mussten. Das Schulgeld betrug je Kind zwei Kreuzer in der Woche. Nach der Grundschule kam die Sonntagsschule für die Kinder vom dreizehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr. In der Sonntagsschule erhielten die Kinder Unterricht in Sachen Katechismus und Grundwissen. Die Schulaufsicht wurde von den örtlichen Pfarrern ausgeübt. Durch die Einführung der Schulpflicht wurde das Schulwesen zu einer Angelegenheit des Staates. Vorher sorgten überwiegend kirchliche Einrichtungen mehr oder weniger für die Schulbildung der Kinder.

Bereits 1800 erließ der Kurfürst ein Dekret, das auch Nichtkatholiken die Niederlassung in Bayern erlaubte. Ausschlaggebend hierfür war wohl, dass die Kurfürstin protestantisch war und ihren eigenen Geistlichen mitbrachte, um den sich die erste evangelische Gemeinde Münchens gebildet hatte. Der Weinwirt Johann Balthasar Michel erhielt am 30. Juli 1801 als erster Protestant das Münchner Bürgerrecht. Am 19. Januar 1803 trat dann durch das Toleranzedikt die allgemeine Religionsfreiheit in Kraft mit der Folge, dass Katholiken, Lutheraner und Reformierte als gleichberechtigte Bürger anerkannt wurden. Nur die Juden mussten noch bis 1813 auf ihre Religionsfreiheit warten. Als Kurfürst Karl Theodor 1799 starb, war der bayerische Staat hochverschuldet; er war, wie schon erwähnt, nahezu bankrott. Um die Staatsfinanzen zu bereinigen, griff Kurfürst Maximilian IV. Joseph nach den Möglichkeiten einer Säkularisation, also zur Enteignung von Kirchengut für weltliche Interessen. Von dieser »bayerischen Kulturrevolution« waren 131 Klosterniederlassungen betroffen, darunter auch das Kapuzinerkloster in Traunstein. Rechtsgrundlage für diese Enteignungen waren die Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von Regensburg vom 25. März 1803. Durch diesen Vertrag stellte man die Klöster zur Disposition der Landesherren. Eine Maßnahme mit Tradition, denn schon 1782 hob Kaiser Joseph II. in den österreichischen Ländern über 700 Klöster auf und 1789 wandelte die französische Nationalversammlung den gesamten französischen Kirchenbesitz in Nationaleigentum um.

1805 bildete sich die dritte Koalition gegen Frankreich. Diese Koalition bestand aus den Staaten Österreich, Großbritannien, Russland und Schweden. Bayern war halbwegs neutral, aber der dritte Koalitionskrieg war nicht mehr zu vermeiden und so musste sich Bayern doch für eine der beiden Seiten, Österreich oder Frankreich, entscheiden. Österreich wollte im Grunde eine Annexion Bayerns erreichen und Frankreich war an Bayern als starkem Pufferstaat zwischen Frankreich und Österreich und natürlich auch an der großen Zahl bayerischer Soldaten interessiert. Die Entscheidung fiel am 25. August 1805 während einer stürmischen Konferenz in Bogenhausen und zwar in der Sommervilla von Montgelas. Es wurde ein streng geheimer Bündnisvertrag zwischen Bayern und Frankreich geschlossen. Durch diesen Vertrag garantierte der französische Kaiser Napoleon I. den Besitzstand Bayerns und versprach auch, sich für eine Gebietsvergrößerung einzusetzen.

Am 8. September 1805 marschierten österreichische Truppen in Bayern ein und am 23. September erklärte Kaiser Napoleon I. Österreich den Krieg; der dritte Koalitionskrieg hatte begonnen. Bei der Schlacht um Ulm, die vom 25. September bis 20. Oktober ausgetragen wurde, besiegten die Franzosen rund 70 000 Österreicher und schon vier Tage später befreiten französische Truppen die von Österreichern besetzte Stadt München. Unter Mitwirkung bayerischer Truppen besiegten die Franzosen am 2. Dezember 1805 in der Schlacht bei Austerlitz die vereinigte russische und österreichische Armee. Diese Schlacht, die in die Geschichte als »Dreikaiserschlacht« einging, führte zum Frieden von Pressburg. Im bayrisch-französischen Vertrag von Brünn vom 10. Dezember 1805 belohnte Napoleon I. Bayern großzügig. Die Reichsstädte Augsburg und Lindau, die Markgrafschaften Burgau und Ansbach, die Hochstifte Eichstätt und Passau und auch Tirol und Vorarlberg wurden Bayern zugesprochen. Außerdem wurde das Kurfürstentum Bayern zum Königreich erhoben. Als weitere Gegenleistung musste Bayern 30 000 Soldaten einem deutsch-französischen Militärbündnis, dem Rhein-Bund, zur Verfügung stellen. Diesem von Napoleon I. geschaffenen Rhein-Bund traten insgesamt 16 deutsche Staaten bei. Die Regierungen dieser 16 Staaten erklärten ihren Austritt aus dem »Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation« und beendeten so eine 1000-jährige Reichsgeschichte. Der Regensburger Reichstag löste sich auf und Kaiser Franz II. legte die deutsche Kaiserkrone nieder.

Der Kriegszustand war beendet und das Leben in Bayern normalisierte sich wieder. König Maximilian I. Joseph konnte in engster Zusammenarbeit mit seinem Minister von Montgelas die bereits erfolgreich eingeleiteten Reformen fortsetzen.

Ein besonderes Anliegen von Montgelas war ein modernes Strafrecht. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war die Tortur, also die Leibesstrafe, nicht nur in Bayern fester Bestandteil des Strafrechts. Strafen dieser Art waren zum Beispiel das Töten durch Erhängen, Köpfen, Erdrosseln, Verbrennen, Ertränken und Vierteilen. Zu den Todesstrafen kamen noch die Verstümmelungsstrafen wie Zungenabschneiden, Handabhauen, Ohrenabschneiden und so weiter.

Maximilian I. Joseph war ein Gegner dieser Leibesstrafen. Er beauftragte den deutschen Rechtsgelehrten Paul Johann Anselm von Feuerbach, die Strafrechtslehre zu reformieren und bereits 1806 legte Feuerbach seinen Entwurf zur Abschaffung der Folter vor mit der Folge, dass diese schauerlichen Strafen tatsächlich schon in den Jahren 1806 bis 1808 abgeschafft wurden. Feuerbach erarbeitete dann ein neues Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern, das der König am 16. Mai 1813 genehmigte und das am 1. Oktober 1813 in Kraft trat. Die Strafen nach dem neuen Strafrecht waren wesentlich humaner. Von den Leibesstrafen blieb nur die Prügelstrafe, die Verstümmelungsstrafen wurden ganz abgeschafft und als Todesstrafe wurde nur noch die Enthauptung vollzogen. Das neue Strafgesetzbuch schränkte den Ermessensspielraum der Richter stark ein, diese waren nun streng an das Gesetz gebunden und ein Grundsatz war: Keine Strafe ohne Gesetz.

Etwa gleichzeitig mit der Neugestaltung des Strafrechts erfolgte auch eine Reform des Polizeiwesens. Eine Allerhöchste Verordnung vom 24. März 1802 über die Einrichtung von Landgerichten legte fest, dass für jedes Landgericht ein Gerichtsdiener mit einer hinreichenden Anzahl von Knechten anzustellen sei. Aufgaben des Gerichtsdieners waren die Verhaftung, Anzeige, Verwahrung und der Transport von Übeltätern. Er musste auch die ausgesprochenen Strafen vollziehen, ausgenommen die Todesstrafe. Zur Herstellung und Erhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit standen auch Teile des Militärs zur Verfügung. Die genannte Verordnung bestimmte in § 11: »Endlich hat der Gerichtsdiener für die Erhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit, wozu wir einen Theil unseres Militärs in alle Landgerichte vertheilet haben, mit zu sorgen, alle Störer derselben als Vaganten, Bettler, dienstloses Gesinde, und andere verdächtige und gefährliche Leute nöthigenfalls mit Hilfe der Unterthanen und der Cordonsmannschaft zu Gericht zu liefern, und die gerichtlichen Aufträge an ihnen zu vollziehen (...)«. Diese Aufgaben für das Militär gingen dann ab 1807 auf das inzwischen aufgestellte Bürgermilitär, die spätere Landwehr, über.

Ab 1. Januar 1813 gab es in Bayern die Gendarmerie. Die Gendarmen trugen Uniformen, die denen der Armee angeglichen waren. Die Bewaffnung der berittenen Gendarmen bestand aus einem Karabiner, zwei Pistolen und einem Säbel, die anderen hatten einen Säbel und eine Muskete mit Bajonett.

Als weiterer Schritt zur Aufrechterhaltung der Sicherheit muss die Allerhöchste Verordnung vom 17. Mai 1818 gesehen werden. Sie war Anlass dafür, dass in allen Städten und Märkten der Magistrat lokale Polizeistellen einzurichten und teilweise auch zu unterhalten hatte.

AS


Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 1/2006



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