Jahrgang 2021 Nummer 5

Von Lichterstöckl, Wachsziehern und Zeltenblöcken

Der Lehrer Strobl erinnerte noch 1977 kenntnisreich an altes Lichtmess-Brauchtum

Hufeisenförmige Wachsstöckl als Glücksbringer schenkte früher am Lichtmesstag der Knecht einer seiner bevorzugten Dirndln, namentlich dann, wenn dieses an diesem Tag den Hof verließ.
Die rosa Einfärbung dieses Wachsstöckls in Buchform mit dem Andachtsbild der heiligen Barbara deutet auf die starke Zuneigung des Schenkenden zur Beschenkten, die vielleicht Barbara hieß.
Wie dieser rautenförmige Wachsstock (mit aufgeklebter Schutzengel-Oblate) waren viele Objekte dieser Art in Pappkartons mit Spitzenpapier verpackt. (Fotos: Hans Gärtner)

Der Mühldorfer Wachsmarkt – es wird in der oberbayerischen Kreisstadt am Inn wohl niemanden mehr geben, der sich an ihn noch erinnert. Mit Traunstein, Wasserburg, Eggenfelden und Pfarrkirchen soll er einmal zu den größten seiner Art in Südbayern gehört haben. Die in oder um Mühldorf am Inn kunsthandwerklich tätigen Wachszieher »der weiten Umgebung« haben früher, wie der Volksschullehrer Lorenz Strobl (1894 bis 1958) berichtet, die gut besuchten Wachsmärkte beschickt.

Die fast vergessene Zunft der Wachszieher – erst vor ein paar Wochen machte der Pfaffenhofener Hans Hipp auf sein traditionsreiches Geschäft in dem Prachtband »Wachs zwischen Himmel und Erde« aus dem Münchner HirmerVerlag auf sie aufmerksam – hatte sich mit den Bäuerinnen gut stellen müssen. Diese nämlich sollen es vor allem gewesen sein, die »um Sebastiani herum … das von den Bienen gewonnene Wachs in 'Pfadln' (Fladen oder Scheiben) zum Wachszieher« gebracht haben, um »dafür gebleichtes Wachs, Lichterstöckl und Kerzen« einzutauschen.

Sogenannte Lichterstöckl aus Bienenwachs gehörten einst in jeden Haushalt, selbst in den wohlhabendsten – denn auch ein solcher verfügte im 19. Jahrhundert oft weder über Petroleum noch über Elektrizität. Er war »auf den Kienspan und die trüben, rauchenden Rapsölfunzeln angewiesen«. Und so zählten keineswegs nur arme Leut` zu den Kundinnen und Kunden einer Wachszieherei, die meistens zugleich Lebzelterei war, also selbst produzierte Lebkuchen und Met verkaufte.

Im Band XIX der »Blätter zur Geschichte des Inn- und Isengaues« (»Das Mühlrad«) ließ der Schriftleiter Hans Gollwitzer den »Volksschriftsteller« Lorenz Strobl in einem kurzen Beitrag zu Wort kommen. Er handelt »von Wachsziehern und Lebzeltern«. Wie so oft in seinen beliebten bayerischen Brauchtums-»Geschichten« wollte sich der schriftstellerisch erfolgreich arbeitende Mühldorfer Volksschullehrer auch in dieser Skizze nicht örtlich festlegen. Er bezog sein Wissen aus der Gegend, in der er tätig war. Auf das im Altbayerischen begangene Fest Mariä Lichtmess ging er ganz allgemein ein.

Strobl berichtet, dass der Bauer an diesem Tag oft »seiner Bäuerin einen Lichterstock mit einem aufgeklebten Marienbild, das von einem Goldreifen umsäumelt war«, geschenkt hat. Der Knecht machte es dem Bauern einem seiner Dirndl gegenüber nach, um es »für das Aufbetten unterm Jahr« zu entschädigen. Wenn es den Hof an Lichtmess verließ und zu einem anderen Brotgeber wechselte, gab er ihm einen Wachsstock in Hufeisenform als Glücksbringer mit.

Wer heute einen Flohmarkt besucht und sich nach brauchtümlichen Wachs-Arbeiten aus alter Zeit umschaut, kann noch einen Fang machen. Es glückt ihm vielleicht, auf bunte gedrehte Wachsstöcke zu stoßen, in Buch- oder Knäuelform. Wenn er Glück hat, kriegt er gar einen der besonders bei reichen Bauern und Bürgern beliebten Bildnis-Wachsstock zu bekommen, schön eingepackt in einen Karton und in ein Papierspitzendeckchen gelegt. Kann sein, dass diese raren Objekte aus dem Fundus einer Wachszieherei stammen, wo es, wie Lorenz Stobl wusste, »wächserne Körbchen mit hauchzarten Wachsblumen und gold- und silberverzierte Schmuck- und Geschenkkerzen zu kaufen gab«.

Die Bauernjahrmärkte, auf denen auch die Lebzelter und Wachszieher ihren Stand hatten, sind längst Geschichte. Strobl kann noch von Holzstöcken mit Beil neben dem Marktstand reden, auf denen ein »großer Zelten« lag: »Gegen ein Entgelt konnte man mit dem Beil auf denselben einschlagen. Wurde der Zelten genau in der Mitte geteilt, fiel er dem Schlagenden zu. Im andern Falle war das Einsatzgeld verloren. In der Hauptsache häufelten sich die Burschen um den 'Zeltenblock', die für ihre Dirndln den Preis gewinnen wollten«. Und Strobl erwähnt am Ende seines Aufsatzes den Wachszieher, Lebzelter und Konditor Blumschein von Neumarkt-St. Veit, der von 1977 an gerechnet etliche Jahre zuvor »das 225-jährige Geschäftsjubiläum begehen« konnte.

 

Hans Gärtner

 

5/2021