Jahrgang 2012 Nummer 39

Torfabbau in Bayern

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts baute man Torf ab, um ihn als preiswertes Brennmaterial zu verwenden

Hochmoore sind für das Klima überaus wichtig und müssen deshalb auf jeden Fall erhalten werden.
Im »Bayerischen Moor- und Torfmuseum Rottau« gibt es eine originale Feldbahn
Im Museum sind unter anderem Arbeitsgeräte der Torfstecher zu sehen
Eine Nachbildung der berühmten Moorleiche Rosalinde in ihrem Sarg

Im bayerischen Alpenvorland gibt es eine ganze Reihe Moore, die nach der letzten Eiszeit vor rund 12 000 Jahren und dem anschließenden Schmelzen der großen Gletscher entstanden sind. Damals formten die Gletscher, die sich den Weg von den Alpen ins freie Land bahnten, die Landschaft. Nach ihrem Abschmelzen füllten sich die ehemaligen Gletscherbecken zunächst mit Wasser, im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende kam immer mehr Schlamm aus Mineralien und abgestorbenen Pflanzen dazu, die Gewässer verlandeten vom Rand her und es entstanden Moorflächen.

Schon immer wussten die Menschen, dass der getrocknete Torf ein guter Brennstoff ist. Auch in Bayern erkannte man dies und baute ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Torf ab, um ihn als preiswertes Brennmaterial zu verwenden. Das wertvollere Holz wurde damals in erster Linie für die Salinen benötigt. Besonders große Not an Brennmaterial herrschte nach dem Ersten Weltkrieg, weswegen nach dem Erlass des Bayerischen Torfwirtschaftsgesetzes im Februar 1920 vor allem auf staatseigenen Flächen große Torfwerke entstanden. Daneben gab es den Handtorfstich der Bauern, die den Torf zur Stalleinstreu verwendeten, und schließlich kam in den 1970er Jahren der großflächige Abbau zur Gewinnung von Gartentorf hinzu. Dieser großflächige Torfabbau zerstörte jedoch die Hochmoore, die in Jahrtausenden angewachsen waren, nachhaltig. Ab Ende der 1980er Jahre war daher der Torfabbau auf staatseigenen Gebieten nicht mehr zulässig und die industrielle Nutzung der Moore war Geschichte.

Längst weiß man heute, dass Hochmoore für das Klima überaus wichtig sind und deshalb auf jeden Fall erhalten werden müssen. Sie sind in der Lage, große Niederschlagsmengen zu speichern und danach langsam wieder abzugeben. Naturnahe Moore speichern nicht nur Kohlendioxid, sondern setzen auch klimawirksames Methan frei. Durch eine gezielte Renaturierung der bayerischen Moore können bis zu fünf Millionen Tonnen KohlendioxidÄquivalente jährlich eingespart werden. Ein intaktes Moor ist Lebensraum für seltene, hoch spezialisierte Arten. In einem renaturierten Moor kann auch wieder Torf nachwachsen, was allerdings lange Zeit dauert, da in einem Jahr lediglich ein Millimeter davon aufgebaut wird. Eine Wiederbewässerung der Gebiete wird daher seit einiger Zeit verstärkt vorgenommen. Die Moore sind zudem die Heimat zahlreicher Tierarten, die sich hier wohlfühlen, und verschiedenster Pflanzen, die den speziellen, sauren Boden des Moores lieben.

Torfabbau war Knochenarbeit

Der Torfabbau war im vorigen Jahrhundert eine schwere, anstrengende Arbeit. Teils wurden dazu Strafgefangene herangezogen wie beispielsweise in der Kendlmühlfilze bei Rottau, in der Gefangene der Strafanstalt Bernau arbeiten mussten. Zunächst wurden große Teile des Hochmoores entwässert, es mussten Gräben gezogen und für den Transport des Torfes Feldbahnstrecken angelegt werden. Mit speziellen Torfmessern wurden rechteckige Torfstücke ausgestochen, indem der Torf horizontal und vertikal zerteilt wurde. Wogen die Torfstücke frisch noch um die drei Kilogramm, so waren sie später nach dem Trocknen um ein Vielfaches leichter. Rund 1000 Stück Torf stachen die Männer in den Mooren in den besten Zeiten. Auf Wagen, die von einer Feldbahn gezogen wurden, transportierten sie den Torf aus dem Moor. Meist waren es dann Frauen, die die Stücke aufstapelten, damit sie an der Luft gut trocknen konnten. Mehrmals mussten sie gewendet werden, ehe sie nach rund sechs Wochen trocken genug waren, um verbrannt werden zu können.

Als einzig brauchbares Transportmittel im Moor stellte sich die Feldbahn heraus. Gezogen wurden ihre Wagen zunächst von kleinen Dampfloks, später von Dieselloks. Der Torf wurde auf Transportwagen geladen, die entweder mit einer Kippvorrichtung oder mit seitlich zu öffnenden Wänden versehen waren.

Moor- und Torfmuseum Rottau

Viel Information rund um den Torfabbau und eine Führung inklusive Fahrt mit der original Feldbahn gibt es beispielsweise im »Bayerischen Moorund Torfmuseum Rottau« in der Trägerschaft des Museumsvereins Torfbahnhof- Rottau e.V. Der Verein arbeitet gemeinnützig und ehrenamtlich, unterhält die Gebäude und Gleisanlagen des Torfbahnhofes Rottau, erforscht die Entstehungsgeschichte der bayerischen Moore und ihre Bedeutung für die einstige Torfwirtschaft und sammelt die damit verbundenen Objekte und stellt sie aus.

Der Vorsitzende des Vereins Claus-Dieter Hotz wird nicht müde, den vielen Besuchern stets aufs Neue die Geschichte des Torfbahnhofs und des Torfabbaus zu erzählen. Am Torfbahnhof Rottau wurde der Betrieb 1988 eingestellt. Der alte Torfbahnhof direkt neben der Eisenbahnlinie von Salzburg nach München ist das größte Exponat des Museums. Er ist 44 Meter lang und 17 Meter hoch und beinhaltet noch eine alte Torfballenpresse. Im Ausstellungsraum des Museums sind unter anderem Arbeitsgeräte der Torfstecher zu sehen und Teile eines prähistorischen Bohlenweges, den man in der Rottauer Filze fand. Außerdem liegt dort in ihrem Sarg eine Nachbildung der berühmten Moorleiche Rosalinde.

Die an den Torfbahnhof angrenzenden Hochmoore Kendlmühlfilzen und Rottauer Filzen sind seit über zehn Jahren als Naturschutzgebiete ausgewiesen und sehr beliebte Naherholungsgebiete für Einheimische und Gäste. Verschiedene gepflegte Wanderwege führen durch das Moor, darunter auch ein Moorlehrpfad, bei dem an Schautafeln entlang des Weges Informationen über Flora und Fauna des Moores nachzulesen sind. Von einer Aussichtsplattform am sogenannten »Ewigkeitsweg« durch das Moor hat man einen weiten Blick über die Moorlandschaft. Von Rottau aus kann man über den Moorlehrpfad gehen oder an einer Kneipp-Anlage vorbei in Richtung Torfbahnhof. Einen Fuß- und Radweg gibt es von Bernau aus und eine schöne Wanderung führt vom Westerbuchberg bei Übersee herab ins Moor hinein. Bei allen Wanderungen können die Besucher die Stille im Moor genießen, auf den weichen, moosigen Böden marschieren und immer wieder den herrlichen Blick auf die dahinter liegenden Berge genießen.

Die Moorleiche Rosalinde

Durch den Torfabbau kamen auch Dinge zum Vorschein, die eigentlich für immer und ewig im Moor verschwinden hätten sollen. So stieß ein Bagger 1957 im Hochmoor »Schwarzer Laich« bei Peiting auf einen Sarg. Darin lag eine bekleidete junge Frau mit nagelneuen Stiefeln. Sie wurde als Moorleiche Rosalinde bekannt. Untersuchungen ergaben, dass die Tote wohl um 1400 im Moor versenkt worden sein muss. Eine genaue Todesursache ließ sich nicht ermitteln, allerdings muss die Frau kurz vor ihrem Tod ein Kind geboren haben. Aus dieser Tatsache heraus entstand die Theorie des Gerichtsmediziners Dr. Alfred Dieck aus dem Jahre 1973, sie könne im Kindbett gestorben sein. Da Frauen damals nach der Geburt eines Kindes sechs Wochen lang als unrein und unheilig angesehen wurden, konnte sie nicht auf dem Friedhof bestattet werden, was für ein Versenken des Sarges im Moor spräche. Auch sei es damals durchaus üblich gewesen, dass die Frauen aus Anstandsgründen in voller Bekleidung gebaren. Ungewöhnlich sind nur die neuen Stiefel. Auch dafür fand der Gerichtsmediziner eine Erklärung: nach mittelalterlicher Vorstellung gab es für eine tote Wöchnerin nämlich ein Weiterleben nach dem Tode, das sie ständig wandern ließ. So nahm man auch an, die Verstorbene kontrolliere noch sechs Wochen lang die Versorgung ihres Kindes und musste dafür mit neuen Schuhen ausgestattet werden, damit man ihre schlurfenden Schritte nicht hören konnte.

Das Bayerische Moor- und Torfmuseum ist mit dem Auto am besten von Rottau aus zu erreichen, der Weg von der Ortsmitte aus ist gut beschildert. Geführte Besichtigungen mit Feldbahnfahrt gibt es von Mitte April bis Anfang November jeden Samstag um 14 und 16 Uhr. Sonderführungen ab zehn Personen sind jederzeit möglich, müssen jedoch vorher angemeldet werden unter Telefon 08641-2126.

Ausführliche Informationen über das Museum findet man im Internet unter www.torfbahnhof-rottau.de.


Pia Mix

 


39/2012