Jahrgang 2005 Nummer 36

Nördlich der Stadt am Ufer der Traun

Vom Viadukt nach Klobenstein – Ein Spaziergang der sich lohnt

Der Viadukt etwa 1930.

Der Viadukt etwa 1930.
Die neue Augenkapelle an der Empfinger Leiten

Die neue Augenkapelle an der Empfinger Leiten
Die Marienkapellen von Klobenstein.

Die Marienkapellen von Klobenstein.
Durch diesen Beitrag will der Verfasser den seiner Meinung nach weit und breit schönsten Spazierweg vorstellen und das nicht nur wegen der herrlichen Natur mit ihrer reichen Fauna und Flora rundum, sondern auch wegen der interessanten Baudenkmäler am Wege.

Beginnen wir mit dem Viadukt als dem ersten Baudenkmal an der beschriebenen Strecke. Viele Standorte in Traunstein und im näheren Umfeld geben den Blick frei auf die Eisenbahnbrücke über die Traun, genannt »Viadukt«, das beeindruckende Wahrzeichen unserer Stadt. Seit etwa 1854 plante man den Bau einer Eisenbahnlinie von München nach Salzburg und im Januar 1858 konnte im Bereich der königlichen Eisenbahnsektion Traunstein mit dem Bau begonnen werden. Dafür standen Hunderte von Arbeitern zur Verfügung. Die Arbeiten gestalteten sich schwierig. Es gab zehn Tote und viele Verletzte. Allein in einem Jahr mussten sich 804 Eisenbahnarbeiter im Krankenhaus Traunstein stationär behandeln lassen. Erwähnenswert ist, dass die Eisenbahnbrücke auf trockenem Boden, etwa 100 Meter östlich des damaligen Flussbettes der Traun gebaut wurde. Später leitete man dann die Traun so um, dass sie unter der neuen Brücke durchfloss. Die Brücke ist ein Bruchsteinmauerwerk aus Nagelfluh. Die Hohlräume der Gewölbebogen enthalten Schlackenbeton. Insgesamt wurden 9500 Kubikmeter Nagelfluhmaterial verbaut. Aber auch Grauwacke fand Verwendung.

Nach einer Bauzeit von nur 17 Monaten konnte am 23. Juli 1859 in feierlicher Weise der Schlussstein in die 105 Meter lange und rund 25 Meter hohe Eisenbahnbrücke eingesetzt werden. Dann erfolgte die Aufschüttung der riesigen Zufahrtsdämme. Am 16. Juli 1860 war die erste Probefahrt und am 12. August 1860 erfolgte die feierliche Einweihung der Bahnstrecke München – Salzburg durch den »Königszug« mit König Max II. von Bayern und Kaiser Franz Josef von Österreich.

Nun wenden Sie sich dem Spazierweg zu. Sie gehen vom Viadukt aus auf dem Weg zwischen der Traun und dem Mühlbach flussabwärts. Übrigens wurde dieser Weg als Verbindung zwischen der Stadt und dem damaligen Wildbad Empfing bereits 1547 angelegt. Wenn Sie Glück haben, dann sehen Sie nach etwa 50 Metern am rechten Traunufer den »Prachtkerl«, einen prächtigen Fischreiher, der an seinem Dauerstandplatz nach Beute Ausschau hält. Er stammt aus einer Kolonie nahe der Panzerfurt, die etwa 40 Reiher umfasst. Der Weg führt nun, durch viele hohe Bäume weitgehend beschattet, in Richtung Empfing. Rechts neben Ihnen fließt die Traun in ihrem schön anzuschauenden Flussbett. In der Regel führt sie klares, grünes Gebirgswasser und die Vorstellung fällt schwer, dass dieses Gewässer bei starken Regenfällen oder bei der Schneeschmelze zu einem tosenden Wildwasser wird, das Brücken zerstören und weite Bereiche überfluten kann. Nach etwa zehn Minuten überschreiten Sie an der Mündung des Mühlbaches in die Traun eine kleine Brücke und nun haben Sie links die hoch aufragende Empfinger Leiten und rechts die Traun. Diese Empfinger Leiten mit ihren Felsformationen und Höhlen ist oder zumindest war Lebensraum für Dachse. Dem Verfasser kugelte vor längerer Zeit ein junger Dachs, der am steilen Hang den Halt verloren hatte, direkt vor die Füße. Wenn Sie weitergehen, sehen Sie unmittelbar neben dem Weg die kleine Augenkapelle. Die ursprüngliche Augenkapelle war bereits 1792 in einen geometrischen Grundriss eingezeichnet und einer Beschreibung der Pfarrei Haslach von 1842 kann man entnehmen: »Die Kapelle am Weg entlang dem Bad Empfing steht undenkliche Zeiten, wurde in Anno 1826 renoviert, befindet sich darin ein geschnitztes Kruzifix aus dessen Seiten (...) eine Wasserquelle herausfließt, welches den nämlichen Mineralgehalt besitzt, wie das Heilbadewasser in Empfing. Neben dem Kruzifix stehen Marie und Johannes vom Holz geschnitzt in der Mitte ein steinerner Wasserbehälter, wo die Leute das Wasser als Augenwasser gebrauchen (...)«. Nach einem Gutachten von 1584 soll das Quellwasser große Heilwirkung haben und hilft zum Beispiel gegen rinnende Augen, Gicht, Verstopfung, Sterilität, Lähmungen und sogar gegen ein »blödes Gesicht«. Da die Kapelle im Laufe der Zeit immer baufälliger wurde, ließ sie der Empfinger Unternehmer Alfred Loch in anerkennenswerter Weise auf seine Kosten restaurieren.

In der Nacht vom 2. auf den 3.Juni 1999 tobte bei uns ein orkanartiger Sturm und richtete große Schäden an. An der Empfinger Leiten löste sich eine großflächige Mure und eine riesige Buche stürzte vom oberen Leitenrand hinab in die Traun. Dabei wurde die Kapelle, die bis dahin die Unbilden von Jahrhunderten überstand und unzähligen Menschen Freude, Trost und Hoffnung gespendet hatte, bis auf die Grundmauern zerstört. Dem Stadtrat und vor allem Herrn Oberbürgermeister Fritz Stahl ist es zu verdanken, dass die Kapelle im ursprünglichen Zustand wieder aufgebaut werden konnte. Der Gartenbauverein spendete das Kruzifix und die beiden Figuren von Maria und Johannes. Am 15.Juni 2000 konnte die schöne neue Kapelle geweiht werden.

Sie gehen nun unmittelbar an der Traun weiter und dabei sollten Sie auf das linke Traunufer unter Ihnen achten, denn dort schwimmen häufig Wildenten in großer Zahl.

Nach kurzer Zeit sehen Sie links unmittelbar am Wege das bereits 1547 erstmals erwähnte Wildbad Empfing. Es handelte sich hier um eine weithin bekannte städtische Badeanstalt mit ursprünglich mehreren Gebäuden. Die Tatsache, dass 1584 schon 74 Badewannen zur Verfügung standen und dass zum Beispiel 1588 insgesamt 2380 Bäder verabreicht wurden, lässt die Bedeutung der Badeanstalt erahnen. Grundlage für den Badebetrieb waren die Empfinger Mineralquellen. Die vielseitige Heilwirkung dieser Quellen bestätigte bereits 1584 ein ausführliches Gutachten der Leibärzte von Herzog Wilhelm V. Der Herzog hatte die Heilkraft des Wassers auch selbst erprobt. Die Heilquellen durften daraufhin die Bezeichnung »Herzog-Wilhelm-Brunnen« führen. 1809 verkaufte die Stadt Traunstein das Wildbad Empfing und der spätere Eigentümer Johann Seywald erbaute 1850 ein neues Badehaus und Stallungen. Es entstand eine private Kuranstalt, die 54 Personen beherbergen und medizinisch versorgen konnte. Diese vornehme Kuranstalt war berühmt und wurde von vielen hochgestellten Patienten, die teilweise mit ihrer Dienerschaft anreisten, besucht. 1918 errichtete Seywald auch noch eine Abfüllanlage für den Versand von Mineralwasser in Verbindung mit einer Limonadenfabrik.

1921 verkaufte Seywald die private Kuranstalt an die Reichsbahn und es entstand ein Erholungsheim für Bahnbeamte. 1965 ging der gesamte Besitz wieder auf die Stadt Traunstein über und diese verkaufte dann das Hauptgebäude 1977 an den Fabrikanten Alfred Loch.

Wenige Schritte weiter an der Straßenkreuzung sehen Sie links ein Eckhaus mit schönen Lüftlmalereien; das Empfinger Gütl. Es handelt sich hier um eines der ältesten Häuser Traunsteins. Die Stadt Traunstein erbaute dieses Haus in den Jahren 1582/1583. Das Bauwerk hat die Jahrhunderte deshalb so gut überstanden, weil es massiv gebaut ist. Dicke Wände, kleine Fenster und ein nach drei Seiten weit vorgezogenes Dach schützen vor Wettereinflüssen. Im Empfinger Gütl wohnten von 1584 bis 1606 Handwerker, dann bis 1819 ausschließlich Bademeister des damals städtischen Wildbades Empfing, von 1820 bis 1947 Landwirte und seither verschiedene andere Eigentümer und Mieter. Soviel zur Geschichte des Wildbades Empfing.

Sie gehen nun weiter durch den Ort, richten sich nach der Beschilderung »Klobenstein« und gehen bei den Schrebergärten den Weg links unten am Steilhang entlang. Bald eröffnet sich Ihnen eine weitgehend naturbelassene Landschaft. Links vom Weg erhebt sich ein urig wirkender Hangwald und rechts liegt ein wunderbares Biotop, eine ehemalige Fischzuchtanlage. Eine wichtige Sache muss hier zu Ihrer Sicherheit erwähnt werden: Der Boden des Biotops ist an manchen Stellen tiefer Sumpf. Der Verfasser denkt noch heute mit Schrecken daran, wie vor einigen Jahrzehnten ein Pferd bis über den Bauch einsank und nur nach stundenlangen Bemühungen wieder gerettet werden konnte. Versuchen Sie also lieber gar nicht, Pfefferminze oder Kresse zu pflücken. Gelegentlich auf oder neben dem Wege liegende Ringelnattern oder auch einmal eine Kreuzotter sollten Ihnen keinen allzu großen Schrecken einjagen. Vielleicht sehen Sie eine der immer noch vorhandenen Bisamratten, wenn diese mit einem großen Bündel Streu im Maul ihrem Bau zustrebt. Auch der Fischreichtum wird Sie überraschen. Das Biotop ist der Lebensraum vieler Wildenten und je nach Jahreszeit sieht man Enten mit bis zu 14 Küken im Schlepp. Es gehört zum Kreislauf der Natur, dass so manches Küken einem Raubvogel oder einem Beute jagenden Fuchs zum Opfer fällt. Aber nicht nur die Fauna, auch die Flora ist beeindruckend. Eine ausführliche Darstellung würde aber zu weit führen. Der Wanderer kann sich ja selbst überzeugen.

Nach dem Biotop kommen Sie nach Klobenstein. Dort liegt, eingebettet zwischen Fluss, felsigem Steilhang und Auwald, der »geklobene Stein«, ein riesiger, in zwei Teile gespaltener Felsblock mit einer schönen Marienkapelle. Die Klobensteiner Kapelle schufen die Traunsteiner Eheleute Josef und Therese Forstmeier bereits 1854. Ähnlich der heutigen Form war die Kapelle wirkungsvoll in den südlichen Teil des Felsens eingebaut und ansprechend ausgestaltet. Durchschritt man die Kapelle, dann konnte man auf einem gewagt wirkenden aber sicher gebauten Steig zu einem kleinen Steg und von dort auf den nördlichen Felsen gelangen. Auf etwas kürzerem Weg können Sie auch heute noch nach oben kommen. Voraussetzung ist, dass Sie einigermaßen trittfest sind. Die Mühe lohnt sich, denn es bietet sich dort ein herrlicher Ausblick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Steilhang, das Trauntal und auf die tief unten vorbeifließende Traun. Der Aussichtspunkt ist mit einem Geländer gesichert, die früher dort aufgestellte Bank ist leider nicht mehr vorhanden. 1968 wurde die Kapelle umfassend restauriert und erhielt auch einen neuen Altar. Bei der Bevölkerung ist die Kapelle beliebt. Wenn die Wetterverhältnisse es erlauben, findet jeweils samstags um 16.00 Uhr ein Rosenkranz statt.

Ebenfalls 1854 erbaute Josef Forstmeier eine Einsiedlerklause. Das Gebäude war aus Holz und hatte die äußere Form einer kleinen Kirche. Sie war hoch oben an die Felswand gebaut; der Zugang erfolgte über eine schmale Treppe. 1934 errichtete Josef Forstmeier unterhalb der alten Klause und zwar unmittelbar am Fuße der Felswand eine neue Klause. Es war wieder eine Holzkonstruktion mit zwei kleinen Räumen im Obergeschoß und einem größeren Raum im Erdgeschoß. Diese Klause bezog noch 1934 der Klausner Hugo Alois Zink und gab ihr den Namen »Aloisius Klause«. Er bewohnte die Klause bis 1937. Die alte und die sogenannte neue Klause wurden 1943/44 abgebrochen. Nur das Fundament der neuen Klause ist noch zu sehen. Soviel zu Klobenstein, dem lohnenden Ziel Ihrer Wanderung.

Wenn Sie gut in Form sind, sollten Sie noch bis zum »Kalten Bründl« wandern. Sie gehen einfach weiter und folgen der Traun. Nach einiger Zeit kommen Sie zur kleinen »Wildaubrücke« und dort folgen Sie dem schmalen Fußweg nach der Brücke rechts. Dieser Weg führt Sie zum nahe gelegenen »Kalten Bründl«. Dort ist eine Quelle in einem Steintrog gefasst. Das absolut reine Wasser ist sehr kalt und Sie können sich gut erfrischen.

Bis Klobenstein gehen Sie auf demselben Weg zurück aber unmittelbar nach Klobenstein führt eine kleine Brücke über den Biotopabfluss und Sie können direkt am Traunufer bis Empfing zurück gehen. Auch dieser Weg lohnt sich, denn er bietet schöne Ausblicke in das Trauntal und auf den Fluss.

Der beschriebene kleine Ausflug eignet sich für jede Jahreszeit und für jede Witterung, denn er bietet immer neue Eindrücke. Im Winter, wenn Schnee liegt, ist allerdings entsprechend geeignete Bekleidung erforderlich, denn der Weg wird nicht geräumt.

AS

Hinweis: Weiterführende Artikel des Verfassers zu diesem Thema finden Sie in den Jahrbüchern 1993, 1994, 1996 und 1999 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein.



36/2005