Jahrgang 2004 Nummer 15

Nach gefährlicher Rückreise glücklich gelandet

Der Schwarzstorch ist jetzt im Chiemgau und Rupertiwinkel eingebürgert

Waldstorch auf Nahrungssuche

Waldstorch auf Nahrungssuche

Schwarzstorch
– Ciconia nigra (Linné)

Schwarzstorch – Ciconia nigra (Linné)
Am 20. März kreiste ein Schwarzstorch hoch über dem Haarmoos bei Leobendorf, während unter ihm die Brachvögel trillerten und Kiebitze mit ihren rasanten Balzflug-Kapriolen imponierten. War dieser äußerst seltene Storch nur ein Durchzüglicher oder gehörte er schon zu unseren Brutvögeln? Denn seit drei Jahren steht endgültig fest, dass er im Rupertiwinkel nistet!

Dieses Brutvorkommen ist eine Sensation. Schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war dieser prachtvolle Großvogel zwischen Traun und Salzach mitunter brutverdächtig. Nachdem er aber ein riesiges Revier von meist über 100 Quadratkilometern und somit einen weiten Aktionsradius beansprucht, in dem er keine konkurrierenden Artgenossen duldet, musste jede gezielte Suche nach seinem immer versteckten Horst erfolglos bleiben. Nur ein Zufall konnte Klarheit schaffen.

Bruten und Brutversuche im 20. Jahrhundert

Wegen rücksichtsloser Verfolgung fehlte der Schwarzstorch oder Waldstorch in Bayern seit 1896 als Nistvogel, erst 1947 wagte ein Paar in der nördlichen Oberpfalz wieder eine Brut, es kam dann dort zu weiteren spärlichen Ansiedlungen. Ein Nistversuch südlich der Donau wurde nicht bekannt. Doch Anzeichen dafür wurden im Alpenvorland immer häufiger und wahrscheinlicher. 1958, 1978 und 1982 könnten jeweils Bruten im Umkreis vom Weitmoos bei Waging gelungen sein. Im Juni 1966, also mitten in der Nistzeit, wurde ein Altvogel bei Fridolfing vom Zug überfahren. 1980 übersommerten oder nisteten Scharzstörche bei Übersee. Zwischen 1990 und 2000 verging kein Jahr ohne widerholte oder zeitweilig zahlreiche Schwarzstorchbeobachtungen im Rupertiwinkel, auch ausgeflogene Jungvögel präsentierten sich mit ihren Eltern ab Ende Juli an verschiedenen Gewässern und sogar auf gemähten Wiesen. Aber ein Nestfund blieb aus und damit auch ein exakter wissenschaftlicher Brutnachweis. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit könnten im letzten Jahrzehnt alljährlich zwei Paare im Rupertiwinkel mit wechselndem Erfolg gebrütet haben. Diese Vermutung wurde erst in den Jahre 2001 und 2003 bestätigt.

Brut im Berchtesgadener Land

Der Schwarzstorch hat als typischer und scheuer Waldvogel besonderre Revieransprüche in Gestalt von altholzbeständen in feuchten Mischwäldern. düstere Voralpenmoore sind dafür geeignet. Anfang Mai 2001 wurde in einem dieser Moorwälder westlich von Laufen ein Horst, 15 Meter hoch auf einer Kiefer, von den Jägern entdeckt. Es war dies der erste Nestfund im Rupertiwinkel. Das Nistmaterial war ziemlich aufgetürmt, so dass eine bereits frühere Benutzung ausser Zweifel stand. Dieser Storch verhielt sich in engerer Nestnähe äusserst heimlich, seine leisen Stimmäußerungen waren nicht hörbar und er konnte so jahrelang unentdeckt bleiben. Diese Brut ist dank der Verschwiegenheit und Vorsicht der Entdecker gelungen, drei Junge haben das Nest verlassen.

Auch 2002 wurde dieser Horst wieder bezogen, doch diesmal blieb ein Bruterfolg infolge eines unglaublich törichten Verhaltens eines über den Horst informierten Forstbeamten aus. Für einen solchen Herrn ist unser einst vielbesungener deutscher Wald anscheinend nur ein Holzindustriegelände, darin lässt man, wenn überhaupt, viel zu wenig uralte Baumriesen stehen, man bringt stattliche Buchen durch so genanntes Ringeln zum Absterben, und es interessiert nicht, ob dadurch Greifvögel, seltenste Eulen, Spechte und deren Höhlennachnutzer wie Hohltaube, Wiedehopf, Blauracke, Siebenschläfer, Fledermäuse sowie sämtliche höhlenbrütenden Kleinvögel an dringend notwendigen Nistmöglichkeiten leiden. Im Frühjahr 2002 wurden jedenfalls absolut unwichtige Aufräumungsarbeiten in direkter Horstnähe vorgenommen und die empfindlichen Schwarzstörche zum Verlassen ihres Geleges gezwungen! Eine derartige Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber dem streng geschützten Schwarzstorch, dieser in exotischem Glanz schillernden Galionsfigur einsamer Wälder, ist unverständlich. Das Nest wurde seitdem nicht mehr bezogen, vielleicht existiert ein Reservehorst.

Weiteres Brutpaar im Landkreis Traunstein

Durch die Beobachtung eines Schwarzstorchs mit zwei wohl eben ausgeflogenen Jungen im August 2001 am Dobelgraben im Süden von Waging war zu vermuten, dass sich ein Horst im engeren Umkreis befinden müsse. Einer dieser Jungstörche verunglückte leider einige Tage später beim Anflug an einen Hochspannungsmasten bei Waging. Auch in den anderen Jahren wurde gerade dieser Mast immer wieder von jugendlichen Schwarzstörchen aufgesucht, was bereits zu Verlusten führte. Nunmehr ist diese tödliche Falle durch die OBAG endgültig entschärft.

Im Sommer 2003 gelang es einem Waldbesitzer, den betreffenden Horst ausfindig zu machen. Am 26. Juli 2003 berichtete das Traunsteiner Tagblatt auführlich über diesen grandiose Entdeckung und überraschte mit gelungenen Fotos! Auch dieser zweite Horst, ebenfalls auf einer Kiefer, ist ziemlich umfangreich, er enthietl vier fast flügge Jungstörche und war bestimmt schon mehrmals besetzt gewesen.

Der Steckbrief des neuen Einwanderers

Der Schwarzstorch ist etwa so groß wie der allgemein bekannte Adebar, der Weißstorch, aber er ist Kulturflüchterund menschenscheu, während der Adebar ein vertrautes Verhältnis zu uns Menschen pflegt, auf Gebäuden nistet und in offener Landschaft lebt. Von der schneeweißen Unterseite abgesehen ist das Waldstorchgefieder zwar tiefschwarz, schimmert jedoch mit einem grünen und violetten Metallglanz – ein dezenter Schmuck. Augenpartie, Schnabel und Ständer sind zur Brutzeit dunkelrot. Im Gegensatz zum Weißstorch ist sein schwarzer Vetter ein typischer Wald- und gelegentlich Felsbrüter, bisweilen in Höhen über 1500 Metern. Auswechselhorste werden in einigen Kilometern Entfernung errichtet, das Nahrungsrevier muss in der Regel viele Deckungsmöglichkeiten bieten, etwa beschattete Waldbäche, Teiche und Tümpel, ungestörte Lichtungen, abgelegene Sümpfe und Moore. Es wird alles dort vorkommende Kleingetier verspeist, Schnecken, Wasserinsekten, Käfer, Fische, Lurche, Froschlaich, Reptilien und Mäuse, nebenbei – vielleicht zur besseren Gewöllebildung – auch pflanzliche Kost. Das Klappern ist vom Schwarzstorch, obwohl er es kann, so gut wie nie zu hören, höchstens dann, wenn er sich am Nest ziemlich ärgern muss. Meist wird vom dritten Lebensjahr ab erstmals gebrütet. Am alljährlich bezogenen Horst wird – wie beim Adebar – ständig weiter gebaut und er kann daher allmählich ein erhebliches Gewicht aufweisen und auch abstürzen. Die Vollgelege bestehen aus drei bis fünf Eiern, kalte Sommer können den Bruterfolg verhindern. Die Jungen nehmen die vom Altstorch herausgewürgte Nahrung von der Nestmulde auf. Nach mehr als zwei Monaten können sie fliegen. Bei Störungen am Nistplatz durch neugierige Menschen reagiert dieser Storch überaus empfindlich. Marder rauben manchmal Eier und Küken.

Arealerweiterung in Richtung Westen

Abgesehen von dem isolierten Brutvorkommen auf der Iberischen Halbinsel ist der Schwarzstorch durch ausgeklügelte Fangmethoden und Abshcuss zum östlichen Teil Mitteleuropas zurückgedrängt worden. Erst seit etwa 60 Jahren versucht er zögerlich, wiederum in ehemals von ihm bewohnte Gebiete vorzudringen und auch Neuland im Westen zu erobern. Dies ist ihm jedenfalls in unseren Voralpenmooren geglückt. Als Beweis für diese Ausbreitungstendenz kann eine Ringfundmeldung der Vogelwarte Radolfzell gewertet werden. Ein vom Norden Tschechiens stammender Schwarzstorch, der in Nähe des Riesengebirges als einer von vier Nestlingen mit einem tschechischen Fußring versehen worden war, verhedderte sich zur Brutzeit im Weitmoos bei Waging an einem Maschendrahtzaun. Bei seiner Entdeckung war er bereits so entkräftet, dass er trotz tierärztlicher Behandlung leider starb. Obwohl erst zweijährig, hatte er ausnahmsweise schon einen Brutfleck und gehörte allem Anschein nach zu dem erst im Jahr 2003 entdeckten Horst, der damit möglicherweie schon 1994 bestand. Durch diesen Ausfall eines Altvogels ist damals die Brut sicher misslungen.

Weltweite Bestandsabnahme

Diese neuerlichen Zuwanderungsversuche sind keineswegs das Resultat eines etwaigen Übervölkerungsdrucks. Denn der Schwarze Storch nimmt weltweit ab. Die Brutbestände in Osteuropa und besonders in Asien sind nicht stabil und rückläufig, denn auf dem Zug nach Indien bzw. Afrika werden rastende Schwarzstörche fast überall stark bejagt. In Russland, Afghanistan, in den riesigen asiatischen Steppengebieten erfolgen planmäßig massiver Fang und Abschuss, und von den Mittelmeerländern und Afrika sind die von Menschen schonungslos verursachten Gefahren allgemein bekannt. Durchgreifende gesetzliche Schutzmaßnahmen sind selten durchzusetzen und stoßen in vielen Staaten auf Interesselosigkeit.

Trotz allem sollte man optimistisch denken und in unseren bayerischen Wäldern, wo Schwarzstörche beobachtet werden, die Montage künstlicher Nistgelegenheiten realisieren. Diese Vögel schätzen in einem geeigneten Umfeld bezugsfertige Horste und werden dadurch zum Verbleib stimuliert. Eine Bereicherung der Nahrungsquellen kann durch die Anlage flacher Kleingewässer in Feuchtgebieten erfolgen. Derartige Versuche haben zum Beispiel in Niedersachsen große Erfolge gezeigt und den dortigen ehemals geringen Brutbestand um ein vielfaches erhöht.

JS


15/2004