Jahrgang 2002 Nummer 34

Fische sind intelligenter als bisher vermutet

Münchner Biologe untersuchte ihr Gedächtnis und ihr Lernvermögen

Drei exotische Fische: Fächerfisch, Gestreifter Marlin und Schwertfisch.

Drei exotische Fische: Fächerfisch, Gestreifter Marlin und Schwertfisch.
Das Ausdrucksverhalten der Fische ist für uns schwer verständlich.

Das Ausdrucksverhalten der Fische ist für uns schwer verständlich.
Der Weißbinden-Korallenfisch lebt im Indischen Ozean.

Der Weißbinden-Korallenfisch lebt im Indischen Ozean.
Das Verhalten der Tiere ist immer wieder einmal für eine Überraschung gut. Obwohl Mensch und Tier schon seit Jahrhunderten nicht nur nebeneinander, sondern vielfach miteinander leben, bleiben uns die Tiere in ihrem Inneren weitgehend fremd. Das gilt auch für die Fische, mit deren Verhalten sich der Münchner Biologe Wolfgang Wickler seit längerem beschäftigt. Das Fazit seiner Forschungen lautet: Fische sind bedeutend klüger, als man bisher glaubte, ihr Intelligenzquotient (IQ) entspricht etwa dem der Primaten, der höchst entwickelten Säugetiere. Sie folgen nicht blindlings ihrem Instinkt, sondern legen äußerst flexible Verhaltensweisen an den Tag.

Wer im Aquarium Fische beobachtet, staunt über die Schönheit ihrer Farben und die Eleganz ihrer Fortbewegung. Aber Anzeichen von besonderer Intelligenz nimmt er auch bei längerer Beobachtung nicht wahr. Kein Wunder, im Aquarium herrscht eine ausgesprochene Kuschel-Atmosphäre, Intelligenz ist nicht gefragt. Es fehlen die Herausforderungen, wie sie in freier Natur bei der Nahrungssuche oder der Feindabwehr an der Tagesordnung sind.

Intelligenz als die Fähigkeit, das Verhalten der jeweiligen Situation neu anzupassen, zeigt sich bei Tieren oft in Not und Gefahr, wenn es darum geht, eigene Interessen durchzusetzen oder gar das eigene Überleben zu sichern. Heute kann man mit modernen Tauchgeräten Fische in solchen Situationen in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten, um Aufschluss über ihre Intelligenz zu erhalten.

Wolfgang Wickler, der langjährige Leiter des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie in Seewiesen, hat bei riffbewohnenden Fischfamilien und bei Buntbarschen erstaunliche Intelligenzleistungen entdeckt. Sie entfalten sowohl bei der Fortpflanzung wie bei der Brutpflege, aber auch in den sozialen Beziehungen zu anderen Tieren einen Verhaltensreichtum, der sich nicht mit angeborenen Mechanismen erklären lässt.

Bei Buntbarschen, die in großen Familien zusammenleben, kommt es sogar zu altruistischem Verhalten, wenn fremde Artgenossen bei der Aufzucht der Jungfische mithelfen. Am Beispiel der Erwachsenen lernen die Jungen, bei der Nahrungssuche Rivalen zu überlisten und Angreifer durch Demutsgesten zu beschwichtigen. Diese Verhaltensmuster erinnern stark an die hierarchisch bedingten Reaktionen bei Pavianen, die entwicklungsgeschichtlich von den Fischen meilenweit entfernt sind, meint Wickler.

Ausgesprochen lernfreudig erweisen sich riffbewohnende Fische, stellte Hans Fricke, ein Mitarbeiter Wicklers fest. Junge Lippfische lernten von älteren Artgenossen Seeigel durch Anpusten wehrlos und damit angreifbar zu machen. Um deren Weichteile verzehren zu können, schlugen sie die Seeigel solange gegen große Steine, bis die Schale zertrümmerte.

Gedächtnis und Lernvermögen sind auch die Voraussetzungen für verschiedene Formen der sozialen Intelligenz. Viele Fische bilden Gruppen, deren Mitglieder sich individuell kennen, etwa viele in lebenslanger Einehe lebende Korallenfische und die Buntbarsche. Zur sozialen Intelligenz rechnet man auch das gemeinschaftliche Beutefangen, wobei jedes einzelne Tier eine besondere Funktion hat. Solche Strategien verwenden nicht nur Tiere der gleichen Art, sondern manchmal auch verschiedene Fischarten beim gemeinschaftlichen Jagen.

So wurde beobachtet, dass Muränen und große Zackenbarsche eine Art Pakt schließen, um erfolgreicher an die Beute heranzukommen. Der sozialen Intelligenz ist es auch zuzuschreiben, wenn junge und unerfahrene Fische ältere Tiere bei der Abwehr von Feinden zunächst genau beochachten, um dann selbst dieses Verhalten nachzuahmen. Manchmal kommt es jedoch auch zum gegenseitigen Überlisten und Austricksen, wenn es um einen besonders guten Bissen geht. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang vom »machiavellistischen Verhalten«, so benannt nach dem bekannten italienischen Staatsmann Niccolo Machiavelli, der den Machterhalt des Herrschers zum obersten Handlungsprinzip erklärte – und zwar ohne Rücksicht auf moralische Normen.

Bemerkenswert gut entwickelt ist das räumliche Gedächtnis der Fische. Sie sind in der Lange, aufgrund bestimmter Markierungspunkte im Gehirn »kognitive Landkarten« anzulegen und sich auf diese Weise in ihrer Umgebung zuverlässig zu orientieren. Forscher vergleichen diese Fähigkeit mit dem Verhaltensspektrum der höheren Säugetiere und der Vögel, obwohl der Bau des Fischgehirns eine ganz andere Struktur aufweist.

Unklar ist noch die anatomische Lokalisierung der Intelligenz im Gehirn der Fische. Ihr Vorderhirn ist sehr klein, ein Kortex (Großhirnrinde) fehlt überhaupt. So wird vermutet, dass jene Hirnteile, die bei den höheren Säugetieren nur für einfache, meist automatisch ablaufende Vorgänge zuständig sind, bei den Fischen äußerst intelligente Leistungen vollbringen können; vor allem das Mittelhirn, das Zwischenhirn und das Kleinhirn dürften dafür verantwortlich sein.

JB



34/2002