Jahrgang 2010 Nummer 5

Wetterkerzen – Allheilmittel gegen Blitzschlag und Unglück

Zu Maria Lichtmess geweiht – bei Gewittern bereit – schützt Häuser und Leut’

Fassadenmalerei am Haus eines Lebzelters und Wachsziehers, Altötting, Mühldorfer Straße.

Fassadenmalerei am Haus eines Lebzelters und Wachsziehers, Altötting, Mühldorfer Straße.
Schwarze Wetterkerzen, Devotionalienhandel, Altötting, Kapellplatz (2009)

Schwarze Wetterkerzen, Devotionalienhandel, Altötting, Kapellplatz (2009)
»Wettersegen«, vermutlich süddeutsch, 19. Jahrhundert, Privatbesitz

»Wettersegen«, vermutlich süddeutsch, 19. Jahrhundert, Privatbesitz
Wachskerzen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Armdicke und baumlange. Rein weiße, gelbe, blaue, rote und bunt verzierte. Kurze Stummel und schlanke Stäbe. Künstlich geschlungene und künstlerisch bemalte. Nach Honig riechende und duftneutrale. Sogar aufgewickelte, bis zu 20 Meter lange Kerzen gibt’s – bei uns als »Wachsstöckl« bekannt und sogar da und dort noch abgebrannt im Herrgottswinkel oder Kirchenstuhl. Brandmale auf alten, noch nicht renovierten Stützbrettern zeugen davon.
Wachskerzen und Wachsstöckl werden an Maria Lichtmess (2. Februar) – ebenso das Wachs für Kirche und Haus – geweiht. Vor jähem Tod sollen sie, brennend, bewahren. Die bösen Geister und deren Anführer, den Teufel, vertreiben. Krankheiten erst gar nicht ausbrechen lassen. Aus einem roten Wachsstock formte man im Lechrain ein Kreuz, manchmal auch einen Drudenfuß, um das christliche oder heidnische Zeichen an einen Baum oder Pfosten zu heften, an Haus und Stall nageln, auf Geräte aller Art und auf Hüte zu setzen. »Vor Blitz und Hagelschlag, vor Unwetter aller Art – verschone uns, o Herr!«

Die Kerze ist wie ’s Leben

Die brennende Kerze wärmt, gibt Licht und – Zuversicht. Sie war seit jeher ein Symbol für das langsam aber sicher »schmelzende« Leben. Die ungestört flammende Kerze verzehrt sich selbst. Sie geht, ohne Fremdeinwirkung, allmählich ihrem unvermeidlichen Ende zu. Zurück bleibt ein beinahe wertloser Rest schrumpeligen Wachses und verkohlten Dochts. Mit der Wärme ist es vorbei, wenn die Kerze niedergebrannt ist. Das Licht ist verloschen. Dasselbe sagen wir vom Leben. Früher weissagte man aus dem Brennen einer Kerze. Wessen Wachslicht – so glaubte man im frommen Schwabenland – zuerst erlosch, den holt der Sensenmann als ersten aus der Runde. Aber nicht der Teufel. Dessen Macht war gebrochen, wurde beim Kerzenschein doch zu Gott gebetet oder die heilige Jungfrau angerufen.

Von einer Kerze versprach man sich – und verspricht man sich heute noch – gutes Wetter. Nicht nur heute, immerwährend! Wer die pechschwarze Wetterkerze anzündet (am besten noch eine mit einer »Bauchbinde«, die ein Heiligen- oder Gnadenbild zeigt) und dazu betet, dem scheint die Sonne. Den wirft kein Sturm um. Dem lässt der Wind höchstens das Haar wehen oder die Fahne flattern – aber sonst alles am Platz. Die Wetterkerze hält Blitz und Donner fern, bewahrt vor Naturkatastrophen – zumindest solchen minderen Kalibers, auf alle Fälle aber vor Vereisung, Frost, Hitze, Dürre, Überflutung und, infolge dessen, Missernte und ungemütlicher Witterung. Mildes Klima, zarter Lufthauch, der Segen der wärmenden, lebenspendenden Sonnenstrahlen und des die Nacht vertreibenden Mondlichts – der Gebrauch der Wetterkerze garantiert das alles. Und sorgt vielleicht gar noch für »gutes Wetter« im Miteinander in Familie, Schule und Verein, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde…

Aber a Wetterkerzn…!

Der Devotionalienhändler – nach Altötting wird ohnehin jedes Jahr einmal gepilgert – legt die schwarzen Wetterkerzen päckchenweise in Cellophan gewickelt und mit aktueller Preisauszeichnung in Körben und Schachteln vor seinem Schaufenster aus. »Wenn S’ gar nix mitnehmen, gnä’ Frau, aber a Wetterkerzn…!« Am Kapellplatz des größten Wallfahrtsortes im Bayernland wird geflissentlich darauf hingewiesen, dass es hier, nur hier die »echten« Wetterkerzen gibt. Anderswo sind halt, darauf dürfen S’ Gift nehmen, nur schlichte schwarze Wachskerzen zu haben. Aber nicht jede schwarze Kerze ist auch schon eine Wetterkerze.

Eine gut 300 Jahre alte Holztafel – Ursula Pfistermeister sagt in ihrem Buch »Wachs. Volkskunst und Brauch«, Band 2 (Nürnberg 1982) leider nicht, wo sie sie fand oder wo sie möglicherweise heute noch zu finden ist – spricht die Warnung aus, nur ja keine »falschen« Gewitter- oder Sterbekerzen zu erstehen. Das könnt’ in den Graben oder in die Grube gehen! »Allda / Bey der uhralt Hochhey. unser Lieben Frauen Capelln, sindt die recht geweichte: und beriehrte wetter und sterb khörzen zu bekom(m)en. Bey dennen andern wax- und petten Cräm(m)ern, seindts nit geweicht und nit gerecht«, ist auf der Tafel zu lesen. (Die »Pettenkrämer« waren die Rosenkranzhändler.) Das Berühren war neben dem Weihen nicht nur der Wetterkerze, auch manch anderer Wallfahrtsmitbringsel (in Altötting ein Schleierbildchen) also sehr wichtig. »Angerührt« musste die Wetterkerze sein – am schwarzen Gnadenbild, versteht sich. Damit der Segen von diesem unmittelbar in das schwarze Wachs überginge!

Wie Ursula Pfistermeister herausfand, war für die »Schauer- oder Wetterkerze« eine extra intensive Weihe nötig. Warum? Sie erklärt es, ein wenig augenzwinkernd: »Gewitter, besonders nächtliche Hagelschauer, kamen nie von Gott, sondern stets von bösen Gewalten.«

Angeblich stellte man in Altötting Wetterkerzen aus dem von den Kapelldienern gewonnenen Tropfwachs her. »Später musste von der Kapelladministration schwarzes Wachs hinzugekauft werden, da das anfallende Tropfwachs bei weitem nicht ausreichte, um all die vielen Wetterkerzen zu machen, die verlangt wurden. So lieferte z. B. 1785 der Neuöttinger Lebzelter Hilleprant fast 13 Zentner schwarzes Wachs nach Altötting, und allein im Jahre 1799 wurden im Kapell-Laden 253 389 derartige Wetterkerzen verkauft. Diese Menge wurde bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts nur mehr selten übertroffen: so 1817, als man wohl wegen des gewitterreichen Sommers 270 358 Stück absetzte. Im Schein dieser geweihten schwarzen Kerzen, die noch heute verkauft werden, ließen sich Donner und Blitz viel leichter ertragen.«

Entzückt von alten »Geschichten«

»Zu Maria Lichtmess geweiht – bei Gewittern bereit – schützt Häuser und Leut’« hieß es im Salzkammergut. Wetterkerzen waren dem Volk Allheilmittel. Mensch und Tier, Haus und Hof sollten sie bewahren – vor Blitzschlag nicht nur, sondern vor jeglichem Unglück. Patricia Höller, auf deren Initiative vor zehn Jahren das »Salzkammergut Tierweltmuseum« im Pinsdorfer Aurachtal eingerichtet wurde, ist entzückt von den alten »Geschichten« rund um religiöses Volksbrauchtum. Neben Wetterkerzen zeigte sie – in einer Sonderausstellung alte Haus- und Wettersegen.

»Solche Wettersegen mussten rund sein«, erklärt sie, »und sind«, wie die Journalistin Sandra Galatz nach Patricia Höllers Konzept berichtet, »ein Sammelsurium von Heiligenamuletts, Strohstücken, Weidenkätzchen, Weihrauch, getrockneten Kräutern, Samen und einem Schneckenhaus. Hinter jedem Attribut steckt eine Symbolik – alles zum Schutz des Hauses vor Unwettern. Patricia Höller: »Wir haben heute eine Versicherung für unsere Häuser. Die Leute früher setzten all ihre Hoffnung auf solche Wettersegen.«

Um gedeihliches Wetter bittet die katholische Kirche am Ende eines hochsommerlichen Gottesdienstes, vom Fest der Kreuzauffindung (3. Mai) bis zum Fest der Kreuzerhöhung (14. September) in einer liturgischen Zusatz-Handlung der Eucharistiefeier. (NB: Im »Gotteslob« des Erzbistums München und Freising gibt es für den üblichen verbalen »Wettersegen« kein Schlagwort, und wer die Formeln nach langem Blättern findet, darf sich glücklich schätzen). Mit »Wettersegens« bezeichnet der Volkskundler aber ein kreisrundes Schaustück, das dem Gläubigen – zumeist dem Bauern, weniger Bürger, Geistlichkeit und Adel – durch die Anhäufung der genannten Inhalte einen nachhaltigen, quasi nach allen Seiten hin und in alle Richtungen (von abergläubisch bis tiefgläubig) abgesicherten Schutz bietet.

Im Gegensatz zum immer verschlossen gehaltenen »Breverl« gibt der im Spätbarock aufgekommene »Wettersegen« die »heiligen Dinge« (der Volkskundler und Theologe Christoph Kürzeder geht darauf in seinem großartigen Buch »Als die Dinge heilig waren« (Regensburg 2005) dezidiert ein) ohne Scham und Verhüllung preis. Die helfenden »Sakramentalien« schimmern bunt und vielgestaltig, in symmetrischer Anordnung um das Zentrum, durch die sie schützende, profilgerahmte Glasscheibe. Auf der hölzernen Rückseite, dem Betrachter zunächst nicht zugänglich (auch wenn er liest, bleibt der Text dem Uneingeweihten verschlossen), sind manchmal auf Papier gedruckte Segens- und Beschwörungsformeln sowie Gebetstexte zu finden.

Ohne Wachs kein Segen

Ohne Wachs kein »Wettersegen« – so kann pauschal gesagt werden. Meistens prangt in der Mitte ein »Agnus Dei«, ein geprägtes, immer hochstehend ovales Medaillon aus weißem Wachs. Das sollte, zunächst mit der geweihten Osterkerze in Verbindung gebracht, von 1192 an, von Kerzen stammen, »die zuvor über dem Grab des Apostels, am Petrusaltar, gestanden hätten«, erklärt Christoph Kürzeder und geht auf die Schutz- und Segenswirkung dieser mit dem Bildnis vom »Lamm Gottes« geprägten Plaketten näher ein. Sie wurden in Netze gebündelt und extra nochmal in Weihwasser getaucht. Die Landshuter Ursulinen zeigten angeblich noch vor gut 50 Jahren »Agnus-Dei«-Prägezangen her, mit denen sie die begehrten, weil gerne als Amulette verwendeten »Gweichtln« hergestellt haben.

Wachs ist also in beiden Fällen im Spiel – bei der Wetterkerze wie beim »Wettersegen«. Hier weißes, dort schwarzes Wachs. Schwarz-weißer Gegensatz. Größer, krasser kann er eigentlich nicht sein. »Agnus Dei« gehören ihrer römisch-päpstlichen Sphäre wegen, aus der sie ihren Ursprung nahmen und ihre Bedeutung empfingen, mehr in klösterliche und klerikale als in weltliche Häuser. Sie sind zudem meist kostbar gefasst, mit Reliquien umgeben, angereichert mit allerhand Abwehrzauber heraufbeschwörenden Partikel, künstlichen wie der Natur entnommenen, sind Teil einer sogenannten »Schönen Arbeit« (Klosterarbeit) – die Predellen von Barockaltären zeigen mitunter »Agnus Dei« geradezu »haufenweise« – oder gar solitärer Prunkgegenstand eines Ostensoriums, einer kleinen Monstranz. Im »Wettersegen« können sie auch ersetzt (oder zumindest ergänzt) sein – durch eine als weitaus volkstümlicher und weniger unnahbar gewertete Nachbildung der (als unversehrt geltenden, im Prager Veitsdom verehrten) Zunge des heiligen Johannes von Nepomuk. Die Wetterkerze kann sich, im Gegensatz zu einem »Agnus Dei«, jeder leisten. Daher ist sie wohl bis auf den heutigen Tag ein beliebtes Schutzmittel geblieben.

Dr. Hans Gärtner



05/2010