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Jahrgang 2016 Nummer 37

J. R. Glauber stößt 1625 durch Zufall aufs »Glaubersalz«

Die Entdeckung des Alchemisten verschafft Darmgeplagten heute noch Erleichterung

Als »wahre Kontrafaktur« bezeichnete ein unbekannter Künstler dieses Porträt Glaubers aus dem Jahr 1653.
Am Hof Kaiser Ferdinands II. suchte Glauber Kontakt mit Kollegen.
Ein Alchemist in seinem Labor, Gemälde des flämischen Künstlers David Tenier dem Jüngeren um 1640.

Generationen von Darmgeplagten hat seine Entdeckung schon Erleichterung verschafft: Die Person, die hinter dem gegen Verstopfung hilfreichen »Glaubersalz« steckt, ist heute dagegen weitgehend vergessen. Johann Rudolph Glauber, der am 10. März 1604 in Karlstadt am Main geboren wird, ist das achte von 15 Kindern, die Mutter Gertraut ihrem Mann Rudolph, einem Barbier, zur Welt bringt. Johann muss ein aufgewecktes Bürschchen gewesen sein, denn er darf die Lateinschule besuchen, die er jedoch nicht beendet, sondern lieber beim örtlichen Apotheker in die Lehre geht. Der junge Glauber interessiert sich aber nicht nur für das Mischen von medizinischen Mixturen, er will den Dingen auf den Grund gehen, um der Welt, in der die Wissenschaften noch in den Kinderschuhen stecken, Geheimnisse zu entlocken. Dazu reicht es nicht, nur den Weg zur nächsten Bibliothek einzuschlagen, weshalb Johann Rudolph Karlstadt verlässt, um in Laboratorien in Paris, Basel, Salzburg und Prag anderen Alchemisten über die Schulter zu schauen. Heute wird der Begriff »Alchemie« ja meist mit esoterischem Hokuspokus in Verbindung gebracht; tatsächlich handelt es sich, trotz heute oft hanebüchen anmutenden Erkenntnissen und Theorien früherer Zeiten um die Vorgängerwissenschaft der modernen Chemie bzw. Pharmakologie. Dass die Alchemie, in der Historie wie auch in der Fiktion, von einer magisch-mysteriösen Aura umweht ist, liegt nicht nur am lange Zeit beschränkten Wissen über naturwissenschaftliche Zusammenhänge, sondern auch am Ethos der damaligen Alchemisten selbst, die ihre »Geheimnisse« argwöhnisch unter Verschluss hielten. Zu Johann Rudolph Glaubers Lebzeiten konzentrierte sich die alchemistische Forschung vor allem auf das Ziel, den »Stein der Weisen« zu finden, eine Formel bzw. eine Substanz, mit der man unedle Metalle wie zum Beispiel Quecksilber in Gold verwandeln könnte, wobei dem »Stein der Weisen« auch eine metaphysische Bedeutung zukam, denn Alchemisten wie auch Ärzte und Apotheker waren damals fest davon überzeugt, dass es ein Allheilmittel geben muss, mit dem sich nicht nur alle Krankheiten kurieren, sondern auch das menschliche Leben verlängern lässt.

Lange galt das »Aurum Potabile«, eine mit Hilfe von Gold und allerlei chemischen Prozessen gewonnene Flüssigkeit, auf Deutsch »Trinkgold« genannt, als ein derartiges Wundermittel, dessen durchschlagende Wirkung selbst Paracelsus (1493 - 1541), in den höchsten Tönen pries: »Unter all den Elixieren ist das Gold das höchste und das wichtigste für uns, denn es kann den Körper unzerbrechlich erhalten. Trinkbares Gold heilt alle Krankheiten, es erneuert und stellt wieder her«, schwärmte der Mediziner. Auch Johann Rudolph Glauber war davon überzeugt, dass Goldwasser eine »Jungfrau-Milch« sei, die sich im menschlichen Körper nach der Einnahme in »Drachenblut« verwandle. Doch weder der »Stein der Weisen«, noch das »Aurum potabile« sollte Johann Rudolph Glauber – im übertragenen Sinn – tatsächlich unsterblich machen, sondern eine Erfindung, auf die er mehr oder minder zufällig stieß.

1625 war der junge Forscher nach Prag gereist, um dort dem Hofalchemisten Kaiser Ferdinands II. über die Schulter zu schauen. Doch kaum dort angekommen, brach die Pest aus, worauf der Kaiser samt Hofstaat nach Wien flieht – mit Glauber im Schlepptau, der so zwar der Pest entkommt, dafür aber vom Fleckfieber niedergestreckt wird. Todkrank schleppt sich der 21-Jährige nach Wiener Neustadt, um das dortige Heilwasser zu trinken – und wird prompt wieder gesund. Als neugieriger Zeitgenosse stellt sich der Genesene daraufhin die Frage, was denn an diesem Wässerchen so magisch war, dass es sogar gegen tückische Seuchen wirkte. Er verkriecht sich im Labor, wo er durch Verdampfen des Heilwassers Kristalle gewinnt, die auf der Zunge salzig schmecken: Glauber hat das Natriumsulfat entdeckt, in der Anwendung besser bekannt als »Glaubersalz «, das heute noch bei Darmverstopfung verabreicht wird. Darüber wird Natriumsulfat auch in der modernen Industrie verwendet, zum Beispiel als Füllstoff für Waschmittel, bei der Gewinnung von Zellstoff sowie in der Glas- und Farbproduktion. Die weißen Kristalle waren zwar aus Sicht ihres Entdeckers nicht das fieberhaft gesuchte Allheilmittel, doch sie verschafften ihm Zeit seines Lebens eine solide Einnahmequelle, die ihm auch nach unternehmerischen Misserfolgen mehrmals wieder auf die Beine verhalf.

Der Werdegang Glaubers kann heute nicht lückenlos rekonstruiert werden; nach seiner Erfindung 1625 in Wien wird er zum Beispiel erst 1632 in Frankfurt am Main wieder greifbar, wo er sich am Hof König Gustav Adolfs von Schweden mit der Herstellung von Spiegeln seine Brötchen verdient. Dass ein schwedischer Monarch mitten in Deutschland seine Zelte aufschlug, ist eine Folge jener scheinbar endlosen Auseinandersetzung, die als Dreißigjähriger Krieg in die Geschichte eingehen wird und in der sich die Beteiligten vordergründig um die »richtige« Religion, in Wirklichkeit aber um Macht und Einfluss streiten. Als nach zähen Verhandlungen 1648 endlich der Friede besiegelt wird, ist das Land völlig ausgeblutet: Jeder dritte Deutsche ist in den vorangegangenen drei Jahrzehnten an Hunger, Seuchen oder durch Feindeshand gestorben und die Wirtschaft liegt, genauso entkräftet wie die Bevölkerung, am Boden. Glauber zieht nach drei Jahren in Frankfurt 1635 weiter nach Gießen, wo er einige Monate als Hofapotheker tätig ist, kehrt aber postwendend für drei Jahre nach Frankfurt zurück, wo er wahrscheinlich in Diensten des Landgrafen von Hessen-Darmstadt steht. 1640 zieht es ihn nach Amsterdam, doch 1644 geht er wieder nach Gießen, nur um kurz darauf vom Krieg in die Flucht geschlagen zu werden. Bis 1650 hält sich der gebürtige Franke dann mit seiner Familie in Amsterdam auf. Ob zusätzlich zu den politischen Auseinandersetzungen auch »selbstgemachte« Gründe für Glaubers rastloses Leben verantwortlich sind, ist im Abstand von mehreren hundert Jahren nicht mehr zu ergründen, doch die Tätigkeit als Alchemist brachte so manchem Berufsvertreter nicht nur Ruhm und Rubel ein: Wie viele seiner Kollegen warb auch Glauber ungeniert mit seinen Mixturen und versprach der Kundschaft praktisch das Blaue vom Himmel, wenn sie seine Wundermittel erwarben, was einen späteren Biographen zu dem spöttischen Urteil veranlasste, wie es sein könne, dass ein Mensch, »der so viele alchymische Geheimnisse besaß, um unendliche Reichtümer zu erwerben, der aus allen Mineralen, ja aus allen Körpern mit leichter Mühe und geringen Kosten Gold und Silber ziehen konnte und doch immer so arm war, dass ihm auch zu Amsterdam Holz und Kohlen zu teuer waren«, ätzte Johann Christoph Adelung in seiner 1787 erschienenen »Geschichte der menschlichen Narrheit oder Lebensbeschreibungen berühmter Schwarzkünstler, Goldmacher, Teufelsbanner« und untermauerte seine Ansicht, Glauber sei nichts weiter als ein windiger Scharlatan gewesen mit der Begründung, dass jemand, der behaupte, so viele »Universal-Arzneyen in seiner Gewalt zu haben, die in allen nur möglichen Krankheiten Wunder täten«, wohl kaum jahrelang siech im Bett hätte liegen müssen, teilweise unfähig, auch nur die Hände zu bewegen. Adelung spielte damit auf Glaubers gesundheitliche Probleme in den 1660er Jahren an, deren Ursache wahrscheinlich im jahrelangen Kontakt mit Schwermetallen wie Quecksilber begründet lag – Quecksilber wurde zum Beispiel bei der Fertigung von Spiegeln verwendet –, wodurch sich Glauber systematisch vergiftet haben dürfte. Tatsächlich hat es Glauber mit seinen vollmundigen Versprechen schon sehr toll getrieben, wie die zahlreichen von ihm veröffentlichten Schriften zeigen, und es ist gut möglich, dass er, nachdem er gutgläubigen Kunden das Geld aus der Tasche gezogen hatte, das eine oder andere Mal lieber das Weite suchte, wenn sich das teure Wundermittel als nicht ganz so wirkkräftig erwies wie zuvor von ihm angepriesen.

Wie schnell man als Alchemist – zu Recht oder zu Unrecht – Gefahr geriet, seinen guten Ruf zu verlieren, beweist dann auch der Zwist zwischen Glauber und einem gewissen Christoph Fahrner aus dem württembergischen Löchgau, mit dem er sich eine jahrelange öffentliche Schlammschlacht lieferte. Fahrner, von Beruf eigentlich Schulmeister, besserte sich sein karges Lehrergehalt mit dem Verkauf chemischer Produkte auf und hatte dazu, um sich entsprechendes Wissen anzueignen, bei Glauber eine Art Lehre absolviert. Obwohl vertraglich zur Verschwiegenheit verpflichtet, verkaufte Fahrner anschließend nicht nur diverse, nach Glaubers Rezepten angefertigte Mittelchen, sondern auch die Anleitungen dazu, was Glauber verständlicherweise als Vertragsbruch ansah. Daraufhin entbrannte zwischen den Kontrahenten ein mit zahlreichen Pamphleten geführter Schlagabtausch, bei dem keiner der beiden davor zurückschreckte, das Privatleben des anderen durch den Schmutz zu ziehen. Christoph Fahrner unterstellte Glauber zum Beispiel, dass er sich der Bigamie schuldig gemacht habe, worauf Glauber dem Schulmeister vorwarf, er habe den Liebhaber seiner Frau totgeschlagen – was wohl auch tatsächlich der Fall war. Die Behauptung Fahrners, Glauber sei Bigamist, gründete sich auf dessen Trennung von seiner ersten Frau, einer Gießenerin namens Rebecca, die er 1636 während seiner Zeit als Hofapotheker geheiratet hatte, die ihm jedoch bald guten Grund lieferte, sie wieder loszuwerden, da »ich dieselbe auff meinem Bett bei meinem daselbstmaligen Diener im Ehebruch gefunden, aber weder den Diener noch das Weib geschediget, welches ich wohl hätte tun können, weilen ich sehr früh von einer Reise unversehens in die Stadt gekommen, und das Gewehr noch bei mir hatte«, rechtfertigt sich Glauber zu Fahrners Vorwurf. Die untreue Ehefrau musste sich, den Gesetzen der damaligen Zeit gemäß, wegen Ehebruchs vor Gericht verantworten, wurde aber, auf Glaubers Intervention hin, nicht bestraft – gedroht hätten ihr zum Beispiel Ausstellen am Pranger oder Gefängnis –, sie musste jedoch die Stadt verlassen und die Verbindung wurde geschieden. Glauber war damit also kein Bigamist und die zweite Ehe, die er 1641 mit der Flensburgerin Helene Cornelis einging, sollte sich dann als sehr harmonisch und mit acht Kindern gesegnet erweisen, von denen beim Tod des Vaters noch alle am Leben waren. Einer der Söhne, Jan Glauber, gilt als einer der besten niederländischen Landschaftsmaler seiner Zeit.

Glauber und seine Frau ließen sich zunächst in Amsterdam nieder, doch Johann Rudolph zieht, wie schon erwähnt, 1644 wieder nach Gießen, um als Apotheker zu arbeiten und flüchtet kurz darauf zurück nach Amsterdam, wo er 1646 ein riesiges Haus kauft, das allein 1000 Gulden pro Jahr an Grundsteuer kostet. Dort richtet er sich dann ein mit allen Schikanen ausgestattetes Labor ein, in dem mehrere Angestellte für einige Jahre im großen Stil Chemikalien wie Spiritus, Salmiakgeist, Kupfervitriol und Salzsäure produzieren – und natürlich das mittlerweile schon bewährte »Glaubersalz«. Doch schon 1650 geht das anfangs so blühende Unternehmen – Glaubers Aussage zufolge wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage nach Kriegsende – Bankrott und Glauber muss vor seinen Gläubigern aus den Niederlanden flüchten. In seiner ehemaligen Heimat Franken fühlt er sich offenbar sicher genug vor lästigen Nachstellungen und lässt sich zunächst für zwei Jahre in Wertheim nieder, um 1652 nach Kitzingen zu ziehen, wo er sich auf die Herstellung von Weinstein stürzt und in den Weinhandel einsteigt – sehr zum Missfallen der örtlichen Händler, denen der lästige »Holländer« die Geschäfte vermiest. Dass Glauber auch noch unentgeltlich Patienten mit seinen Mittelchen behandelt, bringt dann auch noch die ansässigen Ärzte und Apotheker auf die Palme, worauf Glauber, durch seinen öffentlichen Streit mit Fahrner noch zusätzlich in Misskredit gebracht, 1655 seine Zelte in Kitzingen wieder abbricht und nach Amsterdam zurückkehrt. Seine Gläubiger sind ihm dort offenbar nicht mehr auf den Fersen, denn Glauber kann sich erneut ein Labor einrichten, in dem er Farbstoffe, Malzextrakt, Traubenzucker und gefärbtes Glas herstellt und verkauft. Ab 1660 geht es mit Glaubers Gesundheit dann mehr und mehr bergab, ab 1666 ist der sein ganzes Leben lang rastlose Erfinder ans Bett gefesselt. Am 10. März 1670 stirbt der gebürtige Karlstädter in Amsterdam und wird auf dem Friedhof der dortigen Westerkerk begraben.


Susanne Mittermaier

 

37/2016