Jahrgang 2001 Nummer 25

Im Tur Abdin, an der Wiege des Christentums

Die schwierige Lage der Christen in der Osttürkei

Ganz im Südosten der Türkei, zwischen dem Tigris im Norden und Osten, Syrien im Süden und der Stadt Mardin im Westen, liegt der Tur Abdin. Es ist ein hügeliges Hochland (800 bis 1100 Meter) aus Kalk- und Basaltgestein. Die wichtigste Erwerbsquelle ist die Landwirtschaft. Den Namen Tur Abdin (»Berg der Knechte Gottes«) erhielt das wasserarme Land von den rund achtzig Klöstern, die meist abseits von den Dörfern liegen.

Der Tur Abdin ist eines der ältesten christlichen Gebiete, in dem noch heute die Sprache Jesu, das Aramäische, als Umgangssprache gesprochen wird. Die dortigen Christen gehören der syrisch-orthodoxen Tradition an und leiten sich von der frühchristlichen Gemeinde in Antiochia ab, die der heilige Paulus gegründet hat. Von Antiochia, dem heutigen Antakya, verbreitete sich das Evangelium nach Westen und Osten. In unmittelbarer Nähe des Tur Abdin, in Edessa und Nisibis sollen die zwei Apostelschüler Addai und Mari gepredigt haben.

Zentrum des religiösen Lebens im Tur Abdin ist das Kloster Mar Gabriel. Es wurde im Jahre 397 von den Heiligen Samuel und Simeon gegründet und ist seither mit Ausnahme von zwei kurzen Perioden, als Krieg und Hunger den Aufenthalt unmöglich machten, von Mönchen bewohnt. Das Kloster erhielt zahlreiche Schenkungen der oströmischen Kaiser, für die das festungsartige Bauwerk unweit der Grenze ein Bollwerk des römischen Reichs gegen die Perser darstellte. Auf den ausgedehnten Feldern ernteten die Mönche neben Obst und Gemüse vor allem Oliven. Der heilige Simeon hatte selbst zwölftausend Ölbäume gepflanzt und deshalb den Namen »Simeon von den Oliven« erhalten.

Vor hundert Jahren lebten noch eine halbe Million syrische Christen im Tur Abdin, heute ist ihre Zahl auf dreitausend gesunken. In der Endphase des Osmanischen Reichs wurden neben den Armeniern auch die Christen blutig verfolgt, zwischen 1926 und 1928 erfolgten weitere Massenexekutionen und Vertreibungen der Christen. Und in den letzten Jahrzehnten gerieten die Christen des Tur Abdin in den Kämpfen zwischen den türkischen Militärs und der kurdischen PKK sowie islamischen Fundamentalisten zwischen alle Fronten und wurden aufgerieben. Viele zogen es vor, das Land zu verlassen Heute leben etwa 40 000 syrische Christen in Deutschland, 60 000 in der Schweiz und in Schweden, in Istanbul sollen es etwa zehntausend sein.

Im Tur Abdin gibt es gegenwärtig 32 Dörfer mit christlichen Bewohnern, sieben Klöster sind noch bewohnt, jedoch nur von ganz wenigen Mönchen oder Nonnen, in 42 Kirchen, die von 15 Priestern betreut werden, finden noch Gottesdienste statt. Von der Menschenrechtsorganisation »amnesty international« werden immer wieder Übergriffe gegen Christen im Tur Abdin angeprangert. Beispielsweise wurde 1993 das Dorf Zaz bei Midyat überfallen, vier christliche Bewohner wurden festgenommen und gefoltert. Ähnliche Mißhandlung oder Folter in Polizeihaft erlebten im Juni 1996 drei Christen in Midyat. Ein 60 jähriger syrisch-orthodoxer Priester wurde im Januar 1994 vermutlich von Dorfschützen oder von islamischen Fundamentalisten entführt, als er auf dem Weg zu einer Hochzeitsfeier war. Der Stadtteilbürgermeister von Midyat, Yakup Matte, und der letzte christliche Arzt des Tur Abdin, Dr. Edward Tanriverdi, wurden 1994 ermordet. In keinem der Mordfällte an Christen ist jemals ein Täter ermittelt und zur Verantwortung gezogen worden, weshalb sich die Christen im Tur Abdin den Übergriffen schutzlos ausgesetzt fühlen. Seit 1980 wurden in der Umgebung von Diyarbakir und Mardin insgesamt zwanzig Mädchen von Muslimen entführt. Aufgrund dieser massiven Repressalien fehlen in den Siedlungsgebieten des Tur Abdin Priester, Lehrer und Ärzte, und viele junge Christen wanderten in westliche Länder ab.

Wie es scheint, hat sich die Lage der Christen im Tur Abdin in der letzten Zeit merklich entspannt. In den vergangenen zwölf Monaten sind sogar aus Deutschland und aus der Schweiz fünfzehn ausgewanderte Familien wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt. Andere besuchten ihre Heimat, um die Situation zu erkunden. Die türkischen Behörden haben angeblich ein Projekt ausgearbeitet, innerhalb der Provinz Mardin die Rückkehr der Bewohner in 13 Dörfer zu ermöglichen, die vom Militär zwangsgeräumt worden waren. Offensichtlich hängt der Kurswechsel mit dem Bestreben der türkischen Regierung zusammen, als Anwärterstaat in die EU aufgenommen zu werden. Benachteiligungen oder gar Verfolgungen ethnischer und religiöser Minderheiten wären ein sehr schlechtes Aushängeschild für einen EU-Kandidaten.

Auch die Mönche des Klosters Tur Abdin blicken mit gedämpfte Optimismus in die Zukunft. »Wir hoffen auf die EU«, sagt Abt Timotheus Samuel Aktas, der gleichzeitig der Bischof des Tur Abdin ist. Im Kloster leben 35 Internatsschüler und bereiten sich auf die spätere Tätigkeit als Lehrer und Priester vor. Täglich fahren sie in die staatliche Schule in Mid-yat, an den Wochenenden erhalten sie im Kloster Religionsunterricht und Unterricht in ihrer Muttersprache. Der Sprachunterricht ist zwar behördlich verboten, weil nach der türkischen Verfassung weder Aramäisch noch Kurdisch an einer Schule gelehrt werden darf, doch der Staat duldet den Unterricht zur Zeit stillschweigend, allerdings ohne jeden Rechtsanspruch für die Zukunft.

Besucher aus dem Westen, die in den Tur Abdin reisen wollen, können im Kloster Mor Gabriel Aufnahme finden. Für die Christen dieser entlegenen Gegend in der vom Islam geprägten Türkei ist jeder Kontakt mit Gästen aus Deutschland ein Zeichen der brüderlichen Verbundenheit. Man muß allerdings damit rechnen, unter Umständen unliebsame Bekanntschaft mit der Polizei zu machen und am Betreten mancher Orte oder Klöster gehindert zu werden. Angeblich aus Sicherheitsgründen, obwohl von einer Gefährdung durch Mitglieder der kurdischen Freiheitsbewegung PKK im Tur Abdin keine Rede mehr sein kann.

Anfang Mai wurde Präses Manfred Kock, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, anläßlich eines Türkeibesuchs daran gehindert, das Dorf Hah im Tur Abdin mit der berühmten Marienkirche aus dem 6. Jahrhundert zu besuchen. Zur gleichen Zeit wurde auch eine deutsch-österreichische Studiengruppe, zu welcher der Verfasser dieses Berichts gehörte, im Dorf Midin von vier bewaffneten Polizisten in eine Kaserne gebracht, dort drei Stunden lang festgehalten, verhört und schließlich aufgefordert, den Tur Abdin unverzüglich zu verlassen. Offensichtlich sind derartige Schikanen als Demonstrationen der Stärke gedacht und zielen darauf ab, eine Begegnung ausländischer Besucher mit den einheimischen Christen zu erschweren. Die Christen im Tur Abdin brauchen die Erfahrung, daß sie bei ihren Glaubensbrüdern im Westen nicht vergessen sind und daß jede Form ihrer Diskriminierung vom Ausland wachsam registriert wird. Ihre Stellung gegenüber der erdrückenden moslemischen Übermacht wird in dem Maße gestärkt, wie sich die Öffentlichkeit der westlichen Staaten mit ihnen solidarisch erklärt und sich für die Achtung ihrer Menschenrechte in einem Land einsetzt, das man zu Recht als die »Wiege des Christentums« bezeichnet.

Julius Bittmann



25/2001