Jahrgang 2010 Nummer 51

Der Untersberg aus keltischer Sicht

Die Sage von Kaiser Karl folgt dem Artusmythos

Die Sage von Kaiser Karl, der im Untersberg schläft, ist den Älteren von uns aus dem Lesebuch vertraut, meist in der Fassung der Brüder Grimm. Danach sitzt der Kaiser mit anderen fürstlichen Herren im Wunderberg mit einer goldenen Krone auf dem Haupt und dem Zepter in der Hand. Er wurde auf dem großen Walserfeld verzückt und hat noch seine damalige Gestalt behalten. Sein Bart ist grau und lang, er bedeckt das goldene Bruststück seiner Kleidung. An Festtagen wird der Bart auf zwei Teile geteilt und mit einem kostbaren Perlenband umwunden. Der Kaiser hat ein tiefsinniges Gesicht. Er zeigt sich freundschaftlich gegen alle Untergebenen, die mit ihm auf einer schönen Wiese hin- und her wandeln. Warum er sich da aufhält und was sein Tun ist, weiß niemand, das steht bei den Geheimnissen Gottes.

In späteren Fassungen wird die Sage ausgestaltet. Der Kaiser wird so lange schlafen, bis sein Bart drei Mal um den Marmortisch, an dem er sitzt, herumgewachsen ist. Zwei Mal ist das schon geschehen. Beim dritten Mal wird er erwachen, dann bricht der Jüngste Tag an. Nach einer anderen Version erwacht der Kaiser dann, wenn 24 Raben drei Mal um den Untersberg kreisen. Oder wenn es jemandem gelingt, ihm das Zepter zu entwinden und damit drei Streiche gegen den Berg zu führen. Der Kaiser muß aber dann noch so lange im Berg bleiben, bis der wunderbare Zwergenstein gefunden ist. Mit dessen Hilfe können alle Zwerge, die den Untersberg ebenfalls bewohnen, in erwachsene Menschen verwandelt werden. Manchmal läßt sich so ein Zwerg, »Untersberger Mandl« genannt, von einem Wanderer sehen und steht ihm sogar bei, wenn er Hilfe benötigt.

Was nach Kaiser Karls Erwachen geschieht, wird unterschiedlich berichtet. Bei den Brüdern Grimm ist sein Erscheinen der Auftakt zum Jüngsten Tag, nach einer anderen Version wird Karl zusammen mit seinen Getreuen zu einer großen Schlacht auf dem Walserfeld aufbrechen. »Das geschieht, wenn Deutschland sich in höchster Not befindet«, heißt es in einer Sagensammlung aus dem Jahre 1927. »Dabei wird so reichlich Blut fließen, dass es den Kriegern in die Schuhe hineinrinnt. Kaiser Karl aber wird den Kampf siegreich bestehen und nach gewonnener Schlacht auf einem Schimmel mit der Siegesfahne davon reiten. Der Kurfürst von Bayern aber wird sein Wappenschild an den Birnbaum auf der Walser Heide hängen.«

In den »Deutschen Sagen« der Brüder Grimm ist ebenfalls vom ausgedorrten Birnbaum auf dem Walserfeld die Rede. »Schon drei Mal wurde er umgehauen«, heisst es da, »doch seine Wurzel schlug immer wieder aus, so dass ein neuer, vollkommener Baum daraus erwuchs. Wenn er wieder beginnt zu grünen, dann nahet die schreckliche Schlacht, und wenn er Früchte trägt, dann wird sie anheben. Es wird ein furchtbares Blutbad sein. Der Antichrist erscheint, die Engelposaunen ertönen und der Jüngste Tag ist angebrochen.«

Nach einer anderen Überlieferung beginnt nach der dreitägigen Schlacht nicht das Ende der Welt, sondern es hebt ein Friedensreich hier auf Erden an. Auch die Rolle des Wappenschildes am alten Birnbaum am Walserfeld wird unterschiedlich beurteilt. Es ist Kaiser Karl selbst, der vor der Schlacht sein Wappenschild an einen Ast des Birnbaums befestigt. Daraufhin sammeln sich »alle treuen Deutschen« zur großen Schlacht. Nach dem Sieg zieht die siegreiche Schar gegen Salzburg. »Die Tore der Stadt werden zu enge sein, um die Scharen der Streiter hereinzulassen. Am kommenden Morgen wird der Kaiser mit allen Bischöfen, Fürsten und Edlen und seinen tapferen Heerscharen im hohen Dome zu Salzburg ein feierliches Dank- und Lobamt halten, den ewigen Frieden verkünden und seinen Nachfolger als Ersten des neuen Kaisergeschlechtes erwählen.«

Die Sage vom schlafenden Kaiser Karl im Untersberg steht ganz in der Tradition des bei den Kelten verbreiteten Glaubens, daß große Helden nicht sterben, sondern nur in die Anderswelt entrückt werden, um zu gegebener Zeit wieder in die irdische Welt zurückkehren und ihr Volk aus drohenden Gefahren zu retten. Musterbeispiel dafür ist der Mythos vom britischen König Artus und seiner Tafelrunde, die auf der geheimnisvollen Insel Avalon auf ihre Wiederkehr warten. Diese uns merkwürdig erscheinende Parallel- oder Anderswelt steht im Gegensatz zur christlichen Lehre von Tod und Auferstehung, wie sie die christlichen Missionaren der keltischen Bevölkerung verkündeten. Dabei hatten es die Boten des neuen Glaubens sicher sehr schwer, die alten, im Volk seit Generationen verwurzelten keltischen Glaubensvorstellungen auszurotten. Ganz ist ihnen das nicht gelungen.

In dem Maße, wie die keltischen Vorstellungen von den Missionaren als Aberglaube und erdichtete Fabeln bezeichnet wurden, wanderten sie in den Untergrund und lebten dort als Volkssagen oder als Märchen weiter. So geschah es auch mit dem in den Untersberg entrückten und dort auf seine Wiederkehr wartenden Kaiser. Das mutet uns merkwürdig an, da Karl der Große sich selbst natürlich als christlicher Herrscher verstand und als solcher handelte, ja später sogar unter die Schar der Seligen der katholischen Kirche aufgenommen wurde. Für die Bevölkerung erschien es jedoch undenkbar, dass ein so tapferer Recke wie Karl völlig aus dieser Welt verschwunden sein sollte. So entstand die Sage von seiner Entrückung in einen Berg, wie sie übrigens später auch von anderen großen deutschen Herrschern erzählt wurde. In Form einer Sage erschien den Missionaren die Erzählung vom schlafenden und auf seine Wiederkehr wartenden Kaiser Karl offensichtlich nicht mehr gefährlich und konnte, eben als Sage, mit dem christlichen Glauben nicht in Konflikt geraten.

Im übrigen hat der Untersberg bis zum heutigen Tag seine geheimnisvolle Ausstrahlung bewahrt. Nicht nur, daß angeblich der am nahen Obersalzberg residierende Adolf Hitler mit der Idee spielte, dass er wie der neu zum Leben erwachte Kaiser Karl den großen Endsieg erringen und ein neues Reich heraufführen werde, auch der Dalai Lama hat dem Untersberg bei seinem Salzburg-Besuch im Jahre 1992 seine Reverenz gezollt. »Der Untersberg – das ist das Herzchakra von Europa«, soll er damals Presseberichten zufolge geäussert haben. Wozu angemerkt werden muß, daß man nach buddhistischer Lehre unter Herzchakra das geistige und geistliche Kraft- und Energiezentrum aller Lebewesen versteht.

Julius Bittmann

Literatur
Rudolf von Freisauff: »Aus Salzburgs Sagenschatz«, Salzburg 1914. Reprint im »Salzburg Archiv«, Band 15, Salzburg 1993, herausgegeben vom Verein der Freunde der Salzburger Geschichte.
Gisela Schinzel-Penth: „Sagen und Legenden um das Berchtesgadener Land“, Frieding 1982.



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