Jahrgang 2012 Nummer 42

Der Priesterblock im Lager Dachau

Von dreitausend Inhaftierten starben viele an Krankheit und Hunger

Die Wohnbaracken vom Wachturm aus, rechts der Appellplatz
Eingangstor in das KZ Dachau mit der zynischen Inschrift »Arbeit macht frei«
Die Kapelle im Festschmuck
Das » Engelchen« – die elfjährige Christine Steinbüchler.
Die »Muttergottes von Dachau«, die heute in der Kapelle des Karmelklosters »Heilig Blut« in Dachau steht.
Der 99-jährige Hermann Scheipers ist einer der letzten überlebenden Priester des Lagers Dachau.

Fast dreitausend katholische und evangelische Geistliche aus zwanzig Nationen waren im Konzentrationslager Dachau im sogenannten »Priesterblock« interniert. Sie waren im Jahre 1940 nach Verhandlungen zwischen Vatikan und Auswärtigem Amt aus den über das ganze Reich verstreuten Lagern in Dachau zusammengezogen worden. Nach den Polen mit 1 780 Personen stellten die Deutschen mit 447 Männern den größten Anteil, gefolgt von Franzosen, Tschechen, Holländern und Jugoslawen. »Es war die größte Priestervereinigung der Kirchengeschichte und zugleich das größte und strengste Kloster auf Erden«, schrieb der österreichische Geistliche Johannes Lenz, selbst fünf Jahre Häftling in Dachau. Der Priesterblock bestand aus drei großen Baracken, die in jeweils vier Stuben unterteilt waren.

Was hatten die Geistlichen verbrochen, dass sie nach Dachau kamen? Lenz zählt in seinem Buch »Christus in Dachau« einige Gründe auf, die seine Leidensgenossen ins KZ gebracht hatten: Einer hatte Kolpingssöhne in seiner Pfarrei vor dem Eintritt in die SS gewarnt, ein anderer hatte Zweifel am deutschen Endsieg geäußert, einer für einen Kommunisten eine Totenmesse gefeiert, einer ausländische Radiosender gehört, ein anderer einem polnischen Hilfsarbeiter Zigaretten geschenkt, einer im Religionsunterricht die Vereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus bezweifelt. Einer war in einem Restaurant nicht wie die anderen Gäste aufgestanden, als der Reichsmarschall Hermann Göring das Lokal betrat - für ihn hatte Göring eine besondere Schikane parat: im Lager wurde eine Stange mit einer alten Göring-Mütze aufgestellt und der Priester musste ihr beim Vorbeigehen immer seine Reverenz erweisen.

In jedem Fall hatte sich jeder Häftling nicht so verhalten, wie es die Nazis von einem linientreuen Deutschen verlangten. Auch wenn die einzelne Tat geringfügig anmutete, kam es ganz auf die Bedeutung an, die man ihr beimaß. Oder ob man jemandem eine Provokation unterstellte und ihm daraus einen Strick drehen wollte. Mit Hilfe des von den Nazis geschaffenen »Heimtückegesetzes«, das alle Angriffe auf Staat und Partei unter Strafe stellte und dem Spitzelwesen Tür und Tor öffnete, war es möglich, jeden kritischen Satz als eine kriminelle Handlung einzustufen und dementsprechend zu bestrafen.

Hitler hatte für die Geistlichen - von ihm grundsätzlich »Pfaffen« genannt - nur Verachtung übrig. »Der größte Volksschädling sind unsere Pfaffen beider Konfessionen«, äußerte er in den »Tischgesprächen«. Die Abrechnung mit den Priestern hob er sich für die Zeit nach dem Krieg auf, zunächst musste er noch auf die Volksstimmung Rücksicht nehmen. »Es kommt alles in mein großes Notizbuch«, hatte er angekündigt, »doch der Tag wird kommen, da ich mit den Pfaffen ohne langes Federlesen abrechne«.

Der letzte Überlebende aus dem Dachauer Priesterblock ist der 99-jährige Pfarrer Hermann Scheipers aus dem Münsterland, der heuer sein Diamantenes Priesterjubiläum feiert. Nur mit Grauen erinnert er sich an seine Einlieferung in Dachau im Jahre 1940. »Ihr seid hier ehrlos, wehrlos und rechtlos – ihr habt hier zu arbeiten oder zu verrecken«, mit diesen Worten wurden er und seine Kameraden damals vom Lagerkommandanten in Empfang genommen. Das waren deutliche Worte. Scheipers hatte Glück und bekam Arbeit in der Gärtnerei. Tag für Tag wurde zehn Stunden gearbeitet. Wer unangenehm auffiel oder nicht spurte, wurde geschlagen, an den Armen aufgehängt, mit eiskaltem Wasser übergossen. »Man konnte nur fluchen – oder beten«,sagt Scheipers im Rückblick. Er war inhaftiert worden, weil er als junger Kaplan mit polnischen Zwangsarbeitern die Messe gefeiert und ihnen die Beichte abgenommen hatte. Später konnte er in seiner Polizeiakte den wirklichen Grund für die Festnahme lesen: »Kaplan Scheipers ist ein fanatischer Verfechter der katholischen Kirche und deswegen geeignet, Unruhe in die Bevölkerung zu tragen.«

Natürlich unterstanden die Priester auch der Strafjustiz der KZ-Aufseher mit den drakonischen Strafen, dem Auspeitschen auf dem Block bis zum Hungerarrest in der Stehzelle. Andrerseits genossen sie auch Vorteile. Viele arbeiteten im Innendienst, in der Schneiderei, der Bücherei, der SS-Besoldungsstelle oder als Blockschreiber. Andere waren in der Plantage eingesetzt, der von Himmler gegründeten Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung. Dieser Einsatz außerhalb des Stacheldrahts war sehr begehrt, weil die Unmöglichkeit, jeden Häftling bei der Arbeit einzeln zu kontrollieren, einen gewissen Freiraum zur geflüsterten Unterhaltung oder zum gemeinsamen leisen Beten ermöglichte.

Zur Plantage gehörte ein Verkaufsstand, in dem die Dachauer Bevölkerung Gemüse und Samen kaufen konnte. Die Leitung hatte ein polnischer Priester. Seit 1942 entwickelte sich der Stand zur Kontaktstelle zwischen Zivilisten und Häftlingen, wo Medikamente, Nahrungsmittel und kleine Gebrauchsgegenstände ins Lager geschmuggelt wurden. Die elfjährige Christine Steinbüchler, genannt das Engerl, und andere unverdächtige Kinder aus Dachau fungierten als Vermittler, eine junge Frau und spätere Ordensschwester stellte die Verbindung mit dem erzbischöflichen Ordinariat in München her. Auch Briefe gelangten auf diese Weise unzensiert zu den Empfängern.

Auf Intervention der deutschen Bischöfe erhielten die gefangenen Priester im Jahre 1941 die Erlaubnis für eine eigene Kapelle und konnten darin die Messe feiern. Ab April 1941 wurde ihnen außerdem eine vom Vatikan finanzierte größere Brotration sowie Messwein zugebilligt. Das war allerdings eine zweischneidige Sache und kam bei der SS, aber auch bei anderen Häftlingen nicht gut an. Die Folge waren zunehmende Schikanen durch die Wachmannschaften und wachsende Abneigung der anderen Gefangenen gegen die »privilegierten Pfaffen«.

Die Kapelle wurde von den Priester-Häftlingen wie ein Geschenk des Himmels begrüßt. Zu diesem Zweck war im Block 26 ein Gebetsraum abgeteilt worden, die Fenster hatte man dunkel gestrichen, um keinen Einblick von draußen zu ermöglichen. Altar, Tabernakel und Predigtpult waren selbst gezimmert, zwei Engel aus Dosenblech geschnitten, die Monstranz aus Blechstücken gebastelt. Die geschnitzte Madonnenstatue auf der Evangelienseite war per Lkw vom Sudetenland nach Dachau transportiert und auf abenteuerlichen Wegen mit einer Warenlieferung heimlich ins Lager gebracht worden. Täglich vor dem Arbeitseinsatz wurde in der Kapelle die heilige Messe gefeiert und an die Häftlinge die Kommunion ausgeteilt. Wenn die eingeschmuggelten Hostien nicht ausreichten, diente das Lagerbrot als Ersatz. Lagerkaplan wurde ein ehemaliger polnischer Militärpfarrer, dessen zwei Brüder ebenfalls in Dachau interniert waren. Alle drei kamen im Lager zu Tode. In der Kapelle fand im Dezember 1944 sogar eine Priesterweihe statt. Ein französischer Bischof spendete dem lungenkranken Karl Leisner die Weihe. Leider erlag der junge Mann bald nach der Befreiung des Lagers seinem Leiden.

Außer dem Gottesdienst fanden die Priester auch andere Gelegenheiten, die Schikanen des Alltags im Lichte des Glaubens zu verarbeiten. Jeden Abend wurde gemeinsam gebetet, man hielt Bibelstunden und theologische Vorträge, studierte religiöse Gesänge ein und versammelte sich im Mai zur Maiandacht. Erfuhr man von einem Todgeweihten, nahm mancher Priester größte Gefahren auf sich, um dem Mithäftling die Lossprechung zu spenden, ihm die Kommunion zu reichen und ihn zu trösten. Als Anfang 1945 der Flecktyphus im Lager ausbrach, meldeten sich Priester freiwillig zur Betreuung der Kranken – und bezahlten den Einsatz mit dem Leben. Insgesamt hat die furchtbare Seuche mehr als zehntausend Opfer gefordert, darunter mehrere Hundert Priester, vor allem Polen.

Wer die Hölle von Dachau überlebt hat, stand vor einem neuen Anfang, vor einem zweiten Leben. »In Dachau sind uns die Augen aufgegangen, oft übergegangen«, schreibt Pater Johannes Lenz. »Wir sahen, dass all die tausend kleinen Dinge des Alltags nicht selbstverständlich sind, und wir erlebten, dass alles auch völlig anders sein könnte. Und wir haben die bürgerliche Freiheit lieb gewonnen und schätzen gelernt – dieses große Gut! Erst als sie uns genommen war, erkannten wir dieses Gottesgeschenk. Auch Gottvertrauen haben wir im Lager gelernt, rückhaltloses Gottvertrauern.« Und Lenz appelliert an die Überlebenden: »Gebe Gott, dass wir alle diese Lehren aus Dachau nie vergessen mögen!« Eine Mahnung, die wir auch heute nach sieben Jahrzehnten beherzigen sollten.


Julius Bittmann

 

42/2012