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Jahrgang 2013 Nummer 22

Als »Postillon d’Amour« feiner Damen unterwegs

Finessensepperl vor 250 Jahren geboren – Spruch: »Nix gwis woas ma net«

»Nix gwis woas ma net«, antwortete der Finessensepperl allzu neugierigen Mitmenschen. Tuschezeichnung eines unbekannten Künstlers.
Joseph Huber im Alter von knapp 50 Jahren. Zeichnung von Ludwig Emil Grimm 1811.
Eine Steinfigur des Finessensepperls blickt vom Münchner Karlstor herab.
Als »Postillon d’amour« war der Finessensepperl für die Münchner Damenwelt unterwegs. Stich von Johann Michael Volz.

Legenden von der Wahrheit zu unterscheiden, ist bei historischen Figuren nicht leicht, denn wer kann, mehrere Jahrhunderte später, schon einschätzen, ob Aussprüche oder Charakterzüge tatsächlich mit der betreffenden Person übereinstimmen oder nicht eher der Feder phantasiebegabter Biographen entstammen? Im Fall des Münchner »Finessensepperls« könnte letzteres durchaus bei etlichen seiner Anekdoten zutreffen, denn die meisten sind erst nach seinem Tod im Jahr 1828 zu Papier gebracht worden. Eines lässt sich heute allerdings noch genau nachprüfen, und das ist die Körpergröße des Joseph Huber, wie der Finessensepperl mit richtigem Namen hieß.

Denn am Ende seines Lebens, das 1763 in München begann, sollten seine sterblichen Überreste nicht ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof finden, sondern als Ausstellungsstück des pathologischen Instituts in München dienen. Glaubt man den Erzählungen über den Sepperl, dann war seine Körpergröße bzw. seine »Körperkleine« der ausschlaggebende Grund, warum sich der Joseph Huber zur skurrilen Gestalt des Finessensepperl entwickelt hat. Weil er klein und dazu noch verwachsen gewesen sein soll, behandelten seine Zeitgenossen ihn wie eine Art Jahrmarktsattraktion, wobei die Bühne für Hubers Auftritte nicht auf dem Volksfest stand, sondern mitten auf den Bürgersteigen Münchens. Die Vermessung seines Skeletts in der Pathologie beweist allerdings, dass die Bezeichnung »zwergenhaft« im Falle Hubers nicht den Tatsachen entspricht und bis auf eine zusätzliche Rippe war er auch nicht verwachsen. Mit seinen 1,50 Meter war der Sepperl zwar rund 15 Zentimeter kleiner als der damalige bayerische Durchschnittsmann, der es immerhin auf 1,65 Meter brachte. Aber als kleinwüchsig konnte man ihn schlecht bezeichnen. Ludwig van Beethoven, der fast gleich alt war mit Joseph Huber brachte es zum Beispiel nur auf 1,60 Meter und Wolfgang Amadeus Mozart war mit 1,63 Meter nicht viel größer.

Wahrscheinlich war es eher Hubers Aussehen und Verhalten, das ihn so skurril erscheinen ließ: Von klein auf soll er ein »verrunzeltes Weibergesicht« besessen haben, das durch seine übliche Kopfbedeckung, eine »Weiberkappe«, die bis über beide Ohren reichte und die Haare komplett bedeckte, noch zusätzlich betont wurde. Jahrein, jahraus mit dem gleichen lockeren Kittel bekleidet, habe man den Finessensepperl auch stets mit einem geflochtenen Körbchen unter dem einen und einem Blechtopf unter dem anderen Arm angetroffen. Der Korb war sozusagen sein »Arbeitsaccessoire«, denn darin bewahrte er Liebesbriefe auf, die er heimlich zustellte. »Er war der Vertraute aller Verliebten, kannte ihre Namen und Familienverhältnisse, war der Verwahrer ihrer Geheimnisse, durchaus verschwiegen, und als vertrauter Postbote stadtbekannt,« heißt es in einem Münchenführer aus dem 19. Jahrhundert. Mit dieser Briefträgertätigkeit, die ihm den Beinamen »Postillon d’Amour« einbrachte, verdiente Joseph Huber seinen Lebensunterhalt. Über seine Herkunft ist nichts weiter bekannt, als dass er angeblich der Sohn eines Kleinhändlers war und nie lesen und schreiben gelernt hatte. Dass er seine Tätigkeit als Briefträger nicht nur mit der nötigen Verschwiegenheit, sondern auch einer gehörigen Portion Witz ausgeführt hat, brachte ihm schließlich den Namen »Finessensepperl« ein, was man in etwa mit »Durchtriebener Joseph« übersetzen könnte. Tatsächlich musste sich Joseph Huber einiges an Finessen ausdenken. Denn nicht nur bei den frisch Verliebten war er eine wohlbekannte Erscheinung. Liebesschwüre oder Verabredungen für ein heimliches Stelldichein konnte er deshalb schlecht an der betreffenden Wohnung abgeben, wollte er nicht Gefahr laufen, dass die Botschaften in die falschen Hände gerieten. Seine Kundschaft wusste, dass er frühmorgens auf dem Viktualienmarkt oder in der Nähe des Fleischmarktes umher wanderte, und ließ ihm dann dort die entsprechenden Schreiben zu kommen. Wollte ein neugieriger Zeitgenosse, womöglich gar ein Ehemann, der seine Gattin in Verdacht hatte, einen heimlichen Verehrer zu haben, von ihm wissen, in wessen Dienst er denn gerade unterwegs sei, pflegte der Finessensepperl nur zu antworten: »Nix gwis’ woas ma net«. Ob dieser Ausspruch, der ja heute noch zum Repertoire des Standardbayerisch gehört, tatsächlich auf den Finessensepperl zurückgeht, kann aber wohl nur mit dem Spruch selbst beantwortet werden. Obwohl er bei seinen Geschäften nicht schlecht verdiente, hatte der Sepperl sich angewöhnt, auf seinen Botengängen neben einem Körbchen für die Briefe auch immer einen Topf mitzutragen, um den einen oder anderen Essensrest abzustauben. Mit Erfolg, denn es fand sich immer wieder die eine oder andere Köchin, die Mitleid mit dem skurrilen Kerl hatte und ihm sein Haferl mit Suppe oder Knödeln füllte.

Eine Zeit lang hatte der Sepperl wohl auch eine Freundin, die »rote Nani«, die ebenfalls auf der Straße gelebt haben und ein bisschen »narrisch« gewesen sein soll. Hatte einer von ihnen Namenstag, dann gingen beide, mit Blumen geschmückt, durch die Straßen und ließen sich von den Münchnern gratulieren.

Irgendwann starb die Freundin aber und das scheint den Sepperl dann ziemlich aus der Bahn geworfen zu haben. Er ließ sich gehen und hatte an den Späßchen, die er mit seinen Kunden sonst trieb kein rechtes Vergnügen mehr. Erzählt wird auch, dass er in dieser Zeit Opfer eines brutalen Überfalls geworden sei, wobei ihn der oder die Täter, in der Hoffnung auf einen ansehnlichen Geldbetrag, auf den Boden stießen und heftig auf ihn eintraten. Der Finessensepperl wurde dabei so arg zugerichtet, dass die Spuren bei der späteren Untersuchung seines Skeletts in der Pathologie noch deutlich zu sehen waren.

Als Joseph Huber 1828 im Alter von 65 Jahren starb, ging mit ihm auch ein altes Stück München zu Ende. Denn seit kurzem regierte mit Ludwig I. ein König, der die noch vom Mittelalter geprägte Residenzstadt in den kommenden Jahrzehnten in eine weltläufige Metropole verwandeln sollte. Wir wissen nicht, ob der Finessensepperl in diesem neuen München noch eine Bühne für sich gefunden hätte. Genauso wenig, wie er reagiert hätte bei dem Gedanken, dass sein Skelett in einer Sammlung menschlicher Kuriositäten landen würde. Offiziell ist der Joseph Huber zwar auf dem Münchner Südfriedhof begraben, dort, wo auch alle anderen namhaften Münchner früherer Tage ihre letzte Ruhestätte bekamen. Doch irgendwann wurde das Grab geöffnet und die sterblichen Überreste des Finessensepperls zwecks Untersuchung in die Münchner Pathologie gebracht. Deren Räumlichkeiten befinden sich, nach einem Umzug, nun genau gegenüber dem Südfriedhof. So wie der Finessensepperl in der Literatur geschildert wird, hätte er sich wahrscheinlich ins Fäustchen gelacht, hätte er gewusst, dass er der Nachwelt über den Tod hinaus mit einem leeren Grab noch ein weiteres Mal ein Schnippchen schlagen konnte.


Susanne Mittermaier

 

22/2013