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Jahrgang 2004 Nummer 42

Kirta in Bayern ist das größte Fest im Jahr

1806 wurde das Fest auf den dritten Oktobersonntag festgelegt

Kirchweih – nach altem Brauch ein bayerischer »Nationalfeiertag« ist im Kalendarium alljährlich am dritten Oktobersonntag eingetragen. Kirta im Bayerland hat viele Kennzeichen: die goldgelbe, schmalzgebackene Kirtanudel, den resch gebratenen Kirchweihvogel, das weißrote Kirchweihfahndl und vieles Drumherum wie Tanz und Blechmusik. Freilich hat dieses Volksfest nach den letzten Erntearbeiten gleich dem Kirchweihganserl, das nunmehr gerupft und geschlachtet wird, Federn lassen müssen, und der Riesenschmaus fällt heutzutage meist magerer aus.

»Huiö! Morgen ist Kirta. Das größte Fest im ganzen Jahr«, schreibt Ludwig Thoma in seinen Bauerngeschichten aus dem Dachauer Hinterland, die 1895 in der »Augsburger Abendzeitung« erschienen sind. »Grad lustig is. Hint im Hof grunzt die Sau; der Bauer wetzt das Messer und probiert die Schneid, ob sie noch nicht fein genug ist. In der Kuchl steht die Bäuerin vor dem Herd; mit dem Kochlöffel taucht sie die Kücheln unter und wendet sie um.«

Nach dem Kirchenbesuch heben die üppigen Tafel- und Wirtshausfreuden an. Heutzutage ist von diesem reichen Zeremoniell an Schmauserein mit vielen Gängen meist nur der Gansbraten mit Ködeln übriggeblieben. Früher gab es bereits morgens Suppe mit Schlachtwürsten. Mittags kamen erst verschiedene Knödel, Nudelsuppe, Voressen und Gansjung auf den Tisch. Dann wurde dreierlei Fleisch aufgetragen: Rindfleisch, Spanferkel oder Schweinsbraten und Kalbsbraten, darüber hinaus Gans und Ente und dazu weißes Kirchweihbrot. Die im Schmalz herausgebackenen Kirtanudeln wurden in großer Zahl verzehrt. Dem Spruch gemäß »Sauerkraut und schweinerne Wurst – das macht jedem Menschen Durst« wurde ein Bierfassl angezapft.

Am Kirchweihsamstag bereits hat der Mesner den »Zachäus«, das weißrote Kirtafahndl als Jubelzeichen durch das Kirchturmloch hinausgeschoben, wie es seit Jahrhunderten alte Tradition ist. Die Glocken läuten das Kirchenfest ein. Nach der Volkserzählung hat sich der Oberzöllner Zachäus, der auf einen Feigenbaum gestiegen war, dabei die rote Hose zerrissen, so dass der weiße Hemdzipfel herausschaute. Dies sei beim Einzug Jesu in Jericho, über den die Heilige Schrift berichtet, geschehen.

Ursprünglich wurde der Jahrtag der liturgischen Weihe einer Kirche in der Stadt und auf dem Land mit festlichen Gottesdiensten gefeiert, so dass es das ganze Jahr über landauf landab Kirchweihfeste gab. Sie wurden wie Volksfeste begangen und hatten großen Zulauf. Die Festlichkeiten weltlicher Natur dauerten meist mehrere Tage. Um diese Auswüchse der »Reihum-Kirchweih« einzudämmen, wurde 1806 im Königreich Bayern ein allgemeines Kirchweihfest auf den dritten Oktobersonntag im Jahr angeordnet. Diese in Volkskreisen als »Allerweltskirchweih« abgelehnte Regelung konnte sich nicht durchsetzen. Nach langem Hin und Her kam es am Ende so, dass Kirchweih am 3. Oktobersonntag allgemein und für jede Kirche eigens begangen wurde. Und so ist es bis heute geblieben.

HK



42/2004