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Jahrgang 2010 Nummer 23

Ein Meisterwerk der Kunst und der Technik

Mit dem Neutor wurde der Mönchsberg in Salzburg durchstochen

Das Neutor von der Nordseite, Lithographie von Lajos Libay, um 1850

Das Neutor von der Nordseite, Lithographie von Lajos Libay, um 1850
Fürsterzbischof Sigismund von Schrattenbach

Fürsterzbischof Sigismund von Schrattenbach
Georg Pezolt, Neutor von Süden, um 1850

Georg Pezolt, Neutor von Süden, um 1850
Das Neutor in Salzburg, das die Altstadt von der Pferdeschwemme aus mit dem Stadtteil Riedenburg verbindet, war kürzlich mehrere Wochen lang wegen Renovierungsarbeiten eingerüstet. Eigentlich ist das Neutor, nach seinem Bauherrn, dem Erzbischof Sigismund von Schrattenbach auch Sigmundstor genannt, kein Tor, sondern ein durch den Mönchsberg führender Tunnel. An seiner Planung und vor allem an der Gestaltung der beiden Portale, waren zwei Künstler aus dem Rupertiwinkel maßgeblich beteiligt, die im Weiler Strass bei Ainring als Kinder einer Bauernfamilie geborenen Brüder Johann Baptist Hagenauer und Wolfgang Hagenauer. Wer heute in Salzburg den pausenlosen, durch eine Ampel geregelten Verkehr durch das Neutor beobachtet, kann die große Bedeutung ermessen, die dieser Tunnel für die Verkehrssituation der Salzachstadt hat.

Bevor es in den Jahren von 1763 bis 1768 zur Verwirklichung des Tunnelprojekts kam, wurde das Gelände des Neutors als Steinbruch genutzt. Aus den hier gewonnenen Nagelfluhquadern sind die Ursulinenkirche St. Markus und die Dreifaltigkeitskirche errichtet worden. Auf einem Plan aus dem Jahre 1675 taucht erstmals die Idee auf, durch den weiteren Steinabbau den Mönchsberg an seiner schmalsten Stelle zu durchbrechen und eine Verbindung zwischen der Stadt und dem damaligen Vorort Riedenburg herzustellen. Der Plan wurde vor allem aus Kostengründen nicht weiter verfolgt.
Das änderte sich erst hundert Jahre später unter Fürsterzbischof Sigismund, der vom Projekt eines Tunnels durch den Mönchsberg sehr angetan war und dessen Planung und technische Durchführung dem Leiter des Salzburger Bauwesens, dem Baukommissar und Hofkammerrat Johann Elias von Geyer übertrug. Zwischen Geyer und den ebenfalls in erzbischöflichen Diensten stehenden Brüdern Hagenauer kam es wegen der Größe des Mönchsbergdurchstichs und der Fassadengestaltung der beiden Tore zu starken Differenzen.

In beiden Fällen entschied sich der Erzbischof zugunsten der Brüder Hagenauer. Statt der von Geyer vorgeschlagenen 18 Schuh Breite und 24 Schuh Höhe wurden die Maße um jeweils sechs Schuh heraufgesetzt (1 Schuh entspricht etwa 30 Zentimetern). Zum Schmuck der Portale entwarf Johann Baptist Hagenauer zwei triumphale Hommagen an den Landesfürsten: Auf der Stadtseite sein Reliefbild mit der monumentalen Inschrift »Te saxa loquuntur – Dich loben die Felsen«, auf der Riedenburgseite über dem Wappen des Erzbischofs eine meterhohe Statue seines Namenspatrons, des hl. Sigismund als römischer Krieger mit federgeschmücktem Helm, Kommandostab und einem Palmzweig. Die Portale des Neutors sind neben der Mariensäule am Domplatz die wichtigsten Werke der Hagenauer für Salzburg. Die Brüder waren ein ideales Team. Johann Baptist war für die Bildhauerarbeiten zuständig, Wolfgang für die architektonisch-dekorative Gestaltung. Die Kunst der Hagenauer steht an der Wende vom Spätbarock zum Klassizismus, der durch sie in Salzburg Einzug hielt.

Die Geschichte der Brüder liest sich wie eine einzige Erfolgsstory. Ihr Elternhaus stand im damals Salzburgischen Rupertiwinkel, in Strass bei Ainring. Sie verloren früh ihren Vater und fanden in einem in Salzburg lebenden Verwandten, dem Handelsherrn Johann Lorenz Hagenauer, einen Förderer ihres künstlerischen Talents. Angeblich wurde dieser auf Johann Baptist aufmerksam, als der 15-Jährige mit einem Pferdewagen nach Salzburg gekommen war, um Brennholz zu verkaufen. »Er unterhielt sich mit ihm, und da er fand, dass der Junge Geist und Talent hatte, ließ er ihn die Bildhauerkunst lehren und legte zu seinem weiteren Glücke den Grund«, heißt es in einer alten Biografie.

Johann Baptist kam zum Studium der Bildhauerkunst an die Akademie in Wien. Nach fünf Jahren kehrte er nach Salzburg zurück und wurde zum Hofstatuarius und Galerieinspektor ernannt. Als Truchsess durfte er an der Hoftafel an der Seite der Edelknaben teilnehmen. Aufgrund seiner hervorragenden Begabung ermöglichte ihm der Erzbischof einen mehrjährigen Studienaufenthalt in Florenz, Bologna und Rom. Aus Italien brachte Johann Baptist nicht nur eine Sammlung von Abgüssen antiker Statuen mit, sondern auch seine Braut Maria Rosa Barducci, die sich als Malerin und Wachsmodelleurin einen Namen machte.

Nach dem Tod des Erzbischofs ging Johann Baptist wieder nach Wien und schuf dort weitere Werke, unter anderem für das Schloss Schönbrunn. Schließlich übernahm er die Bildhauerklasse der Akademie und wurde Direktor der Graveurschule, einer Einrichtung, die Schlossern, Schreinern, Spenglern und anderen Handwerkern »zur Anregung und Vervollkommnung« offenstand. Hier betätigte er sich bis zu seinem Tod 27 Jahre lang als Entwerfer von Alltagsgegenständen wie Lampen, Toiletteartikel; Terrinen und Schuhschnallen, war also, modern gesprochen, ein Lehrer für »Industrial Design«.

Wolfgang Hagenauer hatte Zimmermann gelernt, studierte in Wien Architektur und wurde in Salzburg als hochfürstlicher Baumeister angestellt. Auf ihn gehen viele Um- und Neubauten von Villen, Dekanatshöfen, Kirchen und Hochaltären zurück. In Bayern verraten die Gotteshäuser in Mühldorf, Salzburghofen, Höglwörth, Kay und Waging am See seine Handschrift. Sein Grab befindet sich am Petersfriedhof in Salzburg.

Das Neutor wurde in zwei Etappen hergestellt. Die erste war der Durchstich durch den Felsen, die zweite die Dekoration der zwei Tore. Der Felsdurchstich lag in den Händen des fürsterzbischöflichen Baukommissars Geyer, für die Torgestaltung waren die Brüder Hagenauer zuständig. Der Tunneldurchstich erfolgte von beiden Seiten und nahm 16 Monate in Anspruch. Zwei Dutzend Steinbrecher und zehn Hilfsarbeiter arbeiteten im Schichtbetrieb Tag und Nacht. Die Stollenführung war so genau berechnet, dass die zwei Gruppen exakt in der Mitte zusammentrafen. Gegenüber der Altstadt liegt der Tunnel um einige Meter höher und steigt gegen Westen weiter an, sodass sich das Tageslicht an der Tunnelsohle bricht, dadurch wird mehr Licht reflektiert und der Tunnel erhält auf natürliche Weise Tageslicht. Erzbischof Sigismund ließ es sich nicht nehmen, den gelungenen Durchstich persönlich zu begutachten. »Höchstselber erzeigte sich höchst befriedigt und beschenkte den Baukommissar Geyer zu einem ewigen Andenken für dessen Bemühung mit einer kostbaren Tabatiere, welche mit 60 Dukaten gefüllt war«, schreibt ein Zeitgenosse.

Es vergingen noch weitere zwei Jahre, bis das erste Tor, und zwar das auf der Riedenburgseite, fertig gestellt war. Der Grund für die Verzögerung lag daran, dass die Brüder Hagenauer inzwischen vom Erzbischof zusätzlich den Auftrag für die große Marienstatue am Domplatz erhalten hatten, die man heute noch bewundern kann. Erst nach ihrer Vollendung konnte mit der Portalgestaltung auf der Riedenburgseite begonnen werden. Der Transport eines 14 Schuh hohen Marmorblocks für die Figur des heiligen Sigismund als Bekrönung des Tores von einem Steinbruch am Untersberg in die Stadt gestaltete sich dramatisch. Neunzehn Paar Pferde schleppten den Block in Tagesetappen zu jeweils zehn bis zwölf Schritt. Bei der Ankunft in Salzburg drängte sich Groß und Klein auf die Straße. Ein zeitgenössischer Chronist meint: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen solchen Tumult gegeben hätte, wenn Christus der Herr noch einmal erschiene und sein Kreuz durch die Straßen tragen würde ...«

Erzbischof Sigismund nahm die Einweihung des Portals mit der Figur seines Namenspatrons persönlich vor, begleitet vom gesamten Hofstaat. Hundert Kanonenschüsse verkündeten das festliche Ereignis, zu dessen Gedenken eine eigene Medaille geprägt wurde. Erst nach weiteren zwei Jahren – Erzbischof Sigismund war inzwischen gestorben – war dann auch das stadtseitige Tor vollendet. Nach der Berechnung der Hofkammer beliefen sie die Kosten für die künstlerische Gestaltung der beiden Tore alles in allem auf 18 000 Gulden. Der Tunnel selbst hatte nur ein Drittel dieses Betrages gekostet, weil das Aushubmaterial für den Straßenbau weiterverkauft werden konnte.

Nach der kürzlichen Restaurierung erstrahlen die Portaldekorationen des Sigmundtors nun wieder in frischem Glanz und erinnern die Passanten an ihre Schöpfer, die Brüder Johann Baptist und Wolfgang Hagenauer aus dem inzwischen bayerisch gewordenen Rupertiwinkel. Etwas von diesem Glanz fällt auch auf ihren Auftraggeber und Förderer, den Erzbischof Sigmund von Schrattenbach, der ansonsten kaum Spuren in der Salzburger Geschichte hinterlassen hat.

Julius Bittmann



23/2010