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Jahrgang 2008 Nummer 43

Der Bayerische Hiasl – Volksheld und Räuberhauptmann

Ein Unzufriedener lehnt sich gegen die Obrigkeit auf und scheitert – Teil II

Der Bayerische Hiasl und der Bub.

Der Bayerische Hiasl und der Bub.
Hinrichtung des Bayerischen Hiasl.

Hinrichtung des Bayerischen Hiasl.
Zuchthaus wegen Wilderei, ein Ansporn, sein Treiben fortzusetzen

So lief eine Zeit lang alles zum Besten. Hiasl wusste aber nicht, dass er einen Judas in seinen Reihen aufgenommen hatte. Der Burgauer, einer seiner Getreuen, hatte sich von der Bande abgesetzt und den Jägern gegen einen Judaslohn den Aufenthalt der Wilderer verraten. So schnappte die Falle zu. Hiasl wurde verhaftet und vor Gericht geschleppt. In München wurde er im Mai 1765 wegen Wilderei zu neun Monaten Zuchthaus verurteilt. Die vergleichsweise sehr milde Strafe hatte er dem Umstand zu verdanken, dass ihm das Gericht keine Gewalttaten vorwerfen konnte.

Im Frühjahr 1766 wurde er aus dem Zuchthaus entlassen. Nachdem er dem mühseligen Tagwerk eines bäuerlichen Lebens längst entwöhnt war und als Zuchthäusler gebranntmarkt, auch in seiner früheren Umgebung nicht mehr Fuß fassen konnte, war sein weiterer Lebensweg vom Wilderer zum Räuberhauptmann vorgezeichnet. Nach seiner Entlassung hatten ihn seine Spießgesellen schon erwartet. Nun gab es einige Rechnungen zu begleichen. Und mancher, der sich gerühmt hatte, dass er den Hiasl und seine Bande dingfest machen wollte, wurde von den Wilderern aufgelauert und verprügelt, so dass er um sein Leben fürchten musste.

Schließlich trieb es der Hiasl immer dreister. In Kissing, seinem Heimatort, erschien er mit seiner ganzen Mannschaft bei einer Hochzeitsgesellschaft und schoss dem Brautpaar Salut. In einem Wirtshaus, in dem einige Jäger saßen, ließen sich die Wildschützen in aller Seelenruhe nieder, bestellten Bier und Branntwein und tranken den Jägern zu. Das hob nicht nur ihr Ansehen beim Volk, sondern steigerte auch ihr Selbstwertgefühl. Hiasl fühlte sich offensichtlich recht wohl in dieser Rolle.

»Es gibt kein schön’res Leben, als ich führ auf dieser Welt. / Die Bauern geben mir zu essen und, wenn ichs brauch, noch Geld,« heißt es in einem Volkslied.

Der Hiasl mit seinem Buben und dem Hund Tyras

Oft genug kamen Bilder des Hiasls unters Volk. So wird von einem Künstler berichtet, der ihn portraitierte und das Bild in Augsburg einem sensationslüsternem Publikum zeigte. Unter die Zuschauer soll sich auch der Hiasl selbst gemischt haben, um herauszufinden, wie sein Bild von den Leuten aufgenommen wurde.

Dieses, wie auch noch viele andere Bilder zeigen den Hiasl mit dem Buben und dem Hund Tyras, einer furchterregenden großen Dogge. Andreas Mayr, den der Hiasl wie einen Sohn behandelte und seinen Buben nannte, hatte sich Hiasls Bande angeschlossen. Er tat sich durch seine zielsichere Schießkunst hervor und stand auch in harten Zeiten treu an der Seite seines Herren.

Dies gilt auch für den Hund Tyras, den Hiasl dem Müller der Putzmühle abgenommen hatte. Hiasl hatte befohlen, den Hund auf ihn zu hetzten, hatte sich auf einen Kampf mit dem Hund eingelassen, in dem er siegte. Der Hund erkannte in ihn seinen neuen Meister und ließ sich willig abführen. Seit dieser Zeit war der Hiasl vom Hund und von seinem Buben unzertrennlich.

Der Weg in den Abgrund

Das Jahr der Entlassung aus dem Zuchthaus war für den Hiasl ein Markstein für seinen Abstieg zum Räuberhauptmann und zum Verbrecher. Der Fürst der Wälder, für den noch ein Ehrenkodex galt und der sich der Achtung der Bauern sicher sein konnte, verlegte sich zunehmend auf Gewalttaten, bei denen er später auch nicht vor Raub und Mord zurückschreckte. Was mögen die Ursachen gewesen sein, die den Hiasl immer tiefer in den Abgrund trieben? Einmal war es sicher der verletzte Stolz. Zur fürstlichen Jagdherrlichkeit hatte man ihm ein wenig die Tür geöffnet und sie dann, wie er meinte, ohne Grund und Recht wieder zugeschlagen. Hiasl wollte sich damit aber nicht zufrieden geben. Er spielte mit den Jägern Katz und Maus. Die Gewalt eskalierte. Gewalt gegen Unschuldige, die sich ihm nur zufällig in den Weg stellten, Gewalt selbst gegen Frauen und Kindern gehörte zu seinem Handwerk. So wurde Hiasl in den Sog seiner Untaten immer tiefer hineingezogen, so dass er sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte.

Die Gewalt eskaliert

Auch fremde Hilfe konnte ihn nun nicht mehr retten. Der aus Kissing stammende Arzt Dominikus Geyer, ein Verwandter der Familie Klostermayer, erreichte dank seiner guten Beziehungen zum kurfürstlichen Hof eine Art Generalabsolution für den Hiasl. Wenn er den Kurfürsten persönlich um Verzeihung bitten würde, würde ihm diese auch gewährt werden. Er habe dann berechtigte Aussicht, bei Hof als Jagdgehilfe angestellt zu werden. Eine Streife kurbayerischer Jäger, die ihn gerade zu dieser Zeit verfolgte, verstärkte sein Misstrauen und seinen Entschluss, das Angebot abzulehnen. Damit war die letzte Tür zu einem normalen bürgerlichen Leben hinter dem Hiasl ins Schloss gefallen. Der Dämon seiner Untaten hatte ihn fest im Griff und zog ihn unaufhaltsam in den Abgrund.

Die Folgezeit verging mit einer Reihe von Überfällen, die von Raub und brutaler Gewalt gekennzeichnet waren. Im August 1770 erschienen die Wildschützen als ungebetene Gäste bei einer Kirchweih. Das Gasthaus, in dem sie sich aufhielten, war bald von einer Streife kurfürstlicher Soldaten umstellt. Es kam zu einer Schießerei, bei der zwei Soldaten getötet und mehrere verwundet wurden. Hiasl entkam mit seiner Bande im Wald. Der Amtsvogt von Täfertingen, der im Dezember 1770 einige Spießgesellen des Hiasl beim Falschspielen angezeigt hatte, wurde zum Opfer eines brutalen Raubüberfalls. Die Frau des Vogtes und das Hauspersonal wurden mit Waffengewalt in Schach gehalten, während Hiasl und die Seinen das Geld des Vogtes sowie amtlich verwahrtes Geld raubten.

Drei Tage nach dem Raubüberfall in Täfertingen griffen die Wilderer den Amtsknecht Franz Schleißheimer auf, der sich schuldig gemacht hatte, weil er den Wilderern Soldaten auf den Hals gehetzt hatte. Das musste er büßen. Mit Hirschfängern und Kolbenschlägen malträtierten sie das Opfer. Dann trieben sie den Amtsknecht ins Dorf, wo sich selbst die Bauern gegen die Bande erhoben. Erst als die Bauern gegen Hiasls Bande mit Dreschflegeln vorgingen, ließen sie von ihrem Opfer ab. Der Amtsknecht überlebte die Misshandlungen nicht.

Das letzte Gefecht und das grausame Urteil

Das Maß war voll. Das Gerichtsprotokoll wird später 50 Verbrechen auflisten, die dem Hiasl und seiner Bande vorgeworfen wurden. Am 25. November 1770 wurde ein Steckbrief gegen Hiasl erlassen. Die Hiaslbande war zur Landplage geworden. Von der Ständeversammlung des Schwäbischen Landtages in Augsburg erhielt der Premierleutnant Schedel den Auftrag, Hiasl und seine Bande dingfest zu machen. Nach einigen erfolglosen Scharmützeln schnappte die Falle am 15. Januar 1771 im Gasthaus von Osterzell endgültig zu.

Die Soldaten hatten das Gasthaus umstellt. Gewehrsalven zerfetzten die Fenster. Das von beiden Seiten aufgenommene Feuergefecht hätte sich in einem klassischen Western sehen lassen können. Das gilt ebenso für die Finte Schedels, mit der er Hiasl überrumpeln konnten. Unter dem Schutz von gezieltem Abwehrfeuer drangen mehrere Soldaten in das Haus ein und besetzten das Zimmer über der Gaststube, in der Hiasl mit seinen Männern kämpfte. Schedels Soldaten hackten nun mit Beilen die Holzdecke auf und warfen mit Pulver vermischtes Stroh in den darunter liegenden Raum. Diesem Zweifrontenangriff waren die Wildschützen nicht gewachsen. Auf beiden Seiten gab es mehrere Verletzte. Von Hiasls Leuten mussten zwei ihr Leben lassen. Hiasl selbst musste schwer verwundet aufgeben. Schedel, der Sieger des Tages, ließ die Wildschützen fesseln und nach Dillingen abführen.

Der vorletzte Akt des Wildererdramas, das Urteil, wurde schon beschrieben. Der letzte Akt, die brutale Vollstreckung des Urteils, ist noch erwähnenswert. Am Morgen des 5. September 1771 hatte sich der Marktplatz in Dillingen mit einer unüberschaubaren Menschenmasse gefüllt. Die Menschen waren von weither gekommen. Keiner wollte sich dieses Schauspiel der Rache entgehen lassen.

Hiasl wurde auf ein hölzernes Podium geführt. Nachdem das Urteil verlesen und der Stab über ihm gebrochen worden war, warf ihn der Henker auf ein kreuzförmiges Holzgestell, an dem Schlaufen für den Hals, für Kopf und Füße angebracht waren, die von Henkersgehilfen unter dem Podium angezogen werden konnten. Nun packte der Henker das mit scharfen Kanten versehene Rad und ließ es mit voller Wucht auf die Brust des Delinquenten niedersaußen. So wurde der Körper an mehreren Stellen durchtrennt. Mit dem krachenden Splittern der Knochen und dem auf die Bühne spritzenden Blut war der Höhepunkt des Schauspiels erreicht. Mit dem Aufspießen des Schädels an einem Galgen nahm es sein grausiges Ende. Das also war die Rache der Gesellschaft, die Matthias Klostermayer zuvor für sich in Anspruch genommen hatte.

Ist es nun wert, sich seines Lebens zu erinnern? Romane, die den Matthias Klostermayer nach seinem Tode glorifizierten und zahlreich Volkslieder über den Bayerischen Hiasl geben darauf eine Antwort. Sie halten das Gedächtnis an Menschen aufrecht, die ganz oben oder ganz unten, als Heilige oder als Verbrecher, über das Mittelmaß des Lebens hinausreichen. Gedanken an Höhen und Tiefen des menschlichen Seins lassen das Mittelmaß der gelebten Alltäglichkeit vergessen. Dem Fürsten der Wälder und Räuberhauptmann Matthias Klostermayer ist der Glorienschein des Außergewöhnlichen erhalten geblieben und aus dieser Sicht auch heute noch bedenkenswert.

Dieter Dörfler

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 42/2008



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