Jahrgang 2018 Nummer 35

Wasserkraftnutzung an der Tiroler Achen

Pläne zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätten den ganzen Chiemgau verändert

Blick ins Achental 1940.
Kössen 1902.
Wasserkraftwerk in Marquartstein – Gränzmühle 1901.
Das Tal der Tiroler Achen 1912.
Hochwasser 1912 bei Marquartstein.
Feldwies-Übersee Anlegestelle 1922.
Seebruck 1901.

1911 erschien in der Zeitschrift »Das Bayerland« ein Artikel mit für uns heute unvorstellbaren Planungen zur Tiroler Achen. Während die Gedanken zur Wasserkraftnutzung nach dem II. Weltkrieg uns heute schon utopisch erschienen und in heutiger Zeit auch kaum noch zu verwirklichen wären, gingen die Pläne zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch weiter. So schrieb der Lehrer Ludwig Lechner zu diesem Projekt unter dem Titel:

»Große Ache – Alz das Streitobjekt

Es ist Sommersanfang. Allerlei kleine Reisepläne fliegen um, kommen und verschwinden, – um wieder zu kommen. Es will kein Entschluß gelingen. Da plötzlich hat das Reisegeflunker ein Ende. Eine Alarmnachricht in der Presse reift den Plan: »Große Ache und Alz« heißt das Reiseziel.

Denn Österreich, unser lieber Nachbar, hat die bitterböse Absicht, einen unserer kräftigsten Bergflüsse aus seinem alten Bette zu heben und ihm eine neue Richtung zu geben: Die Tiroler oder große Ache abzuleiten oberhalb Kössen, dem letzten großen Orte auf österr. Boden, und über Walchsee, den See als Staubecken benützend, in das Inntal hinabzuführen. Von der Seehöhe hinab zum tiefgelegenen Inn ließe sich eine bedeutende Wasserkraft gewinnen.

Freilich wird von Fachleuten der Wert dieser Kräfte angezweifelt; denn ihre Gewinnungskosten seien übergroß. Aber doch: Dieser Nachbar macht uns mit seinen Plänen ernstlich bange um unser Heimatland. Und nicht allein das Volk, das eine direkte Schädigung befürchtet, erörtert besorgt die Frage: Nimmt man uns die Ache? Selbst die Regierungen verhandeln – letzter Tage wieder fand eine Konferenz in Salzburg hierüber statt – hoffentlich mit glücklichem Ende. Denn unberechenbar wäre unser Schaden. Das völlige oder teilweise Versiegen der Ache, des stärksten Zuflusses des Chiemsees, hätte unbedingt auch große Wasserarmut seines Abflusses der Alz, im Gefolge auf ihrem zum Inn gerichteten Lauf. Und der Chiemsee? Es wäre unausbleiblich, daß er im Laufe der Jahrzehnte zu einem stagnierenden Wasser würde, das sich nur in regenreichen Zeiten erneuerte. Welch großen Verlust die an beiden Flüssen liegenden Orte erleiden müßten, wird uns klar, wenn wir in Zahlen uns die Kräfte vergegenwärtigen, welche sie bieten, wenn es sich auch gewiss nicht allein um diese Wasserkräfte handelt, sondern um mancherlei reale und ideale Güter. Ache und Alz spenden auf ihrem 70 und 50 Kilometer langen Laufe heute schon in 18 Kraftanlagen 3433 Pferdekräfte. Weit größer sind die nicht ausgenützten Kräfte, die aber schon Gegenstand bedeutender Projekte sind. Nach amtlichen Berechnungen betragen sie: während 12 Monaten 43720 Pferdekräfte, während 9 Monaten 50020 und während 7 Monaten 71190 Pferdekräfte.

Wir wissen ja ferner, daß die badische Anilin= und Sodafabrik zur Herstellung von Stickstoff aus Luft ein Werk plant, das aus Alzwassern eine konstante Kraft von 25000 Pferdekräften mit einer Höchstleistung von 60000 Pferdekräften gewinnen soll. Und mit Rücksicht auf die Bedeutung dieser Industrie für unsere Landwirtschaft hat der bayerische Staat diese Kräfte freigegeben. Was nun, wenn sie verloren oder unsicher sind.«

Nun mehr als 100 Jahre später wissen wir, dass dieses Projekt nie realisiert wurde, ob nun aus finanziellen oder politischen Gründen sei dahin gestellt. Die Großprojekte der vergangenen Jahrzehnte weltweit zeigen aber, dass solch eine Verlegung ganzer Flüsse technisch machbar und politisch durchsetzbar ist, wohl aber nur in totalitär regierten Ländern, wie der VR China.

Wenn man heute aber die Konsequenzen solch einer Planung durchspielt, so hat sie der Autor des Artikels doch etwas zurückhaltend formuliert. Was wäre wirklich die Folge für das Achental, den Chiemsee und die Alz gewesen. Die Achen hätte nach Kössen kaum noch Wasser gehabt und hätte sich dann nur noch durch die einfließenden Bergbäche gespeist. Die Wassermengen wären mit Sicherheit mehr als nur halbiert worden, damit wäre aber auch der Grundwasserspiegel im Achental entscheidend verändert worden.

Zwar wäre eine Hochwassergefahr durch die Achen ausgeschlossen, aber der damals übliche Holztransport durch Trift auf dem Fluss wäre unmöglich geworden, die nach der Schneeschmelze unter Wasser stehenden Auwälder wären ausgetrocknet, der Fischbestand im Fluss und wahrscheinlich die gesamte Natur im Tal hätte sich verändert. Welche Auswirkungen dies auf die Moore südlich des Chiemsees gehabt hätte, ist kaum abschätzbar. Dazu wäre auch die Stromgewinnung an der Gränzmühle in Marquartstein fast unmöglich geworden.

Die größten Auswirkungen hätte der Verlust des größten Zuflusses wohl für den Chiemsee und alle anliegenden Orte gehabt. Der Wasserstand wäre wohl schon bald stark gesunken und die heutigen Uferbereiche wären dann weit vom See entfernt. Ob die Inseln weiterhin vom Ufer abgetrennt wären, ist zu bezweifeln, sie wären auf jeden Fall größer geworden. Der Fischbestand würde sich verändern mit den entsprechenden Folgen für die Fischer. Die Attraktivität des Sees für die Urlauber und auch die Tagestouristen würde stark abnehmen.

Für die Alz als Abfluss würde nur noch wenig Wasser verbleiben mit den Folgen, welche der Autor schon geschildert hat.

Zum Glück ist dem Achental, dem Lauf der Alz und dem gesamten Chiemgau all das erspart geblieben. Heute wären solche Ideen auch nicht mehr verwirklichbar, denn der Widerstand aus der Bevölkerung würde solche Planungen schon im Ansatz verhindern. Zum Glück gibt es heute durch den technischen Fortschritt auch andere Möglichkeiten, umweltverträglich Energie zu gewinnen und dazu auch die Natur und unsere Landschaft zu bewahren und zu schützen.

 

Olaf Gruß

 

35/2018