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Jahrgang 2018 Nummer 9

Südlichste bayerische Tracht und Sprache in den Laimbachtälern

Kurzer Einblick in die Zimberngeschichte – Teil II

Blick ins Vallarsa-Brandtal.
Alte Bayerische Landkarte.
Tänzchen auf dem Dorfplatz.

Wie sah es aber Anfang des 11. Jahrhunderts in den links der Etsch liegenden Laimbachtälern aus? Arthur F. Stoffella beschreibt die damalige Situation folgendermaßen: Da das Gebiet zu dieser Zeit fast unbewohnt war, fürchteten die Fürstbischöfe von Trient um ihre Besitzungen, weil italienische Bauern aus der Po-Ebene im Sommer ihr Vieh in diese noch unbewohnten Berggebiete auf die Weide brachten. So sind entlang der Grenze des damaligen Fürstentums Trient die Flur- und Ortsnamen Campogrosso, Camposilvano, Vezzena usw. entstanden. Eine zweite, spätere Einwanderungswelle musste deshalb ab dem Jahr 1207 erfolgt sein, als der Trienter Fürstbischof Friedrich von Wangen (er stammte aus einem reichsfreien Adelsgeschlecht im Vinschgau) deutsche Bauern und Knappen ansiedeln ließ. So geht aus einer Urkunde des Jahres 1240 hervor, dass im Brandtal-Vallarsa 200 Allemannen wohnten.

Im Jahr 1234 ließ Jakob von Kastelbarch (Castelbarco) zwölf neue deutsche Höfe im Brandtal errichten. Verlässlichen Schätzungen zufolge lebten im heutigen Trentino über 20000 Deutsche, die der bayerischen Volksgruppe entstammten und genau den altertümlichen Dialekt sprachen, der sich bis heute fast unverändert erhalten hat.

Wichtige Verbindung in den Süden

Viele Jahrhunderte lang nutzten Priester, Mönche und Pilger auf ihrem Weg nach Rom oder Jerusalem die Straße über den Brennerpass. Mehrere Pilger und Händler haben geschrieben, dass sie bis Berne- Verona die italienische Sprache nicht gebraucht haben, also Zimbrisch die Umgangssprache war. (Heute gilt das nördlich gelegenere Salurn als offizielle Sprachgrenze, der Verf.) Dies zeigt, dass sie die Bergübergänge vorzogen und nicht durch das rätisch-romanisch geprägte Etschtal gereist sind. Es wurde hauptsächlich auch wegen möglicher Krankheiten und Epidemien gemieden. Denn der Abschnitt von Salurn bis zur Berner Klause- Chiusa di Verona war durchgehend Sumpfgebiet. Ein Weg führte von Laag-Neumarkt über das Cembratal-Zimmertal nach Vivezzano-Zibitzan, dem heutigen Albrecht-Dürer-Weg. In Zibitzan fand 1796 die bereits erwähnte, große Schlacht zwischen den napoleonischen und den österreichisch-tirolerischen Truppen statt. Eine Bemerkung noch zur Berner Klause, dem 18 Kilometer nordwestlich von Verona gelegenen Engpass, den die Etsch dort durch die Felsen geformt hat. Es ist die Stelle, an der Otto von Wittelsbach 1155 dem rückkehrenden Heer Kaiser Friedrich Barbarossas gegen den Veroneser Hinterhalt zu Hilfe geeilt ist.

Über die Hochebene von Folgaria-Vielgereuth erreichten die Reisenden die Laimbachtäler. Eine französische Landkarte aus der Zeit des Spanischen Erbfolgekriegs (1701 bis 1714) zeigt, wie sich die verschiedenen Wege über die zimbrischen Gemeinden verteilten und weiter zur Pilgerstadt Rom oder nach Venedig führten, von wo aus die Reise übers Meer nach Jerusalem weiterging. Einer davon, die Strecke über St. Vigil/Pleif (heute Parrocchia) und Campogrosso ist als Seidenweg in die Geschichte eingegangen, weil die venezianischen Händler chinesische Seide nach Deutschland führten. Der Weg wurde im Auftrag von Prinz Eugen von Savoyen 1701 von österreichischen Soldaten verbreitert und ausgebaut, um die französischen Truppen bei Verona umzingeln zu können. Dieser Maultierweg ist teils noch heute vorhanden. Welche Bedeutung den Verkehrswegen über die Laimbachtäler zukam, zeigt die Tatsache, dass sie in besagtem Kartenwerk gleich breit wie die Straße unten im Etschtal eingezeichnet sind.

Mittelalterlicher Sprachstand – Älteste lebende baierische Mundart

Ähnlich wie das Rätoromanische der Schweiz oder das verwandte Ladinische in Teilen Südtirols ist Zimbrisch tief in der bäuerlichen Tradition verwurzelt. Namen-, Ortsund Flurbezeichnungen lassen ganz eindeutig auf die bairische Besiedelung und den damit verbundenen Sprachgebrauch schließen. Durch die isolierte Lage in den schwer zugänglichen Hochebenen konnte sich ein mittelalterlicher Sprachstand erhalten, der herkömmlich auch als älteste lebende, baierische Mundart bezeichnet wird. Sie war nicht wie unser aktuelles Altbairisch fortlaufenden Einflüssen ausgesetzt. Obwohl beide Dialekte getrennt voneinander ihre eigene Entwicklung durchgemacht haben, sind die linguistischen Ursprünge in vieler Hinsicht eindeutig nachvollziehbar. Ableiten lässt sich das an den angestammten Benennungen und Familiennamen: Angheben (Langeben), zum Vergleich in Ruhpolding: Unter- und Obereben, Beber (Weber), Biser (Wieser), Bisoffi (Bischof), Eccher (Ecker), Erbest (Herbst, hier klingt das bei uns manchmal noch gehörte Hirgst oder Hirest durch), Fox (Fuchs), Iseppi (Josef), Loner (Lahner), Plazzer (Platzer), Staineri (Steiner), Stoffella (Stoffel, Christoph), Zaner (Zainer). Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Ähnlich verhält es sich bei den Ortsnamen, die schon mehrmals in diesem Bericht erwähnt wurden. Dazu passt das Wappen der Gemeinde Brandtal (Vallarsa), welches zwei Bären darstellt, die an einem Brunnen trinken. Es stammt vom ersten Brandtaler Gemeindevorsteher namens Perenpruner (Bärenbrunner). Besser könnte man seine Namensherkunft nicht zum Ausdruck bringen. Deutlich wird die sprachliche Verwandtschaft nicht nur zum Altbairischen, sondern auch zum Althochdeutsch zu Zeiten Karls des Großen, wenn die Zimbern Sunna, Maano, Garto, Erda sagen zu Sonne, Mond, Garten und Erde.

Und auch mit der Übersetzung einleuchtender Redensarten dürfte ein g’standner Bayer keine übermäßigen Schwierigkeiten haben, wie bei der allseits bekannten Wetterregel: »Boinichtn in schnea, Oastarn inklea.« (Weihnachten im Schnee, Ostern im Klee). Oder, etwas schwieriger: »S’ista di sun und renk, dar taüvi hat geschlakh soi baibe«. (Wenn die Sonne scheint während es regnet, hat der Teufel seine Frau geschlagen). Oder, wie es in einer Hommage des Lehrers Antonio Fabbris an seinen Heimatort heißt: Ka Ljetzan sainda schuane Bälder, schuane Bisen un schuane Täljar, schuane Stelj un schuane Perge, pa schuan ist Ljetzan for mi! (Bei Ljetzan sind schöne Wälder, schöne Wiesen und Täler, schöne Orte (Stölln-Stellen) und Berge, wie schön ist Ljetzan für mich).

Anhand der Beispiele wäre es interessant zu wissen, ob wir, zurückversetzt auf den Sprachstand unserer Vorfahren vor etwa 800 Jahren, mit den Zimbern so ohne weiteres kommunizieren könnten. Leider sind wir mit dem »Beamen« noch nicht so weit…

Mit dem Minderheitenvolk der Zimbern und ihrer altertümlichen Sprache befassten sich schon im 19. Jahrhundert zahlreiche Wissenschaftler, Forscher und Reiseschriftsteller; so auch Ludwig Steub in seinen »Etnografischen Betrachtungen. Die deutschen Ansiedlungen in Wälschtirol und im venedischen Gebirge« sowie Johann Andreas Schmeller, der als Begründer der wissenschaftlichen Dialektforschung gilt und dem Zimbrischen gar den baldigen Sprachtod attestierte. Ganz so falsch lag der Mundart- Guru jedenfalls nicht. Forscher schätzen, dass in 100 Jahren zwei Drittel der fast 6000 Sprachen auf dem Globus verschwunden sein werden. Das Problem: 96 Prozent der Sprachen werden von nur vier Prozent aller Menschen gesprochen. Gottlob traf Schmellers Vorhersage (noch) nicht ein. 1999 wurde im Trentino ein Minderheitengesetz verabschiedet, das die Sprache nun offiziell anerkennt und somit die Grundlage für Fördermaßnahmen schuf, von denen die Zimbern und deren Sprachhüter seither profitieren. Neuestes Ergebnis daraus ist das erste deutsch-zimbrische Wörterbuch der Laimbachtäler, das Autor DDr. Hugo-Daniel Stoffella in mühevoller, sechsjähriger Detailarbeit zusammengestellt hat und vor einigen Monaten vorstellen konnte.

Hinzu kommt, dass 1992 der Europarat die Charta der Regionalund Minderheitensprachen beschlossen hat. Sie verpflichtet die Unterzeichnerstaaten zur Förderung der Kultur von Minderheiten. In Deutschland betrifft dies etwa die Unterstützung des Niederdeutschen oder des Sorbischen in der Lausitz, in Italien fallen Sprachen wie Romani, Ladinisch und Zimbrisch darunter.

Die Zimberngebiete als Spielball der politischen Großmächte

Allerdings lief es in der Geschichte der Zimbern nicht immer so glatt, wie es heute dank der europäischen Einigung der Fall ist. Wie immer in der Völkergeschichte war es blankes Hegemoniestreben von beiden Seiten, das Unfrieden und unsägliches Leid stiftete. Als geografische Grenzregion und damit zwangsläufig Spielball zwischen Österreich und Italien geworden, geriet das Gebiet nicht nur einmal zwischen die kriegerischen Fronten der politischen Mächte. Die Folgen der national gesehen völlig willkürlich und irrational geschlossenen Verträge sind hinlänglich bekannt. Die Welschtiroler mussten es teuer bezahlen, dass sie ihrem Heimatland Gesamttirol, dem sie von 1525 an und von 1797 bis zum Ende des 1. Weltkriegs dem österreichischen Habsburgerreich angehörten, bedingungslos die Treue hielten.

Deutsch als Barbarensprache verteufelt

Aber auch Luthers Thesenanschlag 1517 zu Wittenberg und die folgende Kirchenspaltung brachte eine schicksalshafte Wendung und unruhige Zeiten über das Land. Ohne Rücksicht auf religiöse und sprachliche Befindlichkeiten wurden immer mehr italienischsprachige Priester in die Laimbachtäler geschickt. Oft musste die Bevölkerung mit der Kirchenobrigkeit streiten, um deutschsprachige Geistliche für ihr Seelenheil zu erhalten. Die Italienisierung, die schon unter Napoleon begonnen hatte (er verbot auch das Tragen der Tracht), ließ sich nicht mehr aufhalten. Die Obrigkeit versuchte mit allen Mitteln, den abscheulich-barbarisch klingenden Dialekt für immer auszumerzen. Per Eid musste sich die ältere Generation verpflichten, die verhasste Sprache nicht mehr an ihre Nachkommen weiterzugeben.

Kriegsbedingte Zwangsevakuierungen und Aussiedlung aufgrund wirtschaftlicher Verhältnisse taten das ihre dazu. 1824 verließ der letzte deutsche Pfarrer Mathias Widman das Brandtal. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in der Erzpfarrkirche zu Pleif/Parrocchia noch in deutscher Sprache gepredigt. Im selben Gotteshaus, in dem fast 200 Jahre später die Laimbachtaler mit ihrer wiedererstandenen Tracht das Fronleichnamsfest feiern konnten.

Zwischen 1915 und 1916 musste die Bevölkerung der Laimbachtäler ihre Häuser an der Kriegsfront verlassen. Die meisten wurden im Inneren Österreichs umgesiedelt. Als sie 1918 zurückkamen, fanden sie völlig zerbombte Häuser vor. Wiesen und Felder waren durch die dauernden Kämpfe zerstört. Fast jede Familie hatte einen gefallenen Angehörigen auf der Seite Österreichs zu beklagen, oder ein Familienangehöriger war als Kriegsinvalide zurückgekehrt. Dazu kamen Witwen und Waisenkinder. Hinter den Haustüren gab es nur Elend. Allein aus der Gemeinde Vallarsa-Brandtal sind im Ersten Weltkrieg 300 Standschützen eingerückt, und nur 46 sahen die Heimat wieder. Die Rückkehrer fanden keine Beschäftigung und viele wanderten in alle Richtungen aus. Ein Aderlass für eine Gemeinde, die noch 50 Jahre zuvor 2300 Einwohner deutscher Muttersprache zählte. Die neu eingesetzte Militärverwaltung leistete ideologisch ganze Arbeit, um das Deutschtum ein für alle Mal auszumerzen: So wurde der Gemeindebedienstete angewiesen, im Winter alle auf Deutsch verfassten Urkunden aus dem Gemeindearchiv im Ofen zu verbrennen. Im Zweiten Weltkrieg waren die Provinzen Bozen und Trient von 1943 bis 1945 deutsches Protektorat, und die jungen Welschtiroler leisteten ihren Dienst bei der Trientiner Sicherheitspolizei oder der Wehrmacht.

Mit der Gründung Europas begannen neue Zeiten. Auch die Südtirol-Frage wurde zwischen Südtirol und Rom durch das zweite Paket ausgehandelt, und Italien gab grünes Licht, damit Österreich 1995 der Europäischen Union beitreten konnte. Aufgrund der Verträge sind die Balken an den Grenzübergängen Reschen, Brenner und Winnebach gefallen. Für die alte Tracht und Sprache der Laimbachtaler ein unschätzbarer Gewinn, der ihnen ihre zimbrische Identität und das lange unterdrückte Selbstbewusstsein zurückbrachte.

 

Ludwig Schick

 

Quellennachweis und Fotos:

Arthur F. und Hugo-Daniel Stoffella, Reimmichl Volkskalender Ausgabe Südtirol 2015, Wikipedia, Berliner Zeitung.

 

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 8 vom 24. 2. 2018

 

9/2018