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Jahrgang 2018 Nummer 48

Kriegsende und Revolution

Die Ereignisse vor 100 Jahren und die Situation in Stadt und Bezirk – Teil I

Traunstein war Standort eines zentralen Internierungslagers für Zivilpersonen und Kriegsgefangene.
Lazarett in Bad Adelholzen
Das Traunsteiner Rathaus mit der roten Fahne

Kriegsende und Revolution 1918/19 im Landkreis Traunstein:

Mit diesem Thema hat sich der Historiker und Autor Gerd Evers aus Ising befasst. Das Ergebnis seiner Recherchen präsentierte er bei verschiedenen Vorträgen. In der heutigen sowie in unserer nächsten Ausgabe veröffentlichen wir diesen Vortrag, den uns Gerd Evers freundlicherweise zurVerfügung gestellt hat:

 

Das Ende des 1. Weltkrieges wird gemeinhin mit den Ereignissen Anfang November 1918 verbunden, als die Bildung der Arbeiter- und Soldatenräte den Sturz der deutschen Monarchien einleitete. Am 7. November endete die Herrschaft der Wittelsbacher. Der Freistaat Bayern wurde ausgerufen. Am 9. November folgten die Abdankung des Kaisers und die zweifache Ausrufung der deutschen Republik bzw. der sozialistischen Republik durch Scheidemann und Liebknecht und am 11. November beendete der Waffenstillstand die Kampfhandlungen.

Traunstein war damals zwar eine kleine Stadt mit rund 10 000 Einwohnern, dennoch aber während des Krieges aus mehrfachen Gründen von besonderer Bedeutung, und zwar über ihren Status als Sitz des Bezirksamtes und eines Landgerichts hinaus:

Sie war Standort eines zentralen Internierungslagers für Zivilpersonen und Kriegsgefangene. In einem Krieg, der durch die Propaganda auf beiden Seiten zu einem »gerechten Krieg« hochstilisiert war, verstärkte der tägliche Anblick der Feinde die nationalen Emotionen. Die Stadtverwaltung mahnte mehrfach die Einwohner, beim Vorübergehen die Gefangenen nicht anzugaffen oder zu beschimpfen.

Das Lager wurde natürlich von einer militärischen Einheit bewacht, zu der von November 1918 bis Ende Januar 1919 der Gefreite Adolf Hitler gehörte. Später kamen noch Grenzschutztruppen hinzu, so dass am Kriegsende eine massive Konzentration von Militäreinheiten in der Stadt zu verzeichnen war.

Traunstein beherbergte innerhalb der Stadt und in unmittelbarer Nähe insgesamt 4 Lazarette: Alzing, Adelholzen, neues Krankenhaus, Prinz-Ludwig-Heim. Man konnte also täglich hautnah erleben, welche Verletzungen der Krieg mit sich brachte.

Die Stadt beherbergte eine Bahnstation an der Verbindungslinie zwischen den weit entfernten Fronten im Westen und Südosten Europas. Die Bedeutung intakter Bahnstrecken für den Verlauf des 1. Weltkrieges kann gar nicht überschätzt werden: Sammelpunkt der einberufenen Rekruten, Rückkehr der Verwundeten, Transport von Waffen und Soldaten zwischen den Fronten im Westen und Südosten.

Traunstein war schließlich Standort zweier Tageszeitungen, die nicht nur heute für den Historiker als Informationsgrundlage dienen, sondern auch damals für die Nachrichtenverbindung nach und von München von besonderer Bedeutung war. Hinzu kamen natürlich die Berichte über die zunehmende Zahl der Gefallenen und die Massaker an der Front sowie die Erfahrung von Not und Hunger in der Heimatfront.

Um die Situation der Traunsteiner Bevölkerung und das Hin und Her der Stimmung am Kriegsende zu skizzieren, muss man etwas weiter in das Jahr 1918 zurückgreifen. Ich beziehe mich dabei unmittelbar auf Notizen und Äußerungen von Zeitzeugen aus der Stadt und dem Bezirk Traunstein. Es lassen sich so Unterschiede in der Wahrnehmung der Ereignisse und in den Reaktionen darauf erkennen.

Im Februar 1918 notierte der Verfasser der Trostberger Kriegschronik, Kooperator Augustin Kebinger: »Dreieinhalb Jahre stehen wir jetzt im Kriege! Verschiedene Hemmungen schieben den Frieden immer weiter hinaus. Streiks, die leider Gottes auch in Deutschland eingerissen (sind), erschweren die Lage. Im Westen großes Rüsten auf beiden Seiten für den letzten Kampf! Im Osten in Russland ein heilloses Durcheinander!

Etwas pessimistisch muss man in die Zukunft schauen! Gebe Gott, dass aus den düsteren Wolken bald die Friedenssonne durchleuchtet.«

Als wenig später die Waffenstillstandsverhandlungen mit Russland zum Vertrag von Brest-Litowsk führten, »ertönten vom Bürgerwald Kanonenschüsse und viertelstündiges Friedensgeläute verkündete der Einwohnerschaft die Friedensbotschaft. Alles war freudig gestimmt.« In der Folge verließ Ende April 1918 ein erster Trupp Russen das Traunsteiner Gefangenenlager.

Nachdem die Ostfront entlastet war, erwartete die Bevölkerung eine baldige Entscheidung an der Westfront. Die Siegeszuversicht wurde mit Beginn der deutschen Frühjahrsoffensive angefeuert durch Glockengeläut und vom Ordinariat verordnete Betstunden. Die Stimmung schlug jedoch um, als nach kurzen Anfangserfolgen sich ein Scheitern der Offensive abzeichnete und sich die Anzeichen eines Rückzuges und einer drohenden Niederlage mehrten. Der Traunsteiner Stadtpfarrmesner Franz Büttner notierte: »Infolge der in letzter Zeit wiederholt erlittenen Niederlagen an der Westfront ist die Stimmung unter den Leuten eine sehr gedrückte. Die Meinung unter den Leuten geht dahin, dass die Leute wegen der schlechten Verköstigung und der langen Kriegsdauer nicht mehr standhalten wollen.«

Neben der Situation an der Front machten sich also auch die miserable Nahrungssituation und Kriegsmüdigkeit in der Heimat bemerkbar. Erschwerend wirkten die zunehmende Teuerung und die Ausbreitung der spanischen Grippe, die zahlreiche Opfer forderte und die Lazarette der Stadt füllte. Außerdem wuchsen die Zahl der Gefallenen und Verwundeten und damit auch die Trauer in der Heimat. Nach Jahren ununterbrochener Siegesmeldungen setzte sich die Enttäuschung fest, dass alle Opfer an der Front und das Ertragen von Hunger und Not in der Heimat vergeblich gewesen sein könnten. Zu Pfarrer Sprengart in Peterskirchen kam am Kriegsende ein Bauer, dessen fünf Söhne im Feld standen, um den Seelengottesdienst für seinen zweiten gefallenen Sohn Leonhard zu bezahlen. Sein Sohn Sebastian war bereits 1916 gefallen, Joseph befand sich in französischer Gefangenschaft, Franz war vermisst und Johannes war nach Hause zurückgekehrt, nachdem er im Kampf ein Auge verloren hatte.

Ein zweites Beispiel: In Rottau verlor die Familie Klauser vier Söhne an der Front.

Was Traunsteiner Soldaten in dieser Zeit des Rückzuges erlebten, lässt sich der Familienchronik des Traunsteiner Verlegers Anton Miller entnehmen: »Unsere Kompagnien sind von je 150 Mann nur mehr 3 bis 8 Mann stark gewesen. … Die paar Schusswaffen schossen nicht mehr, weil sie vor Dreck nicht mehr konnten. So mussten wir drei Tage daliegen, hatten keinen Bissen zu essen. … Ich grub mir im Liegen ein kleines Loch in den Boden … Ich war verwundet. … Hinter mir dunstete ein weißes Nebelmeer aus Pulverdampf. Aus ihm zuckten unaufhörlich feurige Blitze, quoll rollender Donner, die Erde bebte. Durch diese Hexenküche musste ich zurück. Mir graute, ich bekam wirklich Angst. Laufen konnte ich nicht mehr, ich musste abwechselnd kriechen oder auf einem Bein hüpfen. Ein Granatsplitter hatte mir 4 Zehen am linken Fuß durchschossen. Ein paar Stunden arbeitete ich mich so zurück, bis mich bei den Artilleriestellungen ein Sanitätswagen auflud.«

Der Traunsteiner Marinesoldat Sepp Schlager, der auf einem U-Boot Dienst tat, stellte fest: »Der Krieg hing mir wie jedem anderen, der an der Front war, … zum Halse heraus.« Zugleich konstatierte Schlager einen entscheidenden Unterschied zwischen den U-Boot-Besatzungen und den Matrosen auf den großen Schlachtschiffen. Während die einen auf Gedeih und Verderb mit ihren Kommandeuren bis in den Tod verbunden waren, empörten die anderen sich über die Unterschiede zwischen ihnen und den Offizieren: »Scheißkrieg, überhebliche Offiziere, unnötiger Dienst, Putzen und Scheuern.« Die Privilegien der Offiziere bei Landgang, Arbeit und Verpflegung traten für alle sichtbar offen zutage. Es war wohl kein Zufall, dass die Revolutionsbewegung von den Besatzungen einiger Schlachtschiffe ausging.

Die wachsende Unzufriedenheit und Kriegsmüdigkeit ließen auch eine politische bzw. gesellschaftliche Spaltung zum Vorschein kommen. Kritik richtete sich gegen die militärische Führung und machte auch vor der Person des Monarchen nicht Halt. Auf einer Fahrt nach Schloss Wildenwart wurde König Ludwig in Prien ausgepfiffen. Der Traunsteiner Pfarrer verzichtete beim Festgottesdienst auf die gewohnten Fürbitten für die königliche Familie.

Augustin Kebinger registrierte das Ansteigen eines revolutionären Geistes: »Immer mehr wird Trostberg ein Ort, in dem die „Fabrik“ den Ton angibt. Was die Arbeiter wollen, das geschieht. Erst heute hat ein Herr der Landesfettstelle gesagt, dass in Trostberg eine so aufrührerische Bevölkerung sei. Große Hetze der Roten!«

Für den Chronisten war diese Entwicklung nicht nur politisch gefährlich, sondern zugleich gleichbedeutend mit dem drohenden Untergang aller Kultur und aller Sittlichkeit. Zugleich stieg die Furcht vor den Repressionsabsichten der Kriegsgegner: »Es geht scheinbar ums Ganze! Unsere Gegner wollen Schluss noch vor Winter! Sie wollen uns unterdrücken und vernichten. Jetzt heißt es: Deutsches Volk! Wehre dich!« Solche Durchhalteparolen waren vermischt mit dem Streit um die Kriegsziele, der auch in Traunstein ausgefochten wurde. Die Anhänger der neu gegründeten Vaterlandspartei forderten einen »Siegfrieden« und schmähten den in der Friedensresolution der drei Reichstagsparteien SPD, Zentrum und Fortschrittspartei erklärten Verzicht auf Annexionen als Verrat. Der Streit um die Kriegsziele markiert auch das Ende der Illusion, die dem Burgfrieden zugrunde lag, nämlich dass Deutschland sich in einem reinen Verteidigungskrieg gegen eine Welt von Feinden befand.

Unterdessen hatte die OHL allerdings schon klar gemacht, dass ein unverzüglicher Waffenstillstand erforderlich war. Die Bildung einer neuen von einer parlamentarischen Mehrheit gestützten Reichsregierung unter Max von Baden leitete die Entwicklung zur konstitutionellen Monarchie ein. Der gleichzeitig begonnene Rückzug der deutschen Truppen führte in Traunstein und im Chiemgau zu dramatischen Folgen: Die Lazarette der Stadt waren überfüllt, da sie immer mehr Verwundete aufnehmen mussten, die aus den aufgelösten Feldlazaretten in die Heimatkrankenhäuser verlegt wurden. Menschenansammlungen bestimmten das Straßenbild in Traunstein. Am Maxplatz standen die Leute beisammen und besprachen die Aussichten der Waffenstillstandsangebote an einen Feind, der sich, wie der evangelische Stadtpfarrer Franz Schmid notierte, »im Übermut seiner jetzigen Erfolge schon an dem Gedanken der völligen Zerschmetterung Deutschlands berauscht und wenigstens in der Presse Forderungen stellt, deren Erfüllung zum Ruin des ganzen deutschen Volkes führen müsste.« Die Gewissheit verbreitete sich, dass die in Kriegsanleihen investierten Gelder verloren waren. Gerüchte verstärkten die Befürchtung, dass feindliche Truppen von Italien her über die österreichische Grenze nach Bayern einfallen könnten. Nach Traunstein wurden Grenzschutztruppen verlegt. Die Stadt und die Region wurden zum Aufmarschgebiet. Maschinengewehre zur Fliegerabwehr wurden aufgestellt, Verdunkelung und Sturmläuten eingeübt.

Bekanntlich haben sich in den ersten Novembertagen 1918, ausgehend vom Matrosenaufstand in Kiel, überall in Deutschland Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte gebildet, anfangs Meuterei gegen ein Todeskommando, in das die Flotte geschickt werden sollte, danach Spontanbewegungen gegen die herrschenden Amts- und Machtstrukturen, mit dem Ziel, die Kontrolle über die anstehenden politischen Entscheidungen zu übernehmen, über die Beendigung des Krieges, über die Rückführung der Soldaten, über den kommenden notwendigen wirtschaftlichen Wiederaufbau und natürlich auch über die ordnungspolitischen Grundfragen.

Der spätere Traunsteiner Bürgermeister Rupert Berger erlebte den Ausbruch der Revolutionsbewegung als Marinesoldat an Bord des Schlachtschiffes S.M.S. Derfflinger und urteilte kurz und bündig: »Was in Kiel getrieben wird, ist der Bolschewismus in Reinzucht.« … »Wenn diese Bewegung weiter verläuft, wird sie für uns einen ungeheuren Schaden bedeuten, sie entfernt uns vom Frieden statt ihn uns näher zu bringen … und letzten Endes führt sie zum Bürgerkrieg.«

In Bayern hatte der Unabhängige Sozialdemokrat Kurt Eisner die Führung dieser Bewegung übernommen, die am 7. November zum Sturz der Wittelsbacher Monarchie führte. Das Kriegsende war überschattet von den Nachrichten über die revolutionären Vorgänge in München, wo Kurt Eisner die Ministerpräsidentschaft übernahm und den »Freien Volksstaat Bayern« ausrief: »Die Bayerische Republik wird hierdurch proklamiert. Die oberste Behörde ist der von der Bevölkerung gewählte Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat, der provisorisch eingesetzt ist, bis eine endgültige Volksvertretung geschaffen werden wird. … Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt. Hoch die Republik!.« Die königliche Familie hatte in der Nacht fluchtartig die Landeshauptstadt in Richtung Wildenwart verlassen.

Die mehrheitliche Reaktion der Traunsteiner Bürgerschaft war offene Ablehnung: »Nachmittags 3 Uhr wurde durch Zeitungsanschlag bekannt gegeben, dass die Dynastie Wittelsbach abgesetzt und die Republik ausgerufen wurde. Der größte Teil der Einwohnerschaft ist hiermit nicht einverstanden und protestiert dagegen in scharfen Worten. Am Abend ist es auf den Straßen sehr lebhaft. Rudel von Soldaten stehen auf den Plätzen beisammen. Die meisten derselben haben die deutsche Kokarde von den Mützen entfernt. Die Stimmung ist sehr gedrückt.«

Mit Abscheu nahm der Haslacher Pfarrer die Abdankung der Wittelsbacher Dynastie zur Kenntnis, wertete die Revolution als Freiheitsschwindel und befürchtete als ihr Ergebnis einen Schandfrieden. Unbewusst nahm er damit die Verantwortung der Revolution für die harten Bedingungen des Versailler Vertrages vorweg, eine verbreitete Argumentation, die die Weimarer Republik dauerhaft belastete. Der evangelische Stadtpfarrer Franz Schmid konstatierte eine überwiegende Ablehnung des revolutionären Umsturzes in seiner Gemeinde, deren Mitglieder mehrheitlich national gesinnt waren und in der Folgezeit politisch den Deutschnationalen, Deutschvölkischen und auch den Nationalsozialisten zuneigten. Bürger und Bauern empfanden größtenteils Zukunftsangst angesichts der sozialistischen Politikprogrammatik, von der man im Übrigen nur diffuse Vorstellungen hatte. Der undifferenzierte Gebrauch der Begriffe »sozialdemokratisch«, »sozialistisch«, »bolschewistisch« und »kommunistisch« schürte Ängste vor russischen Verhältnissen. Auch Rupert Berger notierte in seinem Tagebuch, »dass der Sozialismus bis jetzt für das Volkswohl nichts geleistet hat, er brachte uns auf die schiefe Ebene, und Kommunismus und Sozialismus werden das Werk unserer Vernichtung vollenden. Wenn heute selbst sozialistischen Elementen vor unserer Lage graut, wenn sie behaupten, mit Bolschewismus und Spartakismus nichts gemein zu haben und dieselben bekämpfen, so kommen wir trotzdem darüber nicht hinweg, dass Kommunismus, Spartakismus und Bolschewismus und, wie sie alle heißen, Fleisch von ihrem Fleische sind, naturnotwendige Entwicklungsstufen des Sozialismus darstellen.« Man glaubte, mit Großbetrieben werde nun aufgeräumt. Der Peterskirchener Pfarrer befürchtete: »Dann kommt noch der Pfarrhof unter den Hammer und vielleicht ein jüdischer Gutsbesitzer hierher.« Die Formulierung verrät den latenten Antisemitismus, der auch dem Vorwurf an das Trostberger Wochenblatt zugrunde liegt, es habe verschwiegen, dass Kurt Eisner ein Jude sei.

Anton Miller beklagte Feigheit und Verrat der Monarchen und stellte erbittert fest: »Das ausgeblutete und demoralisierte Volk war reif für die Revolution. Kaiser und Könige flohen kampflos ins Ausland und überließen das Volk seinem harten Schicksal. Das Volk trauerte ihnen nicht nach, denn es sah sich von ihnen verführt. Die Volksrepublik wurde ausgerufen.«

Auch wenn der Verfasser der Trostberger Kriegschronik, Koadjutor Augustin Kebinger, die Stimmung und Reaktionen in der Stadt überspitzt aus katholisch-konservativer Sicht beschreibt, dürfte die Erregung in Teilen der Bevölkerung im Moment der politischen Umwälzungen durchaus dem Bild entsprechen, das er mit erkennbarem Entsetzen entwarf: »Die Dinge treiben immer weiter! Die deutschen Monarchien haben aufgehört! Der Kaiser ist zurückgetreten! Scheidemann hat in Berlin die „deutsche Republik“ ausgerufen! Ebert, Sozi, ist Reichskanzler! Mit der Selbstständigkeit der Bundesstaaten ist es wohl vorbei! Armes Bayern! Bayern ist jetzt glücklich so weit, von einem Berliner jüdischer Abstammung regiert zu werden! Kurt Eisner ist „ipso iure“ bayerischer Ministerpräsident geworden! Sozi und Minister! Die anderen Richtungen haben jetzt den Mund zu halten! Auch in Trostberg! Heute war hier Versammlung auf dem Viehmarkte mit Wahl des Arbeiterrates.« Die in den Aufzeichnungen erkennbaren irrationalen Befürchtungen waren gespeist von antisemitischen und fremdenfeindlichen Vorbehalten: »Der Trostberger Soldatenrat macht sich bemerkbar. Im Soldatenrat sind lauter Fremde!«

Die Nachrichten über die Ereignisse in München im November 1918 hatten im Chiemgau vor allem Unsicherheit erzeugt. Man befürchtete Unruhen, sogar Bürgerkrieg; die Versorgung der Traunsteiner städtischen Bevölkerung war ungesichert; die Zuständigkeit der Verwaltungsorgane war in Frage gestellt; eine Neuordnung des Militärwesens war zu erwarten.

Dass König Ludwig III. nach seinem Sturz angesichts der gegebenen Lage alle Beamten, Offiziere und Soldaten vom Treueid entband, ermöglichte es den städtischen Behörden, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen und in die Ereignisse einzugreifen. Im Bewusstsein, dass die revolutionäre Umwälzung von der Monarchie zur Volksherrschaft unumkehrbar war, erklärte der Traunsteiner Stadtmagistrat seine Bereitschaft, die Regierung Eisner zu unterstützen, und half am 11. November 1918 bei der Konstituierung des Traunsteiner Arbeiterrates, dessen Vorsitz der Sozialdemokrat Franz Kattan übernahm. Inzwischen war auch in der Wachmannschaft des Gefangenenlagers und im Grenzschutzbataillon ein Soldatenrat gewählt worden. Die Soldaten demonstrierten ihre Machtposition durch einen »aufsehenerregenden Aufmarsch« der Grenzschutztruppen vor dem Hotel Wispauer (Kommandositz).

Der Pfarrer von Peterskirchen, Sebastian Sprengart, hoffte jedoch zu dieser Zeit immer noch auf ein schnelles Ende des revolutionären Spuks: »Ein Haufen Schreier und Maulhelden wird denn doch noch zu bändigen sein mit königstreuen Truppen.«

Die neuen Organe wurden vom Traunsteiner Stadtmagistrat eingebunden in einen gemeinsamen innerstädtischen Sicherheitsausschuss, dessen Aufgabe es war, Sicherheit, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten und den Schutz des Eigentums zu gewährleisten. Die Beteiligung des Traunsteiner Grund- und Hausbesitzervereins in diesem Ausschuss verdeutlicht die latenten Befürchtungen des bürgerlichen Mittelstandes. Man hatte schlicht Angst vor Plünderungen. In einem Aufruf an die Einwohnerschaft verkündete Bürgermeister Georg Vonficht: »Für uns in Traunstein heißt das Gebot der Stunde: Einigkeit, Ruhe und Ordnung. Dadurch schützen wir uns selbst und wahren uns eine geregelte gleichmäßige Lebensmittelversorgung. Die Disziplin der zum Grenzschutze in unsere Gegend beorderten Truppen wird uns vor Horden und Banden, vor Lebensmittelräubereien aus Österreich herüber schützen.«

In Trostberg wurde am 13. November 1918 von einer Versammlung mit ca. 1200 Teilnehmern ein Arbeiterrat gewählt. Die große Zahl der Versammlungsteilnehmer lässt die enorme Erregung und politische Mobilisierung dieser Tage erahnen. In den nächsten Tagen folgte die Bildung eines Bauern- sowie eines Gewerbe- und Bürgerrates.

Augustin Kebinger notierte am 19. November: »Freilich, wie die einzelnen Räte zu arbeiten haben, ist noch unklar! Mehr Räte vielleicht als Rat! Ein Bürgerrat war notwendig als Gegengewicht zu dem Arbeiterrat, der sich zur Herrschaft in Trostberg berufen fühlt und (dies) auch in unliebsamer Weise gezeigt hat (Hausdurchsuchungen ..)« Die Tatsache, dass der Arbeiterrat wenige Tage später drei Bürger in seine Reihen aufnahm, beweist jedoch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Nach den Richtlinien des bayerischen Innenministeriums vom 26. November 1918 sollte in jeder Gemeinde ein Bauernrat oder Arbeiterrat gebildet werden, gegebenenfalls auch ein gemeinsamer Arbeiter- und Bauernrat. Soldatenräte konnte es natürlich nur in den Orten geben, in denen Soldaten stationiert waren, also in Traunstein, aber auch in Trostberg, wo sich am 12. November 1918 ebenfalls ein Soldatenrat bildete, der in erster Linie für Demobilisierungsfragen zuständig war und sich auch am städtischen Sicherheitsausschuss beteiligte, in der Folgezeit aber kaum mehr in Erscheinung trat. Seine Auflösung erfolgte am 18. Januar 1919 nach Erledigung der Demobilisierungsaufgaben.

Am 27. November 1918 veröffentlichte das Traunsteiner Wochenblatt einen Aufruf des Vorsitzenden des Bayerischen Bauernbundes, Georg Eisenberger, an die Bürgermeister und Gemeinden des Bezirksamtes Traunstein zur Bildung von örtlichen Bauernräten in allen Gemeinden des Bezirkes. Am 3. Dezember bestätigte der Vorsitzende des Bezirksamtes Traunstein, Regierungsrat Adolf Ufer, in einem Schreiben an die Gemeindebehörden des Amtsbezirkes, dass »in den meisten Gemeinden bereits Bauernräte gebildet sind«.

Auch in den Gemeinden des Achentals wurden Arbeiter- und Bauernräte gebildet. Die zahlenmäßige Größe eines Arbeiter- und Bauernrates hing von der Einwohnerzahl der jeweiligen Gemeinde ab. In Rottau (< 1000 Einw.) wurden beispielsweise 5 Personen in den Rat entsandt, in Grassau hatte der Arbeiterrat 9 Mitglieder (>1500 Einw.).

Es waren eigenartige Revolutionsorgane, die keineswegs gewaltsam die traditionellen Amtsträger hinwegfegten, vielmehr auf ihre Initiative hin und mit ihrer Hilfe gebildet wurden und sich teils beratend, teils mitentscheidend in ihren Dienst stellten. In den Beschlussbüchern der Gemeinde Übersee finden sich neben den Unterschriften der Gemeinderäte auch die der Mitglieder des Arbeiter- und Bauernrates. Das lässt auf eine gedeihliche Zusammenarbeit der revolutionären Räte mit den traditionellen Verwaltungs- und Beschlussgremien schließen. Insbesondere die Bauernräte waren aufgefordert, die Lieferung von Getreide und Fleisch zur Versorgung der städtischen Bevölkerung in Traunstein zu sichern.

Als das Bezirksamt jedoch wegen der unzureichenden Ablieferungen damit drohte, Kontrollkommissionen aufzustellen und gegebenenfalls vorhandene Nahrungsgüter zu enteignen, verweigerte der Bezirksbauernrat die Mitarbeit. Die Bauernräte wollten nicht als eine Art Hilfspolizei des Bezirksamtes fungieren.

Nicht überall gestaltete sich jedoch das Verhältnis zwischen Arbeiterrat und kommunaler Verwaltung komplikationslos. In Grassau beispielsweise kam es zu erheblichen Spannungen, die offensichtlich in der Sozialstruktur des Ortes begründet waren. Während im Gemeinderat ausschließlich Bauern und Geschäftsleute saßen, fanden nun die Steinbruch- und Torfarbeiter sowie die Landarbeiter im Arbeiterrat ihre Vertretung. Die unterschiedliche Interessenslage der Bürger und Bauern einerseits und der Arbeiter andererseits spiegelt sich auch in den gegensätzlichen Urteilen über die Grassauer Verhältnisse. Während der Leiter der Traunsteiner Fleischversorgungsstelle, Tierarzt Dr. Groll, in Grassau eine »gefährliche Spartakistengruppe« am Werk sah, verteidigte ein Mitglied des Grassauer Arbeiterrates die mangelnde Ablieferung von Nahrungsmitteln mit den Worten: »Die sind nicht gefährlich, die wehren sich bloß, um Lebensmittel zu bekommen, weil in Grassau nichts zu haben ist.«

In der Bevölkerung des Bezirks Traunstein war die Überzeugung verbreitet, dass das Nebeneinander der traditionellen und revolutionären Gewalten nur einen Übergangszustand darstellen konnte und dass die endgültige verfassungsmäßige Ordnung des neuen Volksstaates durch eine Nationalversammlung bestimmt werden müsste: »Wir akzeptieren den gegenwärtigen Zustand nur unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass es sich um einen kurzen Übergangszustand bis zur baldigsten Einberufung einer deutschen Nationalversammlung handelt. Die jetzige Regierung ist nur provisorisch, darf nur provisorisch sein und hat die Aufgabe, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, Frieden zu schließen, die Volksernährung zu sichern und die Demobilmachung so gut als eben möglich durchzuführen.......Von den Wahlen wird dann auch die Zusammensetzung der künftigen deutschen Regierung abhängen. Sie, nicht die Arbeiter- und Soldatenräte, wird es sein, welche die Grundlagen des neuen Deutschland verfassungsmäßig unter der Mitarbeit aller Klassen, Schichten und Parteien des deutschen Volkes aufzurichten haben wird. Für eine Klassenherrschaft darf nirgends weniger Platz sein als in einem freien Volksstaate und wir wollen der Diktatur von oben nicht entkommen sein, um einer Diktatur von unten anheim zu fallen.«

Um die Jahreswende 1918/19 herrschte Wahlkampfstimmung zur bayerischen Landtagswahl und zur Wahl der Verfassungsgebenden Nationalversammlung. Rupert Berger kehrte am Weihnachtstag von der Front nach Hause und schon am nächsten Tag trat er als Wahlkämpfer für die BVP in der Region auf oder als Diskussionsredner bei Veranstaltungen der gegnerischen Parteien.

Unterdessen fanden in vielen Gemeinden Willkommensfeiern für die heimkehrenden Soldaten statt. Über den Empfang in Fridolfing schrieb das Laufener Wochenblatt: »Wie fast überall ehrten die Jungfrauen ihre heimkehrenden Krieger durch Aufstellen von Triumphbögen mit entsprechenden Inschriften. Ein förmlicher Wetteifer entstand, jede Ortschaft möchte den schönsten stellen. Gewiss haben unsere wackeren Krieger den guten Willen und die viele Mühe anerkannt und sind von den herzlichen Willkommensgrüßen hoch erfreut.« Die Heldenverehrung ging also auch nach Kriegsende weiter. Umso größer waren angesichts der ungeheuren Opfer sowohl an der Front als auch in der Heimat der Frust und die Enttäuschung über die Niederlage und die harten Waffenstillstandsbedingungen.

Bei der bayerischen Landtagswahl am 12. Januar 1919, bei der zum ersten Male auch die Frauen ihr neu erworbenes Wahlrecht ausübten, erlebte die USPD ein Fiasko, als sie lediglich 3 Mandate erringen konnte. Zu den Gründen dieser Niederlage gehört sicher auch eine Verordnung der Regierung Eisner vom 25. 1.1919, durch die das Fach Religion aus dem Kanon der Pflichtfächer entfernt und als Wahlfach angeboten werden sollte. Die Aufregung der Geistlichkeit lässt sich an den Tagebucheintragungen Kebingers erkennen: »Eisner gehörte vor ein altbayerisches Haberergericht! Wie der sich aufführt, ist wahrlich eine Schande! Man kann nur sagen: Armes Bayern! Doppelt arm mit einem solchen Menschen – aus Galizien – an der Spitze!!!« Auf einer Protestversammlung der Bayerischen Volkspartei gegen die Regierungsverordnung erklärten die zahlreich erschienenen Traunsteiner/innen, »dass sie ihre Kinder keiner Schule anvertrauen werden, in welcher der christliche Geist aus Erziehung und Bildung ausgeschaltet und der Religionsunterricht zu einem Unterrichtsgegenstand zweiter Ordnung erniedrigt ist.« Offensichtlich hatte diese Verordnung so viel Ärger erzeugt, dass die sonstigen Veränderungen durch die Revolution in den Hintergrund traten. Zu den ersten Früchten der Revolution gehörten: Das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen, eine Revolution ohne Blutvergießen, die ersten Schritte zur parlamentarischen Verfassung, Verhältniswahl, Frauenwahlrecht, Acht-Stunden-Tag, die Anerkennung von Gewerkschaften und kollektiver Tarifverträge, die Bildung von Betriebsräten – eine insgesamt imposante Liste von Leistungen, die Heribert Prantl in einem SZ-Kommentar folgendermaßen zusammenfasste: »Gesetz für Gesetz hat diese Republik gleich zu Beginn den Sozialstaat entwickelt.«

 

Gerd Evers

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 49 vom 8. Dezember 2018

 

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