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Jahrgang 2003 Nummer 14

Im Frühjahr 1933 begann der Naziterror

Auch im Landkreis Traunstein gab es vor 70 Jahren die ersten Verfolgungsmaßnahmen

Der Kommunist Leonhard Lohner (1901-1961) wurde mehrmals verhaftet und über 9 Jahre in Zuchthaus und Konzentrationslager eingesp

Der Kommunist Leonhard Lohner (1901-1961) wurde mehrmals verhaftet und über 9 Jahre in Zuchthaus und Konzentrationslager eingesperrt.
Der Gewerkschaftsvorsitzende und Sozialdemokrat Valentin Großglettner (1899-1976) gehörte zu den ersten Naziverfolgten in Trauns

Der Gewerkschaftsvorsitzende und Sozialdemokrat Valentin Großglettner (1899-1976) gehörte zu den ersten Naziverfolgten in Traunstein.
Von den Nazis verfolgt und zum Verlassen der Stadt gezwungen: Rupert Berger (1896-1958), Vorsitzender der Bayerischen Volksparte

Von den Nazis verfolgt und zum Verlassen der Stadt gezwungen: Rupert Berger (1896-1958), Vorsitzender der Bayerischen Volkspartei
Ende Februar 1933: Es war schon wieder Wahlkampf, nachdem die neue Koalitionsregierung von Nationalsozialisten und Deutschnationalen den Reichstag hatte auflösen lassen, weil auch sie keine Mehrheit hatte. Aber es war kein normaler Regierungswechsel, kein normaler Wahlkampf. Denn die Zielsetzung der Nazis war die Errichtung einer Diktatur und die Vorbereitung eines neuen Krieges; und dafür war Voraussetzung, diesmal rücksichtslos jegliche Opposition für immer auszuschalten.

Und so kam dieser 27. Februar, an dem der Reichstag in Berlin brannte, wie »bestellt«. Am nächsten Tag bereits wurden Plakate geklebt und stand in der Traunsteiner Nazi-Zeitung »Chiemgaubote« zu lesen: »Jetzt aber Schluss: Volksgenossen! Wehrt Euch gegen die kommunistischen Mordbrenner! Nicht mit den
>geistigen Waffen des politischen Katholizismus’< Diese marxistische Mordpest kann nur ausgerottet werden durch die unwiderstehliche Kraft der nationalsozialistischen Bewegung. Deshalb wählt: Liste 1 Nationalsozialisten«.

Was war geschehen? Der Brand im Reichstag, der bis heute noch nicht ganz geklärt ist (obwohl viel darauf hin deutet, dass ihn die Nazis selbst gelegt haben), war der Anlass für die »Verordnung zum Schutz von Volk und Staat«; sie war bis zum Ende der NS-Diktatur die Rechtfertigung für die Aufhebung von Grundrechten und für die willkürliche Verhaftung politischer Gegner mittels »Schutzhaft«.

Die Arbeiterbewegung, immer noch die stärkste Gegenkraft gegen die Nazibewegung, sollte als erstes ausgeschaltet werden. Geschickt richtete sich die – heute recht primitiv wirkende - Hetze im Anschluss an den Reichstagsbrand zunächst vor allem gegen die Kommunisten, die zwar bei Teilen der Arbeiterschaft großen Rückhalt hatten, aber gesellschaftlich schon immer ausgegrenzt waren. Aber auch viele Sozialdemokraten, von den Nazis meist als »Marxisten« bezeichnet, waren von diesen ersten Verfolgungmaßnahmen betroffen. Über 10000 Verhaftungen gab es in diesen Tagen in Deutschland.

Verfolgung der Arbeiterbewegung

In Traunstein begann diese Verhaftungswelle bereits am 3. März, in der Endphase des Wahlkampfs. Die örtlichen NSDAP- und SA-Führer lieferten im Zusammenwirken mit der Polizei die Listen; Stadt- und Landespolizei führte Haussuchungen bei den bekannten Traunsteiner Kommunisten durch und verhaftete eine Reihe von ihnen; darunter auch der Stadtrat und Vorsitzende des KPD-Unterbezirks, Hans Braxenthaler. Sie wurden zunächst im Gefängnis Traunstein eingesperrt.

Nach den Wahlen am 5. März, die den Nazis zwar große Stimmengewinne, aber nur zusammen mit den Deutschnationalen die absolute Mehrheit brachten, wurde die Verfolgung ausgeweitet. Im Zusammenhang mit der sog. »Gleichschaltung« von Ländern und Gemeinden am 9. März, also der »Machtübernahme« der Nazis vor Ort, erfolgte die nächste Verhaftungswelle. Nicht nur Funktionäre der KPD, sondern auch sogenannte »Sympathisanten« wurden in Traunstein, Trostberg, Inzell, Egerer, Eisenärzt, Egerndach, Ruhpolding und Siegsdorf aus ihren Wohnungen oder von ihren Arbeitsplätzen geholt und ebenfalls ins Traunsteiner Gefängnis gebracht. Unter den Verhafteten war auch der führende Gewerkschafter und Sozialdemokrat Valentin Großglettner aus Traunstein.

Errichtung des Konzentrationslagers Dachau

Dachau wurde bereits in dieser Zeit zum Begriff für Schrecken und Verfolgung. Und das war von den Nazis durchaus gewollt. »Das Konzentrationslager für politische Gefangene in Dachau« lautete die Überschrift über einen Bild- und Textbericht im »Traunsteiner Wochenblatt« vom 23. März 1933 über die »Eröffnung« am Vortag; auch die Größenordnung wurde deutlich gemacht: »Gestern sind zunächst einmal 200 Mann in das Konzentrationslager Dachau gebracht worden. Ihre Zahl soll sich nach und nach auf 2500 und späterhin wohl auf 5000 erhöhen«. Ausschaltung und Abschreckung aller Gegner – das war die Aufgabe dieser Terrorstätte.

Und die NS-Maschinerie im Landkreis, allen voran der SA-Sonderkommissar beim Bezirksamt Traunstein, half eifrig mit, das Lager zu füllen. In zwei »Schüben« Ende April und Anfang Mai 1933 wurden fast 50 meist als »Kommunisten« titulierte Männer aus dem Landkreis vom Gefängnis Traunstein mit Bus und Lastwagen ins KZ gebracht - ohne Angabe von Gründen, ohne rechtlichen Schutz, ohne Verfahren und ohne Wissen um die Zukunft.

Unter diesen ersten Häftlingen war auch der Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei, der Traunsteiner Rupert Berger. Als Gauführer der »Bayernwacht«, einer Wehrorganisation der BVP, wurde er im Zusammenhang mit der »Gleichschaltung« in Bayern am 9. März kurz danach verhaftet; Berger wurde mehrere Wochen im Traunsteiner Gefängnis und anschließend für einige Tage ins KZ Dachau eingesperrt. An ihm übten die lokalen Machthaber persönlich Rache für dessen entschiedenes Auftreten gegen die Nazis in vielen Versammlungen, in dem sein Name auf der Schubliste für Dachau genau so wie bei den Kommunisten Braxenthaler und Josef Mayer aus Trostberg extra gekennzeichnet wurde – ein Zeichen für die SS-Schläger im Lager, bei diesen Häftlingen besonders bestialisch zu prügeln.

Dieser ersten großen Terrorwelle folgten in den nächsten Wochen weitere Verhaftungen, von denen nun verstärkt auch einzelne Repräsentanten der SPD betroffen waren. Im Zuge der Zerschlagung der Gewerkschaften (in Bayern bereits am 9. März, nicht erst am 2. Mai wie im Reich) und der späteren Aktionen zum Verbot der SPD im Juni und Juli wurden u.a. in Traunstein und Trostberg Stadtratsmitglieder der SPD und aktive Gewerkschafter verhaftet und für Wochen oder Monate in Gefängnissen und im KZ Dachau festgehalten. Zu ihnen gehörten die Stadträte Georg Burghartswieser und Alexander Karmann aus Traunstein. Die Verhaftung von einzelnen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern etwa der SKW in Trostberg zogen sich bis in den Herbst 1933.

Mit diesem Terror von Anfang an war die Arbeiterbewegung, also vor allem SPD und KPD und Gewerkschaften, empfindlich getroffen. Illegale Arbeit gegen die Naziherrschaft war kaum mehr möglich. Dennoch versuchten selbst aus Dachau Entlassene auch in den kommenden Jahren nochmals, Widerstand zu organisieren und den Zusammenhalt aufrecht zu erhalten. Scharfe polizeiliche Überwachung und Denunziantentum führten bei manchem zur wiederholten Einlieferung nach Dachau. Leonhard Lohner etwa wurde mehrmals verhaftet und insgesamt 9 Jahre und drei Monate in Zuchthaus und Konzentrationslager gesperrt. Braxenthaler wählte aus Angst vor erneuter Verhaftung und erneuten Qualen in Dachau den Freitod auf dem Hochberg.

Vorgehen gegen bürgerliche Nazigegner

Gegenüber Gegnern aus den bürgerlichen Schichten wandten die Nazis auch im Landkreis vor allem die Methode der Einschüchterung an: Angriffe gegen einzelne Personen und schließlich deren Verhaftung sollten diese gesellschaftlich isolieren und vor allem kritische Stimmen aus deren Umfeld abschrecken. Neben Rupert Berger, den die Nazis auch nach dessen Entlassung aus Dachau öffentlich diffamierten und schikanierten, bis er schließlich Traunstein verließ, waren von diesen Maßnahmen alle Traunsteiner BVP-Stadträte betroffen. Vorausgegangen waren mehrere Hetzartikel im Chiemgauboten, manchmal auch als Leserbriefe »empörter« Bürger getarnt, die Stimmung machten und »energische Maßnahmen« forderten. Am 28. Juni war es dann soweit: die Mandatsträger wurden verhaftet und für einige Tage ins Gefängnis gesperrt. Natürlich erregte diese Verhaftung hochangesehener Bürger großes Aufsehen – und wirkte auch auf scheinbar Unbeteiligte abschreckend. Genau das beabsichtigten die Nazis. Im Juli musste sich die BVP auflösen; die NSDAP hatte ihr Ziel erreicht, auch Opposition aus bürgerlichen und konservativen Kreisen zu ersticken. Gegen manch Konservative wie den Weinhändler und BVP-Stadtrat Alois Schnitzer organisierten die Nazis weiterhin angeblichen »Volkszorn« durch Plakate mit der Aufschrift »Kauft nicht mehr bei dem schwarzen Schwein« oder durch Zertrümmerung der Schaufenster des Ladens – ein beliebtes Mittel der Traunsteiner SA und NSDAP-Gruppen. Schnitzer wurde in den nächsten Jahren noch zweimal für kurze Zeit eingesperrt.

Das Mittel der Einschüchterung durch gezielte Denunziation und Verhaftung einzelner Persönlichkeiten zeigte sich auch im schulischen Bereich, dessen Gleichschaltung für die Nazis besondere Bedeutung hatte.

Wieder war es der Chiemgau-Bote, der gleich Anfang Februar die Hetze einleitete. Nach Denunziationen angeblicher Äußerungen zweier Lehrer des Realgymnasiums Traunstein im Unterricht und der angeblichen Untätigkeit des stellvertretenden Direktors folgte die Aufforderung: »Die Namen dieser Professoren sind hier in aller Munde. Wir erwarten, dass von zuständiger Stelle sofort eingegriffen wird. Wenn nicht, werden wir dafür sorgen!«. Ergänzt wurde das zwei Wochen später mit dem direkten Aufruf zum Terror: »...wer so was sagt, hat das Recht verwirkt, ein deutscher Beamter zu sein. Und außerdem wird sich sicher ein SA-Mann finden, der einen recht kräftig gebauten Stiefelabsatz hat.«. Im Zuge der Aktion gegen die BVP-Stadträte wurden dann für einige Tage die Gymnasiallehrer Peter Parzinger, Karl Carnier und der stellvertretende Schulleiter Max Leitschuh in Schutzhaft genommen und nach der Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand geschickt bzw. an eine andere Schule versetzt. Diese Einschüchterung am Gymnasium gleich zu Beginn tat ihre Wirkung auch auf alle anderen Schulen. Viele Lehrer passten sich an und traten in die NSDAP ein, mögliche Ausgrenzung und eventuelles Berufverbot vor Augen (aufgrund des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933).

Bis Sommer 1933 waren nun alle Nicht-Nazi-Parteien und deren Jugendgruppen verboten worden oder hatten sich selbst aufgelöst, die Freien Gewerkschaften waren zerschlagen, die Presse in weiten Teilen gleichgeschaltet worden; eine Ausnahme bildete teilweise noch das »Wochenblatt, bis es dann nach einzelnen Verboten und Festnahmen des »Wochenblatt«-Herausgebers Anton Miller Anfang 1936 aufgegeben werden musste. Noch zu viel Freiraum hatten für die Nazis die Kirchen, vor allem die Katholische Kirche aufgrund des Vertrags zwischen Regierung und Vatikan. Die Zeugen Jehovas, damals »Bibelforscher« genannt, waren bereits im April aufgelöst und verboten worden. Weil sich viele ihrer Mitglieder weiterhin illegal trafen und auch Flugblätter verteilten, wurden in den nächsten Jahren eine Reihe von ihnen im Landkreis verhaftet.

Gegen den Stadtpfarrer von St. Oswald, Joseph Stelzle, trauten sich die Traunsteiner SA- und NSDAP-Dienststellen gleich zu Beginn noch nicht recht vorzugehen, auch wenn es für sie schwer zu ertragen war, dass Bibelstunden und Predigten und kirchliche Jugendarbeit ihrer Kontrolle weitgehend entzogen waren. Aber es wurden vorläufig fleißig Spitzelberichte gesammelt, die dann im nächsten Jahr zu den bekannten Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Pfarrer Stelzle führten.

Bei einem Rückblick auf die ersten Verfolgungsmaßnahmen im Jahr 1933 sollte aber nicht vergessen werden, dass die Nazis mit der Machtübernahme auch sofort an die antisemitischen Einstellungen vieler Menschen anknüpften und diese weiter schürten. Neben Kommunisten/Marxisten waren die Juden das zentrale Feindbild. Gerade der Antisemitismus wurde nun zunehmend gebraucht, um die deutsche Bevölkerung in permanente Angst zu versetzen und sie an Ausgrenzung von Minderheiten und an die Ideologie der »Herrenmenschen« zu gewöhnen, die angeblich das Recht haben, auf Kosten anderer gut zu leben. Bereits am 1. April 1933 beteiligten sich die Traunsteiner Nazis am großen »Abwehrboykott«, indem sie ein Transparent quer über die Einfahrt zum Stadtplatz spannten mit der Aufschrift: »Kauft nicht bei Juden, er vertreibt dich Bauer von Haus und Hof«. Wohl von den meisten Traunsteinern wurde diese Aufforderung eher kopfschüttelnd belächelt und kaum ernst genommen. Noch wurden die wenigen Juden im Landkreis gegrüßt, noch wurden Geschäfte gemacht mit dem Viehhändler Holzer. Aber in den nächsten Jahren wurde die Propaganda und die schrittweise Ausgrenzung auch hier stärker – so dass letztlich auch in Traunstein öffentlicher Protest ausblieb, als im November 1938 die Traunsteiner Juden aus dem Landkreis und zum Teil in den Tod getrieben wurden.

FM



14/2003