Jahrgang 2018 Nummer 4

Ein denkwürdiger Hoagart vor 30 Jahren in der Hutzenau

Die bayerischen Sozialdemokraten gedachten damals des Bauernbündlers Georg Eisenberger

Auch zu den Reichstagssitzungen in Berlin erschien Georg Eisenberger in seiner Gebirgstracht. (Archivbilder)
Das Foto aus dem Jahr 1867 zeigt Georg Eisenberger als Kind mit seinem Großvater.
Eisenbergers Heimat, die Hinterhutzenau. Zum Anwesen gehörten 36 Tagwerk Wiesen und 9 Tagwerk Wald.
Der Text zu dieser im Jahr 1913 im Simplizissimus erschienenen Karikatur lautete wie folgt: »Herr Eisenberger, nehmen Sie eine Mistgabel in die Hand! Das ist gescheiter wie politisieren«! – »I brauch’ koa Mistgabel, desweg’n bin i do a richtiger Bauer. Aber du, wennst aa drei Weihwedel in der Pratz’n hast, bist do bloß a Pfaff und no lang koa Priester.«

Ein ganz besonderes Treffen fand am 29. Januar vor 30 Jahren in der Hutzenau am Fuße des Rauschbergs statt. Die bayerische SPD erinnerte an eine schillernde Figur der deutschen Politik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Georg Eisenberger, der Hutzenauer (1863-1945), wäre damals 125 Jahre alt geworden. Heuer also würde sich sein Geburtstag zum 155. Mal jähren. Der unerschrockene Ruhpoldinger Bauernbündler wurde 1919 zum Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde ernannt. Er sorgte von 1915 bis 1919 im Bayerischen Landtag und von 1920 bis 1932 als Reichstagsabgeordneter in Berlin immer wieder für Aufsehen; nicht nur weil er dort nur in seiner Gebirgstracht samt Hut mit Gamsbart auftrat.

Eisenberger diente Ludwig Thoma als Vorbild für die Filsergeschichten und für den Roman Andreas Voest. Fritz Meingast schilderte das Leben des Volkstribuns und Rebellen aus den Chiemgauer Bergen in seinem Buch »Der Volkstribun mit dem Gamsbart«, das zuletzt 1983 im Ehrenwirth-Verlag nachgedruckt worden ist.

Das Traunsteiner Wochenblatt als Verbündeter

Eine ganz besondere Verbindung hatte der Hutzenauer zu unserem Zeitungsverlag, zum Traunsteiner Wochenblatt, wie sich unsere Zeitung bis zur Jahrtausendwende nannte – und natürlich auch zu dieser Wochenendbeilage, den Chiemgau-Blättern: Die in unserem Verlag erscheinende Tageszeitung war damals Sprachrohr des Bauernbundes, dessen Führer Georg Eisenberger gewesen ist. Einer, der die Anliegen des Bauernbundes und der einfachen Leute nach Kräften unterstützte, war der damalige Verleger Anton Miller, der im Jahr 1968 verstorben ist.

Der ging für seine Überzeugung, sich für Arme und Schwache einzusetzen, sogar ins Gefängnis. Ab dem Jahr 1933 nahmen ihn die Nationalsozialisten nicht weniger als sechsmal in Schutzhaft und sperrten ihn in die Sametzalm, wie das Traunsteiner Gefängnis im Volksmund genannt wurde. Die Aufenthalte dort dauerten aber niemals länger als 14 Tage. Zur Beerdigung von Georg Eisenberger konnte Anton Miller auch nicht nach Ruhpolding fahren, denn da »genoss« er gerade wieder einmal für seine Überzeugung Kost und Logis in der Sametzalm.

SPD-Landesvorsitzender hielt den Festvortrag

An dem Hoagart vor 30 Jahren in der Hutzenau nahm auch der Autor dieses Beitrags teil. Eingeladen hatte der heute 83-jährige, ehemalige SPD-Landesvorsitzende (1985 - 1991) und frühere Bundestagsabgeordnete (1972 - 1994) Dr. Rudolf Schöfberger. Neben ihm nahmen sein Vorgänger als SPDLandeschef, Volkmar Gabert, und der damalige agrarpoltische Sprecher der SPD im Landtag, Gustav Starzmann, teil. Der damalige Bürgermeister Herbert Ohl war unabkömmlich: Gleichzeitig fand nämlich in Ruhpolding der Biathlon-Weltcup statt.

Schöfberger würdigte in einem ausführlichen Referat die Verdienste Eisenbergers, Starzmann zeigte anhand von Beispielen, wie aktuell ein Teil der Aussagen des Bauernbündlers auch heute noch ist. Schon 1912 machte Georg Eisenberger auf die Wildschäden in den heimischen Wäldern aufmerksam. Er kritisierte den übermäßigen Wildbestand als »Mutterkindl, das Schoßkind der höheren Herren.« Drei Jahre zuvor hatte der Hutzenauer in der Kammer der Abgeordneten gegen die Frühpensionierung der Offiziere gewettert: »Die Bevölkerung draußen versteht es nicht, wenn oft Leute noch in jüngsten Jahren wegen Felddienstuntauglichkeit verabschiedet werde. Denn so ein Herr geht dann hinaus, macht einen Agenten bei einer Versicherung und läuft am Tag 20 Kilometer weit.

Die beiden angesprochenen Themen Jagd und Frühpensionierung waren vor 30 Jahren, als der Hoagart stattfand, genauso aktuell wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts und sie sind es noch heute. Georg Eisenberger war von 1900 bis 1930 Vorsitzender des Bayerischen Bauernbunds. Fast vier Jahrzehnte lang wirkte er als Landtags- und Reichstagsabgeordneter. Dabei vertrat er in erster Linie die Belange der Bauern.

Bauern waren anti-preußisch und antimilitaristisch

Die bayerischen Bauern jener Zeit waren antipreußisch und antimilitaristisch. Die meisten hatten den Schmerz der Reichsgründung von 1871 mit der Abwertung des Königreichs Bayern zum Vasallenstaat unter preußischer Hegemonie noch nicht überwunden. Als 1891 amerikanische Getreidelieferungen den Markt überschwemmten und der Preis für heimisches Brotgetreide rapide sank, wandten sich die Bauern zunehmend von der damaligen Zentrumspartei ab, die sich ab 1918 Bayerische Volkspartei nannte und aus der letztlich die CSU hervorgegangen ist.

Kurz nach der Gründung der bayerischen SPD im Jahr 1892 entstanden dann die ersten Bauernbünde, deren Vorsitzender Georg Eisenberger 1900 wurde. Der Bauernbund, so Schöfbergers Einschätzung vor 30 Jahren, hatte mit der Sozialdemokratie viel gemeinsam: »Er war föderalistisch, in Altbayern sogar partikularistisch, für damalige Verhältnisse erstaunlich demokratisch, adelsfeindlich, antiklerikal, insgesamt oppositionell-aufmüpfig.«

Joseph Goebbels als »Rotzbuam« beschimpft

Georg Eisenberger war ein erklärter Gegner der Nationalsozialisten. Er verabscheute sie wegen ihrer randalierenden Aufdringlichkeit und ihres Gehabes – weniger wegen ihrer gefährlichen Ideologie. Als am 12. Oktober 1931 die Nazis und die Deutschnationalen die Regierung Brüning im Reichstag stürzen wollten, versuchten sie, die kleineren Parteien für sich zu gewinnen. Der spätere Reichspropagandaminister Joseph Goebbels wandte sich an den in seiner Abgeordnetenbank stehenden Eisenberger und wollte den Bauernbund dazu überreden, sich dem Misstrauensantrag anzuschließen. Eisenberger, wie immer in seiner forstgrünen Ruhpoldinger Tracht, erwiderte dem körperlich schmächtigen Goebbels: »Schleich di, du Rotzbua, sonst hau i dir oane nauf, dass’ di draht.«

Georg Eisenberger wurde am 28. März 1863 geboren, also knapp zwei Monate, bevor die SPD gegründet worden ist. Schöfberger bezeichnete ihn in dem Hoagart als einen »Volkstribun und Parlamentarier von hohen Gnaden.« Er sei ein Mann mit Leidenschaft und Augenmaß gewesen. Und weiter: »Erlebte oder hörte er soziales Unrecht, schwoll ihm die Zornesader. Er vertraute wie jeder richtige Altbayer mehr aufs Gesprochene, denn aufs Geschreibsel.«

Die Not der Bauern am eigenen Leib verspürt

Seine Wortgewalt war sprichwörtlich und bei den Schwarzen arg gefürchtet. Gleichwohl verband sie der Hutzenauer mit hintergründigem Tiefsinn und Humor. Als Bergbauer mit einem eher kleineren Hof, den er seit 1892 bewirtschaftete, verspürte er die Not der Bauern am eigenen Leib. Und er wusste nur zu gut, wie die bayerischen Bauern vom Königshaus, von der allmächtigen Zentrumspartei, vom Adel und seinen Jagdgesellschaften sowie von der Geistlichkeit hinters Licht geführt und geprellt wurden.

Mit Männern, die aus dem knorrigen Holz geschnitzt sind wie Georg Eisenberger und mit einer frühen Allianz zwischen den Sozialdemokraten und den aufrechten Bauernbündlern, hätte die erste deutsche Demokratie überleben können, vermutete Schöfberger bei dem Hoagart vor 30 Jahren. Volkmar Gabert ergänzte damals in gemütlicher Runde in der Bauernstube, man müsse zugeben, damals »eine Menge Fehler gemacht zu haben.« Gabert erinnerte in diesem Zusammenhang an Sepp Parzinger (1911 - 1979) aus Altenmarkt, einen Bundestagsabgeordneten der Bayernpartei, der im Landkreis Traunstein sogar das Direktmandat gewonnen hatte.

Obwohl Ludwig Thoma den Hutzenauer als Vorbild für seinen Schwank »Erster Klasse« nahm und zur Hauptfigur in seinem Roman »Andreas Voest« machte, setzte er sich sehr kritisch mit Eisenbergers Politik auseinander. In einem offenen Brief, der am 21. Februar 1918 im Miesbacher Anzeiger erschienen ist, erhob Thoma schwere Vorwürfe gegen den Bauernbund. Auslöser war eine Aussage Eisenbergers im Landtag, die Vaterlandspartei sei eine »Schlotjunkerpartei«. Thoma schreibt: » Das ist ein Spitzname für die Großindustriellen, den die Sozialdemokraten aufgebracht haben. Wenn es keine Großindustrie gäbe, Herr Eisenberger, hätten Millionen von Arbeitern kein Brot und müssten auswandern.« Thoma schreibt weiter, der Jagdherr von Ruhpolding (Siemens) sei ein solcher Schlotjunker. »Fragen Sie den einmal, wie vielen Arbeitern er Verdienst und Arbeit gibt, und was er seinen Arbeitern als Lohn auszahlt. Sie werden mit Erstaunen wahrnehmen, dass kein Bauer im Chiemgau so viel aus seiner Wirtschaft löst, wie etwa ein Vorarbeiter bei Siemens Jahr für Jahr kriegt.« Thoma schließt versöhnlich: »Auch Sie müssen und wollen die Heimat retten vor den unverantwortlichen Schwätzern, die der ganzen Welt gerecht sein wollen auf Kosten des Vaterlandes.«

Aufrechte Männer wie Georg Eisenberger verdienen es, dass man immer wieder an ihr segensreiches Wirken für die Menschen erinnert. Auch mehr als sieben Jahrzehnte nach seinem Tod ist er ein leuchtendes Vorbild für aufrechtes politisches Handeln.

 

Klaus Oberkandler

 

4/2018