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Jahrgang 2008 Nummer 45

Die Vertreibung der jüdischen Familie Holzer

»Reichskristallnacht« in Traunstein vor 70 Jahren

Dass Schikanen nun häufiger werden würden, damit hatten sie gerechnet. Aber auf einen solch plötzlichen Terror war die Familie Holzer nicht gefasst an diesem Mittwoch, diesem 9. November 1938. Am späten Abend waren zunächst SA-Leute in Uniform vor ihrem Haus in der Kernstraße 6 in Traunstein aufmarschiert, hatten in Sprechchören »Juden raus« geschrieen; dann war es kurze Zeit ruhig gewesen. Bald nach Mitternacht krachten dann plötzlich Pistolenschüsse von der Straße in die Zimmer, wurden Fenster eingeworfen, vor dem Haus und im Hof grölten etwa 40 Leute meist in Zivilkleidung, waren Rufe zu hören wie »Juden raus aus Traunstein« oder »Holzer – verschwinde endlich, haut ab«; mittendrin auch der Traunsteiner Altnazi Franz Werr und der Ortsgruppenleiter der NSDAP und 2. Bürgermeister, Albert Aichner, der die Holzers dann auch offiziell aufforderte, schnellstens aus Traunstein zu verschwinden, weil hier keine Juden mehr geduldet würden.

Erst Stunden später zog die Menge ab, einzelne Männer aber blieben noch den ganzen nächsten Tag als »Wache« vor dem Haus, in dem bis zu dieser Nacht die Familie des 64-jährigen Viehhändlers Willy Holzer relativ ungestört inmitten der Nachbarn leben konnte. Mit einem Schlag aber war alles anders geworden.

Die Holzers in Traunstein

1902 war Willy Holzer mit seiner Frau Fanny aus dem badischen Stein am Kocher nach Traunstein gezogen, zusammen mit dem Bruder Ludwig Louis Holzer und dessen Frau Berta.

Sie bauten sich ein Geschäft als Viehhändler auf, kauften die zwei Häuser in der Kernstraße mit den Stallungen im Hof, erwarben sich Vertrauen bei den Bauern und wurden geschätzte Geschäftspartner. Als Soldaten nahmen beide 1917/1918 am 1. Weltkrieg teil.Die Holzers hatten sich eingelebt in Traunstein, besonders nach der Geburt der Kinder, die alle in Traunstein zur Schule gingen, hier ihre Freunde fanden, heranwuchsen und dann im elterlichen Geschäft mithalfen. Ihr Leben unterschied sich kaum von dem der Nachbarn, man feierte gemeinsam und kümmerte sich um die Probleme des Alltags, kam mit vielen gut und mit manchen weniger gut aus – ein Leben wie bei den Anderen halt auch.

Der ältere Bruder Ludwig zog mit seiner Frau und den Töchtern Cäcilie, Hannchen und Ilse Mitte der 1920er Jahre nach München und betrieb dort einen eigenen Pferde- und Viehhandel.

Natürlich spürten die Holzers die Wirtschaftskrise am Ende der Weimarer Republik, die gerade auch die Viehhändler betraf. Und sie bekamen auch in Traunstein die zunehmende Hetze der stärker werdenden Nazis gegen die Juden mit, fühlten sich aber gut aufgehoben in dieser Provinzstadt. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 aber wurde der Ton schon rauher; vor allem die Traunsteiner Nazizeitung »Chiemgaubote« ließ keine Gelegenheit aus, gegen »Juden und Marxisten« zu hetzen. Anlässlich des ersten Boykotts gegen Juden am 1. April 1933 war auch in Traunstein ein Transparent am Eingang zum Stadtplatz zu lesen mit der Aufschrift »Kauft nicht bei Juden, er vertreibt dich Bauer von Haus und Hof«. Wohl die wenigsten Bürger nahmen das ernst, aber wie hat die Parole auf die Holzers und die anderen Juden im Umkreis gewirkt? Welche Ängste lösten die »Nürnberger Gesetze« 1935 bei ihnen aus, die den alltäglichen Rassismus nun in Gesetzesform brachten? Oder die Ausstellung »Blut und Rasse«, die im März 1936 auch in Traunstein gezeigt wurde und die »rassische Auslese« propagierte? Und wohin schließlich würden die zunehmenden Schikanen führen, denen sich die Holzers als Gewerbetreibende bei Behörden und Banken ausgesetzt sahen? Das Geschäft mit dem Viehhandel konnte die Familie kaum mehr ernähren.

Dennoch: Traunstein war ihre Heimat, hier waren sie zu Hause! Sie hatten gehört, dass viele Juden Deutschland verlassen hatten, aber wohin sollten sie mit ihrem Geschäft und ihrer großen Familie?

Jetzt aber, mit dieser Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war alles anders geworden.

1938: Neue Stufe der Verfolgung

Die Machthaber im Nazideutschland verschärften vor allem im Jahr 1938 – ein Jahr vor Kriegsbeginn - ihre Politik gegen die Juden in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Übergriffe und Schikanen häuften sich schon seit Jahresbeginn, immer mehr Juden wurde die Berufsausübung verboten. Für einen gesteigerten Terror zur Vorbereitung von Vertreibung und Vernichtung aber musste ein Anlass her! Den fanden die Nazis im Attentat auf einen deutschen Botschaftsangehörigen in Paris, begangen von einem 17-jährigen Juden, dessen Eltern deportiert worden waren und der mit seiner Tat die Weltöffentlichkeit aufrütteln wollte. Goebbels nutzte die traditionelle Gedenkveranstaltung in München zur Erinnerung an den »Hitlerputsch« vom 9. November 1923, um noch während der Veranstaltung alle Juden für den Tod des Botschaftsangehörigen verantwortlich zu machen und indirekt zu »spontanen« Racheaktionen aufzurufen. In der gleichen Nacht gingen Funksprüche an NSDAP- und SA-Stellen im ganzen Reich mit der Aufforderung, »spontane Volkswut« gegen Juden zu organisieren. Die Folgen sind bekannt: Die meisten Synagogen in Deutschland wurden in Brand gesteckt oder verwüstet, über 100 jüdische Bürger ermordet, fast 10000 in Konzentrationslager gesperrt.

Die Aufforderung aus München kam auch in Traunstein an. Die SA hatte hier an diesem Abend eine eigene Feier abgehalten und war dann anschließend uniformiert zum Haus der Holzers marschiert. Damit der Protest nicht zu gelenkt aussah, zogen sich manche um, holten weitere Traunsteiner Nazis in Zivil und erschienen eben wenig später erneut »spontan« in der Kernstraße, um die Holzers im Namen des deutschen Volkes fort zu jagen. Vorsorglich wurden von der herbeigeeilten Polizei, die natürlich nicht gegen die randalierenden Nazis einschritt, Willy und Alfred Holzer mitgenommen und bis zum nächsten Tag im Gefängnis behalten.

Die Vertreibung anderer jüdischer Bürger

Da aber nicht nur die Stadt Traunstein, sondern der ganze Landkreis von Juden »gesäubert« werden sollte, machte sich ein »Kommando« aus Werr, Aichner und zwei SA-Leuten vom Haus der Holzers aus am frühen Morgen des 10. November im Auto auf den Weg nach Marwang, um dort Dr. Alfons Model, seine Frau Maria und die Tochter Roxana mit vorgehaltener Pistole aus dem Bett zu holen und zum sofortigen Verschwinden aufzufordern. Model war seit 1919 als praktischer Arzt in Grabenstätt tätig, war Ehrenvorstand des Verkehrs- und Verschönerungsvereins, allseits beliebt zusammen mit seiner Familie – und wurde doch 1937 gezwungen, seine Praxis aufzugeben. Im Zusammenspiel von Staat und Ärzteorganisationen wurden jüdische Ärzte schrittweise ausgegrenzt, bis ihnen 1938 schließlich die Zulassung endgültig entzogen wurde. Die Familie Model hatte sich daraufhin ins Nebenhaus des Bauern Meisinger nach Marwang zurückgezogen, um vor den ärgsten Anfeindungen geschützt zu sein. Nun blieb ihr nur noch die Flucht nach Frankreich, wo die Familie den Krieg überlebte.

In jenen Morgenstunden des 10. November fuhr das »Kommando« von Marwang aus nach Spielwang weiter, um den dort mit seiner Familie lebenden jüdischen Geschäftsmann Jonas dann um 7 Uhr ebenfalls aus dem Bett zu holen und ihn aufzufordern, binnen einer Stunde den Landkreis zu verlassen. Auch der Familie Jonas gelang es, Deutschland bald darauf zu verlassen und ins Ausland zu emigrieren.

Am gleichen Tag wurden dann noch Gertrud Raila (geb. 1883), Witwe eines Oberstleutnants, die seit 1919 in Traunstein in der Herzog-Wilhelm-Straße 9 lebte, und deren Mutter, Elisabeth Weiß (geb. 1853), zum Verlassen der Stadt genötigt. Beide zogen zu Freunden nach München, wo sie Unterschlupf fanden. Gertrud Raila konnte nach dem Tod ihrer Mutter relativ unbehelligt in München bleiben, wurde bei einer Bombardierung verletzt, erlebte aber das Kriegsende in einem Behelfskrankenhaus in Brannenburg. Das »militärische« Ansehen und die vielfältigen Kontakte ihres 1932 verstorbenen Mannes halfen Gertrud Raila vermutlich vor weiterer Verfolgung.

Auf der Liste der zu vertreibenden Juden stand auch Rosa Mosbauer (geb. 1881), nachdem sich der NSDAP-Ortsgruppenleiter noch wenige Wochen vor der »Kristallnacht« beim Standesamt Regensburg vergewissert hatte, dass sie zwar »katholisch getauft«, aber dennoch »jüdischer Abstammung« war. Die alleinstehende, seit 1926 von ihrem nichtjüdischen Mann geschiedene Mosbauer reiste noch am 10. November nach München ab, um der Traunsteiner Hetze zu entgehen. Nach einigen Tagen kam sie zurück, versuchte dann bei Verwandten in Stuttgart unterzukommen, kehrte im Februar 1939 wieder nach Traunstein in ihre Wohnung in der Sonnenstraße 3 zurück, um dann ab Oktober in Marwang eine Bleibe zu finden. Wie groß muss die Verzweiflung gewesen sein für diese knapp 60-jährige alleinstehende Frau in den nächsten Jahren: Der Krieg hatte begonnen, an Ausreise war nicht mehr zu denken, Heimat und Familie gab es nicht mehr, die ständige Angst, abgeholt und wie so viele andere jüdische Freunde irgendwohin deportiert zu werden. Rosa Mosbauer nahm sich das Leben und wurde am 29.4.1942 im Tüttensee »ertränkt aufgefunden«, wie es im Polizeibericht heißt, wobei unter der Rubrik »Religion« das Wort »Jüdin« zweimal unterstrichen wurde.

Traunstein ist »judenfrei«

Für die Traunsteiner Stadtverwaltung aber war die »Reichskristallnacht« ein voller Erfolg und Beweis ihrer Tüchtigkeit: Gewissenhaft hatte man vorher die im Landkreis lebenden Juden genauestens verzeichnet, ihre Vermögensverhältnisse festgestellt, hatte sie vertrieben und konnte deshalb am 9. Februar 1939 stolz an die nächst höheren Behörden weitermelden, dass Traunstein ab jetzt ebenfalls »judenfrei« sei.

Ganz stimmte das jedoch nicht. In Traunstein lebte in der Seuffertstraße 8 seit 1933 auch die Jüdin Rosa Vetter, geborene Weiß. Sie stand nicht auf der Liste der zu vertreibenden Juden; vermutlich war sie »geschützt« durch ihren nichtjüdischen Ehemann, vielleicht unterstützt durch interne Fürsprachen. Wahrscheinlich wurde ihr aber nahegelegt, im Januar 1939 vorübergehend die Stadt zu verlassen, um die oben genannte Erfolgsmeldung »judenfrei« abgeben zu können. Im August des gleichen Jahres kehrte sie wieder nach Traunstein zurück und konnte hier die Nazizeit in ihrer Wohnung überstehen.

Ghetto, Ausplünderung und Vernichtung

Für die Familie Holzer aber wurde der 9. November zum Beginn einer Tragödie. Für die Stadt Traunstein war die »Angelegenheit« seit 15.11.1938 erledigt mit dem Vermerk »verzogen nach München«. Hinter dieser Formulierung aber verbarg sich nun ein Leben in Ungewissheit, Enge, Armut, Ausgrenzung und Angst. Aus Südbayern zogen viele vertriebene jüdische Familien nach München und wurden dort in Wohnungen von jüdischen Leidensgenossen zusammengepfercht. Die Holzers lebten die ersten Jahre in der Trogerstraße 44, dann teilweise in einem Sammellager für 300 Personen in der Clemens-August-Straße; ohne nennenswerte Verdienstmöglichkeit, teilweise zur Zwangsarbeit verpflichtet, fast ohne Geld.

Denn die »Kristallnacht« war gleichzeitig der Beginn für die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden: Die Schäden jener Nacht mussten selbst bezahlt werden, als »Sühneleistung« wurde von allen Juden 1 Milliarde Reichsmark verlangt, die Ausübung von Handwerk und Gewerbe wurde verboten, die Besitzer von Geschäften, Häusern und Grundstücken wurden zum Verkauf gezwungen. Das Anwesen der Holzers in der Kernstraße erwarb der Landrat, weitere Grundstücke gingen an Traunsteiner Geschäftsleute. Vom Geld freilich sahen die Holzers nichts mehr, denn letztlich wurden die Konten beschlagnahmt, so dass die Gelder dem Staat zuflossen und somit Krieg und Vernichtungsmaschinerie mitfinanzierten.

Ab November 1941 begannen dann die Deportationen aus München in die Vernichtungslager im Osten. Einzig Klara Holzer gelang noch die Ausreise über England in die USA; die Kusine Ilse hatte einen nichtjüdischen Ehemann und überlebte, während das Schicksal von Hannchen ungewiss ist. Alle anderen Familienmitglieder wurden ermordet. Bereits beim ersten Transport aus München am 20. November 1941 waren Alfred Holzer, seine Frau Martha (beide hatten noch vergeblich 10 Tage vorher einen Ausreiseantrag gestellt !), Benno Holzer und die Kusine Cäcilie Spatz und deren 16-jähriger Sohn Wilhelm unter den 1000 Deportierten. Fünf Tage später wurden sie im Fort Kaunas/Litauen erschossen. Der Senior der Familie, Willi Wolf Holzer, wurde am 22. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und dann in Treblinka ermordet; sein Bruder Ludwig Louis fand am 1. Januar 1943 im Ghetto Theresienstadt den Tod. Max Holzer wurde am 10. März 1943 in Auschwitz ermordet; das gleiche Schicksal erlitt seine Schwester Hedwig, die am 13. März deportiert wurde und ebenfalls in Auschwitz starb.

Verdrängung und Erinnerung

Neun Angehörige der Familie Holzer, in Traunstein ansässig oder dort geboren, wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Mit dem Ende der Traunsteiner Pogromnacht vom 9. November und der anschließenden Vertreibung war die »Sache« für die meisten Menschen damals kaum mehr ein Thema – sicher aus unterschiedlichen Beweggründen. Dass es auch damals Menschen im Landkreis gab, die meist im Stillen den jüdischen Nachbarn oder anderen Verfolgten beistanden, sollte freilich auch erwähnt werden. Von Protesten aber ist nichts bekannt. In den städtischen und staatlichen Behörden, bei Banken und Versicherungen und bei Gläubigern, die sich noch Jahre nach den Morden an den Holzers um finanzielle Abwicklungen kümmerten, wurde die Wirklichkeit verdrängt durch beschönigende Formulierungen wie »umgesiedelt«, »verzogen nach dem Osten«, »ausgesiedelt«, »abgereist«. Auch in den ersten Nachkriegsjahren änderte sich an diesen Formulierungen nichts; die alten wurden einfach übernommen – zu unangenehm war, dass es »die Judensache« auch in der eigenen Stadt gegeben hatte. Die jahrzehntelange Verdrängung in Traunstein unterschied sich nicht von anderen Orten, ist aber in den letzten Jahren einer kritischen Beschäftigung mit der Vergangenheit gewichen. Eine im Stadtbild Traunsteins sichtbare Erinnerung an die Familie Holzer aber steht noch aus.

Friedbert Mühldorfer

Wichtige Quellen:
Stadtarchiv München, Kennkarten-Doppel
Staatsarchiv München: Polizeidirektion; Oberfinanzdirektion;
Stadtarchiv Traunstein: Meldekarten; O 63/1-2; 0 70/5,6, S 72/1,1; S 512
Bay. Hauptstaatsarchiv: Landesentschädigungsamt



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