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Jahrgang 2006 Nummer 43

Der Mord auf dem Hochstaufen bei Bad Reichenhall

Nachdenkliches über die Hintergründe einer bösen Tat an einem ungewöhnlichen Ort

Blick vom Gipfel

Blick vom Gipfel
Das Reichenhaller Haus am Hochstaufen

Das Reichenhaller Haus am Hochstaufen
Der Gipfel des Hochstaufen 1771 m

Der Gipfel des Hochstaufen 1771 m
Der Hochstaufen über Bad Reichenhall ist mit 1771 m von Süden und von Norden her auf ausgebauten Wegen gut zu besteigen. Eine Bergtour auf den Hochstaufen verspricht dem Bergwanderer am Gipfel eine großartige Aussicht auf das Panorama der Berchtesgadener Alpen und mit dem Fernglas einen reizvollen Talblick, bei dem unten in Bad Reichenhall der Kurpark, St. Zeno und die Saline auszumachen sind. Nach einem mühevollen Aufstieg ist die Welt da unten, vom Gipfel aus betrachtet, überschaubarer geworden. Vielleicht ist das auch ein Grund, der Bergsteigen so reizvoll erscheinen lässt.

Wegen der herbstlichen Jahreszeit empfiehlt es sich, schon frühzeitig die Bergstiefel zu schnüren und den Rucksack zu schultern. Im Herbst haben die Stunden in der Zeit des nun anbrechenden Tages ihren eigenartigern, zauberhaften Reiz. Wenn die Sonnenstrahlen mit dem Morgennebel spielen und sich das Land allmählich dem hellen Sonnenlicht öffnet, liegt ein Zauber über dem Bergland, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Eine Bergwanderung auf den Hochstaufen wird in der Regel mit einer Rast im Reichenhaller Haus verbunden sein, von dem aus der Gipfel mühelos in einem kurzen Anstieg zu erreichen ist.

Viele Berge in den Chiemgauer und den Berchtesgadener Alpen haben ihre Geschichte. Die meisten von ihnen sind mit einem unheilvollen Geschehen verbunden. Am Watzmann über dem Königssee erinnert die Sage an einen grausamen König, der seine Untertanen schikanierte und zur Strafe mit Frau und Kindern versteinert wurde. Von den verschieden hohen Bergspitzen des Watzmanns blicken sie noch heute auf die Menschen im Tal herab.

Vom Hochstaufen ist die Sage vom »Steinernen Jäger« überliefert. Sie erzählt, dass zwei Jäger am Sonntag auf den Berg gestiegen sind, um eine Gams oder einen Steinbock zu jagen. Als unten im Tal die Kirchenglocken zur heiligen Messe läuteten, machten sie sich darüber lustig und ließen ihrem Spott freien Lauf. Da sei ihnen, wie die Sage erzählt, ein großer Gamsbock vor die Flinte gekommen, auf den einer der Jäger anlegte. Er kam aber nicht zum Schuss, weil sich der Bock augenblicklich in ein feuerspeiendes Ungeheuer verwandelte und die beiden Jäger in Felsblöcke versteinerte. Beim Aufstieg vom Frillensee her sind zwei markante Felsen zu sehen, an die die Sage anknüpft.

Eine Sühne für eine frevelhafte Tat wird gerächt. Die Sage verlegt die Auseinandersetzung mit dem Bösen in die Welt der Berge, weil diese den Menschen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als unheimlich und von bösen Mächten beherrscht erschienen. Der Hexentanzplatz auf der Kampenwand ist nur ein Beispiel für diese einst mit den Bergen verbundene Vorstellung.

Wer den Hochstaufen besteigt, wird sich in erster Linie der Betrachtung der Natur und dem schon eingangs angesprochen Panoramablick ins Tal hingeben. Vielleicht mag er daneben auch über die Sage vom Steinernen Jäger und ihre Bedeutung nachdenken. Da liegt der Gedanke nahe, dass auch heute noch das Böse in den Bergen seine Heimstatt hat. Das scheint auf dem ersten Blick so gar nicht zusammenzupassen. Die sich vom Gipfel aus erschließende Harmonie der Natur und die augenscheinliche Nähe der Vollendung der Schöpfung lässt den nachdenklichen Betrachter auch zu sich selbst finden. Ganz im Gegensatz dazu steht der brutale Raubmord, dem die Wirtsleute im Reichenhaller Haus am Hochstaufen am 25. September 1993 zum Opfer gefallen sind.

Da wird die heile Welt der Berghütte, in der Bergwanderer Einkehr halten, in der man sich in Gesprächen näher kommt und in der gelegentlich sich in frohen Liedern die Seele öffnet, um der Freude und Dankbarkeit freien Lauf zu lassen, urplötzlich zu einem Ort des Grauens. Zwei junge Kroaten, 16 und 18 Jahre alt, Ausbrecher aus einer Erziehungsanstalt, warten den Aufbruch der letzten Gäste ab, erschießen die beiden Wirtsleute und machen sich mit der Beute von 1500 DM und Lebensmitteln davon.

Diese Bluttat gehört nun zur Geschichte des Hochstaufens. Sie hat im weitem Umkreis großes Aufsehen erregt, Trauer und Wut im Lande aufkeimen lassen und am Grabe der Mordopfer die vielleicht unbeantwortbare Frage nach dem Warum stehen lassen. Eine Frage, die an vielen Gräbern Verstorbener, deren Uhr nach unserem Ermessen noch nicht abgelaufen ist, uns alle bewegt.

Wenn nun an Hand von Berichten im Traunsteiner Wochenblatt (dem heutigen Traunsteiner Tagblatt) vom September und Oktober 1993 der kriminalistische Ablauf des Mordes am Hochstaufen nachgezeichnet wird, dann soll dies weniger der Enthüllung eines sensationellen Kriminalfalles als vielmehr der ehrenden Trauer um die von vielen geliebten Wirtsleute vom Hochstaufen dienen. In diesem Sinne sollte dies als der Aufriss der Chronologie des Verbrechens verstanden werden.

Zwei junge Kroaten, Nenad 16 Jahre und Drazen 18 Jahre alt, leben in einem Erziehungsheim in Kroatien. Der Aufbruch in eine berufliche Zukunft oder nur in ein sozial abgesichertes Leben ist ihnen verschlossen. Jugendstrafen und ihre Vergangenheit in einem sozial zerrütteten Umfeld hängen ihnen wie ein Klotz am Bein. Die Möglichkeiten der Resozialisierung sind nicht mit den uns gewohnten Maßstäben zu messen. Die beiden, die sich als Freunde im Knast gefunden hatten, träumen »von der großen Freiheit«, wie sie später dem Ermittlungsrichter zu Protokoll geben werden. Es ist die maß- und sinnlose Freiheit, die nur den trostlosen Alltag im Heim mit Mauern und Zwang hinter sich lassen will und ein böses Ende vorausahnen lässt.

Anfang September 1993 gelingt ihnen die Flucht aus dem Heim, die planlos zum Scheitern verurteilt ist. Weil den Jugendlichen offensichtlich Vernunft und Einsicht fehlen, versuchen sie, sich ihren Weg in die Freiheit mit Gewalt zu erkämpfen. Lesen wir dazu im Traunsteiner Wochenblatt vom 14. Oktober 1993: »Die beiden Jugendlichen gestanden vor dem Ermittlungsrichter, nach ihrer Flucht aus einem kroatischen Erziehungsheim Anfang September mehrere Einbrüche in Kroatien, Slowenien und Österreich begangen zu haben, ehe sie illegal über die Grenze nach Deutschland gelangten.«

Nun wird im Vernehmungsprotokoll des kroatischen Gerichts erstmalig der Besitz einer Pistole vermerkt. Am 11. September brechen die Jugendlichen in einem Haus in Piding im Ortsteil Urwies ein und schießen in räuberischer Absicht auf den 79-jährigen Hausbesitzer. Ein Einbruch in der Kochalm, wo sie sich mit Decken und Lebensmitteln versorgen, ist die nächste Station auf ihrem verbrecherischen Weg. Danach richten sie sich im Wald in den nördlichen Ausläufern des Hochstaufens ein Lager ein. Nachts frieren sie und blicken hinauf zum Berg. Das Licht im Reichenhaller Haus verrät ihnen in der Bergeinsamkeit einen von Menschen bewohnten Ort, der Beute verspricht.

Sie haben sich eine Pistole verschafft, die für den nachträglichen Betrachter die Frage aufwirft, wie zwei schon ihrem Aussehen nach als Jugendliche erkennbare Männer zu einer Pistole mit der dazugehörigen Munition kommen. Wenn ein Diebstahl unwahrscheinlich ist, bleibt die Annahme, dass ein geldgieriger Waffenhändler im Hinterhof einer kroatischen Kleinstadt den beiden die Pistole verkauft hat. Schon hier liegt ein Ansatz schuldhafter Verstrickung, die sich bis zur Mordnacht nachverfolgen lässt. Ist der geldgierige Waffenhändler Mittäter des Mordes? Sind die beiden jungen Leute zum Werkzeug seiner Geldgier geworden?

Da sitzen nun die beiden an ihrem Lagerfeuer und blicken zur Hütte auf dem Hochstaufen hinauf. Das Licht über dem dunklen Wald in der Einsamkeit der Berge beflügelt ihre Phantasie. »Da gibt es etwas zu holen,« sagte Nenad zu Drazen. »Wenn wir das hinter uns gebracht haben, fangen wir ein neues Leben an. Dann hauen wir ab und genießen unsere Freiheit.« Vom gestohlenem Alkohol benebelt, schlafen sie ein. Haben sie kein schlechtes Gewissen? Hören sie keine Stimme, die sie nicht schlafen lässt und wach rüttelt? Das anklagende Gewissen, die Vorstellung von Schuld, ist auch bei ihnen nicht ausgelöscht, aber eben versteinert, wie uns dies das Bild vom Steinernen Jäger am Hochstaufen vor Augen führt.

So setzen sie ihren mörderischen Plan in die Tat um und steigen in den Abendstunden des 23. Septembers zum Reichenhaller Haus hinauf. Dann nimmt das Drama seinen Lauf. Die beiden Mörder betreten die mit Holz getäfelte Stube und nehmen am Ecktisch Platz. Sie bestellen je eine Cola, die ihnen die misstrauische Wirtin wortlos auf den Tisch stellt. Nenad zieht in diesem Augenblick die unter seiner Jacke verborgene Pistole hervor und drückt mehrmals ab. Tödlich getroffen und blutüberströmt liegt die Wirtin am Boden.

Der von den Schüssen aufgeschreckte Ehemann stürzt in den Gastraum und wird vom 16-jährigen angeschossen. Schwer verletzt liegt auch er am Boden. Dazu noch einmal ein Auszug aus dem Traunsteiner Wochenblatt vom 14. 10. 93: »Der 14-jährige hat die Hüttenwirtin mit mehreren Schüssen tödlich verletzt. Ihr Ehemann lag schwer verletzt auf dem Fußboden. Drazen nahm deshalb dem 16-jährigen die Pistole ab und schoss solange auf den Hüttenwirt, bis das Magazin leer war.« Es geht um das genussvolle Auskosten der Brutalität bis zur Neige. Eine sadistische Neigung unvorstellbaren Ausmaßes kommt zum Durchbruch.

Der Mord am Hochstaufen hat ein kleines Stück dieser Welt zum Schlechteren verändert. Er hat das sinnlose Opfer von zwei unschuldigen Menschen gefordert und das Leben der Mörder gezeichnet. Nach der Tat machen sich die Mörder über ihre Beute her. 1500 DM holen sie aus der Hüttenkasse. Lebendmittel, Getränkedosen und einen Fotoapparat gehören noch zu ihrer Beute. Dann steigen sie über die Nordseite des Berges ab. Ihre abenteuerliche Flucht führt sie über Salzburg und Graz in das heimatliche Kroatien. Am 5. Oktober 1993 werden sie in Zagreb festgenommen. Der internationalen Zusammenarbeit der Polizei ist dieser rasche Fahndungserfolg zu verdanken.

Der Fluchtweg der Mörder durch Österreich lässt noch einige Fragen offen. Wie konnten die zur Fahndung ausgeschriebenen Verbrecher unbehelligt mit mehreren Verkehrsmitteln unbehelligt quer durch ganz Österreich fahren und nach Kroatien gelangen. Sie haben sich dabei ungeniert den Überwachungskameras in Tankstellen ausgesetzt, in Geschäften eingekauft und in Gesprächen unaufgefordert Landsleuten ihren Namen genannt. Sollte man sie vielleicht als verbrecherische Komödianten ansehen, die Europas offene Grenzen auf die Probe stellen wollten? Aber diese Überlegungen gehen über den Rahmen dieser Darstellung hinaus. Nenad Mlinaric und Darzen Elcic sind als Mörder am 31. März 1994 von einem Gericht in Zagreb zu acht bzw. 14 Jahren Haft verurteilt worden. Eine Auslieferung an ein deutsches Gericht war wegen fehlender völkerrechtlicher Abkommen nicht möglich.

Vielleicht ist gerade die Zeit um Allerheiligen dazu angetan, an den Mord am Hochstaufen im September 1993 zu erinnern. Wer durch den herbstlichen Laubwald über das freie Felsgelände zum Reichenhaller Haus hinaufsteigt, wird gerade jetzt an den Wandel in der Natur und an die Vergänglichkeit allen Irdischen erinnert. Der Schönheit und Vollkommenheit der Bergwelt steht die dunkle Seite im Leben der Menschen gegenüber. Die Steinernen Jäger am Hochstaufen stehen als Bild für die versteinerten Herzen der Menschen. Wie aber sollte man mit den Gedanken an die böse Tat umgehen? Wie, wenn sich in die Bilder der von der Sonne verwöhnten, herbstlichen Berglandschaft die Erinnerungen an das Grauen mischen? Schon allein dem Angedenken an die Opfer schulden wir die Erinnerung, die oft als einziger Weg zur Erlösung gesehen wird.

Dieter Dörfler



43/2006