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Jahrgang 2008 Nummer 37

Der »Kugelhammer« in der Unteren Hammerstraße

Von der Tuchwalke im Jahre 1587 bis zum heutigen Elektrizitätswerk

Ein Ölgemälde aus dem späten Mittelalter zeigt die Rückseite der Hammerschmiede. Teilweise ungenau erkennt man die fünf untersch

Ein Ölgemälde aus dem späten Mittelalter zeigt die Rückseite der Hammerschmiede. Teilweise ungenau erkennt man die fünf unterschlächtigen Wasserräder
Ein Ölgemälde aus dem späten Mittelalter zeigt den Urzustand der Hammerschmiede. Auf dem Fotoauszug erkennt man den »Regulierer«

Ein Ölgemälde aus dem späten Mittelalter zeigt den Urzustand der Hammerschmiede. Auf dem Fotoauszug erkennt man den »Regulierer«, der über einen Kettenzug die Wasserzufuhr zum Wasserrad und damit die Schlagzahl des Hammers reguliert. Rechts hält der Schmied das Werkstück unter den Hammer.
Teilansicht eines oberschlächtigen Wasserrades. Das Wasser wird über eine Rinne am Scheitelpunkt zugeführt.

Teilansicht eines oberschlächtigen Wasserrades. Das Wasser wird über eine Rinne am Scheitelpunkt zugeführt.
Wenn der interessierte Leser heute vom Klosterberg kommend die Untere Hammerstraße entlang geht, dann sieht er am Ende der Straße auf der rechten Seite das städtische Elektrizitätswerk – Unterwerk I. Es handelt sich hier um einen Gebäudekomplex, der in seinen Grundzügen bereits in den Jahren 1582 bis 1587 von der Stadt Traunstein errichtet worden war. Die nun über 500 Jahre alte Institution ist es wert, zusammenfassend dargestellt zu werden. Dies um so mehr, als die Stadtwerke Traunstein beabsichtigen, demnächst in dem nunmehrigen Elektrizitätswerk ein interessantes Museum einzurichten, das Aufschluss gibt über die Elektrizitätsgewinnung in diesem Werk.

Die Stadt Traunstein betrieb die Anlage nach der Fertigstellung im Jahr 1587 als Tuchwalke. Was war das? Tuchwalken war ein sehr altes Gewerbe und wurde von der römischen Antike bis in das 19. Jahrhundert ausgeübt. Bereits um das Jahr 62 nach Christi hatte man den Apostel Jakobus den Jüngeren mit einer Tuchwalker-Stange erschlagen(1). Das Gewerbe des Tuchwalkers ist zweigeteilt. Zum einen in die Spalte der Tuchreinigung und zum anderen in die Tätigkeit zur Verarbeitung, Verdichtung und Veredelung von Tuchprodukten durch Walkmühlen. Bei der angesprochenen Traunsteiner Tuchwalke handelte es sich um eine Hammerwalke, die wohl hauptsächlich zur Herstellung des zur damaligen Zeit sehr beliebten Lodenstoffes diente. Das Ausgangsprodukt wurde in der Walkmühle in Bottiche eingeweicht und durch schwere hölzerne Walkhämmer, die über eine Welle von einem Wasserrad angetrieben wurden, gestaucht, verdichtet und geklopft, bis ein verfilzter Stoff entstand, der die gewünschten wärmenden und regen- und windabweisenden Eigenschaften hatte.

Die notwendigen technischen Voraussetzungen für die Walkmühle waren gegeben, denn die Anlage war von Anfang an als Schmiedehammer ausgestaltet worden und konnte somit auch als Walkmühle genutzt werden. Ein Mühlbach mit viel Wasser und einem ausreichenden Gefälle versorgte fünf Wasserräder. Es waren oberschlächtige Wasserräder(2) in entsprechenden Überlaufbecken. In der Hammerhalle stand ein Hammergerüst, in das insgesamt drei Schmiedehämmer eingebaut werden konnten(3).

Zum Areal der Walkmühle, beziehungsweise des späteren Kugelhammers, gehörte auch das heute noch bestehende, denkmalgeschützte Wohnhaus an der Straße direkt gegenüber dem heutigen Elektrizitätswerk und das zwischenzeitlich abgerissene Hanggebäude an der Stelle der jetzigen Stadtgärtnerei. Übrigens wurde dieses Haus oftmals von den Traunsteinern irrtümlich als Kugelhammer bezeichnet.

Die Walkmühle hat anscheinend den Erwartungen der Ratsherren nicht entsprochen, denn bereits 1589 erfolgte der Umbau in einen Eisenhammer, genannt auch Hammerschmiede. Diesen Eisenhammer verpachtete die Stadt Traunstein 1590 an den Schmied W. Schwinghammer, 1592 an M. Mayrhauser und von etwa 1600 bis 1615 je zur Hälfte an den Traunsteiner Bürgermeister Albrecht Eizenberger und N. Braunfalk, kaiserlicher Sekretär in Wien(4). Das benötigte Roheisen kam von Mühlwinkel, der späteren Maximilianshütte, zum Eisenhammer und wurde dort zu Eisenwerkzeugen aller Art geschmiedet(5).

1615 verkaufte die Stadt Traunstein das Areal Eisenhammer an den Traunsteiner Pflegsverwalter Georg Stolzeisen, der den Eisenhammer erweiterte. In das Hammergestell wurden ein weiterer Schmiedehammer und ein kleinerer Hammer zum Zerkleinern des Erzes eingebaut(6). Außerdem erhielt das Werk ein Rennfeuer oder Rennofen. Das war ein oben offener Schachtofen mit einem Lehmmantel und mit Windlöchern. Der Ofen wurde von oben im Wechsel mit Eisenerz und Holzkohle beschickt und angezündet. Als Resultat verblieb ein schlackenhaltiger Eisen- oder Weichstahlklumpen, die sogenannte Luppe. Diese Luppe wurde erhitzt und geschmiedet und dadurch von Schlackenresten befreit und war dann verarbeitungsfähig. Bei einem Rennfeuer handelte es sich um die primitive Form eines Hochofens. Diese Art der Eisengewinnung war schon aus der Zeit der Kelten bekannt und üblich.

Die Gewinnung von Roheisen wurde aber mit Wirkung ab 1618 verboten, denn das Monopol für die Eisengewinnung im Umkreis von sieben Meilen hatte das Eisenwerk in Eisenärzt.

1621 kaufte Herzog Maximilian I., der spätere Kurfürst, für 1500 Gulden das Traunsteiner Hammerwerk. Das Werk sollte ausschließlich den Bedarf an Eisen und Eisenwerkzeugen der Traunsteiner Saline decken(7).

Vermutlich bedingt durch den 30-jährigen Krieg wurde der Traunsteiner Eisenhammer auch zu einer Waffenschmiede umfunktioniert und von da her stammt auch der bis heute erhalten gebliebene Name »Kugelhammer«. Man kann davon ausgehen, dass seit 1623 in dem Werk schmiedeeiserne Kanonenkugeln und Kartätschen hergestellt und ausgeliefert wurden.(8) Die Kartätschen der damaligen Zeit könnte man als Schrotladung der Artillerie bezeichnen. Es waren Behälter aus Eisen- oder Zinkblech, die mit vielen kleinen oder mit wenigen großen schmiedeeisernen Kugeln gefüllt waren. Die Fabrikation von Kanonenkugeln lief bis 1676(9).

Von 1640 bis 1656 pachtete der Traunsteiner Bürgermeister und Eisenhändler Peter Tittmoninger den Kugelhammer und von 1658 bis 1679 dann der Traunsteiner Ratsherr Balthasar Schluderbacher. Während einiger weiterer Verpachtungen blieb der Kugelhammer noch bis 1722 kurfürstlicher Besitz, wurde aber dann am 12. Mai 1722 dem Salzmaier(10) Johann Zacharias von Metzgern, Ritter und Edler von Meggenhofen, auf Erbrecht überlassen. Im Zuge des Erbrechts erwarb Freiherr Josef Franz von Kern den Kugelhammer und verkaufte diesen 1802 an das Berg- und Hüttenamt Bergen. Da sich die Erwartungen des Berg- und Hüttenamtes Bergen nicht erfüllten, kam es 1821 zum Weiterverkauf an die Hammergewerkschaft Eisenärzt. Durch die großindustrielle Konkurrenz konnte aber der Kugelhammer auch von dieser Gewerkschaft nicht mehr gehalten werden mit der Folge, dass die Anlage ab 1855 nur noch von einigen Gewerken weiterbetrieben wurde.(11) In den Folgejahren erwarben zu einem unbekannten Zeitpunkt und aus unbekannten Gründen die königlich bayerischen Verkehrsanstalten die gesamte Anlage. Die Zeit des Kugelhammers war vorbei. Am 10. Februar 1866 gab das königliche Oberpost- und Bahn-Amt die Versteigerung des Hammerwerks-Anwesens, genannt zum Kugel-Hammer bei Traunstein,(12) samt zugehöriger Wasserkraft bekannt und der Stadtrat genehmigte den Ankauf des Areals durch die Stadt Traunstein. Der Kauf erfolgte am 28. Januar 1868, der Kaufpreis betrug 4500 Gulden(13).

Die Traunsteiner Ratsherren sorgten schon seit jeher dafür, dass der Bevölkerung gutes Wasser in ausreichender Menge zur Verfügung stand. Dafür gab es zahlreiche öffentlich zugängliche Brunnen, die aus verschiedenen Quellen gespeist wurden. Nachweisbar stand schon 1644 ein Wasserturm vor dem Autürl, der auch zur Speisung der städtischen Wasserversorgung diente. Das Wasser hierfür kam von Quellen im Bürgerwald(14).

1836 konnte man die in der Nähe des späteren Viaduktes entspringende Messner-Angerl-Quelle erschließen und in zwei hölzerne Reservebehälter unterhalb der Mittermühle einleiten. Zusammen mit einer 1869 erschlossenen und sehr ergiebigen Quelle auf dem Gelände des heutigen Chiemgau-Gymnasiums war es möglich, den Großteil des Traunsteiner Wasserbedarfs zu decken. Ein Triebrad an der Mittermühle pumpte das Wasser in ein hölzernes Sammelbecken, das oben an der Schaumburgerstraße stand.(15) 1886 kam dann das Wasser aus einem am Klosterberg niedergebrachten Tiefbrunnen hinzu. Der ständig wachsende Wasserbedarf zwang die Stadt zum Ausbau eines Hochdruckwasserleitungsnetzes. Dazu gehörte ein erstes Sammelbecken auf der Wartberghöhe mit 500 Kubikmetern Speicherraum. Das Wasser musste aus den Reservebehältern unterhalb der Mittermühle zum Sammelbecken auf der Wartberghöhe gepumpt werden. Dazu eignete sich die Wasserkraft des Kugelhammers zusätzlich zum Pumpwerk in der Mittermühle. Der Eisenverarbeitungsbetrieb wurde deshalb in ein Wasserhebewerk umgebaut. 1880 erhielt das Werk ein neues, oberschlächtiges Wasserrad aus Holz und 1885/86 erzielte man durch die Aufstellung einer Dampfmaschine eine weitere Verbesserung der Wasserversorgung.

Bedingt durch den stark gestiegenen Stromverbrauch der Stadt beschloss der Stadtrat 1896, das Wasserhebewerk nach Plänen der Firma Schuckert und Co. in ein zweites städtisches Elektrizitätswerk umzuwandeln(16). Die Pumpfunktion für das Quellwasser übernahm die hierfür technisch erweiterte Mittermühle. Nach erfolgtem Umbau speiste das neue Elektrizitätswerk, offiziell als Unterwerk I bezeichnet, 110 Volt Gleichstrom in das Versorgungsnetz ein. 1911 erhielt dieses Werk an Stelle des Wasserrades eine Turbinenanlage, die über ein Kammrad und zwei Schwungräder die beiden Stromgeneratoren antrieb.

In den Jahren zwischen 1955 und 1960 erfolgte dann die schrittweise Umstellung von Gleichstrom auf Drehstrom. Die Anlage wurde fortan von dem im gleichen Gebäude wohnenden Maschinisten Karl Bierdimpfl rund um die Uhr betreut. Als Bierdimpfl 1971 in den Ruhestand trat, musste die Stromerzeugung vorübergehend eingestellt werden. Steigender Strombedarf veranlasste aber die Stadtwerke, das Werk zuerst auf halbautomatischen und später auf automatischen Betrieb umzustellen mit der Folge, dass ab 18. März 1982 wieder Strom erzeugt werden konnte(17). Damals wurde auch ein großer Auffangrechen mit automatischer Leerung eingebaut. Der Rechen soll verhindern, dass Treibgut in die Turbine gerät. Im Zuge dieser Umbaumaßnahme wurde die Haushälfte mit der Werkmeisterwohnung abgerissen.

Das Wasserkraftwerk im Unterwerk I trägt – wie die vier anderen Wasserkraftwerke in Traunstein – einen Teil zur Stromversorgung der Stadt Traunstein bei. Das Betriebsgebäude wurde von den Stadtwerken außen saniert. Es enthält neben dem Wasserkraftwerk eine Trafostation, die für die Stromversorgung der nächsten Umgebung zuständig ist. Sonst ist das Gebäude derzeit ungenutzt. Es gibt Überlegungen gemeinsam mit dem benachbarten Chiemgau-Gymnasium im Unterwerk I ein Museum einzurichten, das die Nutzung der Wasserkraft in Traunstein dokumentiert.

Alfred Staller


Anmerkungen:
(1) Ökumenisches Heiligenlexikon,
(2) beim oberschlächtigen Wasserrad strömt das Wasser vom Bachbett in einer Rinne etwa beim Radscheitel in die Radzellen und treibt dadurch das Rad an,
(3) im Heimathaus Traunstein befinden sich zwei schöne Ölgemälde aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters. Man erkennt fünf oberschlächtige Wasserräder, das Hammergerüst mit einem schweren Schmiedehammer, die Esse und die Regulierung für den Wasserzulauf zum Wasserrad,
(4) Wagner, Johann Josef: Topographische Geschichte der Stadt Traunstein, München 1860,
(5) Eckehard Jilg: Jahreszahlen zur Geschichte der Stadt Traunstein, unveröffentlichtes Manuskript,
(6) Chiemgau-Gymnasium Traunstein, Jahresbericht 1992/93,
(7) Wagner wie oben,
(8) Rosenegger Albert: Peter Tittmoninger – Ratsherr und Rebell, Historischer Verein für den Chiemgau zu Traunstein, Jahrbuch 1997,
(9) Wagner wie oben,
(10) der Salzmaier war als landesherrlicher Beamter für die Produktion, die Verwaltung und das Gerichtswesen der Saline zuständig,
(11) Chiemgau-Gymnasium wie oben,
(12) Hinweis von Helmut Kölbl und Traunsteiner Wochenblatt 1866 S. 56,
(13) Stadtarchiv Traunstein, Repertorium Nr. 204,
(14) Götz von Dobeneck: Die Geschichte des Traunsteiner Jacklturms, Chiemgau-Blätter vom 24.08.85,
(15) Kasenbacher Anton: Traunstein, Drei Linden Verlag, Grabenstätt, 1980,
(16) Bleckenwenger Hans: Die Anfänge der Elektrifizierung in Traunstein, Historischer Verein für den Chiemgau zu Traunstein, Jahrbuch 2004,
(17) Festschrift: 100 Jahre Kommunale Energie- und Wasserversorgung in Traunstein 1893 bis 1993, Druckerei F. Seehuber, Traunstein, 1993.



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