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Jahrgang 2012 Nummer 40

Das Prinz-Ludwig-Heim in Traunstein

Vor genau 100 Jahren wurde es feierlich eingeweiht

Die Grundsteinlegung erfolgte am 18. November 1911 mit Prinz Ludwig III. von Bayern
Eine Luftaufnahme des Städtischen Krankenhauses Prinz-Ludwig-Heim aus dem Jahre 1960
Der Speisesaal des Prinz-Ludwig-Heimes der Deutschen Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime in Traunstein
Besuch der Königin Therese von Bayern
Flugzeugaufnahme aus dem Jahr 1923
Ansicht der Südseite des Prinz-Ludwig-Heimes an der Wasserburger Straße in Traunstein
Ansicht des Prinz-Ludwig-Heims aus dem Jahre 1960

Vor 100 Jahren, am 6. Oktober 1912, fand in Traunstein die feierliche Einweihung des Prinz-Ludwig-Heimes an der Wasserburger Straße statt. Über einen Zeitraum von 60 Jahren wurde es unterschiedlich genutzt. Ursprünglich als Kaufmannserholungsheim im Königreich Bayern errichtet, wurde es bald während des I. Weltkrieges zum Lazarett. In der Weimarer Republik und den ersten Jahren der NS-Herrschaft verbrachten hier erneut Erholungssuchende ihren Urlaub. Im II. Weltkrieg diente es erneut verwundeten Soldaten, nach dem Krieg wurde es von US-Truppen besetzt, anschließend mit Fremdarbeitern belegt, um seit 1946 bis zum Abbruch des Gebäudes im Jahre 1972 als Krankenhaus der Stadt Traunstein zu dienen. Vierzig Jahre sind seither vergangen, und das Prinz-Ludwig-Heim ist nur noch den Älteren in Erinnerung.

Die Stadt Traunstein verfolgte um 1910 ehrgeizige Pläne und wollte den Ruf einer »Fremden- und Ansiedelungsstadt« erwerben. Wohlhabende Pensionäre aus dem gesamten Deutschen Reich waren die Zielgruppe, die der Kur- und Verschönerungsverein in einer Broschüre mit dem vielsagenden Titel »Traunstein – Mein Ruheposten« umwarb. Als Standort für eine Bautätigkeit bot sich der westlich der Bahnlinie expandierende Stadtteil Neu- Traunstein an, wo sich eine Villenkolonie etabliert hatte, überragt vom Kernschloss. »Traunsteins schönster Keller« – der Sailer-Keller lud zur Einkehr. Bei einer Einwohnerzahl von 7686 im Jahr 1910 in der Stadt sowie 652 in der Au – die Eingemeindung nach Auflassung der Saline stand kurz bevor – wurden statistisch 1822 Kurgäste und 8447 Passanten angegeben. Denn Traunstein war Kurort. Mit dem Kurhaus am Klosterberg, dem Wildbad Empfing, Marienbad und städtischem Schwimmbad, Tennisplätzen, Hotels, Gasthöfen, Sommerkellern, Konzerten und einer Lesehalle verfügte die Stadt über touristische Einrichtungen, die im Reiseführer von 1911 herausgestellt wurden. Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt in den Jahrzehnten zuvor sollte durch eine Intensivierung der touristischen Anstrengungen fortgesetzt werden. An der Spitze der Stadt stand seit 1909 der »rechtskundige« Bürgermeister Dr. Georg Vonficht (1882 - 1964), der bis 1935 dieses Amt ausübte.

Im Dezember 1910 wurde in Wiesbaden die »Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime« (im Folgenden DGK) gegründet. Ihr erster Präsident war Joseph Baum (1873 - 1917), Teilhaber der Nassauischen Leinenindustrie. In einer Denkschrift unter dem Titel »Ein soziales Problem des Kaufmannstandes« hatte er auf bestehende Defizite für kaufmännische Angestellte sowie kleinere selbstständige Kaufleute bei Urlaubs- und Erholungsmöglichkeiten hingewiesen. In Kreisen von Industrie, Banken, Handel und Versicherungen fanden seine Ideen große Resonanz. Ziel der neuen Gesellschaft war der Bau von Kaufmannserholungsheimen, um »männlichen und weiblichen kaufmännischen Angestellten und minderbemittelten selbstständigen Kaufleuten ohne Rücksicht auf Bekenntnis, Zugehörigkeit zu einer Partei oder einer anderen Vereinigung für geringes, den Verbrauch zu Hause nicht nennenswert übersteigendes, Entgelt den Aufenthalt in einem Erholungsheim zu ermöglichen« – so die Satzung. Über Jahresbeiträge von 2 Mark und Stiftungen von Minimum 10 000 Mark sollten die Bauprojekte finanziert werden. Die Rechnung ging auf; namhafte Unternehmen wie Bayer in Leverkusen oder die BASF in Ludwigshafen sind mit Stiftungsbeiträgen von je 20 000 Mark genannt. Schon nach einem halben Jahr konnte die DGK über mehrere 100 000 Mark verfügen. Über die Presse verbreiteten sich diese Pläne – auch bis nach Traunstein!

Erstmals debattierte im März 1911 das Magistratskollegium der Stadt Traunstein über den Vorschlag, sich der DGK als Standort anzubieten. Der erforderliche Grund sollte unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, da man sich eine hohe Werbewirkung für den Fremdenverkehr erhoffte. Im Juli kam die Antwort aus Wiesbaden, dass Traunstein aus 270 Bewerbern in die engere Wahl käme. Allerdings waren damit verschiedene, als Bitten formulierte, Forderungen verbunden. Die Stadt sollte – neben der kostenlosen Überlassung eines Baugrundstückes – den Wasser- und Kanalanschluss übernehmen, auf gemeindliche Umlagen verzichten und die zukünftigen Urlauber von der Kurtaxe befreien. Als Bauplatz schlug die Stadt ein Grundstück mit 1,165 Hektar im Ortsteil Haid an der Wasserburger Straße vor. Auch die Stadt stellte ihrerseits Bedingungen. Das Heim sollte mindestens 100 Betten haben, die Traunsteiner Geschäftswelt bei den hauswirtschaftlichen Bedürfnissen berücksichtigt werden und beim Bau einheimische Bauunternehmen und Handwerker zum Zuge kommen. Die Stadt Traunstein erhielt den Zuschlag. Am 10. Oktober 1911 konnte Bürgermeister Vonficht aus Wiesbaden telegrafieren: »Vertrag abgeschlossen, Zustimmung der Kollegien vorbehalten.« Die Baukosten wurden mit 370 000 Mark veranschlagt.

Nach nur 8 Monaten Vorlauf wurde die feierliche Grundsteinlegung am 19. November 1911 vollzogen. Das Traunsteiner Kaufmannserholungsheim sollte das erste in Bayern und das zweite im Deutschen Reich werden. Sowohl für die DGK als auch die Stadt handelte es sich hierbei um ein Pilotund Prestigeobjekt, mit dem ambitionierte Erwartungen verbunden waren. Die Feier fand unter dem Protektorat und in Anwesenheit »Ihrer Königlichen Hoheit des Prinzen Ludwig von Bayern« (1845-1921) statt. Der Sohn des greisen Prinzregenten Luitpold befand sich bereits im Alter von 66 Jahren. Mehrere Tage berichtete das Traunsteiner Wochenblatt über das Ereignis, zu dem zahlreiche Teilnehmer erschienen. »So kam es, dass am Festtage eine so glänzende Versammlung führender Persönlichkeiten des Deutschen Volkes vereinigt war, wie noch kein Anlass sie in diesem Ort beisammen sah«. Das Festprogramm war der Bedeutung des Ereignisses angemessen. Im Rokokosaal am Stadtplatz fand ein Festakt statt. Unter lebhaftem Beifall und Hochrufen verkündete der Präsident der DGK mit »Eurer Königlichen Hoheit gnädigster Erlaubnis dem neu gegründeten Heim den Namen Prinz-Ludwig-Heim zu geben«. Auf dem Bauplatz beim »Weiheakt« wurde die Stiftungsurkunde verlesen: »Möge das Prinz-Ludwig- Heim vielen Tausenden zum Segen, Traunstein zur Zierde, dem deutschen Kaufmannsstande zur Ehre gereichen«. Mit drei Hammerschlägen schloss der Protektor und Namensgeber den Grundstein, und mit einer Festtafel im Sommersaale der Brauerei Hutter - Sailer endeten die Feierlichkeiten.

Das renommierte Bauunternehmen Heilmann & Littmann aus München hatte die Bauarbeiten bei »denkbar ungünstigsten Witterungsverhältnissen zur Ausführung gebracht«. Nach einer Rekordbauzeit von nur 10 Monaten war der Bau fertiggestellt.

Zahlreiche Traunsteiner Firmen – insgesamt 26 – wurden an den einzelnen Gewerken beteiligt, stellvertretend sollen hier die Namen Kreiller für Eisen- und Schneider für Materiallieferung genannt sein. Für die Bauausführung wie bei den Lieferanten wurden 71 Unternehmen aufgelistet. Der Transport des Materials erfolgte mit Fuhrwerken den Berg hinauf – eine Schmalspurbahn von der Station Empfing wurde nicht genehmigt. Die überbaute Fläche belief sich auf 1175 Quadratmeter und der umbaute Raum auf 17575 Kubikmeter. Der viergeschoßige Bau mit der Hauptfront nach Süden stand in der Mitte zwischen der Wasserburger Straße und dem Traunhochufer. 77 Fremdenzimmer im Erd- und Obergeschoß boten Platz für 110 Betten. Es war in seiner Zeit eines der markantesten Bauwerke in der Stadt Traunstein.

Die Einweihungsfeierlichkeiten am 6. Oktober 1912 brachten gegenüber der Grundsteinlegung noch eine Steigerung hinsichtlich Teilnehmerzahl, Festprogramm und Presseecho. Von der Einweihung wurde im ganzen Reich berichtet. Angeführt wurde die Prominenz erneut von »Seiner Königlichen Hoheit Prinz Ludwig von Bayern«. Auf einer Liste von über 60 Ehrengästen werden Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft wie Staatssekretäre, Ministerialdirektoren und Kommerzienräte angeführt, die mit dem »Extrazug« des Hofmarschallamtes aus München um 11.38 Uhr anreisten. Die Kutsche des Prinzen Ludwig mit dem Traunsteiner Bürgermeister Dr. Vonficht und dem Präsidenten der DGK Joseph Baum unternahm eine prunkvolle Fahrt durch die geschmückte Stadt zum Stadtplatz an den Luitpoldbrunnen, wo die Schuljugend den Protektor mit einem Gedicht begrüßte. »Gäste und Zuschauer in unübersehbarer Zahl hatten sich versammelt« und »von einem wogenden und jubelndem Spalier« an der Wasserburger Straße ist die Rede. »Militärische und fahnentragende Vereine« sowie »Beamtenschaft, Pensionisten, Bürgerschaft, Vereinsvertreter (mit Damen) hatten Aufstellung genommen. Liedertafel und verstärkte Kurkapelle gaben ihr Bestes, verschiedene Festredner hielten Ansprachen. Voller Stolz sprach Traunsteins Bürgermeister Dr.Vonficht davon, »das erste bayerische Heim der Gesellschaft in unseren Grenzpfählen verwirklicht zu sehen.« Auf der Rückfahrt stattete Prinz Ludwig der Zuchtstation Wartberg einen Besuch ab. Das Festdinner fand erneut bei Hutter - Sailer statt. Auch die Stadt ließ sich hier nicht lumpen und zeigte sich mit 19 Flaschen Champagner spendabel. Das Stadtoberhaupt überreichte dem Prinzen Ludwig ein Album mit Ansichten von Traunstein. Um 5 Uhr verließ der Sonderzug mit den Ehrengästen Traunstein. Wie bei der Grundsteinlegung gingen Telegramme an Kaiser, Reichskanzler und Prinzregent Luitpold, der »von ganzem Herzen reichsten Segen« wünschte. Nur zwei Monate später – am 12.12.1912 – verstarb der Vater des Namensgebers des Prinz-Ludwig-Heimes. Aus dem Prinzen Ludwig wurde nun der Prinzregent. Im November 1913 bestieg er als König Ludwig III. von Bayern den Thron. Der letzte Bayernkönig wurde in der Revolution 1918 zum Thronverzicht gezwungen – die Monarchie in Bayern hatte ausgedient. Nach seinem Tod im Oktober 1921 wurde er in der Münchner Frauenkirche beigesetzt. Das Prinz-Ludwig-Heim sollte jedoch für 60 Jahre unter diesem Namen durch verschiedene Epochen und Nutzungen weiter bestehen.

Noch im Oktober 1912 wurde der erste Urlauber im Heim aufgenommen. Der Tagessatz von 2,80 Mark beinhaltete Wohnung und Verpflegung. Im Januar 1913 waren Gäste aus München, Nürnberg, Bamberg, Berlin, Düsseldorf, Halle und Gera im Hause. Ein Jahr später berichtete die Zeitung, dass das Prinz-Ludwig-Heim für die Geschäftsleute von Traunstein von großem Vorteil sei. Hervorgehoben wurde die preiswerte, vorzügliche Verpflegung sowie die Ausstattung des Hauses. Die Speisenfolge erstreckte sich über 5 Mahlzeiten am Tag. »Das Essen hier ist so reichlich, dass man meint, wir feiern täglich Hochzeit« schreibt ein Gast auf einer Ansichtskarte.

Doch schnell wurde der Wahlspruch der DGK zur Realität: »In Friedenszeiten für den Kaufmannsstand, im Krieg den Kämpfern für das Vaterland.« Im Herbst 1914 wurde das Kaufmannserholungsheim in ein sogenanntes »Bayerisches Vereinslazarett« oder auch »Reservelazarett« umgewandelt. Verwundete und erkrankte Soldaten wurden von der Front eingeliefert.

Erst 1919 wurde das Lazarett aufgelöst und am 1. Oktober 1920 nahm es wieder den Betrieb als Kaufmannserholungsheim auf. In der Nachkriegszeit war der Fremdenverkehr umstritten, denn die Versorgung der einheimischen Bevölkerung war nicht gesichert. Erst mit Ende der Hochinflation 1923 begann sich der Betrieb zu normalisieren. Von 1924 bis 1930 stieg die Zahl der Heime der DGK von 23 auf 43 an. Das Prinz-Ludwig-Heim in Traunstein wurde in eigenen Werbebroschüren beworben, und man stand in Konkurrenz mit Badeorten an Nord- und Ostsee oder Kurorten wie Wiesbaden. Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten änderten sich die Aufnahmebestimmungen: »Aufnahme in den Heimen kann nur finden, wer Reichsbürger im Sinne des Reichsbürgergesetzes vom 15. September 1935 ist.« Der Träger des Heimes, die DGK, wurde »gleichgeschaltet« als Bestandteil des Ferienangebotes der Deutschen Arbeitsfront. Auch Traunsteins Bürgermeister Dr. Vonficht wurde der Rücktritt »nahegelegt«. Im gleichen Jahr 1935 wurde in der Nähe zum Heim eine Kaserne der Reichswehr errichtet, dem ein Offiziersheim in direkter Nachbarschaft folgte. Die Stadt Traunstein erhielt 1936 das Prädikat Luftkurort und wurde 1938 zum Kneippkurort ernannt. Ein Versuch seitens der Stadt, das Prinz Ludwig-Heim 1937 als Zentrum für den Kneippkurort zu erwerben, scheiterte. Ebenso misslang der Versuch, die Reichspost für den Kauf des Heimes zu interessieren.

Mit Beginn des II. Weltkrieges endete die Nutzung als Kaufmannserholungsheim. Wie 25 Jahre zuvor wurde das Haus in ein Lazarett umgewandelt, wie weitere 14 Gebäude in Traunstein bis zum Kriegsende. Am 15. Juli 1940 wurde das Lazarett aufgelöst, um dann doch wieder ab 1. Oktober 1941 als Offizierslazarett genutzt zu werden. Ab 1943 war es ein chirurgisches Lazarett mit 120 Betten; gegen Kriegsende im Februar 1945 befanden sich über 300 Insassen im Haus, dem das benachbarte Offiziersheim mit 100 Insassen als »Unterlazarett« angegliedert wurde.

Am 3. Mai 1945 rückten amerikanische Truppen in Traunstein ein. Alle Lazarette werden zu Kriegsgefangenenlagern erklärt. Bald übernahm die US-Armee das Prinz-Ludwig-Heim, belegte aber wenig später das Gebäude mit polnischen Fremdarbeitern. Der Stadt Traunstein gelang es 1946 von der US Militärregierung die Freigabe für die Nutzung als Ergänzung zum Städtischen Krankenhaus zu erhalten. Nach einer Renovierung von August bis Oktober konnte das Prinz-Ludwig-Heim als Krankenhaus für innere Krankheiten zum 1. Dezember 1946 eröffnet werden. Damit konnte die Bettenzahl von 180 auf 300 gesteigert werden. Die monatliche Miete betrug 3000 Reichsmark. Seit 1950 führte die Stadt Traunstein mit der DGK Verhandlungen über einen Kauf der Immobilie. Der geforderte Kaufpreis von 430 000 DM konnte erst 1953 von der Stadt aufgebracht werden. Am 7. Oktober 1953 wurde der Kaufvertrag in Wiesbaden beurkundet. Nun war das Grundstück, das die Stadt der DGK 1911 als Bauplatz kostenlos überlassen hatte, mit dem 1911/12 errichteten Gebäude im Eigentum der Stadt. Der stolze Beitrag der Stadt zur Förderung des Tourismus musste nun über Kredite finanziert zurückgekauft werden. Die Krankenpflege leiteten in den Nachkriegsjahren bis 1952 die »Marienschwestern«. »Freie Schwestern« und weltliches Personal übernahmen die Krankenpflege im Dienste der Stadt. Aus dem Kaufmannserholungsheim war ein städtisches Krankenhaus hervorgegangen. Die letzte Phase in der Geschichte des Prinz-Ludwig-Heimes hatte begonnen. Das Provisorium sollte über einen Zeitraum von 24 Jahren Bestand haben.

Am 1. Oktober 1960 wurde im Prinz- Ludwig-Heim eine Krankenpflegeschule eingerichtet. Mit zunächst 13 Lernschwestern und 2 Lernpflegern nahm sie ihren Betrieb auf – allerdings nur bis 1962, da die Schule in einem Neubau untergebracht wurde.

Das Prinz-Ludwig-Heim war von Anfang an nicht als Krankenhaus konzipiert worden und somit für den Betrieb als solches ungeeignet, trotz zahlreicher Renovierungen und Investitionen. Seit den 50er Jahren vertrat die medizinische Leitung diesen Standpunkt, dem sich der Stadtrat ebenfalls anschloss. Ein Neubau in der Nähe des alten Krankenhauses wurde bereits 1959 geplant und 1963 begonnen; die Bauzeit erstreckte sich auf einen Zeitraum von acht Jahren bis 1971. Das Prinz-Ludwig-Heim sollte aufgelassen werden; der Standort an der Wasserburger Straße war vom Stadtrat aus wirtschaftlichen Gründen nicht freigegeben worden. In den späten 60er Jahren zeichnete sich ein Ende der Nutzung als Krankenhaus ab. Verschiedene Vorschläge standen nun im Raum. Der Caritas-Verband der Erzdiözese München - Freising plante eine Nutzung als Altenheim, alternativ zum später realisierten Standort »Kern-Schloss«. Die Verhandlungen mit der Stadt über einen Erwerb verliefen jedoch im Sande; ein Gutachten hatte die Kosten für Kauf, Renovierung, Umbau mit 1,5 - 2 Millionen DM beziffert, der Caritas-Verband verlor das Interesse. Dies galt auch für die Stadt, hatte das Gutachten doch den Wert von Gebäude und Grundstück nur mit circa 800 000 DM angesetzt. Ebenso flaute nach kurzer Prüfung das Interesse der Arbeiterwohlfahrt ab. Ein Arbeitskreis Traunsteiner Bürger schlug eine Nutzung als Kneippkurheim vor. Der Verkauf an den Betreiber mehrerer Krebskliniken stand ebenfalls zur Debatte, kam jedoch nicht zustande.

»Kurgedanke lobenswert – Realschule vordringlich« – so titelte das Traunsteiner Wochenblatt im März 1968, und die Süddeutsche Zeitung schrieb: »Traunstein wird keine Kurstadt«. Auf »höchst undiplomatische Weise« machte der Stadtrat den Plänen eines Kurbetriebes »den Garaus.« Ein Geländestreifen südlich des Prinz-Ludwig-Heimes wurde zum Bau einer Staatlichen Realschule freigegeben. Mit Beginn des Schuljahres 1971/72 konnte die seit 1968/69 provisorisch in der alten Maxschule untergebrachte Realschule den Betrieb aufnehmen. Das Startsignal für das zukünftige Schulzentrum an der Wasserburger Straße war gegeben.

Am 1. August 1970 wurden die letzten Patienten aus dem Krankenhaus Prinz-Ludwig-Heim in das neu errichtete Krankenhaus verlegt. Das Gebäude stand 1 ½ Jahre leer. Der Landkreis Traunstein erwarb am 30. November 1971 das Prinz-Ludwig- Heim; der Stadtrat beschloss im Januar 1972 den Abriss. Von Februar bis 30. März 1972 wurde das Gebäude beseitigt. Nicht ohne Wehmut stellt ein Chronist fest: »Traunstein war um ein einst prächtiges Erholungsheim ärmer geworden.« Die Stadt hatte ein über sechs Jahrzehnte dominierendes Gebäude verloren, das Stadtgeschichte geschrieben hatte. Die Erinnerung an das Prinz-Ludwig-Heim verblasst, und nur noch ältere Traunsteiner wissen, dass an diesem Ort 60 Jahre ein Kaufmannserholungsheim, ein Lazarett, und zuletzt ein Krankenhaus stand.

Walter Brumm

 


40/2012