weather-image
Jahrgang 2002 Nummer 32

Das Leben der Herzogin Hedwig in Burghausen

Ihr dortiger Aufenthalt nach der Landshuter Hochzeit war keine Verbannung

Herzogin Hedwig, die Tochter des polnischen Königs. Aquarell aus dem 15. Jahrhundert.

Herzogin Hedwig, die Tochter des polnischen Königs. Aquarell aus dem 15. Jahrhundert.
Die Burghausener Burg war einst die Grenzfeste des Herzogtums Bayern-Landshut gegen Osten.

Die Burghausener Burg war einst die Grenzfeste des Herzogtums Bayern-Landshut gegen Osten.
Lindenholzrelief in der Hedwigskapelle mit Herzog Georg und seiner Gemahlin.

Lindenholzrelief in der Hedwigskapelle mit Herzog Georg und seiner Gemahlin.
Vor fünfhundert Jahren starb in Burghausen Herzogin Hedwig, die Frau Georgs des Reichen von Bayern-Landshut. Ihre prunkvolle Hochzeit ist der Nachwelt bis heute in Erinnerung geblieben und lebt alle vier Jahre bei der »Landshuter Hochzeit« wieder auf. Nach der Vermählung wohnte Hedwig, die Tochter des polnischen Königs Kasimir, bis zu ihrem Tode auf der Burg in Burghausen, dem Familienwohnsitz und der Zweitresidenz der Reichen Herzöge von Niederbayern.

Nach verbreiteter Meinung soll Herzog Georg seine Frau in Burghausen wie eine Gefangene gehalten haben, während er in Landshut in Saus und Braus lebte und sich mit stadtbekannten leichten Damen vergnügte. Diese negative Bewertung Georgs des Reichen findet sich jedoch nicht bei den Geschichtsschreibern seiner Zeit, die ihn als gerechten und freigebigen Mann schildern, sondern erst Jahrzehnte später, als der Landshuter Erbfolgekrieg große Not über Niederbayern gebracht hatte und man Georgs verhängnisvolles Testament zugunsten seiner Tochter dafür verantwortlich machte. »Der Sieger schreibt die Geschichte« – dieses Wort traf auch für Georg den Reichen zu.

Mit der Fabel, Hedwig habe in Burghausen wie eine Gefangene gelebt, räumt die Ausstellung im Stadtmuseum Burghausen auf, die unter dem Motto steht »Herzogin Hedwigs Leben nach der Landshuter Hochzeit«. Sie geht auf umfangreiche Nachforschungen des Burghausener Stadthistorikers Dr. Johann Dorner zurück, der erstmals die einschlägigen Maut- und Küchenrechnungen im Stadtarchiv akribisch auswertete und die Ergebnisse im Begleitband zur Ausstellung »Herzogin Hedwig und ihr Hofstaat« veröffentlichte.

Wie aus den ausgestellten Urkunden hervorgeht, führte Hedwig ein großes Haus. Zum Hofstaat, dem mindestens hundert Personen angehörten, zählten 21 Edelfräulein, vier Kapläne, mehrere Köche und sogar ein Hofzwerg und ein Hofnarr. Sie ging auf die Jagd mit dressierten Vögeln, unternahm regelmäßig Wallfahrten nach Altötting und St. Wolfgang und setzte sich dafür ein, in Altomünster ein Kloster der ihr aus Polen vertrauten Birgitten zu gründen.

Die Ausstellung vergegenwärtigt die Familiengeschichte des Herzogpaares, den Alltag auf der Burg, das Frömmigkeitsleben, Unterhaltung und Geselligkeit. Um Hedwigs Gesundheit dürfte es nicht gut bestellt gewesen sein, denn die Rechnungen verzeichnen regelmäßig Medikamente, die aus der Apotheke in Landshut bezogen wurden. Ihr labiler Gesundheitszustand war wahrscheinlich der Grund, dass Burghausen schließlich eine eigene Apotheke erhielt.

Zwei Exponate sind direkte Lebenszeugnisse der Herzogin, ihre Votivkrone und die in ihrem Namen ausgestellte Urkunde mit der so genannten »Ersten Bitte«. Für die Votivkrone ließ Hedwig ihren Hochzeitsschmuck umarbeiten zur Bekrönung einer Marienstatue in der Burgkapelle. Im 19. Jahrhundert wurde die Krone veräußert. Heute befindet sie sich im Oberhausmuseum in Passau. In der »Ersten Bitte« aus dem Jahre 1490 legt Hedwig beim Passauer Rat Fürsprache für einen Bekannten ihres Hofmeisters ein. Der junge Mann hatte sich eine Ordnungswidrigkeit zuschulden kommen lassen und sollte dafür bestraft werden. In der Urkunde bittet Hedwig darum, von einer Bestrafung abzusehen, den Schuldigen zu begnadigen und ihn wieder als gleichberechtigten Bürger der Stadt zu behandeln. Es ist die einzige in Hedwigs Namen ausgestellte Urkunde, die sich erhalten hat. Sie bezeichnet sich darin als »von Gottes Gnaden geborene Königin von Polen, Pfalzgräfin ‘bey Rhein’ und Herzogin von Ober- und Niederbayern«. Zur Beglaubigung trägt die Urkunde das aufgedrückte Siegel Hedwigs aus rotem Wachs mit dem polnischen Adler.

Uneinigkeit besteht unter den Historikern über die Zahl der Kinder aus der Ehe zwischen Herzog Georg und Hedwig. Brachte die Herzogin außer den zwei Töchtern Elisabeth und Margarethe noch zwei oder gar drei Söhne zur Welt, wie das später behauptet wurde? Tatsache ist, dass in zeitgenössischen Quellen nichts von männlichen Nachkommen zu lesen ist. Erst Christian Haentle nennt in seiner »Genealogie des erlauchten Stammhauses Wittelsbach« (1870) drei Söhne des Herzogpaares: Ludwig, Ruprecht und Wolfgang. Keiner davon soll das Erwachsenenalter erreicht haben. Der 1476 geborene Sohn Ludwig sei behindert zur Welt gekommen. Zweifel an der Zuverlässigkeit Haentles erweckt seine Behauptung, alle drei Söhne seien im Kloster Seligenthal bei Landshut begraben worden. Doch weder der Seligenthaler Nekrolog noch die zeitgenössischen Chronisten wissen etwas von männlichen Nachkommen des Herzogpaares, so dass ihre Historizität mit einem großen Fragezeichen zu versehen ist.

Sehr gut sind wir hingegen über die zwei Töchter unterrichtet. Die 1478 geborene Elisabeth heiratete den Grafen Ruprecht von der Pfalz, dem sie zwei Söhne gebar. Entgegen den Vereinbarungen des Hausvertrages von Pavia setzte Georg der Reiche den Schwiegersohn Ruprecht zu seinem Erben ein und löste damit den Landshuter Erbfolgekrieg aus; der Streit endete schließlich mit einem Vergleich: Der Hauptteil der strittigen Gebiete fiel an Albrecht IV. von München, einen kleinen Teil, die Pfalzgrafschaft Neuburg an der Donau, erhielt Ruprechts Sohn Ottheinrich. Elisabeth starb schon mit 26 Jahren an der Ruhr kurz nach ihrem Ehemann.

Margarethe, die jüngere Tochter, wurde Nonne im Dominikanerinnenkloster Altenhohennau. Während des Landshuter Erbfolgekriegs nahm sie Zuflucht in der Stadt Wasserburg und übersiedelte später nach Neuburg an der Donau. Sie wurde Äbtissin der dortigen Benediktinerinnen nachdem sie die Erlaubnis erhalten hatte, vom Dominikaner- zum Benediktinerorden überzuwechseln.

Herzogin Hedwig starb nach kurzer Krankheit am 18. Februar 1502 im Alter von 45 Jahren und wurde in einem Hochgrab in der Zisterzienserkirche in Raitenhaslach bestattet. Das Grab ist seit der Säkularisation verschollen, nur die schwere Deckplatte aus rotem Marmor blieb erhalten, auf der Hedwigs Namen und das bayerische und polnische Wappen eingemeißelt sind. Herzog Georg, der ein Jahr später starb, liegt in der Klosterkirche in Seligenthal begraben.

Für Herzogin Hedwig wurde einige Zeit nach ihrem Tod in Ingolstadt eine Trauerfeier abgehalten, bei welcher der Humanist Jakob Locher einen Klagegesang auf die Verstorbene vortrug, der auch bei der Ausstellung in Burghausen zu lesen ist. In dem Gedicht heißt es: »Der Tod, der wütende, hat unsere Herrin mit sich genommen;/ Sie war berühmt durch einen großen Namen und durch Ehrentitel, / königlichem Geschlecht entsprossen, ausgezeichnet durch Frömmigkeit,/ hervorstechend durch ihren Charakter, angesehen durch ihre edle Abkunft./ Sie war noch nicht in hohem Alter und nicht ermüdet mit einem verfallenen Körper,/ nicht erschöpft von ihren segensreichen Geburten und auch nicht unfruchtbar./ O glückliches Land der Bayern! Du kannst diese ehrenhafte Frau unter die ersten Gattinnen deiner Herzöge zählen./ Vergieße Tränen der Trauer, aber beende den Schmerz!/ Vernimm einen Trost für dein Leid:/ Notwendig ist es, das Gesetz zu befolgen, das Schicksal anzunehmen, den Lebensfaden abzuschneiden und schließlich zu sterben./ Niemand kann dem Lauf des Todes entrinnen, niemand der Waage des Gerichtes./ Das Fleisch hat dem Tod den Tribut gezahlt – aber ihre Seele wird gottgefällige Ruhe finden.«

JB



32/2002