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Jahrgang 2001 Nummer 21

Bei Gänseliesel und Ochsenhansel

Das »Alpine Museum« in München zeigt Fotodokumente zum Leben der Bergbauern in früheren Jahren

Almleute auf der Junsbergalm, Tuxertal 1946

Almleute auf der Junsbergalm, Tuxertal 1946

Keine Alm lag ihr zu hoch, kein Weg war ihr zu steil, um mit ihrem Fotoapparat in den Salzburger und Tiroler Bergen herumzustiefeln und das karge, entbehrungsreiche Leben armer, aber sichtlich glücklicher Bergbauern auf Schwarzweißfilm zu bannen. Schlecht war das Filmmaterial während des Krieges und noch lange danach, doch tauschte sie ihre Sucherkamera ohne Belichtungsmesser, mit der sie 1937 zu fotografieren begann, zwölf Jahre später gegen eine komfortable »Maschine« und brachte Bilder zustande, die auch Starfotografen Bewunderung abringen.

Die Rede ist von Dr. Erika Hubatschek. 1917 als Tochter eines evangelischen Pfarrers in Klagenfurt geboren, ging sie mit ihren Eltern, die nach Bruck/Mur gezogen waren, schon früh auf Bergwanderungen. An der Uni Graz studierte die 19jährige Geografie, Volkskunde und Sport, machte mit 23 schon in Innsbruck ihren Doktor und ging für 38 Jahre als Gymnasiallehrerin in den österreichischen Schuldienst. Doch weniger als Pädagogin, vielmehr als Forscherin mit der Kamera in der Hand sollte Erika Hubatschek, die sich bester Gesundheit erfreut und noch auf Vortragsreisen geht, Aufsätze schreibt und ihre Fotos (bisher in Salzburg, Bozen und New York) ausstellt, bekannt werden.

Noch bis 17. Juni sind ihre Arbeiten aus den Jahren 1939 bis 1960 im Münchner »Alpinen Museum« zu bestaunen. Als Geografin zeigte Erika Hubatschek reges Interesse an der Landwirtschaft des Hochgebirges. Die Almwirtschaft war Gegenstand ihrer erst 1950 gedruckten Dissertation »Almen und Bergmähder im oberen Lungau«. Bäuerliches Arbeitsgerät, die Alltagskost des Tiroler Bergbauern, landwirtschaftliche Tätigkeiten im Jahreslauf, bauliche Besonderheiten der Bauernhöfe im südöstlichen Kärnten – es gab kaum ein Thema zur Kultivierung der Bergnatur, das der Wissenschaftlerin Erika Hubatschek fremd war. Ihre Fotos, die während der Forschungen zunächst nebenbei entstanden, dienten ihr in erster Linie als Arbeitshilfen oder zur privaten Erinnerung. Als »Schnappschüsse« will Erika Hubatschek ihre, das Archiv immer umfangreicher werden lassenden Fotos verstanden wissen. Was galten der eifrigen Erkunderin bäuerlichen Lebens schon Bildaufbau, Beleuchtung und technische Vollkommenheit! Ihr leitendes Interesse war es, die Realität festzuhalten – ohne dabei die Motive zu »stellen«, ihre »Opfer« in Positur zu bringen oder sie gar fotogen zurecht zu machen. Ungeschminkt und ohne ideologische Überhöhung sind Erika Hubatscheks Fotos wertvolle Indizien zur Geschichte der »kleinen Leute«, die aus Heimatverwurzelung und Bergnatur Kräfte bezogen, welche Städtern wohl kaum zu Gebote standen. Hubatschek fotografierte inmitten einer extrem sich verändernden Situation der Landwirtschaft, keineswegs nur in Österreich: Dampfpflug und Dreschmaschine waren bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts im Einsatz, um 1940 kamen Bulldog, Sä- und Mähmaschinen hinzu. Transportseilbahnen wurden in den Bergen errichtet, künstliche Düngung und Anwendung von Pflanzenschutzmitteln wurden üblich, das Wirtschaftswegenetz für Traktor und Lkw wurde erweitert. Die Innsbrucker Fotografin arbeitete vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Dadurch unterschied sie sich von Kollegen ihrer Zunft wie Erna Lendvai-Dircksen (1883 - 1962), Rudolf Koppitz (1884 - 1936), Peter Paul Atzwanger (1888 - 1974), denen die künstlerische Fotografie wichtig war und damit aber nicht selten in die Nähe rassistischer Orientierung gerieten. Der 1901 geborene Fotograf Simon Moser gehört auch in die Reihe derjenigen Dokumentaristen mit der Kamera, die mit künstlerischer Ambition ans Werk gingen und sich ins Malerische verstiegen. Auf literarisch-volkskundlichem Gebiet waren ihnen Wilhelm Heinrich Riehl (1823 - 1897), Hermann Wopfner, Richard Walther Darré und insbesondere der populär gewordene Salzburger Schulbeamte und Erzähler Karl Springenschmid in ihrem Denken verwandt.

Von ihrer oft verharmlosenden, nationalistischen, brauchtumspflegerischen Sicht auf die Bergwelt und deren Bewohner hob Erika Hubatschek sich strikt ab. Ihr Blick auf die Realität hielt sich in Distanz zu jedweder heroischer Verklärung und heiler Bergromantik. Dabei fehlte es Erika Hubatschek keineswegs an Humor volksnahem Empfinden, wenn sie beispielsweise eine Gänseliesel aus dem Tiroler Schmittal (1942) oder, schon drei Jahre vorher, einen zehnjährigen Buben aus dem Zederhaustal festhielt. Der »Ochsenhansel« repräsentiert eine Jugend, die damals bereits selbständig und mit solchen Kräften ausgestattet war, die sie ein Ochsengespann eigenhändig führen ließ. Die auf dem Ausstellungsplakat dem Betrachter entgegenlachenden »Almleute auf der Junsbergalm«, aufgenommen 1946 im Tuxertal, strahlen Zufriedenheit und Genügsamkeit aus. Freilich mag ihr Lächeln auch ein wenig Trotz bekunden und andeuten, daß es nichts hilft, gegen das Schicksal anzukämpfen.

Die Fotoausstellung gliedert die etwa 70 ausgewählten Dokumente, in die groß gedruckte Texttafeln verständlich einführen, in die vier Jahreszeiten. So »erzählt« Erika Hubatschek auf ihre Weise vom Dachdecken, »Klockn« (Mistzerschlagen), Pflügen und Flachsjäten der Frauen im Frühjahr, vom Melken, Wegmachen, Buttern, Käsen, Heuen und »Tristenmachen« (Heuaufhäufeln) im Sommer, vom Roggenschneiden, Heuziehen per Schlitten, Käse- und Buttertransport per Traktor oder Buckelkraxe im Herbst, vom Heimziehen der »Anzen« (Heuhaufen im Stubai), Holzschlagen, Krippenfigurenschnitzen, Wollspinnen und Anfertigen von Heiliggeisttauben. Noch 1984 konnte Erika Hubatschek diese Tätigkeit im Lungau nachweisen, die von Männern in Heimarbeit ausgeführt wurde, die das Heiliggeisttaubenschnitzen aus russischer Kriegsgefangenschaft kannten.

Kochen und Waschen, Brotbacken und Zäuneziehen, Misten – Arbeiten, die das ganze Jahr über auf einem Bergbauernhof anfielen, sind ebenso auf Fotos festgehalten wie alte bäuerliche Geräte und Gefährte, ein hölzerner Schraubstock zum Beispiel, ein Leiterwagen, ein Holzpflug oder ein »Mist-Reisl«. Nicht mehr lange, und solche Hilfsmittel bäuerlichen Wirtschaftens gehören ganz und gar musealer Reminiszenz an.

Um das Erlebnis, auf einem Bergbauernhof zu arbeiten, auch konkret und heute zu realisieren, ließ der Deutsche Alpenverein (DAV) das Projekt »Leben und Arbeiten in den Bergen« starten. Jugendliche fotografieren, selbstverständlich in Farbe, Ausschnitte aus ihrer Aufenthaltswoche im Sommer 2000 auf dem Vorderreithof Jochberg/Tirol. Hier waren sie ins Heuen, Holzhacken, Gerätereparieren und Melken eingespannt. Was die Jugendlichen beeindruckte, zeigen ihre Fotos: alte Bauernkunst, die Handarbeiten, ein Heuschober, das Schärfen der Sense, eine Bergwanderung, Stimmungen, ausgelöst etwa vom Nebel über den Bergbauernhöfen. So klein ist die Hoffnung nicht, daß dem Leben des Bergbauern im dritten Jahrtausend weiter Beachtung geschenkt wird. Freilich bleibt der kritische Blick einer Forscherin wie Erika Hubatschek auf ein Stück Lebenswirklichkeit im Abseits letztlich doch Geschichte.

Hans Gärtner

Ausstellung »Bergbauern. Fotografien von Erika Hubatschek 1939 - 1960«, Alpines Museum des Deutschen Alpenvereins mit div. Begleitveranstaltungen (Vorträgen, Filmen, Kinderarbeiten, Führungen), Praterinsel 5, 80538 München, Telefon 089/211224-0, geöffnet dienstags bis freitags 13 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr. Noch bis 17. Juni 2001.




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