Jahrgang 2012 Nummer 46

Bayerns letzter König war nur sechs Jahre auf dem Thron

Ludwig III. folgte 1912 auf seinen Vater Prinzregent Luitpold

Ludwig III., der letzte König von Bayern als junger Mann um 1860
Zwei weißhaarige Senioren besteigen den Thron: Ludwig und Marie Therese zur Zeit ihrer Herrschaft.
Ludwig auf Tuchfühlung mit den Traunsteiner Untertanen anlässlich der Einweihung des Prinz-Ludwig-Heims 1912. Rechts neben ihm in der Kutsche Bürgermeister Vonficht.
Kronprinzessin Marie Therese im Jahr 1891 kurz nach ihrer 13. Geburt. Elf Kinder überlebten, zwei starben im Kleinkindalter.

Sein Vater Luitpold wurde nie König, obwohl er ein halbes Jahrhundert auf dem Thron saß. Sohn Ludwig kam erst durch eine Verfassungsänderung zu dem Titel, der seinem Vorgänger als »Reichsverweser« bzw. als Prinzregent, wie er bezeichnet wurde, verwehrt geblieben war. Ludwig sollte der fünfte in der Reihe der bayerischen Könige sein, gleichzeitig auch der Letzte. Als er als Dritter seines Namens 1912 die Herrschaft antrat, war die Monarchie als Regierungsform eigentlich schon längst überholt; doch es brauchte erst noch vier lange Jahre des bis dahin verheerendsten Kriegs der Geschichte, dass das alte System mit einem Regenten von Gottes Gnaden an der Spitze im politischen Großreinemachen tatsächlich hinweg gefegt wurde. Ludwig III. nimmt in biographischen Abhandlungen über die bayerischen Herrscher nur eine Randstellung ein, was nicht nur damit zusammenhängt, dass er chronologisch gesehen den Schlusspunkt setzt und außerdem nicht viel Platz beansprucht, da er nur sechs Jahre regierte. Auch über den Menschen Ludwig ist weit weniger bekannt als über seine Vorgänger.

Das mag daran liegen, dass vielen seiner Untertanen nicht mehr groß nach Königsjubel zumute war und deshalb auch die Nachfrage nach Anekdoten aus der Welt der Wittelsbacher weniger groß war als noch vor einigen Jahrzehnten, als jeder Schritt der hohen Herrschaften Erwähnung in der umfangreichen, bayerischen Journaille fand.

Wahrscheinlich hatten Ludwig und seine Frau aber auch das Pech, nicht mehr jung und auch nicht mehr schön genug zu sein, als sie aufgrund familiärer Ereignisse erst zum Kronprinzen- und schließlich zum Königspaar aufstiegen. Müsste man ein Pendant zu Ludwig in der Jetzt-Zeit suchen, käme man unweigerlich auf den britischen Thronfolger Prinz Charles: Auch der ist inzwischen längst im Rentenalter und noch immer in Wartestellung, erledigt seit Jahrzehnten pflichtschuldig Termin um Termin und muss nun miterleben, dass die Jugend in Person seines Sohnes William und dessen Frau Kate ihm in der Popularität der Medien und damit der Öffentlichkeit längst den Rang abgelaufen hat. Und noch eins haben der aktuelle und der damalige Kronprinz gemeinsam: Beide hegen ein ausgesprochenes Interesse für landwirtschaftliche Themen. Während Prinz Charles als »Öko-Prinz« betitelt wird, heftete seinem bayerischen Kollegen anno dazumal der weit weniger schmeichelhafte Name »Milli-Bauer« an und seiner Gattin wurde, passend dazu, die Bezeichnung »Topfenresl« verpasst.

Dass Ludwig, genauso wie sein Vater, Prinzregent Luitpold vielen Zeitgenossen zu wenig »aristokratisch« war, hängt sicher mit dem Lauf der Geschichte zusammen. Weder Vater noch Sohn konnten bei ihrer Geburt ahnen, dass die Umstände sie eines Tages auf den bayerischen Thron bringen sollten, zumal der dann auch nur »kommissarisch« zur Verfügung stand. Das war dann auch das eigentliche Problem, warum weder Luitpold noch Ludwig von großen Teilen der Bevölkerung auf gleicher Augenhöhe mit ihren Vorgänger gesehen wurden.

Als fünftes Kind von König Ludwig I. und Königin Therese 1821 geboren, hatte Luitpold zwei ältere Brüder, die in der Thronfolge noch vor ihm standen. Otto wurde jedoch mit 17 Jahren der griechische Thron zugeschanzt, der war damit aus dem Rennen um die bayerische Krone. Und Max II., der 1848 seinen abgedankten Vater beerbte, starb schon 1864 unerwartet im Alter von nur 53 Jahren. Ihm folgte als Herrscher sein Sohn als Ludwig II., der bekanntlich 1886 im Starnberger See ums Leben kam. Da Ludwig II. keine Kinder hatte, wäre nun eigentlich Bruder Otto an der Reihe gewesen mit der Königskrone. Doch Otto galt schon seit 1872 offiziell als geisteskrank und stand beim Tod seines Bruders seit Jahren unter Kuratel. Durch seine Erkrankung – wahrscheinlich litt er an Syphilis im fortgeschrittenen Stadium – dauerhaft für regierungsunfähig erklärt, ging die Regentschaft nach Ludwigs Tod deshalb auf Onkel Luitpold als nächsten Verwandten über. Dessen Sohn Ludwig wiederum stieg damit im Alter von 41 zum Thronfolger auf.

Ludwig war 1845 in München zur Welt gekommen. Sein Vater hatte ein Jahr zuvor in Florenz Erzherzogin Auguste Ferdinande von Habsburg-Toskana geheiratet. Schon vor der Hochzeit hatten sich bei der jungen Frau erste Anzeichen einer Lungenkrankheit bemerkbar gemacht; Ludwigs Mutter, die nach ihm noch drei Kinder gebar, Leopold (1846), Therese (1850) und Arnulf (1852) sollte nur 39 Jahre alt werden, sie starb im April 1864 nur einen Monat nach ihrem Schwager König Max II.

Ludwig verließ bei seiner Schulbildung die bisher bei Königen gewohnten Wege: Für seine Studien in den Fächern Philosophie, Jura, Geschichte und Nationalökonomie besuchte er öffentliche Kurse an der Münchner Universität und ließ nicht, wie sonst üblich, Professoren zum Privatunterricht zu sich nach Hause bestellen.

Und auch in Sachen Heirat warf er die Konventionen über den Haufen, indem er sich seine Braut kurzerhand selbst aussuchte: Bei einer Beerdigung in Wien lief Ludwig eine junge Frau über den Weg, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Pech nur, dass die Angebetete schon verlobt war: Marie Therese von Habsburg-Este sollte nach dem Willen ihres Onkels und Vormunds, Erzherzog Franz, den 14 Jahre älteren Ferdinand aus der Toskana-Linie heiraten. Doch die Gefühle Ludwigs stießen bei ihr auf Gegenliebe und so musste Luitpold bei Franz intervenieren, damit dieser die Verlobung Marie Thereses rückgängig machte. Zum Glück für die beiden Turteltauben gab der Vormund nach und so konnte zuerst im Herbst 1867 die Verlobung Marie Therese mit Ludwig und ein halbes Jahr später im Frühjahr 1868 die Hochzeit erfolgen. Die Braut brachte als Heiratsgut ein Schloss in Böhmen und ein Gut in Ungarn mit in die Ehe, das im späteren Leben des jungen Ehepaars noch eine traurige Rolle spielen sollte. Als das Paar nach seiner Hochzeit und etlichen Besuchen bei der Verwandtschaft nach München reiste, war der neuen Familie Marie Thereses erst einmal nicht nach einer Fortsetzung der Hochzeitsfeierlichkeiten von Wien zumute, denn Ludwigs Großvater, der abgedankte Ludwig I. lag im Sterben und die Mutter des aktuellen Königs Ludwig II. war schwer erkrankt. So zog das junge Paar in aller Stille ins Palais Leuchtenberg am Odeonsplatz ein. Aus der Zeit der Verlobung ist eine Anzahl von Briefen überliefert, die Einblick in das Wesen des Wittelsbacher Prinzen gewähren. Ludwig war demnach ein eher zögerlicher Mensch, der sich um all seine Handlungen Gedanken machte und nicht leicht zu Entscheidungen kam. Gleichzeitig entsteht das Bild eines sehr sparsamen, um nicht zu sagen, geizigen Menschen. Auch seine Töchter sollten sich in späteren Jahren immer wieder beklagen, dass sie ihre Kleider ewig wenden und flicken mussten, weil der Vater kein Geld für neue herausrücken wollte.

Wie alle Prinzen des königlichen Hauses hatte Ludwig automatisch einen Sitz im Reichsrat, einem der Häuser im bayerischen Landtag. Martha Schad zitiert in ihrem Buch »Bayerns Königinnen« einen Brief, in dem Ludwig seiner späteren Frau gesteht, dass er kein großer Redner und öffentliche Vorträge ihm zuwider seien.

Seine wirkliche Erfüllung sollte Ludwig in der Landwirtschaft finden: 1875 hatte der Prinz Schloss und Gut Leutstetten am Starnberger See erworben, das bald zur tatsächlichen Heimat für die stetig anwachsende Familie wurde. Marie Therese gebar 13 Kinder, wovon nur zwei im Kindesalter starben. Mit einer Fläche von über 3000 Tagwerk, die der Prinz nach und nach zukaufte, hatte Ludwig mit Leutstetten bald nicht nur eines der größten Güter in Bayern, er gestaltete seinen Besitz auch zu einem wahren Musterbetrieb um. In der Öffentlichkeit bescherte ihm dies dann oben schon zitierten Spitznamen »Millibauer«. Ein königlicher Prinz durfte zwar durchaus Geschäfte machen und damit sein Vermögen vermehren, wenn er aber den Dunstkreis der Münchner Residenz verließ, um in der »Pampas« den Großbauer zu spielen, nahm ihm das so mancher Hofschranze übel.

Auch wenn Ludwig ein eher zaudernder Charakter war; zu Hause herrschte er – zumindest über seine Kinder – nach den damaligen Gepflogenheiten noch streng patriarchalisch. Im Vergleich zum Münchner Hof war das Leben in Leutstetten aber dennoch weit familiärer. Die Kinder konnten im Garten spielen, in der Würm planschen oder mit ihrer Mutter zum Blumensammeln gehen. Prinzessin Marie Therese entwickelte ein leidenschaftliches Interesse für die Botanik und nahm darin sogar Unterricht bei einigen Professoren der Münchner Universität. Mit ihren Kindern legte sie im Lauf der Jahre 40 Bücher mit getrockneten Pflanzen an. Ludwig verbrachte wie alle Vertreter seines Standes viel Zeit auf der Jagd; im Sommer war er deswegen oft wochenlang von zu Hause fort. In München konnte man den Prinzen ganz ungezwungen in Gesellschaft bürgerlicher Freunde antreffen; selbst in seiner Zeit als König besuchte er mit diesen noch die Wirtshäuser.

Wie alle Kronprinzen hatte er öffentliche Termine zu erfüllen, bei denen er einweihen, eröffnen, Hände schütteln und allerlei Huldigungssprüchlein von großen und kleinen Untertanen lauschen durfte. Am 19. November 1911 tat Ludwig dies auch in Traunstein, wo er den Grundstein für das Prinz-Ludwig-Heim legte, einem Erholungsheim für Kaufleute. Traunstein war zu der Zeit ein gefragter Kurort und hatte unter beinahe 300 Bewerbern den Zuschlag für diesen Baukomplex erhalten (heute steht auf dem Gelände die Realschule).

Ein Foto aus dem Traunsteiner Stadtarchiv zeigt den Kronprinzen in einer Kutsche mit den Traunsteiner Honoratioren. Ludwig beugt sich dabei zu zwei kleinen Mädchen in Tracht herunter, die Spalier stehen. Vielleicht haben sie ein Sprüchlein aufgesagt oder ein Gedicht aufgesagt – wie gemeinhin üblich bei einem Besuch hoher Herrschaften.

Ein Jahr später, im Oktober 1912 war Ludwig erneut zu Gast in Traunstein anlässlich der Eröffnung des Heims. Nur zwei Monate später folgte der 67-jährige Kronprinz nach dem Tod seines Vaters Luitpold dann auf den Thron – zuerst ebenfalls als Regent, nach der Verfassungsänderung 1913 konnte er dann den Titel »König« führen. Als Ludwig III. Ende 1912 seine Herrschaft antrat, rumorte es schon heftig in Europa. In den österreichischen Kronländern begehrten die so unterschiedlich zusammengewürfelten Völker auf, Russland hatte ebenfalls zahlreiche Baustellen und Preußen rasselte nicht mehr nur wie gewohnt mit dem Säbel, sondern rüstete im Bereich der Marine kräftig auf. Und mitten drin ein bayerischer Herrscher, dem ein Krieg gar nicht so unwillkommen wäre, denn mit entsprechend demonstrierter Loyalität konnte man ja schließlich auf Vorteile hoffen. Ludwig schielte zu Kriegsbeginn schon entsprechend Richtung Frankreich, denn das deutschsprachige Elsass-Lothringen schien ihm eine angemessene Belohnung für seine Pflichterfüllung als politischer Vasall Preußens. Ein paar Monate Krieg konnte man da schon verschmerzen, wenn danach entsprechende Beute winkte. Doch die euphorische Prophezeiung bei Ausbruch des Krieges im Sommer 1914 »Weihnachten sind wir wieder zu Hause« entwickelte sich zum Albtraum von Millionen Soldaten und deren Familien.

Bayern allein sah sich mit Hunderttausenden gefallener oder verkrüppelter Soldaten konfrontiert, die Wirtschaft lag brach, weil alle männlichen Arbeiter im Krieg waren, dazu kamen im Lauf der Jahre Massen von hungernden, frierenden und verarmten Untertanen, darunter viele Frauen und Kinder, die keinen Ernährer mehr hatten. Das führte dazu, dass die Unruhen vor allem in München immer häufiger und heftiger wurden. Das Volk hatte genug von einem System, das all diese Schrecken produzierte und im Gegenzug nicht in der Lage war, die schlimmsten Notlagen zu lindern. Das böse Wort »Revolution«, das vor dem Krieg noch so schnell den Weg ins Gefängnis bedeuten konnte, spülte nach dem Ende des Krieges nun mit einem Schwung alle deutschen Monarchien hinweg. Ob in Preußen, Sachsen, Österreich oder Bayern: Jetzt waren es nicht mehr die Soldaten, denen Beine gemacht wurden, jetzt hieß es für die Herrscher und ihre Familien selbst ab ins Feld und das im wahrsten Sinn des Wortes. Ludwig III. und seine Familie mussten in einer Nacht- und Nebelaktion München verlassen, um vor den roten Revolutionären zu flüchten, die inzwischen die Macht in der bayerischen Hauptstadt übernommen hatten. Die Flucht war eine mehr als überstürzte Abreise und offenbar hatte niemand wirklich damit gerechnet, dass es tatsächlich so weit kommen könnte. Am 7. November 1918 begann offiziell das Ende der bayerischen Monarchie: König und Königin erhielten eine Mitteilung, dass sie München verlassen und sich in Sicherheit bringen müssten, wollten sie nicht eine Verhaftung durch revolutionäre Truppen riskieren. Am Vormittag noch hatte der König eine Audienz gehalten, am Nachmittag nun musste er sich wie ein heimlicher Eindringling durch die Hintertür aus der Residenz schleichen. In der Hektik des Aufbruchs sollte nun so ziemlich alles schiefgehen, was bloß schiefgehen konnte. Während die Kammerzofe der Königin immerhin noch das Allernotwendigste in eine Tasche stopfen konnte, soll Ludwig, da sein Diener gerade frei hatte, nur mit einer Zigarrenkiste seine Gemächer verlassen haben. Zu allem Unglück stellten sich auch die königlichen Automobile als alles andere als fahrtüchtig heraus, der Chauffeur war zudem zu den Revolutionären übergelaufen. Ein Mietwagenverleiher in der Nähe der Residenz rettete die Königsfamilie aus ihrer brenzligen Lage: Es gelang ihm, in der Not etwas Benzin zu ergattern. Nachdem die königlichen Wappen an den drei für die Flucht gedachten Automobilen mit Stiefelwichse überschmiert und sich der Tross endlich in Bewegung gesetzt hatte, blieb das größte der Autos mit dem Königspaar auch schon wieder liegen: Niemand hatte daran gedacht, die Reifen aufzupumpen. Also hieß es umsteigen in einen kleineren Ersatzwagen. Zwei proppenvolle Fahrzeuge fuhren dann endlich los mit dem Ziel Schloss Wildenwart in der Nähe von Prien. Doch wenn die königliche Familie gedacht hatte, nach dem Verlassen des Stadtgebiets seien die größten Schwierigkeiten gebannt, hatte sie sich schwer getäuscht: Starker Nebel führte dazu, dass die beiden Automobile immer wieder vom Weg abkamen. Als der Wagen mit dem Königspaar im Morast landete, gelang es zwar, ihn wieder herauszuziehen, doch das Fahrzeug mit den Prinzessinnen saß so fest im Schlamm, dass nichts mehr ging. Fünf Prinzessinnen saßen im Matsch fest. Die jungen Frauen mussten nun mitten in der Nacht ihre Flucht zu Fuß fortsetzen. Irgendwie gelang es ihnen, sich nach Schloss Maxlrain bei Bad Aibling durchzuschlagen, allerdings dauerte es eine Weile, bis sie dort Quartier erhielten, denn der Hausherr, der sie erkannt hätte, war nicht anwesend und die Dienerschaft wollte sie nicht einlassen.

Einen Tag später trafen alle wohlbehalten in Wildenwart zusammen, doch die Freude über die geglückte Flucht dauerte nicht lange, denn die Rotgardisten waren den Wittelsbachern schon dicht auf den Fersen. Die Flucht ging deshalb weiter nach Berchtesgaden, von dort nach Hintersee und schließlich über die Grenze nach Österreich.

In Schloss Anif erhielt der König dann Besuch von Staatsminister von Dandl, der dem König dringend empfahl, eine Erklärung zu unterschreiben, wonach er sich unter den gegebenen Umständen außer Stande sehe, seine Regierung fortzusetzen und alle Beamten und Militärs von ihrem Eid entband. Eine Verzichtserklärung auf den Thron war dies faktisch nicht – der inzwischen zum Ministerpräsidenten ausgerufene Kurt Eisner behandelte das Dokument aber so, als hätte Ludwig III. auf alle Ansprüche verzichtet. Zwar wurde das Königspaar nun von Nachstellungen in Ruhe gelassen, die Lage blieb für die Königsfamilie aber trotzdem schwierig. In Österreich bekamen sie keine Lebensmittel, weshalb sie Anif wieder verließen und nach einigen Umwegen schließlich nach Wildenwart zurückkehrten.

Dort kam dann drei Monate nachdem sie München verlassen hatten ein erneuter Schicksalsschlag. Marie Therese, die schon vor der Flucht schwer krank gewesen war, starb Anfang Februar 1919. Sie wurde in Wildenwart beerdigt, sollte aber – so hoffte der König – in ruhigeren Zeiten nach München überführt werden. Drei Wochen nach dem Tod seiner Gemahlin war Ludwig III. erneut gezwungen, die Flucht anzutreten. Spartakisten, so hieß es, seien unterwegs, um ihn zu verhaften und nach Stadelheim zu bringen. Ludwig konnte dem Kommando entkommen – vielleicht auch, weil Ministerpräsident Eisner in der Zwischenzeit bei einem Attentat ums Leben gekommen war und der König so für eine kurze Zeit aus dem Blickfeld der Revolutionäre geriet. Doch Ludwig wollte auf Nummer sicher gehen und begab sich nach Schloss Sárvár in Ungarn, eine Besitzung, die Marie Therese als Heiratsgut mit in die Ehe gebracht hatte. Für den greisen Wittelsbacher sollte Sárvár seine letzte Heimat werden: Fast auf den Monat genau drei Jahre nach seiner Vertreibung aus München starb Bayerns letzter König am 18. Oktober 1921 in Ungarn. Seinen Frieden mit den Untertanen, die ihn so schmählich im Stich gelassen hatten, sollte er wenigstens im Tod noch finden. Zuerst wurde Ludwigs Leichnam nach Wildenwart gebracht, wo er für einen Tag neben dem Sarg seiner Frau aufgebahrt wurde, ehe es für das Paar auf die allerletzte Reise nach München ging. Zum letzten Mal erlebte die ehemalige Residenzstadt eine königliche Beerdigung mit allen Ehren. Der rote Stadtrat hatte sogar die Schließung aller öffentlichen Betriebe am Tag des Begräbnisses angeordnet und sämtliche Regierungsmitglieder reihten sich in den Trauerzug ein. Mit diesem letzten Akt wurde nicht nur das letzte Herrscherpaar von Gottes Gnaden zu Grabe getragen, sondern auch eine inzwischen überholte Welt, in der allein der Stand bestimmt hatte, welchen Platz ein jeder im gesellschaftlichen Gefüge einnehmen konnte. Hätte Ludwig eine Generation später gelebt, wäre er wahrscheinlich von Anfang an Landwirt geworden und für seine Kenntnisse in der Agrarwirtschaft sogar noch geschätzt worden. In diesem Punkt zumindest war er, bei all den materiellen Vorzügen, die seine Stellung als Adeliger mit sich brachte, eins mit vielen seiner Untertanen: Er konnte auch nicht das tun, was er eigentlich am liebsten getan hätte: Als einfacher »Millibauer« glücklich werden.


Susanne Mittermaier

 

Literatur:
Martha Schad: Bayerns Königinnen. Piper-Verlag, Frankfurt am Main, 1999. Richard Bauer: Geschichte Münchens, C.H. Beck, München 2008. Dieter Albrecht: Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges (1871-1918) in: Max Spindler: Das Neue Bayern, Erster Teilband, C.H. Beck, München, 2003.

 


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