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Jahrgang 2001 Nummer 36

Die Burg Stein und ihr berühmter Bewohner Heinz

Viele Besucher kommen in den finster-trotzigen Bau und gruseln sich bei den schauerlichen Erzählungen des Führers

Stein an der Traun auf einem alten Stich

Stein an der Traun auf einem alten Stich
Das Zimmer der geraubten Mädchen auf einer alten Postkarte

Das Zimmer der geraubten Mädchen auf einer alten Postkarte
Der wüste Ritter Heinz von Stein mit einem geraubten Mädchen

Der wüste Ritter Heinz von Stein mit einem geraubten Mädchen
Bekanntester Bewohner von Stein an der Traun in einer über 1000-jährigen Geschichte war unumstritten der grimmige Raubritter Heinz von Stein, der mit seinen wüsten Gesellen im fast uneinnehmbaren Räubernest im tiefen Fels hauste. Zwar braucht sich, wer heute durch Stein fährt, nicht mehr vor dessen Raubzügen zu fürchten – für derlei Abgaben ist in unseren Tagen das Finanzamt zuständig – aber den Besucher der Felsenburg beschleicht immer noch eine Gänsehaut, wenn er durch die dunklen Räume wandert, die »blutverschmierten« Wände erahnt, an die vielen jungen Mädchen denkt, die der Überlieferung zu Folge hier geschmachtet haben, und wenn er einen Blick in den fast endlos tiefen Brunnen riskiert, wo einst die zerschmetternden Knochen derer gelegen haben mögen, die in Heinzens Ungnade gefallen waren.

Die Burganlage in Stein an der Traun hat sich zwischenzeitlich zu einem beliebten und lohnenden Ausflugsziel im nördlichen Chiemgau entwickelt. Tausende von Besuchern kommen jährlich nach Stein an der Traun, um das sagenumwobene Raub-ritternest des »Wilden Heinz« zu sehen, und vielen läuft bei den schauerlichen Erzählungen ein leichtes Gruseln über den Rücken.

Daß die Burg Stein zu den bedeutendsten, ungewöhnlichsten und meistzitierten Burganlagen Deutschlands gehört, liegt an dem Umstand, daß sie sich in Wirklichkeit aus drei verschiedenen Burgen zusammensetzt: Dem Hochschloß, das sich majestätisch über der steilen Felswand des Traunufers erhebt, dem Unteren Schloß am Fuß der Felswand und der zwischen beiden gelegenen Höhlenburg. Nach ersten notdürftigen Sanierungsarbeiten 1976 wurde die Anlage seit Anfang der 80er Jahre behutsam schrittweise saniert. Hier arbeiten das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, der Besitzer (Schloßbrauerei Stein) und der rührige Verein der Freunde Burg Stein eng zusammen.

Beginnen wir unsere Route beim unteren, auch neuen Schloß genannt. Zuerst passiert man einen ausgedehnten Vorburgbereich mit teilweise neuen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden, der an seinem 1913 erbauten Torhaus das Wappen der Grafen von Arco und das Doppelwappen der Herzöge von Braganza/Leuchtenberg trägt. Der Bereich direkt am Fuß des Burgfelsens wird von einer hohen Gebäudefront abgeriegelt, die ihre heutige Form hauptsächlich durch neugotische und moderne Umbauten erhalten hat, aber auf spätmittelalterliche Bauten zurückgeht. Heute ist in den Gebäuden des unteren Schlosses das Landschulheim Schloß Stein, ein privates Gymnasium, untergebracht, die östlich an-schließenden Gebäude gehören zu der 1907 neu gebauten Brauerei Stein. Besondere Bedeutung kommt der Schloßkapelle an der Südseite des Schloßhofes zu. Nach einer gewaltsamen Zerstörung 1504 wurde sie wieder neu hergestellt und in den darauffolgenden Jahrhunderten mehrfach umgebaut.

Neben dem Eingang zur Höhlenburg, der über eine Holztreppe führt, steht an die Felswand gelehnt ein nicht ganz runder Wehrturm, der früher möglicherweise als Zugang zur Höhlenburg diente. Die steinerne Wendeltreppe mündet zunächst in einen Wehrgang, der sorgfältig in den Naglfluh gehauen, sich entlang der Felswand hinzieht. Steigt man noch etwas höher, so gelangt man zu den ursprünglich auf zwei Stockwerke verteilten Wohnräumen, von denen der untere Teil noch recht gut erhalten ist. Sie tragen heute recht romantische Namen wie »Tanz- und Rittersaal«, »Wohnzimmer für die geraubten Mädchen« oder »Gerichtssaal«. Bemerkenswert sind der 25 Meter tiefe Brunnen und vor allem der Gang zum Hochschloß, von dem zwei engere Gänge seitwärts abgehen. Der »Trostberger Gang« war offensichtlich als Fluchtweg geplant, doch nicht vollendet worden. Der Sage nach führten diese Gänge ursprünglich zur ehemaligen Stammburg der Toerring beziehungsweise nach Trostberg. Über große Treppenstufen geht es ungefähr 50 Meter aufwärts, bis an die Stelle des gewachsenen Felsens eine gemauerte Decke tritt und man schließlich hinter einer schweren Tür im Burghof des Schloßhofes steht. Ein lohnendes Erlebnis ist die etwa 100 Meter westlich der Höhlenburg in halber Höhe der Felswand gelegene ehemalige Klause, die mindestens seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert bis gegen 1930 von Einsiedlern bewohnt war. Vor einigen Jahren wurde die Klause renoviert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Mit der düsteren Höhlenburg verbunden ist die Gestalt des Raubritters Heinz von Stein. Genannt der »Wilde« stellt man sich ihn als Blaubart und kühnen Schnapphahn vor, der ein solch frevelhaftes Leben führte, daß er nicht in geweihter Erde ruhen durfte. Von herkulischer Gestalt und furchterweckendem Äußerem soll er gewesen sein. Auf seinen Streifzügen soll es ihm gelungen sein, die liebreizende Tochter des alten Gravenecker, des Maiers von Trostberg, gefangen zu nehmen. Mit Drohungen und Schmeicheleien versucht Heinz die schöne Waltraud gefügig zu machen, doch diese bleibt standhaft, bestärkt durch ihren Geliebten Siegfried von Gebsattel. Gravenecker versucht vergeblich seine Tochter zu befreien und gerät beim Angriff auf die Burg in Gefangenschaft. Heinz fordert nun die Unschuld Waltrauds für das Leben ihres Vaters. Und als der alte Maier von einem solchen Handel nichts wissen will, läßt ihn der Wüterich zur Richtstätte schleppen. Als Heinz sich Waltraud nähern will, nimmt sie sich selbst das Leben. Inzwischen ist es Siegfried gelungen, mit Kriegsknechten aus München und Salzburg unbemerkt die Burg zu stürmen. Heinz selbst wird von dem ergrimmten Siegfried erstochen, der ihn neben der toten Waltraud findet und ihn für den Mörder hält. Aber auch die »wirkliche« Geschichte der Burganlage ist recht bewegt. Um 1100 entsteht unter den Edelfräulein von Stein die erste steinerne Burg. Gut hundert Jahre später finden wir die Toerring als neue Herren, unter denen unter anderem auch der älteste Kern der Höhlenburg gebaut worden sein dürfte. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die Felsenburg mit einem Wehrturm, auch als »Leichen- oder Hungerturm« bezeichnet, verstärkt. 1505 belagerte Kaiser Maximilian I. im Landshuter Erbfolgekrieg mit seinem Heer vergeblich die Feste Stein, die Adam I. von Toerring erfolgreich verteidigte. Wie lange die Höhlenburg wirklich bewohnt war, läßt sich schwer sagen. Vermutlich hat man sie im Laufe des 17. Jahrhunderts aufgegeben, als die Grafen von Toerring Stein 1661 verkauften. Die neuen Besitzer, die Freiherren von Lösch, gestalteten zwar die ganze Anlage um, an der Höhlenburg dürften sie jedoch wenig Gefallen gefunden haben, sie entsprach nicht mehr den Bedürfnissen der Zeit. Neueres erweckte schließlich die erzählte Geschichte des Heinz von Stein. Seit dem 19. Jahrhundert zog es immer wieder Reisende an den verruchten Ort.

Die Besitzer wechselten seit 1829 rasch. Auf die Freiherren von Lösch folgten 1845 die bayerische Prinzessin und spätere Gemahlin des Kaisers Pedro I. von Brasilien, Amalia von Leuchtenberg-Braganza, 1873 ihr Neffe Fürst Nikolaus von Leuchtenberg-Romanowsky und 1890 die Grafen von Arco-Zinneberg. Aus vereinzelten Wanderern ist im Laufe der Zeit ein richtiger Besucherstrom geworden, der vor allem im Sommer, ausgerüstet mit Kerzen und Laternen, den finster-trotzigen Bau durchwandert und sich bei den schauerlichen Erzählungen des Führers gruselt. Die Höhlenburg blieb nicht vom Zahn der Zeit verschont. In den Jahren 1992/93 wurde sie gründlich saniert. Das Schloßensemble befindet sich im Besitz der Schloßbrauerei Stein

Gabi Rasch



36/2001