weather-image
Jahrgang 2016 Nummer 45

Der Ukrainer-Friedhof im Schönramer Filz

Alljährlich findet am Sonntag nach Allerheiligen ein Gedenken statt

Der Ukrainer-Friedhof gehört heute zum Gemeindegebiet Laufen-Leobendorf.
Auf den in den Boden eingelassenen Tafeln stehen die Namen der Toten.
Der Leiter des TBC-Lagers Schönram, Alarich Seidler, mit Adolf Hitler. (Foto: Archiv Herzogsägmühle)
Der Pfarrer der Ukrainer-Gemeinde München, Wolodymyr Viitovitch.

Wer bei einem Ausflug in das herrliche Schönramer Filz auf der Staatsstraße 2103 Richtung Leobendorf rechter Hand das Hinweisschild »Ukrainer- Friedhof« entdeckt, trifft mitten in der Idylle auf Spuren aus dunkler Zeit. Nach wenigen Schritten auf dem Waldweg umfängt einen hier auf einer kleinen Anhöhe ein stiller Ort des Gedenkens. »Im Frieden dieses Waldes ruhen 54 Ukrainer und ein Grieche, die, im Zweiten Weltkrieg zur Arbeit nach Deutschland verpflichtet, 1944/45 Krankheiten erlagen«, heißt es auf der Gedenktafel im Eingangsbereich.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite führt vom Parkplatz aus der Heidewanderweg zum See vorbei an einer Informationstafel, die Bilder zeigt und Geschichte erklärt. Hier befand sich von 1935 bis 1940 ein sogenanntes Reichsarbeitsdienstlager. Die leerstehenden Baracken wurden ab Oktober 1944 in ein Krankenlager für zwangsverpflichtete ausländische Arbeiter umgebaut. »Zivilarbeiter« nannte man sie im NS-Jargon, oder auch »Ostarbeiter«. Infolge oft miserabler Lebens- und Arbeitsumstände erkrankten viele von ihnen an Tuberkulose und wurden in das Isolierlager im Schönramer Filz gebracht.

Für manche gab es schon bei der Einlieferung kaum noch Hoffnung auf Überleben. Kälte und Feuchtigkeit der Moorlandschaft setzten ihnen zu, die schlechte Ernährungslage tat ein Übriges. Es waren überwiegend sehr junge Menschen, aber auch einige Ältere waren darunter. Die Arbeiterinnen und Arbeiter stammten vor allem aus der Ukraine und Polen, vereinzelt auch aus anderen Ländern. Auch Mütter mit Kindern befanden sich darunter. Etwa 60 Menschen fanden hier zwischen Oktober 1944 und Juni 1945 den Tod. Das jüngste Opfer, das auf dem Friedhof bestattet wurde, ist die 14-jährige Claudia Wikolawa – sie war die Tochter einer Arbeiterin.

An ihr Begräbnis erinnert sich Josef Aicher, der Rudholzer-Sepp, noch heute. Er war damals zwölf und wohnte in der Nachbarschaft. Seine Familie mit elf Kindern hatte eine große Schafherde, und »beim Schafehüten sind wir mit den Kranken, besonders mit den Kindern aus dem Lager, zusammen gekommen«, erzählt er. Das Gelände war mit zwei parallel übereinander laufenden Reihen Stacheldraht umzäunt, die Lagerinsassen zupften die Wollfetzen heraus, die von den Schafen darin hängengeblieben waren, um etwas Wärmendes daraus zu machen. Trotz der Umzäunung konnten die Kranken sich frei bewegen und das Lager jederzeit verlassen, erinnert sich Aicher. Immer wieder kamen sie an die Haustür und baten um Essbares. Anders als viele Einheimische haben die Aichers nicht Hunger leiden müssen, »und die Mutter sagte: 'Denen helfen wir. In Russland gibt es vielleicht auch Menschen, die helfen.' Meine beiden ältesten Brüder waren damals als Soldaten in Russland vermisst.«

Toni Gruber aus Schönram, Jahrgang 1932, kann sich ebenfalls noch gut erinnern. Er hat damals als Ministrant zahlreichen Beerdigungen beigewohnt. Diese wurden zuerst von Benefiziat Johann Schiessl aus Schönram und später vom Pettinger Pfarrer Michael Pfaffinger zelebriert. »Die Toten kamen in einen Sarg. Oben am Friedhof war eine Aufbahrungskapelle aus Holz, mit einer Glocke drauf, die geläutet wurde. Die Anwesenden warfen Münzen ins offene Grab. Jeder Tote bekam ein Holzkreuz mit Namen und Lebensdaten.«

Auch Josef Aicher hat als Ministrant Beerdigungen begleitet. Die Bilder von damals haben sich bei ihm eingebrannt. »Die Kranken bildeten vom Lager zum Friedhof einen Leichenzug. Auch Einheimische, einige ältere Frauen, gingen mit. Das war ein Leidensweg, wie die Kranken sich da hingeschleppt haben, mit Lumpen um die Füße gewickelt, sie haben sich gegenseitig gestützt. Das Bild geht einem nicht mehr aus dem Kopf.«

Das Krankenlager im Schönramer Filz

Das Krankenlager im Schönramer Filz wurde vom »Bayerischen Landesverband für Wander- und Heimatdienst« (LVW) betrieben. Beim LVW handelte es sich um einen von SA-Führer Alarich Seidler (1897-1979) gegründeten Verein, der seit Ende 1934 dem bayerischen Innenministerium (Abteilung Gesundheitswesen) unterstand. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts diente der Verband dem Zweck, nichtsesshafte Personen zwangsweise in Fürsorgeeinrichtungen einzuweisen. Kernstück waren sechs Wanderhöfe, darunter der Zentralwanderhof Herzogsägmühle bei Schongau, der auch als zentrale Anlaufstation für Neueinweisungen diente.

»Alarich Seidler verfolgte mit der Konzeption und Praxis der Zwangsfürsorge, den LVW als Modell für eine reichsweite 'Lösung' der 'Asozialenfrage' zu stilisieren, verbunden mit der Durchsetzung einer reichsweiten rechtlichen Regelung zur Verfolgung und Vernichtung sogenannter Asozialer (Bsp. Bewahrungsgesetz)«, schreibt Annette Eberle, die die Geschichte der Herzogsägmühle in der Zeit des Nationalsozialismus erforscht hat. Zum dortigen Aktenbestand gehören auch die (nicht vollständig erhaltenen) Patientenakten aus dem Krankenlager Schönram.

Der Gründer und geschäftsführende Vorsitzende des LVW, Alarich Seidler, erhielt – nach dessen eigener Aussagen im Rahmen des Spruchkammerverfahrens, dem er sich nach dem Krieg stellen musste – aus dem bayerischen Innenministerium »unter nicht klaren Umständen den Befehl, ein Asylierungslager für T.B.-kranke Ausländer schnellstens einzurichten.«

Im Oktober 1944 begann die Einlieferung der Kranken ins Schönramer Lager. Die erste nachgewiesene Bestattung auf dem Friedhof fand am 9. Oktober statt. Es war der 20-jährige Ukrainer Nikolai Postnierad. Mit Vorwürfen über die schlechten Zustände im Lager konfrontiert, brüstete Seidler sich im März 1945 gegenüber dem Gauamtsleiter für Volksgesundheit, Dr. Harrfeldt, in München damit, das Lager in einen vorbildlichen Zustand versetzt zu haben: Die Trinkwasseranlage sei erneuert, eine Wäscherei mit Waschmaschinen eingerichtet, Wannenbäder eingebaut, jede Baracke verfüge über fließendes Wasser. Es gebe eine zentrale Küche sowie eine kleine klinische Station mit Behandlungsraum, Röntgenapparat, Labor und Operationsraum.

Chefarzt war Medizinalrat Dr. Hohbach, Leiter des Gesundheitsamtes Berchtesgaden. Zudem gab es einen polnischen Lagerarzt, Dr. Lucjan Nowakowski. Offenbar erkrankte dieser selbst an Tuberkulose; er starb, als die Amerikaner Anfang Mai 1945 einrückten. Ein polnischer »Lagersekretär« leitete die Verwaltung.

Anfang 1945 schrieb ein Patient einen Beschwerdebrief und beklagte darin unter anderem die schlechte Ernährung: »Es werden verabreicht 100 g Fleisch in der Woche, 125 g Butter in 14 Tagen, 18 g Zucker pro Tag. Dies ist die Hälfte von der Ration in meinem Arbeitslager. Sie können sich also vorstellen, dass man bei so einer Ration nicht genesen kann...« Den Lagersekretär kümmere es nicht, wenn Patienten rauchten, heißt es weiter. Wiederholt würden Patienten von Angehörigen aus dem Lager geholt, »weil die Behandlung so schlecht ist«. Am 12. November 1944 sei ein russisches Mädel von ihrem Verlobten von hier weggeholt und in ein Krankenhaus nach München gebracht worden; der Briefschreiber nennt Namen und Adresse des Mädchens. Die Beschwerde gelangte über den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS zu Dr. Harrfeld und dem verantwortlichen Seidler, der sich rechtfertigen musste.

Trotz ihrer Lückenhaftigkeit ermöglichen die Patientenakten, wenn schon keine gesicherten Erkenntnisse, so doch zumindest einen Einblick. Demnach ist von einer Bettenzahl von insgesamt 120 auszugehen. Die Vermutung, die Zwangsarbeiter seien vor ihrer Einlieferung in der Heeres-Munitionsanstalt St. Georgen tätig gewesen – der »Muna«, aus der nach dem Krieg die Stadt Traunreut entstand –, lässt sich durch die Akten nicht bestätigen. Zumindest von denjenigen Patienten, deren Akten erhalten sind – es sind 84 – kam kein einziger von dort. In einem Fall ist als Arbeitgeber die Munafabrik Hohenbrunn vermerkt, der als gesund Entlassene kehrte am 14. März wieder dorthin zurück. Viele waren vor ihrer Einlieferung in München tätig gewesen, einige im Allgäu, in Augsburg, Bad Tölz, Ingolstadt, Pfaffenhofen, Ludwigstadt oder Kiefersfelden. Vereinzelt kamen sie von Arbeitsplätzen der näheren Umgebung, etwa aus Baumburg, vom Obersalzberg, aus Freilassing oder dem Eisenwerk Hammerau. Nicht wenige waren bei der Deutschen Reichsbahn oder als Landarbeiter auf Bauernhöfen beschäftigt oder sie arbeiteten in Fabriken, unter anderem bei Krauss-Maffei, Dornier oder MAN. Als »besondere Ursache« für die Erkrankung wird in einem Fall explizit »Schwere Arbeit« genannt.

23 der 84 Patienten, von denen Akten erhalten sind, verstarben und liegen nachweislich auf dem Ukrainer- Friedhof. 61 konnten das Lager geheilt oder zumindest lebend verlassen. Von 32 namentlich bekannten Toten, die auf dem Friedhof bestattet sind, fehlen Akten. Viele der Eingelieferten waren dem Tod geweiht, doch nicht alle: Einige kehrten nach wochenlangem Aufenthalt wieder an ihren Arbeitsplatz zurück, einigen gelang die Flucht aus dem Lager. Wieder andere wurden nach Kriegsende abtransportiert, wohl zur Weiterbehandlung an einen anderen Ort. Mindestens 23 wurden, wie auf ihrer Akte vermerkt ist, am 16. Juni 1945 »in die Heimat entlassen«. Was aus ihnen wurde – niemand weiß es.

Lagerleiter Seidler versuchte, sich der bevorstehenden Verhaftung durch die amerikanische Militärregierung durch Selbstmord zu entziehen. Der Versuch schlug fehl, er wurde festgenommen. Vom 16. Mai 1945 bis Mitte Juni 1947 befand Seidler sich im Internierungslager Moosburg, im dortigen Hospital, Abteilung für Lungenkranke. Seine Entlassung dort erfolgte wegen Haftunfähigkeit – eine 70-prozentige Erwerbsbehinderung wurde offiziell anerkannt. Pfarrer Pfaffinger aus Petting setzte sich nachdrücklich für Alarich Seidler ein. Pfaffinger habe sich wegen seiner seelsorgerischen Tätigkeit im Lager vor der Gestapo verantworten sollen, doch Seidler sei es gelungen, das abzuwenden, weshalb Pfaffinger sich »zu dauerndem Dank« verpflichtet fühlte.

Im Spruchkammerverfahren musste Seidler sich wegen seiner Parteimitgliedschaft in der NSDAP und verschiedener Funktionen im NS-Staat rechtfertigen; unter anderem war er SA-Standartenführer. Zudem galt er als nationalsozialistischer »Aktivist« und somit als belastet. Doch gelang es Seidler, dies zu widerlegen und die Spruchkammer davon zu überzeugen, dass er bei Parteigenossen nicht wohlgelitten war und wiederholt Widerstand gegen Anordnungen von oben geleistet habe. Am Ende hieß es: »Der Betroffene ist Entlasteter (Gruppe 5)«. Denn: Seidler habe »weder durch seine Stellung noch durch seine Tätigkeit die Gewaltherrschaft der NSDAP wesentlich gefördert.« Die detailreiche schriftliche Begründung für den Freispruch ist in einem so auffällig entschuldigenden Ton verfasst, dass sie den Eindruck erweckt, Seidler selbst habe hier die Feder geführt.

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg, im Spätherbst 1946, wurde in den Baracken im Schönramer Filz ein Flüchtlingslager eingerichtet. Das in Bad Reichenhall erscheinende Lizenzblatt »Südostkurier« erinnert in einem Artikel vom Mai 1947 noch einmal an das Kriegsende in Laufen zwei Jahre zuvor, schildert den Einmarsch der Amerikaner am 4. Mai, erinnert an die Erschießung von 13 KZ-Häftlingen aus Buchenwald in der Lebenau durch die SS und an die Befreiung des Internierungslagers in Laufen, wo Hunderte von amerikanischen und englischen Staatsangehörigen gefangen gehalten worden waren, »von der einheimischen Bevölkerung vielfach heimlich unterstützt, was sie dankbar anerkannten.«

Sodann folgt ein Absatz, überschrieben mit »Das Todeslager von Schönram«. Darin heißt es: »In dem jetzigen Flüchtlingslager Schönram befand sich während des Krieges die sogenannte Krankenstation eines Ausländerlagers, in der unglaubliche Zustände geherrscht haben müssen. Noch in den Monaten Februar bis Mai 1945 sind dort etwa 80 Franzosen, Griechen, Polen und Russen an Tuberkulose gestorben. Sie wurden behelfsmäßig in einem angrenzenden Waldgrundstück bestattet. Diese 80 Gräber, die teilweise unter einem Kieshaufen verborgen liegen, wurden nunmehr durch den Flüchtlingskommissar Lakner aus Laufen wiederaufgefunden. Sie sind noch durch Kreuze mit Inschriften gekennzeichnet, im übrigen aber stark verwahrlost. Der Flüchtlingskommissar hat sich daher mit dem Landrat von Laufen in Verbindung gesetzt, damit dieser Behelfsfriedhof hergerichtet und in einen würdigen Zustand gebracht werden kann. Er war der Bevölkerung dieser Gegend so gut wie unbekannt und wäre wohl völlig in Vergessenheit geraten, wenn man ihn nicht jetzt wiederentdeckt hätte.«

Die Beschreibung löste eine Kontroverse aus: Pfarrer Pfaffinger wollte dies nicht unwidersprochen stehen lassen und verfasst eine »Berichtigung«, die die Zeitung am 17. Mai 1947 abdruckte und in der es unter anderem heißt: »Wenn das Flüchtlingskommissariat Laufen berichtet, daß dort 'unglaubliche Zustände geherrscht haben müssen', so entspricht diese Behauptung in keiner Weise der Wahrheit. […] Wenn auch die örtliche Lage der Krankenstation auf nassem, nebeligem Moosgrund für Tbc-Kranke denkbar ungünstig war, so erhielten doch die dort untergebrachten Patienten jede mögliche Hilfe und eine Verpflegung, wie man sie für die damalige Zeit nicht besser hätte erwarten können. Sie wurden von einem guten polnischen Arzt, namens Nowakowski, betreut, dem in einem zweckmäßig eingerichteten Operationssaal die modernsten medizinischen Instrumente, wie Röntgenapparat, Pneumothorax etc. zur Verfügung standen. Wenn die Zahl der als gesund Entlassenen relativ gering war, so kam das daher, daß der überwiegende Teil der Kranken schon in einem hoffnungslosen Zustand eingeliefert wurde. Nach meinen Erfahrungen wurde kein einziges Menschenleben nach den bekannten Methoden nationalsozialistischer 'Euthanasie' durch Injektionen vorzeitig ausgelöscht.«

Die im Artikel genannte Zahl von 80 Toten allein von Februar bis Mai 1945 ist nach Meinung Pfaffingers »weit übertrieben«, vielmehr sei von etwa 50 Toten auszugehen. Er selbst, so fährt Pfaffinger fort, habe im Speisesaal der Patienten jeden Monat das heilige Messopfer zelebriert. Alle verstorbenen Lagerinsassen wurden einzeln und in einem Holzsarg (im Namen und Auftrag des Pfarramtes von Benefiziat Johann Schießl) kirchlich ins Grab gesegnet und es wurde für sie im Lager ein stiller Gottesdienst gehalten. Später habe Lagerleiter Seidler einem polnischen internierten Ordenspriester aus Laufen gestattet, einen monatlichen Gottesdienst im Lager abzuhalten, »bis uns dann infolge gemeiner Denunziation jede pastorelle Funktion vonseiten der Gestapo unter Androhung schwerster Strafen verboten wurde«, so Pfaffinger. Der Friedhof habe sich bei Kriegsende in einem würdigen Zustand befunden, war von einem Holzzaun umgeben und war sogar »mit einem eigenen Leichenhaus ausgestattet«.

Diese Darstellung rief wiederum ein Echo hervor. Nina Mendyk aus Laufen schrieb an das in Laufen ansässige »Polnische Komitee« und monierte, in Pfaffingers Beitrag werde »versucht, das Lager in günstigstem Licht darzustellen.« Mendyk war als Krankenschwester von Oktober 1944 bis zur Befreiung durch die Amerikaner in dem Lager tätig. Sie bestätigte, »dass allein das ungünstige Klima den Tod der Kranken beschleunigte« und die Verpflegung »sehr schlecht« gewesen sei. Teilweise seien »Massengräber« angelegt worden, das heißt, mehrere Tote kamen in ein Grab. Sie selbst habe »an Beerdigungen teilgenommen, wo kein Pfarrer anwesend war.« Die Wahrheit ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen. Von den 61 Toten, die aktenkundig sind, kann im Einzelfall nicht beurteilt werden, auf welche Weise die Bestattung erfolgte.

Das Personal habe wiederholt eine bessere Verpflegung für die Kranken angemahnt, so die Krankenschwester, aber ohne Erfolg. Ihres Wissens sei der Lagerleiter wie auch der Wachmann mit den Insassen der Krankenbaracken »in gutem Einvernehmen« gewesen, sie hätten an der Verpflegung nichts ändern können.

Der Leiter des Polnischen Komitees, Maksymilian Ewendt, richtete ein Schreiben an den Südostkurier. »Richtig ist, wie selbst der Herr Pfarrer schreibt, dass es ein Verbrechen der Nazis war, unsere Schwerkranken, verschleppten Kameraden angeblich zur Erholung in das neblige, nasse Moor zu stecken«, schrieb Ewendt. »Der Vernichtungswille kam dadurch indirekt zum Ausdruck, weil wirklich in den letzten Monaten des Naziregimes hier 60 Menschen den Tod fanden. Hierbei soll dem Personal des Lagers keine Vorhaltungen gemacht werden, da die Anweisungen vermutlich von höheren Dienststellen erfolgten. Die Verpflegung dürfte wohl nicht besser gewesen sein, wie wir sie in den Konzentrations- oder Durchgangslagern empfangen haben, denn es hat ja auch die deutsche Zivilbevölkerung nichts anderes zu essen bekommen.«

»Die Menschlichkeit soll nicht vergehen«

Die Schwester eines hier Verstorbenen kam nach dem Krieg und besuchte etwa zehn Jahre lang das Grab; das berichtete Johann Roider dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Mitte der 70er Jahre. Der 1986 verstorbene Roider wohnte in Friedelreut in direkter Nachbarschaft zum Friedhof, zusammen mit seiner Frau Elisabeth pflegte er den Friedhof seit 1947 und schmückte im Herbst die Gräber.

Nach Kriegsende und bis heute halten Geistliche jedes Jahr am Sonntag nach Allerheiligen auf dem »Ausländerfriedhof«, wie er in der Amtssprache hieß, eine Totenfeier mit Gräbersegnung. Vier dort beigesetzte Franzosen wurden 1950, ein Italiener 1958 umgebettet. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge setzte den Friedhof 1976 baulich in Stand und ließ bronzene Grabplatten anfertigen. Der Laufener Stadtarchivar Heinz Schmidbauer veröffentlichte 1994 im »Salzfass« einen Beitrag, in dem er die Entstehungsgeschichte der Friedhofsanlage rekonstruiert (»Der Ausländerfriedhof Friedelreut«) und die Namen und Todesdaten der Verstorbenen nennt. Grundlage dafür ist eine Gräberliste der Gemeinde Leobendorf aus dem Jahr 1953, die sich heute im Stadtarchiv Laufen befindet.

1978 erfuhr der Verband der Ukrainischen Emigranten von der Ruhestätte ihrer Landsleute. In jenem Jahr gab es unter großer Anteilnahme auch der einheimischen Bevölkerung zum ersten Mal eine gemeinsame Gedenkfeier von Deutschen und Ukrainern. Platon Kornylak, Erzbischof der orthodox- ukrainischen Kirche aus München, hielt eine Ansprache. Seine Anregung, den Ausländerfriedhof offiziell in »Ukrainer-Friedhof« umzubenennen, setzte die Stadt Laufen noch im selben Jahr mit einer Hinweistafel an der Straße um.

Seither findet hier alljährlich ein gemeinsames Gedenken statt – heuer am morgigen Sonntag, dem 6. November. Der Laufener Stiftsdekan Simon Eibl lädt zu der ökumenischen Feier ein, gemeinsam mit dem ukrainischen Geistlichen wird er die Gräber segnen. Die Musikkapelle Leobendorf trägt zur stimmungsvollen Feier bei. Wolodymyr Viitovitch, Pfarrer der Ukranisch-katholischen Kirche Maria Schutz und St. Andreas in München, wird an diesem Tag wie jedes Jahr mit Mitgliedern der Ukrainischen Gemeinde kommen. Auf die Frage, was dieses gemeinsame Gedenken den heute in Deutschland lebenden Ukrainern bedeutet, sagt der Pfarrer: »Es geht darum, sich an die zu erinnern, die ihr Leben verloren haben. Man hat damals die Namen der Toten hier in das Baumholz eingeritzt, und sie sprechen auf diese Weise zu uns Lebenden. Das ist sehr berührend. Wir haben keine persönliche Beziehung zu denen, die hier begraben liegen. Sie sind Teil der Geschichte. Es geht um die Erinnerung an die vielen Menschen, die ihr Leben verloren haben oder Schlimmes ertragen mussten. Und es ist zugleich eine Mahnung, eine Erinnerung an die Sinnlosigkeit des Krieges.«

Den Leobendorfern, die der Feier seit vielen Jahren einen würdigen Rahmen geben, drückt Pfarrer Viitovitch Anerkennung und Dank aus. »Es ist sehr schön, dass die Leobendorfer sich dieser Sache so angenommen haben«, sagt er. Die Ukrainer fühlen sich damit angenommen, das sei ein gutes Gefühl. »Unser gemeinsames Gedenken hat die Botschaft: Die Menschlichkeit soll nicht vergehen.«


Dr. Heike Mayer


45/2016