weather-image
Jahrgang 2002 Nummer 18

Das war die Kaserne in Traunstein

Erinnerungsausstellung in der »Alten Wache« im Rathaus bis 27. Mai. – Teil I

1935 – Erste Vereidigung.

1935 – Erste Vereidigung.
Die Kaserne im Bau, vom Stubberhof aus gesehen.

Die Kaserne im Bau, vom Stubberhof aus gesehen.
Die Kaserne 1935 mit den ersten Soldaten

Die Kaserne 1935 mit den ersten Soldaten
Zur Darstellung der Kasernensituation in Traunstein ist ein kurzer Rückblick auf die damalige politische Ausgangslage notwendig. Am 2. August 1934 starb der Reichspräsident Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. In seinem Testament empfahl er, Hitler zu seinem Nachfolger zu ernennen. Dies führte dazu, dass die Reichswehr schon wenige Stunden nach dem Tode des obersten Kriegsherrn auf Hitler vereidigt wurde. Dessen Macht war von da an uneingeschränkt. Er konnte nun seine Pläne zum Aufbau einer deutschen Militärmacht umsetzen. Am 9. März 1935 gab Hitler die Existenz einer deutschen Luftwaffe und einige Tage später die bevorstehende Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht bekannt. Sein Ziel war es, die aus Berufssoldaten gebildete Reichswehr mit ihrer Stärke von nur 100.000 Mann in eine Wehrmacht mit 36 Divisionen, also mit rund 500.000 Mann, umzubilden. Am 16. März 1935 wurde dann das Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht verkündet, das die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht brachte.

Bereits im Vorfeld dieser Entwicklung zeichneten sich weitgehende Reaktionen im militärischen Bereich ab. Die Militärverwaltungen arbeiteten mit höchster Intensität und die öffentlichen Verwaltungen waren entsprechend beteiligt. Die Aktivitäten begannen spätestens Anfang des Jahres 1934. Am 30. Januar 1934 legte die Stadtverwaltung nach vorhergegangenen mündlichen Verhandlungen dem bayerischen Wehrkreiskommando München bereits ein verbindliches und weitgehendes Angebot zur Errichtung einer Garnison in Traunstein vor. Das Angebot umfasste die unentgeltliche Überlassung des erforderlichen Bauplatzes für die Kaserne, die unentgeltliche Überlassung eines Sportplatzes an drei Nachmittagen wöchentlich und die unentgeltliche Überlassung eines militärischen Übungsgeländes mit Schießplatz. Anscheinend war der Stadtrat in dieser wichtigen Sache schon ungeduldig. Dies beweist die Tatsache, dass der Bürgermeister der Stadt Traunstein am 8. März 1934 an den bayerischen Ministerpräsidenten Ludwig Siebert und am 21. April 1934 an Major Spruner von Metz die dringende Bitte richtete, sich dafür einzusetzen, dass Traunstein Garnisonstadt wird.

Von da an überschlugen sich die Ereignisse. Zwar teilte das bayerische Wehrkreiskommando dem Bürgermeister am 21. April 1934 streng vertraulich mit, dass die Planung voraussichtlich erst 1936 erfolgen werde, tatsächlich musste aber bereits am 21. Juni 1934 ein Unterbringungsplan für zwei bespannte Kompanien vorgelegt werden. Danach war folgende Unterbringung vorgesehen: Eine Kompanie mit ihren Geräten und Fahrzeugen in der damaligen Tierzuchthalle und der Remise, die andere Kompanie im katholischen Vereinshaus. Die Hallerwiese war als kleiner Übungsplatz und das Gelände zwischen Geißing und der Wasserburgerstraße als Geländeübungsplatz gedacht. Als weiterer kleiner Übungsplatz stand die Grünfläche des Karl-Theodor-Platzes zur Verfügung. Als Schießstätte konnte die der Traunsteiner Feuerschützengesellschaft genutzt werden. Außerdem gab es eine vorläufige Schießstätte in Trenkmoos. Auf der an die Tierzuchthalle angrenzenden Wiese sollten Baracken aufgestellt werden. In einem Schreiben an den Bürgermeister vom 3. August 1934 wies die Kreisleitung der NSDAP darauf hin, dass der Lebensmittelbedarf für die Truppe nur bei solchen Metzgereien, Bäckereien und Kolonialwarengeschäften gedeckt werden solle, deren Inhaber als Parteigenossen oder als alte Kämpfer den Vorzug hätten. Eine Liste dieser Privilegierten lag dem Schreiben bei. Das war die Ausgangslage für den Einzug der ersten Reichswehreinheiten in Traunstein.

Am 1. Oktober 1934 teilte Hauptmann von Bernuth der Stadtpolizei Traunstein mit, dass sich folgende militärische Dienststellen und Einheiten in Traunstein befinden werden: Standortkommando, 9. und 10. Kompanie, Zahlmeisterverwaltung und Reichsunterkunftsamt. Die offizielle Bezeichnung der Truppe war A II./Inf.Reg. München, Standort Traunstein. Die 9. Kompanie von Hauptmann Christ sollte ihre Unterkunft in der Tierzuchthalle und die 10. Kompanie von Hauptmann von Bernuth im Vereinshaus beziehen. Vorgesehen war von Anfang an nur eine vorläufige Unterbringung in Behelfsunterkünften, da in Traunstein zu diesem Zeitpunkt noch keine Kaserne zur Verfügung stand. Tatsächlich kam die Truppe am 5. Oktober 1934 um 7 Uhr am Bahnhof Traunstein an. Um 8.30 Uhr war dann der Vorbeimarsch am Kommandeur und den Ehrengästen, begleitet von der Regimentsmusik aus Bad Reichenhall. Das Verhältnis zwischen den Soldaten und der Traunsteiner Bevölkerung war gut. Wenn zum Beispiel Soldaten eine Gaststätte im Ort besuchten, dann übernahmen meistens Traunsteiner Bürger deren Zeche.

Nach dieser militärischen Vorgeschichte nun zur Kaserne. Ursprünglich war geplant, in Traunstein eine Kaserne für das I. Bataillon des Gebirgsjägerregiments 100 zu bauen. Diese Planungen wurden dann aber dahingehend geändert, dass eine Infanteriekaserne für das III. Bataillon des Infanterieregiments 61 zu bauen war. Den Entwurf erarbeitete die Heeresbauverwaltung. Die Heeresbauämter waren nicht nur für die Planung, sondern auch für die Ausführung zuständig. Dabei waren die Vorgaben der Heeresbaunorm bindend. Als Bauzeit für eine Kaserne war ein Jahr eingeplant. Ein Planungsspielraum war nicht vorgesehen und somit waren die Variationsmöglichkeiten der ausführenden Regierungsbaumeister nur gering. Zuständiger Regierungsbaumeister für die Kaserne in Traunstein war Professor Architekt Karl Jäger, der am 13. August 1934 dem Bürgermeister schrieb: »... Gegen die Gesamtvorlage lässt sich nichts sagen, aber die Hochbauten sind verheerend, mit den gleichen Mitteln ließe sich viel Geschmackvolleres herstellen ...«. Offensichtlich konnte er aber seine Vorstellungen nicht durchsetzen, denn die einzelnen Gebäude waren durch die Heeresbaunorm typisiert. Demnach bestand eine Kaserne in der Regel aus drei Mannschaftshäusern, dem Stabs- und dem Wirtschaftsgebäude sowie einer Anzahl von Nebengebäuden wie Exerzierhalle, Waffenmeisterei, Stallungen und Fahrzeughallen. Ein Mannschaftshaus deckte den Raumbedarf für eine Kompanie, das sind etwa 150 Soldaten. Es hatte drei Stockwerke, Keller und Dachgeschoss mit Walmdach. Die Geschosshöhe betrug 3,5 Meter. Eine Mannschaftsstube hatte eine Bodenfläche von 5,65 m Breite zu 6,20 m Länge und bot Platz für sechs Soldaten, denen also je knapp 6 Quadratmeter Bodenfläche zukamen. Ein Wirtschaftsgebäude hatte zwei Stockwerke, die Küche lag im Erdgeschoss, daneben war der Speisesaal für die Mannschaft. Die Stallungen, Fahrzeughallen, Waffenmeisterei, Reithaus und Beschlaghaus waren von den Unterkunftsgebäuden optisch getrennt. In Traunstein waren vier Mannschaftshäuser und zwar je eines für die 1., 2. und 3. Kompanie und ein weiteres für die Maschinengewehrkompanie vorgesehen.

Die Stadt Traunstein hatte zuerst einmal das Problem der Grundstücksbeschaffung für das Kasernengelände. Die Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern führte Stadtrat Josef Müller und er erzielte durch seine geschickte Verhandlungsweise schon bald beachtliche Ergebnisse. Josef Schuhbeck, der Stubberbauer, verkaufte für 35.172,96 RM drei Grundstücke mit insgesamt 3.745 ha, Elise Haller verkaufte für 15.500,00 RM zwei Grundstücke mit insgesamt 1.947 ha und Albert Schmied verkaufte für 2.900,00 RM ein Grundstück mit 0,406 ha. Hierzu kam die kostenlose Überlassung von 9.333 ha durch die Stadt Traunstein und die katholische Kirche trat im Tausch 0,358 ha ab. Josef Schuhbeck verband seine Verkaufsbereitschaft mit der Auflage, dass die so genannte »Stubberhofkapelle« in die Kasernenmauer integriert und baumäßig von der Standortverwaltung betreut werde.

Im August 1934 stand der Heeresbauverwaltung ein Bauplatz mit insgesamt 15.789 ha zur Verfügung. Erwähnenswert ist, dass die Grundverkäufer ihr Geld erst am 20. Dezember 1935 erhielten. Die Kosten für die Kasernengrundstücke, so weit sie nicht im Eigentum der Stadt standen, übernahm die Militärverwaltung. Die Stadt musste aber die Kosten für die Zuleitung von Gas, Strom und Wasser in Höhe von insgesamt etwa 80.000,00 RM tragen. Die Finanzierung dieser Ausgaben erfolgte über ein Militärdarlehen von 100.000,00 RM.

Der Kasernenbau begann in den ersten Oktobertagen 1934. Es hatten sich damals Arbeitsgemeinschaften gebildet und zwar, so weit bekannt, die Traunstein Arge mit den Firmen Eichstädter, Rannersberger und Stadelmeyer und eine auswärtige Arge mit den Firmen HOCHTIEF, Riepl, Sager & Woerner und Weiß & Freytag. Die Bauarbeiter kamen nicht nur aus Traunstein, sondern aus allen Himmelsrichtungen. Endlich gab es genügend Arbeit und dazu noch mit besonders guten Verdienstmöglichkeiten. Aber es musste auch schwere Arbeit im Akkord, die bei Mauerwerk nach Kubikmeter und bei Putzflächen nach Quadratmeter bezahlt wurde, geleistet werden. Die Gebäude erbaute man alle mit Ziegelsteinen im Reichsformat, also mit 25 mal 12 mal 6,5 cm. Für einen Kubikmeter Mauerwerk mussten demnach rund 500 Ziegelsteine verarbeitet werden. Die Ziegelsteine waren im Kasernenhof als riesige Ziegelhalde gelagert. Von den Mischmaschinen für Mörtel und Beton führten Feldbahngleise zu einzelnen Baustellen, um das Material mit Kipploren zu transportieren. An den Baustellen konnten dann die Loren mit maschinenbetriebenen Hebebühnen auf Arbeitshöhe angehoben werden. Die Baugerüste waren durchwegs aus Holz. Der umfangreiche Aushub, der durch die Kellerausschachtungen anfiel, wurde auf einfache Weise entsorgt. Auf einem Feldbahngleis brachten Lorenzüge, die von einer Diesellok gezogen oder geschoben wurden, den Aushub an das östliche Ende der Windschnur zu einem aufgelassenen Steinbruch und dort kippte man einfach alles über den Steilhang.

Um den Kasernenbau planmäßig ausführen zu können, musste die Bahnlinie Traunstein-Trostberg auf eine Länge von einem Kilometer etwa 180 Meter gegen Westen verlegt werden. Die Kosten hierfür in Höhe von 56.000,00 RM übernahm die Militärverwaltung.

Die Arbeiten konnten so rasch und verhältnismäßig problemlos ausgeführt werden, dass schon im Frühjahr 1935 einige Bereiche beziehbar waren und ein erstes Truppenkontingent einziehen konnte. Vermutlich waren dies Soldaten der 9. und 10. Kompanie aus den Behelfsunterkünften, die als »Bettenbauer« die Unterkünfte für die später zu erwartende Vollbelegung vorzubereiten hatten.

Die Kaserne erhielt durch die Militärverwaltung den Namen »Badenweiler Kaserne«. Bei der Namengebung griff man auf den elsässischen Ort Badenweiler zurück, wo sich im ersten Weltkrieg bayerische Truppen ausgezeichnet hatten.

Im Herbst 1935 war es dann so weit. Anfangs Oktober 1935 kamen die Stämme in ihre neue Unterkunft. Ein ausgezeichneter Zuwachs erfolgte durch die gebirgsdiensttauglichen Dienstgrade und Mannschaften der bayerischen Landespolizei, die bereits in der Gefechtsausbildung geschult worden waren.

Am 15. Oktober 1935 war die Aufstellung des Gebirgsjäger-Regiments 100 abgeschlossen. In die Badenweiler Kaserne kam das erste Bataillon und in die Behelfsunterkünfte Tierzuchthalle und Vereinshaus kamen die fünfte und sechste Kompanie des zweiten Bataillons. Am 29. Oktober 1935 reisten die ersten wehrpflichtigen Rekruten an. Mit einem Sonderzug trafen um 8.45 Uhr einige hundert junge Rheinländer ein, die dann zu den Klängen der Bataillonsmusik zur Kaserne marschierten.

Am 7. November 1935 fand in der Kaserne die feierliche Hissung der neuen Reichskriegsflagge statt, die von Hitler persönlich entworfen worden war. Anschließend leisteten die Rekruten folgenden Eid: »Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingt Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.« Ehrengäste der alten Armee, an ihrer Spitze General a. D. Lamprecht, sowie Vertreter von Staat und Partei und eine große Zahl von Bürgern aus Stadt und Land waren zu diesem Ereignis erschienen.

Von da an war die Kaserne ihrem Zweck entsprechend belegt. Da es sich auch bei dem Gebirgsjäger-Regiment 100 um eine so genannte bespannte Truppe handelte, dürften in den Ställen an die 100 Pferde gestanden haben. Eine Schützenkompanie hatte 11 Pferde und eine Maschinengewehrkompanie 58. Etwa 90% der operativen Kräfte des deutschen Heeres waren überwiegend auf die Zugkraft der Pferde angewiesen.

Die Gebirgsjäger blieben nicht einmal ein ganzes Jahr in Traunstein. Bereits am 1. Oktober 1936 verlegte man das erste Bataillon nach Brannenburg und die fünfte und sechste Kompanie des zweiten Bataillons nach Lenggries. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass das Verhältnis zwischen den Soldaten und der Traunsteiner Bevölkerung wirklich gut war.

Nach dem Abzug der Gebirgsjäger am 1. Oktober 1936 belegte das dritte Bataillon des Infanterieregiments 61 nach einem feierlichen Übergabeappell die Badenweiler Kaserne. Kommandeur dieses Bataillons war Major Wittstadt. Im Zusammenhang mit dem Anschluss Österreichs im März 1938 und der Besetzung der sudetendeutschen Gebiete im Herbst 1938 musste auch die Truppe aus der Badenweiler Kaserne vorübergehend abgezogen werden. Sie kam aber im Oktober 1938 wieder nach Traunstein zurück. Der Empfang der heimkehrenden Soldaten war so herzlich, dass sich der Kommandeur am 29. Oktober 1938 beim Bürgermeister mit den folgenden Worten bedankte: »Sehr geehrter Herr Bürgermeister! Durch den überaus herzlichen Empfang, den die Stadt Traunstein dem Bataillon bei seiner Rückkehr bereitet hat und durch die großzügige Geldspende haben Sie mich und alle Angehörigen des Btls. zu bleibendem Dank verpflichtet. ...«.

AS

Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 19/2002



18/2002