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Sonja Preisach, die Vorsitzende der Veitsgroma Zunft, spricht über die Gründe für die Absage des Faschingszugs

»Vieles hat sich über die Jahre aufgestaut«

Traunstein – Dass es nächstes Jahr in Traunstein keinen Faschingszug geben wird, hat hohe Wellen geschlagen. Die Absage sei dem veranstaltenden Faschingsverein, der Veitsgroma Zunft, schwer gefallen, erklärt Vorsitzende Sonja Preisach im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Für das Aus habe es aber eine Vielzahl von Gründen gegeben.

Sonja Preisach ist seit fünf Jahren Vorsitzende der Veitsgroma Zunft und hat in dieser Zeit viel Freizeit für die ehrenamtliche Organisation des Faschingszugs geopfert. (Foto: Schwaiger-Pöllner)

»Vieles hat sich über die Jahre aufgestaut«, sagt die Vorsitzende. Von Jahr zu Jahr sei etwa der Zeichenverkauf ein größeres Problem geworden. Die acht Zweierteams, die heuer unterwegs gewesen seien, hätten sich aufs Übelste beschimpfen lassen müssen. Viele Besucher, die nicht die drei Euro für ein Zeichen bezahlen wollten, ließen sich negativ aus über den »Sch...zug«.

»Das ist ja eine Frechheit«, »was ihr euch erlaubt« – das seien noch die harmloseren Äußerungen gewesen. Von den zahlreichen Ausreden – »ich wohne hier« oder »ich gehe nur zum Einkaufen« – mal ganz abgesehen. Das Ergebnis: Nur rund ein Drittel der Faschingszug-Besucher kaufen sich ein Zeichen. Und Mitglieder, die freiwillig Zeichen verkaufen, sind kaum mehr zu finden.

Pöbeleien bekamen aber auch die Mitglieder der Veitsgroma Zunft zu hören, die den kleinen Faschingszug-Besuchern – so wie es Brauch ist – Süßigkeiten zuwarfen. »Da schimpften dann gleich die Eltern, wenn ihre Kinder keine Guatl abkriegten.« Unangemessen scharf seien viele Äußerungen gewesen, erinnert sich Sonja Preisach – für sie auch darum unverständlich, weil der Wagen der Veitsgroma Zunft traditionell ganz vorne fährt und ganz viele andere, die ebenfalls Süßigkeiten werfen, noch nachfolgen.

»Wir können nicht jeden an die Hand nehmen«

Kritik hagelte es regelmäßig wegen Müll und Verschmutzung, gerade von Anwohnern. Dabei habe die Veitsgroma Zunft versucht, alles zu tun, was möglich ist, erklärt die Vorsitzende. Beim »Veitsdance« auf dem Stadtplatz habe der Verein zum Beispiel immer deutlich mehr Toiletten aufgestellt, als vorgeschrieben. »Aber wir können nicht jeden an die Hand nehmen und dafür sorgen, dass er sie auch benutzt.«

Und wenn dann um 22 Uhr der »Veitsdance« auf dem Stadtplatz vorbei war, dann begann für die Mitglieder der Veitsgroma Zunft sofort das große Aufräumen. Sonja Preisach versichert, dass alle erst heimfuhren, wenn alles sauber war. Wenn sich dann über Nacht neuer Müll ansammle, der gar nicht mehr von ihren Veranstaltungen sei, dann sei die Veitsgroma Zunft dafür auch nicht mehr verantwortlich, betont die Vorsitzende.

Vom hohen Alkoholkonsum beim Faschingszug ist die Veitsgroma Zunft auch nicht begeistert. Ein Alkoholverbot ist in den Augen von Sonja Preisach aber keine Option. Sie appelliert vielmehr an die Eigenverantwortung der Leute: »Jeder soll selber überlegen, ob ihm der Anblick von so vielen Besoffenen gefallen würde«, meint sie. Sie will das Problem zwar nicht kleinreden, stellt aber auch fest: »Freilich sind vereinzelt welche dabei, bei denen ich mir denke: 'Du hättest auch schon vor einer halben Stunde heim gehört.' Der Großteil der Teilnehmer ist aber anständig.« Und auch die oft kritisierten »Hüttenwagen« nimmt Sonja Preisach in Schutz. Viele Hütten würden sich große Mühe mit ihrem Faschingswagen geben.

»Pinkelvorfall« gab dem Verein den Rest

»Den Rest«, das formuliert die Vorsitzende ganz klar, habe dem Verein der angebliche »Pinkelvorfall« in diesem Jahr gegeben. Eine Frau hatte auf Facebook gepostet, dass sie beobachtet habe, wie ein Teilnehmer des Traunsteiner Faschingszugs von einem Motivwagen herunter ein Kind angepinkelt habe. Ein Vorfall, der Sonja Preisach bis jetzt, über ein halbes Jahr nach dem Faschingszug, immer wieder beschäftigt hat – auch weil die Veitsgroma Zunft Anzeige gegen unbekannt erstattete.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein, darüber informiert die Vorsitzende jetzt, habe das Ermittlungsverfahren inzwischen eingestellt – weil sich »weder ein Täter, noch ein Geschädigter, ja nicht einmal die tatsächliche Realisierung des dargestellten Sachverhalts positiv feststellen« habe lassen. Die Ermittler seien zu dem Ergebnis gekommen, dass es »unwahrscheinlich erscheint, dass tatsächlich ein Urinieren vom Wagen erfolgte«.

Die Frau, die den »Pinkelvorfall« auf Facebook gepostet hatte, bekam inzwischen auch Post vom Anwalt der Veitsgroma Zunft. »Sie wurde angehalten, nur das zu posten, was sie echt gesehen hat, und nicht das, was sie geglaubt hat wahrzunehmen«, sagt Sonja Preisach. Die Aussagen der Frau und ihrer Begleiter waren wohl mehr als vage. Hinzukam, dass der inzwischen ermittelte Faschingswagen, von dem angeblich heruntergepinkelt wurde, komplett verschalt war – und es somit gar nicht möglich gewesen wäre, durch das Geländer hindurch aus dem Wagen heraus zu urinieren.

Wahrscheinlich ist dagegen, dass ein Bierbecher von dem Faschingswagen gefallen ist. Diese unfreiwilligen Bierduschen, die Besucher immer öfter abkriegen, sind auch Sonja Preisach ein Dorn im Auge. Sie selber glaubt, dass die Häufung aber damit zu tun hat, dass Bier aus Plastikbechern schneller verschüttet ist als aus Flaschen.

Zu wenig Wertschätzung erfahren

Pöbeleien und Anschuldigungen sind die eine Seite. Die andere Seite ist, dass die Veitsgroma Zunft in den vergangenen Jahren auch Wertschätzung vermisst hat. Jedes Jahr lädt der Verein den Oberbürgermeister und die Stadträte ein, auf dem Faschingswagen des Vereins mitzufahren. Bis auf das Stadtoberhaupt Christian Kegel und seinen Stellvertreter Hans Zillner ließe sich aber nie jemand blicken, so Sonja Preisach. Das Ergebnis: »Der Wagen ist jedes Jahr fast leer.« Da würde sich der Verein schon fragen, ob die Stadt überhaupt einen Faschingszug wolle.

Für die Veitsgroma Zunft, das betonte Sonja Preisach bereits, sei es eine schwere Entscheidung gewesen, den Faschingszug nächstes Jahr ausfallen zu lassen. Für sie persönlich sei es eine leichte gewesen. »Ich habe jetzt fünf Jahre lang die Verantwortung getragen und jetzt brauche ich eine Pause.« Für die 40-Jährige, die seit 25 Jahren aktives Mitglied der Veitsgroma Zunft ist, war nach dem Faschingszug jedes Mal wieder vor dem Faschingszug – und so war sie eigentlich mehr oder weniger das ganze Jahr über ehrenamtlich mit der Organisation der Veranstaltung beschäftigt. Jetzt, so sagt sie, will sie wieder mehr Zeit für ihre Kinder haben.

Wie es mit dem Faschingszug weitergehen wird, ob er 2018, so wie aktuell geplant, wieder stattfinden wird, das ist mehr als unklar. Sonja Preisach wird nächstes Jahr nicht mehr für den Vorsitz kandidieren, ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Wie die Vorsitzende verrät, gibt es aber bereits Überlegungen für ein neues Konzept. »Wir denken darüber nach, nur noch Fußgruppen und eingetragene Vereine am Faschingszug teilnehmen zu lassen«, sagt Sonja Preisach. san