weather-image
28°

Zum Gedenken an »Vati Knirsch«

Traunreut. Den älteren Reit im Winklern, vor allem aber den Traunreutern, die in den 50-er Jahren zur Schule gingen, dürfte er noch in Erinnerung sein: Siegfried, genannt »Vati Knirsch«, war Oberlehrer an der Volksschule, zunächst in Reit im Winkl, dann in Traunreut. Selbst aus der Heimat vertrieben, hat er sich in der Flüchtlingsstadt Traunreut als Gründer der Stadtkapelle, der Spielschar und des »Hauses der Jugend« als Treffpunkt für Jugendliche aller Konfessionen stark für das Kulturleben, besonders aber für die Jugend, eingesetzt. Zu seinem 50. Todestag gestalten nun seine Kinder einen Gedenknachmittag am Samstag, 30. November.

Lehrer Siegfried Knirsch (links) mit dem Kinderchor der damaligen Traunreuter Volksschule – die Jugend und die Musik am Ort zu fördern, das war sein größtes Ziel.

Die Geschwister Knirsch wollen seiner an diesem Tag mit Freunden und Weggefährten gedenken: um 14 Uhr bei einem Treffen am Waldfriedhof Traunreut, ab 15 Uhr im Heimathaus mit Liedern und Tänzen. Die Familie Knirsch hofft dabei, dass Besucher dabei auch Beiträge aus der eigenen Erinnerung besteuern können. Denn Persönlichkeiten wie Siegfried Knirsch könnten auf vielen Ebenen Vorbild sein und sollten daher nicht in Vergessenheit geraten, so die Kinder.

Anzeige

Er habe hohen Qualitätsanspruch, Zähigkeit beim Verfolgen von Zielen, Selbstlosigkeit und Einsatz für die Jugend und deren Wohl vorgelebt. Über »Vati Knirschs« Tätigkeit gibt es auch ein Buch, das von Gudrun Aicher, einer seiner Töchter, zusammengestellt und herausgegeben worden ist.

1951 hatte sich Knirsch mit seiner Frau und den fünf Kindern auf Wunsch des damaligen Traunreuter Bürgermeisters Karl Löppen von Reit im Winkl nach Traunreut versetzen lassen. Knirsch hatte in Traunreut einen Heimatabend mit seinem Chor aus der ehemaligen Heimat gestaltet. Davon muss Löppen so begeistert gewesen sein, dass er Knirsch sozusagen abwarb, weil er »einen kompetenten Mann für den Ausbau der Kultur- und Jugendarbeit« suchte. Knirsch hatte es nach dem Krieg aus seiner Heimat in Nordmähren nach Reit im Winkl verschlagen. Vor dem Kriegsausbruch war er in seiner alten Heimatstadt Mährisch-Schönberg Kulturreferent und hatte dort maßgeblich das Musikleben, vor allem die Jugendmusikerziehung, geprägt. Knirsch nahm es auf sich, wie es im Buch seiner Tochter heißt, »den idyllischen Gebirgsort Reit im Winkl zu verlassen«. Er habe erkannt, dass ihn die junge Gemeinde Traunreut brauchte, »als Lehrer und Musikerzieher«. Geradezu im Rekordtempo baute er das Musikleben in Traunreut auf.

Knirsch hatte viele Ideen, wollte immer alle Jugendlichen einbeziehen und war sich somit auch für die »niedrigste Basisarbeit« nie zu schade. Er suchte überall nach alten Instrumenten für die Jugendlichen der Blaskapelle, befragte Dorfkapellen, verschickte ungezählte Briefe, rief zu Spenden auf. Weil er auch keine Notenblätter hatte, schrieb er die Noten ganz groß auf ein Blatt Packpapier und heftete dieses für alle Sänger und Musikanten sichtbar an die Wand. Später verfasste er Liederbücher, wofür er auch Texte und Noten selber schrieb und mit der alten Technik selbst kopierte.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit war die Gründung der Spielschar mit den Schwerpunkten Singen, Volkstanz und Theaterspiel. Die zahlreichen Auftritte dieser Spielschar und der Jugendblaskapelle sind Beweis für die positive Entwicklung der musikalischen Jugendarbeit in der jungen Gemeinde Traunreut.

Eine wesentliche Initiative war auch der Aufbau des Hauses der Jugend. Denn es gab in jener Zeit wohl einen Gruppenraum neben der katholischen Kirche. Der aber wurde nicht für die »allgemeinen Jugendlichen« zur Verfügung gestellt. Daraufhin setzte Knirsch alle Hebel in Bewegung, damit die Gemeinde ein altes P-Haus (ehemalige Lagerhäuser der Muna) kaufe oder miete, was dann auch geschah.

All diese Tätigkeiten und Initiativen fanden ein jähes Ende, als Lehrer Knirsch gegen seinen Willen an die Mittelschule in Schongau versetzt wurde. Er schaffte es zwar nach einigen Jahren, wieder nach Traunreut zurückversetzt zu werden. Da aber hatte er keine Energie mehr für einen Neuanfang. Am 25. November 1963 starb er im Alter von 64 Jahren. Die Stadt Traunreut hat ihn auf Initiative von Helmut Janku posthum geehrt, indem sie 2007 einen Weg entlang des Waldfriedhofs nach ihm benannt hat. he