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»Wo sind die Tränen ...«

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Es lebe Bertolt Brecht: Thomas Hartmann (Klavier), Friederike Duetsch (Gesang), Georg Karger (Kontrabass), Anno Kesting (Schlagzeug, Vibrafon) und Schauspieler Klaus Müller ließen ihn wieder aufleben. (Foto: Benekam)

»Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.« Bertolt Brecht wäre am 10. Februar 120 Jahre alt geworden und untermauerte zu seinem Geburtstag sein eigenes Zitat: Der Dramatiker, Lyriker und Librettist lebt – und wie. Genau daran erinnerten fünf ambitionierte Künstler im Traunreuter k1-Studio.


Unter dem Motto »Und der Haifisch, der hat Zähne ...«, haben sich die Sängerin Friederike Duetsch, der Pianist Thomas Hartmann, der Kontrabassist Georg Karger und der Schlagzeuger Anno Kesting zusammengetan, um eine Art Geburtstagsparty zu feiern. Geladen waren – ebenso unvergessen und quietschfidel – Kurt Weill, Elisabeth Hauptmann, Robert Gernhardt, Hans Eissler und viele weitere von Brechts Weggefährten, Zeitzeugen und zahllosen »Affären«.

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Auf der Speisekarte stand schwer verdauliche Kost für Herz und Hirn, mit Sinn und Verstand, aufs Genialste serviert von Schauspieler Klaus Müller aus der Brecht-Stadt Augsburg. Als »Brechtversteher« gab er eine mehr als gute Figur ab: Als Sprachrohr und Erzähler stellte sich Klaus Müller in Brechts Dienst, war ihm Freund, aber auch Kritiker, zuweilen sogar sein genialer, alles durchblickender Psychoanalytiker. Er führte die aufmerksamen k1-Besucher im fast ausverkauften Studio durch Brechts berufliche, aber auch private Lebenslinien, beleuchtete markante Ereignisse, sprach auch über gelesene Texte aus der Sicht seiner Zeitgenossen und »Mitarbeiter«.

Dabei zollte Klaus Müller dem Jubilar genau den Respekt, der bewies, dass er ihn durch und durch verstanden hatte. Die schräge-schrille Vertonung, den »Verfremdungseffekt«, zu Brechts sozialkritischen Texten lieferte unter anderem Kurt Weill – keine einfachen Kompositionen.

Die Sängerin Friederike Duetsch tauchte in die Thematik der Lieder ein, performte sie und rekelte sich singend: »Der Kanonensong«, die »Ballade der Seeräuber Jenny« (aus der Dreigroschenoper), der »Bilbao Song«, »Surabaya Jonny« (aus der Komödie mit Musik »Happy End«) waren geprägt vom Schmerz der tragischen Frauenfiguren Brechts und ihrer fatalen Abhängigkeit vom Mann.

Duetsch verlieh den Liedern mit traurigen Koloraturen und mit von Zynismus triefendem Sprechgesang glaubhaften Ausdruck. Dazu bekam sie tatkräftige Unterstützung von den großartigen Musikern Hartmann, Karger und Kesting, sodass die Interpretationen ein wahres Fest für Liebhaber dieses Genres waren: Gut erarbeitet, virtuos umgesetzt, fein begleitet und souverän in harmonischem Zusammenspiel.

Kestings ausdrucksstarkes Vibrafon-Spiel passte prächtig zu Weill und steuerte eine Extraportion Theatralik bei. Der Brecht-Abend zeigte auch die dunkle und traurige Seite des Dramatikers, die Schrecken der Zeit des Zweiten Weltkriegs, politische Missstände und zuletzt auch Brechts Rückzug nach der Zeit des Arbeiteraufstands.

In den »Buckower Elegien« artikulierte er seine deutlich distanzierte Haltung zur DDR-Regierung, die dem k1-Publikum bei der einfühlsamen Lesung des Gedichts »Die Lösung« verdeutlicht wurde: »Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf, und wähle ein anderes?« Auch das Gedicht »Der Radwechsel« zeigt die traurige Isolation Brechts, aus deren Düsterheit am Ende des Abends die spürbar melancholisch berührten Gäste mit »Nannas Lied« wenigstens ein wenig befreit wurden: »Wo sind die Tränen von gestern Abend?« heißt es darin.

Im k1 gab es keine Tränen, aber eine tolle Geburtstagsfeier für einen Menschen, der polarisierte, der bewegte und der bis heute anziehend wirkt – und abstoßend zugleich. Tosender Applaus und stampfende Füße. Kirsten Benekam