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Wo es das Wechselgeld in »Pfennigguatln« gab

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In Kürze wird das Gebäude der ehemaligen Bäckerei Brandl in Traunwalchen der Vergangenheit angehören. Das Haus an der Schulstraße wird abgerissen. Auf dem Grundstück entsteht ein Neubau mit Wohnungen für betreutes Wohnen. (Foto: Rasch)

Traunreut – In Traunwalchen geht ein kleines Stück Ortsgeschichte verloren. Das Gebäude der ehemaligen Bäckerei Brandl an der Schulstraße wird abgerissen. Nach Angaben der Eigentümer soll in den nächsten Tagen die Abrissbirne anrollen. Auf dem Grundstück unmittelbar gegenüber der Carl-Orff-Grundschule wird dann ein Neubau mit Wohnungen für betreutes Wohnen errichtet.


Bei der Recherche um die Geschichte der ehemaligen Bäckerei Brandl ist der Traunwalchner Ortsheimatpfleger und dritte Bürgermeister der Stadt Traunreut, Johannes Danner, im Straßen- und Häuserbuch fündig geworden. Berta und Josef Brandl pachteten Anfang der 1950-er Jahre zunächst die Bäckerei Heindl in Matzing und bauten dann in Traunwalchen einen eigenen Betrieb auf.

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In einem Schulheft mit der Aufschrift »Bäckerei Neubau Brandl – April 1952« hielt Josef Brandl wichtige Stationen vom Bau seines Betriebs an der Traunwalchner Schulstraße fest. Seinen Aufzeichnungen zufolge fand am 4. April 1952 der Spatenstich statt. Rund sechs Wochen später wurde das Richtfest gefeiert. Im September darauf wurde der Backofen zum ersten Mal angeheizt, und im Juli 1953 wurde die Bäckerei und Konditorei eröffnet.

Als ehemaliger Schüler der damaligen Grund- und Hauptschule hat Danner auch noch eigene Erinnerungen an den kleinen Laden, der auch für die Schulkinder ein beliebtes Ziel war, um sich in der Früh und in den Pausen mit einer Brotzeit und Süßigkeiten einzudecken: »Gleich beim Eingang links stand die Kühltruhe mit Schöller-Eis«, erinnert sich Danner. Gegenüber dem Eingang habe die Theke mit der Kasse und Glasaufsätzen gestanden, hinter denen die Backwaren lagen. Die Konditorwaren seien verlockend in einem breiten Schaufenster präsentiert worden.

»Negerkusssemmel und Granatsplitter haben wir uns nur geleistet, wenn wir nachmittags Unterricht hatten«, so Danner. Er könne sich auch noch gut daran erinnern, dass die »Brandlin« das Wechselgeld im Pfennigbereich meistens in Form von »Pfennigguatln« ausbezahlt habe.

Für Danner und seine Mitschüler war auch der Blick in die Backstube spannend: »Besonders interessierte uns die voluminöse Knetmaschine und die Semmelformmaschine, deren Funktionsweise uns Buben Rätsel aufgab.«

Er könne sich auch noch daran erinnern, dass bis Mitte der 1970er Jahre die Bäckerei auch an den Sonntagen nach dem Gottesdienst geöffnet hatte. Danner: »Die Bäckerei war auch ein beliebter Treffpunkt: »Die Kundinnen konnten hier neben den Einkäufen auch noch die neuesten Dorfnachrichten erfahren«, so Danner.

Wie den Quellen weiter zu entnehmen ist, wurde das Bäckereigebäude in den 1960er Jahren nach Osten erweitert, und nördlich des Betriebs entstand um 1970 ein Mietshaus mit zwei Wohnungen.

Nachdem das Ehepaar Ende der 1980er Jahre den Betrieb aufgab, wurde er noch einige Jahre von einer Bäckerei aus Kammer als Ladengeschäft weiter betrieben. Ab Mitte 1990 wurde ein Geschenkartikelgeschäft mit einer Postfiliale eingerichtet, das später um einen Blumenladen erweitert wurde. 2018 wurde das Gebäude von den Erben verkauft.

ga


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