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»Wir wollen Bewohner versorgen und aktivieren«

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Sie haben das Leben im Lebenshilfe-Wohnhaus Oberteisendorf von Beginn an mitgestaltet: (von links) Dieter Schroll, Erwin Lederer, Karin Wallner, Maria Schindler, Christl Neudecker. Mit dabei ist auch Martin Rihl (Zweiter von rechts), Bereichsleiter »Wohnen und Fördern« . (Foto: Konnert)

Teisendorf – Sie sitzen in gemütlicher Kaffeerunde mit ihren Betreuern und erinnern sich an viele Ereignisse in ihrem gemeinsamen Leben im Wohnhaus der Lebenshilfe Oberteisendorf: Rosina Abfalter, Birgit Hilbig, Tine Krug, Mike Drögsler und Georg Hartl gehören zu den »Urgesteinen« der Einrichtung und leben in einer Gruppe zusammen. Sie haben hier seit 25 Jahren Gemeinschaft und Geborgenheit gefunden.


So lange gibt es bereits das Wohnhaus der Lebenshilfe in Oberteisendorf. Der Anfang war nicht ganz leicht und glatt gewesen. Es gab in der Bevölkerung viel Skepsis gegenüber einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in ihrem Ort. Inzwischen habe sich das ins Gegenteil gewandelt, so Geschäftsführer Dieter Schroll. Vorbehalte und Unbehagen hätten sich zu einem sehr guten Miteinander der Dorfbevölkerung mit den Bewohnern der Lebenshilfe entwickelt.

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»Wir sind stolz auf unsere Lebenshilfe«, ist nun die einhellige Meinung in Oberteisendorf, man lebt in guter Nachbarschaft in dem inzwischen angewachsenen Ortsteil Kapellenfeld. Ob in der Kirchengemeinde, den Vereinen, im täglichen Leben, beim Arzt oder Einkauf – die Bewohner der Einrichtung gehören dazu. Dies bestätigt auch der Bürgermeister der Marktgemeinde Teisendorf, Thomas Gasser: »Die Bewohner der Lebenshilfe gehören wie alle Bewohner zur Marktgemeinde. Sie werden nicht ausgeschlossen, sondern angenommen. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Umsetzung des Inklusionsgedankens«.

Viele Dorfbewohner aus dem ganzen Marktgemeindegebiet engagieren sich ehrenamtlich in der Lebenshilfe, wenn sie gebraucht werden. Das kürzlich gefeierte Sommerfest war der beste Beweis dafür.

»Wir sehen uns als Helfer und Förderer«

Die Lebenshilfe, so Geschäftsführer Schroll, habe sich aus einer Elterninitiative heraus entwickelt und sei heute ein Verein, dem Eltern, Angehörige, Freunde und Förderer von Menschen mit geistiger Behinderung angehören. Er wird von einem ehrenamtlich tätigen Vorstand geleitet, dessen erster Vorsitzender Oswald Lerach aus Anger ist. »Wir sehen uns als Helfer, Förderer und Vertreter der Betroffenen«, so Schroll, denn »auch Menschen mit Behinderung haben eine Stimme« – und diese gelte es in der Gesellschaft hörbar zu machen.

Das 1994 eröffnete Wohnhaus in Oberteisendorf bietet Platz für 31 Bewohner, die in vier Wohngruppen zusammenleben. Begonnen habe man im Sommer 1994 mit zwei Gruppen für jeweils neun Personen, so Einrichtungsleiter Erwin Lederer, zuerst seien 17 Leute eingezogen.

Auch Rosina Abfalter, Birgit Hilbig, Tine Krug, Mike Drögsler und Georg Hartl gehörten dazu. Es hat sich viel verändert seit 1994, da sind sich auch die fünf »Langzeitbewohner« einig: Es gebe viel mehr Einzelzimmer, leider gebe es weniger Frauen in der Gruppe, man sei älter und bequemer geworden.

Für Erwin Lederer sind andere Dinge wichtiger – man habe jetzt vier Wohngemeinschaften und damit einen größeren Betrieb zu managen und eine Tagesstätte für Senioren. Denn für geistig behinderte Menschen sei die Unterbringung in üblichen Seniorenheimen schwierig. Auch der Umgang mit den Menschen mit Behinderung habe sich geändert, so Lederer. »Wir wollen unsere Bewohner nicht nur versorgen, sondern aktivieren, mobilisieren und fordern«. Und Geschäftsführer Schroll ergänzt: »Wir müssen die Menschen mit Behinderung im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Entfaltung bringen, das schafft Selbstbewusstsein.«

Herzstück ist die pädagogische Arbeit

Die Freizeitgestaltung sei zwar auch sehr wichtig und die Angebote hier vielfältig, das Herzstück sei aber die pädagogische Arbeit, damit diese Menschen gemeinsam mit der ganzen Gesellschaft das Leben meistern können, so Lederer. Eine gute pädagogische Betreuung könne dazu führen, dass die Menschen zu eigenständigem Leben befähigt werden und ihr Leben außerhalb der Einrichtung, »gemeindeintegriert« fortsetzen können.

Die Entscheidung für Oberteisendorf sei 1994 eine rein pragmatische gewesen, so Schroll. Man habe hier ein passendes und erschwingliches Grundstück bekommen, wo man das neue Wohnhaus entsprechend den Bedürfnissen geistig behinderter Menschen errichten konnte. Die Kommune, damals mit Altbürgermeister Fritz Lindner an der Spitze, habe das Vorhaben uneingeschränkt unterstützt.

Seit 1997 gibt es hier auch einen Nebenbau mit sieben Kurzzeitpflegeplätzen für geistig behinderte Kinder, um die Familien zu entlasten. Circa 80 Kinder aus dem ganzen Landkreis sind in diese Pflege abwechselnd einbezogen. »Die Kurzzeitpflege aus Oberteisendorf hat einen sehr guten Ruf auch über die Landkreisgrenzen hinaus«, weiß Bezirksrat Georg Wetzelsberger zu berichten.

Bei den Mitarbeitern kommt im Blick zurück auf 25 Jahre etwas Wehmut auf. Denn viele sind von Anfang an dabei und haben die lange Zeit mitgestaltet, Christl Neudecker in der Verwaltung, Maria Schindler als Gruppenleiterin, Karin Wallner als pädagogische Fachkraft, Dieter Schroll als Geschäftsführer der Lebenshilfe Berchtesgadener Land und Erwin Lederer als Einrichtungsleiter. »Wir sind zusammen mit unseren Bewohnern älter geworden«, meint er, »aber es kommen immer wieder junge Kräfte hinzu, die erfrischend wirken und zeigen, dass es weitergeht«. Und gefordert sind sie alle, denn Tine ist überzeugt: »Es gehört was hergerichtet. Ich brauch mal eine neue Dusche«. So viel zum Selbstbewusstsein. Der Weg ist richtig. kon