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Markus Leitner widmet sich in seiner Freizeit dem zeitintensiven Hobby der Wildtier-Fotografie und freut sich schon auf die jungen Bartgeier im Nationalpark. (Foto: privat)

»Wir sind nur die Gäste im Wohnzimmer des Steinadlers« – Wildtier-Fotograf Markus Leitner im Interview

Berchtesgadener Land – Markus Leitner rückt in seiner Freizeit gerne mit Kamera und Teleobjektiv aus. Seine Ausrüstung ist kostspielig, die Bilder sind einzigartig. Stundenlang hält er in der Natur Ausschau nach Auerhahn, Bartgeier, Steinadler und Co. Die Fotos stoßen auch auf mediales Echo. Doch die Ausflüge in die Berge sind nicht nur mit Tiermotiven, sondern darüber hinaus auch mit jeder Menge Verantwortung verbunden. Ein Gespräch über die Rückkehr zur Natur.


Wie haben Sie zu Ihrem Hobby, der Wildtier-Fotografie, gefunden?

Markus Leitner: Ich bin in unserer urgewaltigen Berg-Heimat aufgewachsen und war schon immer in der Natur und habe beobachtet. Der Weg zur Fotografie war vorgezeichnet. Tiere sind oft weit weg und ohne Teleobjektiv nicht zu bestimmen. Vor allem wilde Vögel sind unglaublich schnell. Man kann nur mit der Kamera, einer hohen Bildrate oder einer kurzen Belichtungszeit das Unsichtbare sichtbar machen. Das ist unglaublich spannend. Ich geh an die Wildtier-Fotografie immer ohne eine große Erwartungshaltung ran. Es geht mir nicht darum, die schönsten Fotos zu machen, sondern das Tier in seinem natürlichen Verhalten wahrzunehmen und es als ebenbürtiges Lebewesen kennenzulernen. Es gibt Analogien zur Gefühlswelt des Menschen: Etwa dann, wenn zum Beispiel beide Steinadler mutmaßlich in höchster Freude genau dann gemeinsam ausfliegen, sobald das Küken im Horst aus dem Ei geschlüpft ist.

Was treibt Sie bei Ihren zeitintensiven Beobachtungstouren vor allem an?

Leitner: Wenn man beobachtet, versteht man auf eine beeindruckende Weise, was das Wunder des Lebens ist: Wie ein Steinadler-Küken nach rund 45 Tagen Brutzeit schlüpft, zunächst mit nur 100 Gramm so klein und hilflos im Horst sitzt. In gerade einmal zweieinhalb Monaten vervierzig- oder verfünfzigfacht es sein Körpergewicht. In unvorstellbarem Tempo ist das Tier voll ausgewachsen und so groß wie Vater oder Mutter. Es fliegt dann ohne Anleitung aus dem Horst, als ob es nie etwas anderes gemacht hätte. Ich habe beobachtet, dass Kinder leise und andächtig werden, wenn der neugierige Bartgeier wie ein Flug-Dinosaurier in wenigen Metern über sie hinweg fliegt. Leute müssen das selbst erleben, damit sie nicht über, sondern von einer Sache reden und einen Bezug herstellen können. Das ist dann die beste Naturbildung. Man spürt sich dadurch selbst wieder und überträgt diese Erfahrung vielleicht auch in den Alltag, indem man die eigene, gewohnte Lebensweise kritisch hinterfragt.

Sind das besondere Orte, an denen Sie die Tiere mit der Kamera beobachten?

Leitner: Ich gehe nirgendwo anders auf den Berg als alle anderen Bergsteiger. Ich habe gelernt, mich sehr defensiv zu verhalten und alle meine Sinne zu nutzen. Wenn man unvoreingenommen und ohne Stress unterwegs ist, passiert meist mehr, als man sich vorstellen kann. Es bringt nichts, wenn man auf der Suche nach dem besten Bild durchs Unterholz kriecht. Das Tier merkt sich, wer sich seltsam verhalten hat. Wer sich ruhig, respektvoll und normal verhält, hat die besten Chancen für eindrucksvolle Beobachtungen. Tarnung schürt Misstrauen: Ein Steinadler erkennt ein Schneehuhn auf vier Kilometer Entfernung. Der Bartgeier erinnert sich an Aas und Thermik-Wände, ist neugierig, schaut sich die Menschen genau an und fliegt nah an ihnen vorbei, was ihm bei seiner Ausrottung als vermeintlicher Kinderfresser damals zum Verhängnis wurde.

Sie hatten schon sehr viele Begegnungen mit den Bartgeierdamen Wally und Bavaria.

Leitner: Die ausgewilderte Wally ist im Spätherbst vom Knittelhorn an der Reiter Alpe 20 Kilometer nördlich zum Zwiesel und Hochstaufen geflogen. Sie saß am Zwiesel auf einer neu aufgestellten Sitzbank und flog dann am nächsten Vormittag fast eine Stunde lang an dem zwölf Kilometer breiten Gebirgszug immer genau in der Goldtropf-Wand nur über mir. Sie hat mich sehr genau angeschaut und ziemlich sicher auch von den vielen vorherigen Begegnungen wiedererkannt. Wenn ich nicht zum Geier gehe, dann fliegt der Geier eben zu mir. Hans Klein aus der Ramsau, mit dem ich immer wieder beim Fotografieren unterwegs bin, meint mittlerweile sogar, dass ich die Tiere anziehe, weil sie spüren, dass ich Vegetarier bin.

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Waldrappen sind selten zu sehen. (Fotos: Markus Leitner)

Wie verhalten Sie sich, um die Tiere nicht zu stören?

Leitner: Das Zeitfenster für die wilden Tiere wird durch unser Freizeit-Verhalten immer enger. Viele Menschen sind mit Stirnlampen mittlerweile rund um die Uhr unterwegs und versuchen, azyklisch den Massen auszuweichen. Der Erste startet um 3 Uhr, die Letzten steigen um 2 Uhr nach einer geselligen Hütten-Runde ab. Idealerweise ist man nicht zu früh und nicht zu spät unterwegs und bleibt auf dem Hauptwegenetz. Das Tier entscheidet immer über die Nähe zum Menschen, nicht der Fotograf.

In den Bergen sind aber immer mehr Menschen unterwegs.

Leitner: Es sind sehr viele Menschen in einem im Verhältnis schmalen bayerischen Alpen-Streifen unterwegs. Die unterschiedlichsten Interessen und Ansprüche treffen aufeinander: Tourismus in all seinen Facetten, Land- und Forstwirtschaft sowie Natur- und Artenschutz sollen unter einen Hut gebracht werden. Das funktioniert zwangsläufig nur mit Respekt und Kompromissen. Allen Beteiligten verlangt das viel Verantwortung ab. Egal, was wir da oben vorhaben: Wir sollten uns immer bewusst machen, dass das Gebirge zuerst einmal Lebensraum von vielen Tieren und Pflanzen ist. Wir sind nur die Gäste im Wohnzimmer von Steinadler, Birkhuhn und Gams. Positiv ist, dass die meisten Menschen bewusst Rücksicht nehmen wollen, aber häufig nicht mitbekommen, dass Wildtiere da sind. Deshalb ist es so wichtig, sich vorab mit der Biologie der Art zu beschäftigen.

Können Sie das genauer erklären?

Leitner: Wir wissen teilweise durch intensive Forschung recht viel und können Rücksicht nehmen und Wildtiere bewusst unterstützen. Es ist entscheidend, wie diese besonderen Erfahrungen unseren Bezug zu den Tieren auch nachhaltig im Alltag verändert. Indem wir beispielsweise unseren klimaschädlichen Fleischkonsum reduzieren, weniger in die weite Welt fliegen oder mit dem Auto fahren, Müll aus der Natur mitnehmen, in dem sich Tiere verheddern können oder den sie fressen. Wir sollten auch hinterfragen, ob wir so viele frei laufende Hunde ohne Leine brauchen, die Wildtiere permanent unter Stress setzen und dadurch die Bestände dezimieren.

Kommt es bei diesen vielen unterschiedlichen Interessen nicht zwangsläufig zu Konflikten?

Leitner: Wir sind nur Gäste am Berg mit zeitlich begrenzter Duldung und stören Wildtiere immer, egal, wie defensiv wir uns verhalten. Wenn man mit anderen Bergsteigern redet, dann suchen die meisten Menschen in der Natur bewusst Ruhe. Uns muss auch klar sein, dass dort oben keiner privilegiert ist. Der Berg ist kein Freizeitpark. Die Tiere nehmen unseren Stress und unsere Unruhe wahr. Sie haben bessere Sinne als wir und ein Erinnerungsvermögen an Orte und Menschen, das vielleicht jeder kennt, der im Garten Vögel füttert und merkt, wie sich Tiere an einzelne Menschen gewöhnen.

Würde es nicht reichen, Tiere im Zoo oder im Fernsehen anzusehen?

Leitner: Es geht vor allem darum, was die Natur mit uns Menschen macht und wie sie uns auch heilend verändert. Wir finden auf diese Weise zur Natur zurück. Wildtier-Fotografie bedeutet, unverfälschte, echte Erlebnisse, die man sich selbst erarbeiten muss. Es geht für mich darum, wieder den Bezug zu finden, sich selbst zurücknehmen und die hoch getaktete, pausenlose Reiz-Überflutung unserer lauten, oft künstlichen Welt auszukoppeln. Menschen, die den ganzen Tag ohne Maschinen draußen arbeiten, können häufig alle ihre Sinne noch nutzen. Das ist eine Fähigkeit, die unsere Vorfahren zum Überleben gebraucht haben. Ich will in der Natur meine eigenen Sinne schärfen und wieder richtig sehen, hören, riechen und fühlen lernen. Natur findet in ganz anderen zeitlichen und räumlichen Dimensionen statt. Es ist beeindruckend, wenn man sich bewusst macht, dass der Steinadler in dieser Form bereits sehr viel länger als der Mensch perfektioniert für seine Lebensweise entwickelt ist.

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Ein Waldkauz in den verschneiten Berchtesgadener Alpen.

Haben Sie Beobachtungen zum Klimawandel in den Höhenregionen machen können?

Leitner: In schneearmen Wintern sterben weniger Gämsen, Steinböcke, Rehe und Hirsche durch Nahrungsmangel, Lawinen und Kälte. Deshalb gibt es weniger Aas und weniger Nahrung für die großen Beutegreifer. Neben den Geiern als klassische Aasfresser ernähren sich juvenile Steinadler im Winter fast ausschließlich von Aas. Sie sind noch keine guten Jäger und haben kein Revier, das sie auswendig kennen. Durch lange Regenphasen im Sommer ohne Thermik werden weite Beute-Flüge für den Steinadler zum Horst schwer bis unmöglich, weshalb viele Jungvögel im Horst verhungern – wie zuletzt im Jahr 2020.

Wie würden Sie als Beobachter die wilde Tierwelt in den Berchtesgadener Alpen trotz des menschlichen Einflusses beschreiben?

Leitner: Viele Arten haben sich gut erholt, was auch daran liegt, dass wir viel über sie wissen und Rücksicht nehmen. Die Tiere sind trotz aller Störungen hart im Nehmen und unglaublich anpassungsfähig. Sie weichen wie der Uhu auf neue Lebensräume auch in Zivilisationsnähe aus. Viele Arten wären ohne diese Flexibilität gar nicht mehr überlebensfähig. Raufußhühner und Murmeltiere verlegen ihre Aktivitätsphase außerhalb der Thermik-Zeit, in der der Adler als großer Beutegreifer fliegt, und sind häufig direkt am Weg, am Steig, an der Kletterroute oder an der Alm zu finden. Sie nutzen bewusst die Nähe zum Menschen, um sich gegen Fressfeinde zu behaupten. Auch Almbauern, Förster, Jäger und Sportverbände leisten einen wichtigen Beitrag. Zudem gibt es Schutzmaßnahmen.

Wie sehen solche Schutzmaßnahmen aus?

Leitner: Indem zum Beispiel im Winter Aas für die großen Beutegreifer ausgelegt wird oder Freiflächen für die Raufußhühner freigeschnitten werden. Auch lokale Überflug-Verbote für Flieger aller Art während der Brutzeit ergeben aus Erfahrung Sinn, da der Schatten des Flugobjekts als Trigger bei fast allen Tieren Stress, Revier- oder Fluchtverhalten auslöst. Die beim Menschen fest in den Genen verankerte Urangst, der Himmel könnte einem auf den Kopf fallen, kennt auch der Steinadler. Dieser fliegt nicht aus Spaß mit dem Piloten, sondern er will sich in seinem Revier gegen den größeren Vogel behaupten. Nach rund 15 Minuten kühlt aber das Ei im Horst aus und stirbt ab. Die Natur regelt sich in diesem Aspekt auch selbst: 2022 gibt es sehr viele Jung-Adler aus dem Vorjahr, da in 15 beobachteten Revieren zehn erfolgreiche Bruten waren. Diese Jungadler streifen im Alpenraum umher. Sie fliegen in Fremd-Reviere, lösen dadurch häufig territorialen Stress bei den Revier-Inhabern aus, die dann gar keine Nerven mehr haben, zu brüten, oder zu häufig vom Horst auffliegen und die Brut schließlich abbrechen. Vor allem für Raufußhühner ist jede Störung im Winter lebensbedrohlich, da ihr Energie-Haushalt sehr knapp bemessen ist. Deshalb ist es so wichtig, dass Tourengeher auf ausgewiesenen Skirouten bleiben, keine Hunde frei laufen lassen und Gipfel-Bereiche und Sommerwege bevorzugen.

Zwei neue Bartgeier sollen am 9. Juni in den Nationalpark Berchtesgaden kommen und ausgewildert werden. Für einen Wildtier-Fotografen ist das doch ein Jackpot?

Leitner: Wenn alles gut geht, werden sie voraussichtlich einen guten Monat später ihre ersten Flugversuche unternehmen und die nähere Umgebung erkunden. Ich freu mich wahnsinnig drauf, wenn sie vor der gewaltigen Kulisse von Watzmann und Hochkalter fliegen und dorthin zurückkehren werden, wo der letzte Bartgeier in Bayern vor über 100 Jahren abgeschossen und ausgerottet wurde. Das Projekt ist in meinen Augen nicht nur zur Wiederansiedelung wichtig, sondern erzeugt für viele Menschen einen wichtigen Bezug. Das berührt Herzen und macht gelebten Naturschutz erst möglich.

Kilian Pfeiffer