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Wir sind alle Millionäre

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Wir sind alle Millionäre
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Die Kamal-Brüder Shahid (Danny Ashok), Ahmed (Adeel Akhtar) und Usman (Hamza Jeetooa) in «Wir sind alle Millionäre». Foto: Hal Shinnie/Kudo/Arte France Foto: dpa

Das Thema Gentrifizierung geht Menschen in vielen Länder etwas an. In der Miniserie «Wir sind alle Millionäre» zeigt Arte einen britischen Beitrag dazu. Satirisch und einfühlsam bestechen die drei Folgen an einem Abend dank fabelhaft gespielter Charaktere.


Berlin (dpa) - Gentrifizierung, die Bewohner aus ihren angestammten Behausungen vertreibt, menschliche Gleichgültigkeit, Islamophobie, Rassismus - Hammerthemen der Gegenwart. Die, wenn sich deutsche Autoren und Filmemacher ihrer annehmen, oft zu niederschmetternden Dramen geraten.

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Nicht so bei den Briten, die angesichts der Ungerechtigkeiten des Lebens mit weit mehr galligem Humor ausgestattet zu sein scheinen. So gelang dem 1962 geborenen preisgekrönten Autor John Lanchester 2012 in seinem Roman «Capital» (2012) zu eben diesen Problemen ein satirischer Krimi-Bestseller.

Lanchester verdichtet die existenziellen Aspekte in einer Geschichte, die unter Anwohnern der fiktiven Süd-Londoner Pepys Road spielt, einer ehemaligen Arbeitersiedlung. Daraus machte die BBC eine Miniserie, die unter dem Titel «Wir sind alle Millionäre» im April 2017 auf Arte lief. Am Donnerstag (16. August, 20.15 Uhr) zeigt der deutsch-französische Kultursender die einfühlsame Regiearbeit von Euros Lyn («Doctor Who») nach dem Skript Peter Bowkers noch einmal mit drei Folgen am Stück. Ihren bösen Charme machen in erster Linie die vielfältigen, fabelhaft gespielten Charaktere aus.

Die Stimmung an der Straße mit ihren Reihenhäusern aus dem 19. Jahrhundert ist kalt und trübe. Während im Hintergrund nervöse Musik flirrt, schleicht ein Unbekannter umher und fotografiert Häuser. Deren Besitzer finden anderntags im Briefkasten Zettel mit der Warnung «Wir wollen, was Ihr habt». Damit könnten nur die Immobilien gemeint sein, sagt die Witwe Petunia Howe (Gemma Jones) zum pakistanischen Kioskbesitzer Ahmed Kamal (Adeel Akhtar).

«Früher gab’s hier keine Ärzte und Banker», sinniert sie. Dann seien die Immigranten aus der Karibik und Indien gekommen. Mittlerweile gebe es Dach- und sogar Kellerausbauten auf Luxusniveau. Kein Wunder bei Hauspreisen, die nach und nach zwei Millionen Pfund überschreiten, wie animierte Registrierkassen-Bilder zwischendurch immer wieder zeigen. Millionäre sind die Verkaufsunwilligen natürlich nur auf dem Papier. Illegale Einwanderer wie die Schein-Verkehrskontrolleurin Quentina (Wunmi Mosaku) sowie die pakistanische Familie, die unter Terrorverdacht gerät, müssen sich sogar große Sorgen um ihre Lebensgrundlagen machen.

Die hat aber auch der zur neuen Nachbarschaft gehörende Investmentbanker Roger Yount (Kinostar Toby Jones, «Tribute von Panem»). Er wird im schimmernden Eigenheim mit den beiden Kindern zu Weihnachten von seiner Ehefrau Arabella (Rachael Stirling) verlassen. Hat doch sein Jahresbonus bei weitem nicht die ersehnte eine Million Pfund erreicht - wie soll man da das Schulgeld für die Kinder, das Landhaus in den Cotswolds, die Autos und den Urlaub finanzieren?

Der Strohwitwer Roger weiß sich zu trösten. Und doch gewinnt gerade er zusehends an Sympathie. Während die Polizei das unheimliche Geschehen «sehr ernst» nimmt, mehr aber auch nicht, gibt es für die Menschen an der Pepys Road immer mehr Anlass, sich bedroht zu fühlen. All das zeigt die Miniserie auf ihre Art so lebensnah, dass die Auflösung zur Nebensache gerät.

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