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Stolz präsentiert der Siegsdorfer Skispringer Markus Eisenbichler einige seiner Medaillen, die er im Laufe der vergangenen Jahre gewonnen hat. (Foto: EXPA/JFK) Foto: EXPA Pictures

»Wir müssen ruhig und geduldig bleiben«: Markus Eisenbichler verrät im Interview seine Ziele für die neue Saison

Bis zum Weltcup-Auftakt im polnischen Wisla sind es noch gut vier Monate: Doch bei den deutschen Skispringern wird bereits wieder seit Wochen fleißig trainiert, um die Grundlagen für eine erfolgreiche Saison zu legen. Auf eine solche hofft auch wieder Markus Eisenbichler, der in der abgelaufenen Saison den starken sechsten Gesamtplatz im Weltcup belegt hat. Der Siegsdorfer ist seit Jahren einer der Erfolgsgaranten im Team von Bundestrainer Stefan Horngacher. Im Interview mit unserer Sportredaktion spricht der 31 Jahre alte Bundespolizist darüber, was ihm seine erste Olympia-Medaille (Bronze mit dem Team in Peking) bedeutet und welche Ziele er sich für die neue Saison gesetzt hat.  


Hallo Herr Eisenbichler, Sie trainieren schon wieder fleißig. Wie läuft Ihre Vorbereitung?

Ganz gut! Wir sind wirklich gerade hart am Arbeiten. Aber es macht viel Spaß und ich merke, dass auch etwas vorwärtsgeht. Das spiegelt sich dann hoffentlich auch im Winter an der Schanze wider.

Sie haben nach der Saison auch fast keine Pause gemacht. Würden Sie sich als »Sportaholic« bezeichnen?

Ein bisschen schon (lacht). Aber natürlich merke ich jetzt schon auch, dass ich meinen Urlaub brauche, der ist notwendig. Im August ist es aber soweit. Ich freue mich darauf, wenn ich mal zehn Tage Pause habe. Dann kann ich auch mal etwas anderes machen.

Wie schaut Ihr Trainingsalltag aktuell aus?

Der Rhythmus ist immer so, dass wir eine Woche auf Lehrgang und eine Woche daheim sind, dann trainiere ich in Bad Endorf. Das ist natürlich sehr intensiv.

Aber es gibt ja auch den Spruch: Gute Wintersportler werden im Sommer gemacht...

Ja, leider (lacht). Manchmal würde ich mir wünschen, dass man fast nichts trainieren muss und ich andere Dinge machen kann – Radfahren zum Beispiel.

Auf was liegt momentan der Fokus im Training?

Wir sind sehr viel im Kraftraum, um die Technik einzuschleifen und um Kraft aufzubauen. Dazu hat man im Winter keine Zeit mehr.

Sie sind mittlerweile ein Athlet, der auf richtig viel Erfahrung bauen kann. Hilft das auch im Training oder müssen Sie sich immer alles wieder hart erkämpfen?

Ein wenig Grundlagenausdauer hat man ja immer. Aber beim Krafttraining ist es schon so, dass man wieder von Null anfängt. Dieses Jahr haben wir das Training auch etwas umgestellt. Wir haben andere Übungen eingebaut, um neue Reize zu setzen. Damit hoffen wir, dass wir nochmals ein paar Prozent im Kraftbereich besser werden können!

Aber an der Schanze setzen Sie auf Ihre Routine?

Ja, da hat man eine gewisse Routine! Aber ich merke auch, je älter ich werde, umso mehr überlege ich, wenn ich im Sommer wieder zum Springen anfange. Man ist nicht mehr so unbekümmert wie in jungen Jahren.

Wie ist die Stimmung im deutschen Team?

Gut! Wir haben mit Michal Dolezal ja auch einen neuen Trainer dazubekommen. Er war vorher Cheftrainer bei den Polen und ist jetzt Co-Trainer bei uns. Das ist ein sehr guter Zuwachs. Michal ist ein sehr angenehmer Mensch und er bringt auch einen frischen Wind rein. Ich bin immer ganz zufrieden, wenn ich auf einem Lehrgang bin. Das ist fast so ein bisschen wie Urlaub, weil alles sehr entspannt ist.

Ist die Sprachbarriere kein Hindernis?

Nein, er kann sehr gut Deutsch. Das einzige Problem, das wir haben: Er versteht meinen Dialekt nicht so ganz, aber wir kommen am Ende immer zusammen!

Rücken denn Nachwuchskräfte im deutschen Team nach?

Sehr langsam. Es schaut jetzt zwar nicht ganz schlecht aus, aber halt auch nicht ganz rosig. Man versucht, den Nachwuchs gerade aufzubauen und an uns und an die Weltspitze heranzuführen. Aber da haben wir schon noch ein paar Jahre Arbeit vor uns. Man kann nur hoffen, dass die Athleten, die jetzt in der A-Mannschaft sind, noch ein paar Jahre weitermachen.

In der Region kocht auch immer wieder das Thema Schanzen hoch. Man hat so das Gefühl, dass da nicht richtig etwas vorwärtsgeht. Wie ist Ihr Eindruck?

Ich finde es jetzt schonmal gut, dass in Berchtesgaden etwas passiert! Dort ist ja auch das Internat, es ist sehr wichtig, dass dort jetzt etwas geschieht. Ruhpolding wäre aber schon auch eine wichtige Stütze, aber da passiert einfach nichts. Zurzeit ist es aber generell ziemlich schlecht um die Schanzenanlagen in Deutschland bestellt. Aktuell gehen auch Oberstdorf, Hinterzarten und Garmisch nicht. Das ist schon alles sehr traurig. Wir können und müssen auf die ausländischen Schanzen ausweichen, aber für unsere Jugend ist das halt alles eher schwierig und auch schlecht.

Kann man als aktiver und erfolgreicher Springer, wie Sie es seit Jahren sind, da irgendetwas bewirken?

Man kann seine Meinung äußern. Ich habe aber das Gefühl, dass man da meist auf taube Ohren stößt. Es wird zwar immer gesagt: Ja, da müssen wir was machen. Aber es passiert halt nichts.

Blicken wir bitte noch kurz auf die vergangene Saison zurück. Wie beurteilen Sie den Winter 2021/2022?

Die Saison war die zweitbeste Saison meiner Karriere. Sie war also sehr gut!

Mit sechs WM-Goldmedaillen sind Sie aktuell auch der erfolgreichste deutsche Skispringer der WM-Geschichte. Ärgert Sie es manchmal, dass diese tollen Erfolge in der Öffentlichkeit gar nicht so wahrgenommen werden?

Nein. Ich mache das nämlich alles für mich! Wie das die Öffentlichkeit sieht, ist mir nicht so wichtig. Mir ist wichtig, dass meine Familie und meine Freunde stolz auf mich sind. Ich will vor allem auch der sein, der ich immer gewesen bin!

Sie haben bei den Olympischen Winterspielen in Peking mit dem Team auch Bronze geholt. Welchen Stellenwert räumen Sie persönlich Ihrer ersten olympischen Medaille ein?

Ach, der ist gar nicht so hoch. Ich bin aber schon stolz, dass wir eine Medaille gemacht haben. Es war ein schönes Erlebnis, aber andere Sachen sind mir wichtiger.

Das haben Sie ja auch unmittelbar nach dem Medaillengewinn in Peking unterstrichen, als Sie Ihrem Bruder zur Geburt seines Sohnes gratuliert haben.

Stimmt. Es ist mir mehr Wert, dass es meinem kleinen Neffen gut geht. Ich habe ihm das Stofftier mitgebracht, das wir bei der Siegerehrung in Peking bekommen haben.

Freuen Sie sich schon auf die neue Saison?

Nein, das ist noch ziemlich weit weg alles. Ich konzentriere mich jetzt erst einmal darauf, was ich den Sommer über zu tun habe. Erst ab September oder Oktober wird es ernster, ab dann mache ich mir sicherlich mehr Gedanken darüber.

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Bei den Olympischen Winterspielen in Peking hat der Siegdorfer Skispringer Markus Eisenbichler seiner umfangreichen Medaillen-Sammlung eine weitere hinzugefügt: Er holte mit der deutschen Mannschaft Bronze im Teamwettbewerb. Foto: dpa

Welche Ziele haben Sie?

Die Vierschanzentournee und der Gesamtweltcup stehen immer noch aus und danach strebe ich auch noch.

Was von den beiden Wettbewerben würden Sie mittlerweile lieber gewinnen?

Ich glaube die Vierschanzentournee, weil wir die schon so lange nicht mehr gewonnen haben!

Sven Hannawald holte 2002 letztmals den Tourneesieg. Nervt es Sie manchmal nicht, wenn dauernd die Frage kommt, wann es denn endlich wieder so weit sein wird?

Nein, da muss man durch und das stresst mich auch nicht. Irgendwer von uns wird die Tournee die nächsten Jahre gewinnen. Wir müssen einfach ruhig und geduldig bleiben.

Ein Höhepunkt wird die WM in Planica sein. Sie haben dort mit 248 Metern am 5. März 2017 den deutschen Rekord im Skifliegen aufgestellt. Ein gutes Omen?

Die WM ist sicherlich zusammen mit der Vierschanzentournee das Highlight der Saison. Ich hoffe natürlich, dass das für mich ein gutes Omen ist. Die Schanze liegt mir, ich mag sie sehr gerne!

Ihre Saison beginnt in diesem Jahr mit einem Frühstart – Schuld daran ist die Fußball-WM. Haben Sie dafür Verständnis?

Das nervt mich ein bisschen, aber ich habe mich damit auch schon abgefunden. Wenn die Fußballer unbedingt meinen, sie müssen im Winter in Katar spielen, dann sollen sie es machen. Da sind wir dann anscheinend etwas zu klein, um dagegen etwas zu machen. Aber ich schaue auf mich und darauf, dass ich gut Skispringen werde.

Das erste Springen in Wisla wird deshalb auf Matten durchgeführt werden. Ein Nachteil?

Das ist sicherlich nicht optimal, aber schon in Ordnung. Wir sind aber nun mal eine Wintersportart. Das Springen sollte deshalb auch dann stattfinden, wenn Schnee liegt. Aber es ist so entschieden worden und da werden wir auch nicht gefragt. Das finde ich ab und zu ein bisschen schade, dass wir Sportler nicht eingebunden werden in solche Entscheidungen. Aber das ist so, wie es ist. Da ist halt auch Politik dabei. Da könnte ich mich jetzt auch stundenlang darüber aufregen, aber ich mache das nicht, weil das kostet mich zu viel Energie.

Wegen der Fußball-WM gibt es dann bei Euch eben auch eine Weltcup-Pause. Wie werden Sie diese überbrücken? Gibt es da schon Pläne?

Wir werden auf Lehrgänge fahren und uns fit halten. Die Trainer machen das schon alles so, dass es dann passt. Da vertraue ich drauf.

Nochmals zurück zu den Fußballern. Gerade in unserer Region haben wir reihenweise erfolgreiche Wintersportler, aber ein Fußballer genießt in der Öffentlichkeit eine ganz andere Aufmerksamkeit. Ärgert Sie das manchmal nicht?

Nein, denn dafür kann ich noch normal einkaufen gehen. Ich kann viele Sachen entspannter machen und es blickt eben nicht die ganze Welt drauf, was ich sage oder was ich mache.

Hoffen sie bezüglich der Corona-Pandemie auf eine weitgehend normale Saison?

Ich hoffe, dass das kein Thema mehr sein wird. Aber das werden die Politiker klären, wie die Regeln sind. Aber ich mache mir darüber keine großen Gedanken. Ich hoffe, dass man weiterhin viel machen kann. Das tut den Menschen gut, dass sie wieder raus können.

Aktuell gibt es noch ein anderes Thema, das die Menschen sehr beschäftigt: der Krieg in der Ukraine. Auch im Wintersport gilt aktuell ein Ausschluss der Sportler aus Russland und Belarus. Im Herbst will man darüber neu entscheiden. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich finde es richtig, dass die russischen Sportler ausgeschlossen sind. Hierbei geht es ja nicht um die Sportler selbst, sondern es handelt sich um eine politische Entscheidung, die ich richtig finde. Ich hoffe aber sehr, dass sich die Lage bald beruhigt.

Bei Ihrer jüngsten Ehrung in der Sportschule Bad Endorf haben Sie angedeutet, dass Sie die Olympischen Winterspiele 2026 in Cortina d'Ampezzo noch reizen würden...

Ja, das ist richtig! Wenn es in den Plan reinpasst, dann mache ich die noch. Aber ich schaue jetzt von Jahr zu Jahr. Wenn ich davor etwas anderes entscheide, dann ist es so. Aber das wäre schon noch ein Ziel von mir.

Es ist aber ein langer Weg bis dorthin, da kann noch viel passieren...

Ja, schon! Aber vier Jahre sind auch gleich mal vorbei. Das habe ich das letzte Mal auch gemerkt. Und Olympische Spiele – quasi vor der Haustüre – das wäre schon nochmals etwas Besonderes.

Stephanie Brenninger