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»Wir kommen wieder«: Geschocktes Boston will Bombenterror trotzen

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Verlassenes Café in Boston
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Spuren der Todesangst: Die Gäste dieses Bostoner Cafés waren nach den Explosionen voller Panik geflüchtet. Foto: Matthew Cavanaugh Foto: dpa

Boston (dpa) - Auf dem braunen Metalltisch steht ein halbvolles Glas Weiswein, daneben liegt ein angebissenes Butterbrot und eine Rechnung. Unbezahlt.


In Panik müssen die Menschen an den Tischen vor dem Restaurant »Stephanie's On Newbury« losgerannt sein, als nur rund 100 Meter entfernt auf der Boylston Street in Bostons Innenstadt zwei Bomben kurz nacheinander explodierten. Auch am Tag nach den Anschlägen hat noch niemand Zeit und Muße gefunden, hier aufzuräumen. »Wie gruselig«, sagt eine Frau, die ein Geschäft in der Nähe betreibt und knipst mit ihrem Handy ein Foto. »Mein Laden bleibt heute geschlossen, soviel ist sicher.«

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Die altehrwürdige US-Ostküstenmetropole Boston steht nach dem Doppel-Bombenanschlag während des beliebten Marathons mit mindestens drei Toten und mehr als 170 Verletzten unter Schock. »Die Stimmung ist extrem gedrückt und die Leute sind extrem verunsichert«, sagt der eigens für das Sportereignis angereiste Matthias Spindler aus Herfurt bei Bielefeld, der mit seinem Reisekoffer an einer Absperrung steht. Der 46-jährige Arzt ist zum ersten Mal den Boston-Marathon gelaufen und überquerte die Zielgerade rund zehn Minuten vor den Detonationen.

Dass ein Ereignis ganz im Zeichen von Fairness und Fröhlichkeit angegriffen wurde, dass Menschen getötet wurden und viele, vor allem Zuschauer, durch die Explosionen Beine und Arme verloren - das mag in Boston noch immer niemand so wirklich wahrhaben. »Das waren einfach Unschuldige, die am Rand standen, um die Marathonläufer anzufeuern«, sagt die Texanerin Debbie Clark. Die 60-jährige Läuferin war bereits rund eine halbe Stunde vor den Explosionen im Ziel angekommen. »Es ist eine wirkliche Tragödie. Ich weiß nicht, warum jemand so etwas macht.«

Am Mittwoch meldete der Sender CNN zunächst die Festnahme eines ersten Verdächtigen. Wenig später dementierte die Bostoner Polizei: Es habe entgegen diesen Berichten noch keine Festnahme gegeben.

Die Zielgerade der Strecke bleibt am Mittwoch weiträumig abgesperrt. Aus der Ferne sind zertretene Pappbecher, verwaiste Versorgungsstände mit Kisten voller Wasserflaschen und Bananen und vom Wind umherwehender Müll zu erkennen. Auch die Straßenreinigung durfte noch nicht auf diesen Teil der Strecke - schließlich könnte jedes Stück Müll auch ein Beweisstück sein. Polizisten mit Helmen, Westen und Maschinenpistolen patrouillieren in den Straßen und kontrollieren jeden U-Bahn-Eingang. Die Stimmung ist angespannt, immer wieder ertönen Sirenen und knattern Hubschrauber in der Luft.

Das erinnert viele an die Zeit nach dem 11. September in New York - und weckt Befürchtungen. »Ich hoffe, dass sie es mit den Sicherheitsmaßnahmen jetzt nicht völlig übertreiben«, sagt Richard Thieme, ein Autor aus dem US-Bundesstaat Wisconsin, der an den Absperrgittern steht. Der Texaner Jacob Tonge, der in diesem Jahr bereits zum fünften Mal am Boston-Marathon teilgenommen hat und nur wenige Meter entfernt die Anschlagstelle beobachtet, ist pessimistischer: »Das wird Großereignisse für immer verändern.«

Polizeiwagen mit blau blinkenden Warnlichtern und gepanzerte Einsatzwagen blockieren die Straßen. Journalisten aus aller Welt haben die Zielgerade mit ihren Übertragungswagen umparkt. Viele Menschen haben Blumen und US-Flaggen an den Gittern niedergelegt. Ein kleines Mädchen weint bitterlich, als es an der Hand seines Vaters an den Absperrungen vorbeiläuft. »Papa, ich hab dir doch gesagt, ich will nicht zu diesem Ort hier gehen.«

Zwei Jogger laufen vorbei, sie tragen - wie so viele seit dem Anschlag - extra ihre offizielle blau-gelbe Marathon-Kleidung und die gewonnenen Medaillen um den Hals. Schon Stunden nach dem Attentat gingen die ersten Menschen in Boston wieder joggen, »stark und unverwüstlich« eben, wie US-Präsident Barack Obama die Stadt genannt hatte. »Ich lasse nicht zu, dass Terroristen mich davon abhalten, zu tun, was ich liebe«, sagt die für den Marathon aus Seattle angereiste Sheryl Perales. An Hauswänden, Mülleimern, Briefkästen und Gittern haben Menschen Schilder aufgehängt: »Bleib stark, Boston«, »Lauf weiter, Boston«.

Viele Hotels melden bereits die ersten Buchungsanfragen für den Boston-Marathon 2014. »Ich werde sicherstellen, dass ich nächstes Jahr hier bin«, sagt Christopher Glaser aus Woburn nahe Boston. Auch der Schweizer Didier Devaud, der in einer Gruppe aus neun Läufern beim Marathon angetreten ist, will 2014 erneut hier laufen. »Wir werden wiederkommen - und wir werden es für die Menschen tun, die bei der Veranstaltung gestorben sind oder verletzt wurden.«

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