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Wiedergeboren in Blech

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Bei German Brass kann man durchaus von einem Weltklasseorchester sprechen. Der Beifall des begeisterten Publikums im Traunreuter k1 war euphorisch. (Foto: Heel)

Ob das Publikum vom Original wirklich nichts mehr wissen möchte, nachdem es die »Blech«-Version der German Brass gehört hat, wie der Hornist und reimende Moderator Klaus Wallendorf zwischendurch mutmaßte, sei mal dahingestellt. Tatsache ist jedenfalls, dass die zehn Blechbläser und ihr Begleitschlagzeuger bei ihrem Auftritt im sehr gut besuchten Saal des Traunreuter k1 vom Publikum geradezu frenetisch gefeiert wurden, und das völlig zu Recht, wobei die Ansagen von Wallendorf das Sahnehäubchen auf dem Blechmenü bildeten.


Denn so ein Konzert erlebt man nicht alle Tage, dargeboten von einem Weltklasse-Orchester, das seit 1985 besteht und dessen Mitglieder allesamt Solobläser in führenden deutschen Orchestern sind und meist auch Professoren an Musikhochschulen. Nur folgerichtig also, dass fast jeder zwei oder drei Instrumente verschiedener Tonart und Bauweise vor sich stehen hatte.

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Ein Erfolg, der zum guten Teil auf das Konto der maßgeschneiderten Arrangements geht, wie sich gleich eingangs zeigte, als die Formation mit ihrer Version von Johann Sebastian Bachs berühmtestem Orgelwerk »Toccata und Fuge in d-Moll (BWV 565)« eindrucksvoll bewies, dass es keine Orgel braucht, um diesem Werk gerecht zu werden.

Von Bach aus dirigierte Wallendorf das Publikum dann anhand aberwitziger Bahndurchsagen auf Sächsisch zum »Polka-Express« eines Johann Strauß Sohn, bevor er erklärte, dass man Leonard Bernsteins »West Side Story« wegen Abnutzungserscheinungen eigentlich aus dem Programm hatte nehmen wollen. Da Bernstein 2018 aber 100 Jahre alt geworden wäre, ertönten mit »Somewhere« und »America« zwei seiner bekanntesten Stücke. Mit George Gershwins ungemein facettenreich gespielter »Rhapsodie in Blue« ging es dann in die Pause.

Der zweite Teil startete mit einem Gershwin-Medley, gefolgt von Ennio Morricones Stück »Gabriel’s Oboe« aus dem Film »Mission« (1986), virtuos angeführt vom Ensembleleiter und Arrangeur Matthias Höfs an der Piccolo-Trompete. Vom südamerikanischen Urwald ging es mit Chick Coreas »Spain« zurück nach Spanien, wo laut Wallendorf im Kampf zwischen Stier und Torero »die Hörner eine herausragende Stellung einnehmen«. Nach Frank Sinatras »Fly Me to the Moon« und einer weinselig säuselnden Ansage zu einem Medley unter dem Motto »Vive la France« referierte Wallendorf dann in sehr eigenwilligem »Denglisch« über die Entstehung des Jazz, bei der »Treewool-Collectors« eine entscheidende Rolle gespielt hätten.

Mit einem fulminanten Solo des Schlagzeugers Herbert Wachter und einer ebenso überragenden Gesangseinlage des Posaunisten Alexander Erbrich-Crawford, der mit seiner Interpretation des Songs »And When I Die« (Blood, Sweat & Tears) das Original wirklich vergessen ließ, neigte sich das Konzert dem Ende zu. Bei den Zugaben stach die »Tokioter U-Bahn-Polka« heraus, bei der Wallendorf im Schnelldurchgang die Namen von 19 U-Bahn-Stationen in Tokio aneinanderreihte, bevor er sich mit den Worten »Sie waren ein beneidenswertes Publikum« von eben diesem verabschiedete. Die berauschten Zuschauer sahen dies genauso. Wolfgang Schweiger