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Wie der Menschheitstraum wahr werden kann

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Die Hirtenkinder beim »Salzburger Hirten-Advent« begeisterten mit ihrem gekonnten Spiel. (Foto: Mergenthal)

Muss die Sehnsucht der Menschen nach Erlösung, Frieden, Liebe und gegenseitiger Unterstützung, nach immer neuer Geburt des Gottessohnes in unserer Welt, ein Traum bleiben? Dieser Frage geht feinsinnig, in einer märchenhaft-poetischen Inszenierung, das diesjährige Stück des Salzburger Hirten-Advents »Sonst bliebe es ein Traum« nach. Nach dem ausverkauften und vom Publikum begeistert aufgenommenen Premieren-Wochenende wird es in der Aula der Universität noch am Samstag, um 15 und 18 Uhr sowie am Sonntag um 11 und 15 Uhr gezeigt.


Das Ensemble um den künstlerischen Leiter Josef Radauer, eine Mischung von Profis und erfahrenen Laien, begnügt sich nicht damit, eindreiviertel Stunden stimmungsvolle adventliche Klänge, Szenen und Bilder zu zaubern. Sondern es holt das Weihnachtsgeschehen mit spürbarer persönlicher Anteilnahme aller Mitwirkenden in die Gegenwart, in der wie damals in Bethlehem Menschen nach einem sicheren Dach über dem Kopf, nach Asyl, suchen. Das im Wende-Jahr 1989 von Tobias Reiser geschriebene, vorweihnachtliche Oratorium hat seit damals nichts an Aktualität verloren.

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Der Maler Martin Gredler hat dazu ein großartiges, traumähnliches Bühnenbild geschaffen, auf der Basis von Pastellkreide-Zeichnungen, die immer wieder verwischt und verändert werden – wobei Zehntausende Fotos jedes Stadium festhalten – und die aneinandergereiht eine Art von bewegter Malerei erzeugen. Das Ergebnis wird an die große weiße Wand und die schlichten Bühnenelemente von Prof. Siegwurf Turek projiziert.

Das eindringliche Flehen der im Dunkel gefangenen Menschheit im Prolog wird aufgefangen von einem schlichten Bauernmenuett des vielseitigen Radauer-Ensembles, das neben den Dramatik erzeugenden Pongauer Bläsern und Organist Andreas Gassner durch die Handlung führt. Die Rahmengeschichte: Die »Träumerin« – bei der Premiere dargestellt von Valentina Pföß, die sich bei den Aufführungen mit der ebenso souveränen Marlena Horngacher abwechselt – trifft mit ihrer Großmutter (Walburg Roth) auf dem Heimweg einen Bettler, der beiden Angst macht. Zurück in der warmen Stube singt ein gemütvoller Geigenjodler das Mädchen in den Schlaf, und sie träumt sich von der Gute-Nacht-Erzählung ihrer Großmutter in die biblische Geschichte hinein.

Die Szene »Mariä Verkündigung« war mit dichten, modernen Klängen und kühnen Harmonien aus der Feder von Andreas Gassner (auch Projektchor-Leiter) gestaltet. Die Maria-Rufe des Engels (Heidi Baumgartner) gingen durch und durch. Selten gehörte, alte Lieder wie »Marientraum« aus dem Jahr 1602, bekannte Volkslieder wie »Als Maria übers Gebirge ging« von Anette Thoma, Lieder von Tobias Reiser und Neukompositionen wurden vom Projektchor, dem Salzburger Dreigesang und den Ruperti-Sängern zu Herzen gehend dargeboten. Eindrucksvoll war das neu vertonte »Josef, Sohn Davids«, das durch die Verteilung der Sänger die Raumwirkung ausnutzte.

Eindringliche Fanfaren der Pongauer und das Tobias-Reiser-Lied »S’Gebot is ausganga« leiteten zur Szenerie eines stilechten orientalischen Kaffeehauses samt Wasserpfeife über, aufgebaut von den Hirtenkindern, die diesmal Turbane trugen. Die Träumerin und ihre biblische Begleiterin Hannah (leidenschaftlich und authentisch: Walburg Roth) appellierten vergebens an das Herz des Wirts (Alfred Kröll). Dessen Abfuhr für Maria und Josef (Leni Schwaighofer und Ernst Meixner) – »Kein Geld im Sack, aber a Kind in de Welt setzen!« – erinnerte an Stammtischgerede über angebliche Sozialschmarotzer.

Erfrischend, lebendig und höchst professionell war das Spiel der Hirtenkinder, die zwischen staaden und lustigen Weisen mit klarer Aussprache und viel Freude und Emotion so manche Botschaft in den Raum riefen, wie: »Den Hunger nach Gerechtigkeit und Erlösung kann nur der Herrgott aloa stillen!«

Ob auf den unterschiedlichsten Instrumenten oder gesanglich, diese alters- und größenmäßig bunt gemischte Hirtenschar war eine Wucht. Am Ende fanden die »Träumerin« und ihre Großmutter gemeinsam einen Weg, wie sie durch einen Akt der Barmherzigkeit den großen Menschheitstraum wahr werden lassen können.

Eine verkürzte Version des Stücks für Kinder gibt es am 14. Dezember um 16 Uhr. Restkarten gibt es im Internet unter www.hirtenadvent.at. Veronika Mergenthal